Wetternostalgie

1942:

1975:

tbc.

Advertisements

Was für alle ist, muss scheiße sein: Nachhilfe in Konsumkritik mit Jamie Hince (The Kills)

The aesthetics of beauty can be found more easily in old things. […] For me there’s often a craft and care in the construction and design of old things. People had an idea of beauty that was simply different than now. These days things aren’t built to last – they’re built for mass consumption. It’s all been cheapened in order to sell to as many people as possible.

Nein, das ist nicht aus dem Vorwort des Manufactum-Katalogs, sondern aus einem neuen Interview, das der Journalist A.J. Samuels mit Alison Mosshart und Jamie Hince a.k.a. The Kills führte.

Bemerkenswert finde ich, wie Jamie Hinces Konsumkritik neben den schamlos nostalgischen hier auch fast schon anti-demokratische Züge trägt:

[I]t goes hand in hand with »professionalizing« the hobby artist. Who would have thought it, but companies have managed to convince everybody that you too can be a photographer or a filmmaker or a producer or a musician, because professional equipment is affordable […] old amps weren’t built for everybody to use or afford, and to me, it’s a really simple explanation for why they’re better.

Nun könnte man einwenden, dass Jamie Hince als Gitarrist einer rohen, rauen und kommerziell erfolgreichen Garagenband selbst der professionalisierte Amateur ist, den er so kritisiert. Andererseits: Hey, warum sollten Rockbandgitarristen nicht schlecht gelaunte Snobs sein? Das war ja auch schon früher so.

Das Interview mit The Kills ist erschienen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Electronic Beats (Nr. 31, Fall 2012), die freundlicherweise Jamie Hince auch gleich Lügen straft – immerhin gibt es das Heft kostenlos für die Massen, obwohl es von einer inhaltlichen craft and care und einer formalen idea of beauty geprägt ist, die in diesen Breitengraden für Musikmagazine unüblich sind.

Über die Sehnsucht nach den »good sixties« – und über Ted Herold & Lill Babs Song »Wir jungen Leute« (1962)

Video: Ted Herold & Lill Babs – Wir jungen Leute

»Wir jungen Leute« von Ted Herold und Lill Babs wurde im Jahr 1962 veröffentlicht – und wirkt fünfzig Jahre später, als ich es zufällig bei YouTube entdecke, wie ein Artefakt aus einer vergangenen Zivilisation.

Der Song beschwört den internationalen Hedonismus: Spritztouren nach Verona, Abstecher nach Portugal. Die in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgewachsenen deutschen Jugendlichen stehen laut dem Songtext auf die Musik der früheren Feinde – »heiße Musik« aus Amerika, Chansons aus Frankreich – und haben Idole, die den Nazivätern kaum gefallen dürften. Den schwarzen Louis Armstrong etwa. Und die mondäne Jackie Onassis. »Die Jugend ist international«, heißt es im Song. Und in einer Geste, die Länder- und Kulturgrenzen lässig beiseite wischt: »Wir haben alle die gleichen Träume.«

Wenn man »Wir jungen Leute« heute, im Eurokrisenjahr 2012, covern würde, müsste man wohl eher singen: »Wir haben alle die gleichen Sorgen« – und selbst das wäre gelogen, denn obwohl die Krise langsam auch in Deutschland ankommt, ist sie hier im Alltag doch immer noch viel weniger spürbar als etwa in Spanien oder Griechenland (und wohl auch Portugal oder Italien, um im Bild des Songtexts zu bleiben). Heute müsste man eine inhaltlich aktualisierte Version von »Wir jungen Leute« vielleicht aus der Sicht eines Spaniers singen, der vor der Arbeitslosigkeit nach Deutschland flüchtet, nachmittags Sprachkurse im Goethe-Institut besucht und nachts in der internationalen Schlange vor dem Berghain steht. Arbeitsmigration meets Easy-Jetset, soviel Hedonismus darf sein.

Umso mehr interessiert mich, wie »Wir jungen Leute« im Jahr 1962 gewirkt hat. War das ein realitätsverleugnender Schlager? Oder ein sanfter – und kommerziell gebändigter – Ausdruck einer Sehnsucht nach Hedonismus und Internationalismus, die sich einige Jahre später in Gegenkultur und Studentenbewegung Bahn brechen sollte?

WeiterlesenÜber die Sehnsucht nach den »good sixties« – und über Ted Herold & Lill Babs Song »Wir jungen Leute« (1962)“

Gegen die Nostalgie (und im Zweifel: für die Political Correctness)

Abb.: Vorbildlich politisch unkorrekt, aber leider ein Neandertaler: Banksys »Caveman«, fotografiert von Stefan Kloo/Lord Jim (CC).

Über den »Terror der Tugend« schrieb Harald Martenstein neulich ein ganzes ZEIT-Dossier, gestern legte die Süddeutsche nach und veröffentlichte auf Seite 3 einen Artikel über die singapureanischen Zuständen auf deutschen Spielplätzen (leider nicht online, doch der Tenor war: »Kaugummis, Alkohol, Hunde – alles verboten, schlimm!«).

Das finde ich bemerkenswert: Prominente (und zumindest im Fall von Martenstein auch beneidenswert gute) Autoren warnen auf den besten Seiten der großen deutschen Qualitätszeitungen vor der verordneten Rücksichtnahme und der Political Correctness, die in Deutschland angeblich um sich greift. Der Suhrkamp Verlag macht mit und veröffentlicht mit »In Anführungszeichen« eine anti-PC-Streitschrift der Wiener Intellektuellen Matthias Dusini und Thomas Edlinger (die ich hier für Spiegel Online besprochen habe).

Aber – ist es wirklich so schlimm?

Auf Spielplätzen treibe ich mich seit einigen Jahren nicht mehr so viel rum, deshalb kann ich den Artikel aus der Süddeutschen nicht kommentieren. Ansonsten scheint mir die Aufregung aber schwer nachvollziehbar. Klar, die »Negerpuppe«-Kampagne gegen Sarah Kuttner war lächerlich, aber Allianzen aus Boulevardjournalisten (Mopo) und abgehalfterten Fernsehpromis (Mola Adebisi) gab es schon immer (siehe auch hier).

Dieser alberne Feldzug ist also schwerlich ein Indiz dafür, dass der Tugendterror um sich greift. Oder gar dafür, dass Kultur und freie Meinungsäußerung von Moralaposteln erstickt werden. Ich habe sogar eher den Eindruck, dass wir (das heißt: wir weißen, gebildeten, okay verdienenden Männer, die in dieser Diskussion als alleinige Kläger auftreten) uns heute freier äußern und »unkorrekter« genießen können als noch in vergangenen Jahrzehnten.

WeiterlesenGegen die Nostalgie (und im Zweifel: für die Political Correctness)“