Warum Paris und New York schrumpfen

Wenn in den vergangenen Jahren von schrumpfenden St├Ądten die Rede war, dann ging es oft um Orte, die von massiver Deindustrialisierung betroffen waren.

Um Detroit, zum Beispiel, eine Stadt, die seit den 1950er-Jahren mit dem Niedergang der ├Ârtlichen Automobilindustrie dramatisch an Einwohnern verloren hat. Die Harvard Business Review schrieb 2013: ┬╗Detroit is now by most measures the poorest big city in the country.┬ź Einst kamen die Leute in die Stadt, weil es dort Jobs gab. Nun gab es keine Jobs mehr, und sie zogen weg. Oder blieben, wenn ihnen das Geld fehlte, wegzuziehen. (Hier geht es zum Artikel.)

Oder um fr├╝here Industriezentren in Ostdeutschland, etwa Eisenh├╝ttenstadt, das in der jungen DDR als Planstadt aus dem Boden gestampft worden war und mit dem Anschluss an die Marktwirtschaft im selbigen nahezu wieder verschwunden ist:

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Bev├Âlkerungsentwicklung Eisenh├╝ttenstadt, via Wikipedia

OK, ich ├╝bertreibe. Aber eine Halbierung der Bev├Âlkerung ├╝ber wenige Jahrzehnte, mit allen Konsequenzen f├╝r kommunale Infrastruktur (Schulen, ├Âffentlicher Nahverkehr), Kulturleben, Einzelhandel┬á ÔÇô das ist krass.

Nat├╝rlich zeichnete sich ab, dass die Bev├Âlkerungsentwicklung in Westeuropa und den USA insgesamt abnehmen w├╝rde, fr├╝her oder sp├Ąter also auch andere St├Ądte betroffen w├Ąren (siehe dazu das von der Kulturstiftung des Bundes finanzierte Projekt Shrinking Cities).

Aber dem stand relativ lange die breit rezipierte Theorie der ┬╗Kreativen Klasse┬ź entgegen. Ihr Erfinder, der ├ľkonom Richard Florida, argumentierte sinngem├Ą├č, dass St├Ądte, solange sie nur attraktiv und hip genug seien, schon genug neue, kreative Bewohner anziehen w├╝rden. Und das mit den Jobs w├╝rde sich dann schon regeln.

Empirisch hat sich die These nicht best├Ątigt (siehe dazu zum Beispiel diesen Text von Joel Kotkin). Und tats├Ąchlich schrumpfen gerade zwei der attraktivsten, hippsten St├Ądte der Welt: Paris und New York.

Die Financial Times berichtet:

The number of people living in the Paris departement, or administrative area, dropped by an average of 11,900 people a year between 2011 and 2016, the most recent figures available, according to the national statistics agency. […] It is a sharp contrast with the urban renaissance that has taken place in many of the worldÔÇÖs major cities over the past 20 years, but Paris is not alone. New York City shed a net 39,500 people in 2018 and 37,700 the year before, reversing the previous upward trend.

New York is not quite Eisenh├╝ttenstadt, aber die Entwicklung ist bemerkenswert, gerade f├╝r die auch in Deutschland laufende Debatte um Lebenshaltungskosten und Mietendeckel. Denn der Grund f├╝r diese Entwicklung liegt offenbar in den explodierenden Miet- und Kaufpreisen, die Familien aus den St├Ądten dr├Ąngen, so dass Wohnungen vermehrt von wohlhabenden Singles bewohnt werden … oder von Airbnb-G├Ąsten.

Hier geht es zum gesamten Text (den ich auf der Facebookseite von Danilo Scholz entdeckt habe).

P.S.: Der Text in der Financial Times beginnt mit einer jungen Pariserin, die ├Âffentlich erkl├Ąrte, warum sie mit der Stadt Schluss macht ÔÇô und damit einen Nerv getroffen hat. Den passenden Song f├╝r New York gibt es nat├╝rlich auch schon l├Ąngst, von dem wunderbaren James Murphy a.k.a. LCD Soundsystem:

Besser als ausgedacht (2): Paris, Mai ’68 von Anne Wiazemsky

Heute vor 50 Jahren in Paris: Barrikaden. Generalstreik. Ehekrise. Paris, Mai ÔÇś68 hei├čen die Memoiren der franz├Âsischen Schauspielerin Anne Wiazemsky, die jetzt in deutscher ├ťbersetzung im Wagenbach-Verlag erschienen sind.

Die Erz├Ąhlung beginnt da, wo andere aufh├Âren w├╝rden: Anne und der ├Ąltere Regisseur Jean-Luc (Godard) sind frisch verheiratet. Sie haben sich eine Wohnung im Quartier Latin gekauft. Ihre Schauspielkarriere nimmt Fahrt auf. Es ist Fr├╝hling, noch dazu „ein pr├Ąchtiger, so strahlend und warm, wie ich noch keinen erlebt hatte“. Abblende, Happy End, Abspann.

Nicht ganz. Denn dann ger├Ąt Anne eines Abends auf dem Nachhauseweg in eine Stra├čenschlacht zwischen Studenten und Polizisten: Die Ereignisse des Mai 1968 platzen in ihr Leben.

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