Über Linke reden (I)

Es war nicht alles schlecht am Neoliberalismus

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Ist der Neoliberalismus, den Linke in den vergangenen Jahren energisch kritisiert haben, in seinen letzten Zügen? Wird er womöglich bald Geschichte sein?

Falls ja: Wäre das wirklich eine gute Nachricht, wo ihn doch weniger emanzipatorische Kräfte, als Anhänger von Ethno-Nationalismus, von protektionistischer Wirtschaftspolitik und von einem essenzialistischen Kulturverständnis halberfolgreich bedrängen?

Schon erklingen jedenfalls Stimmen, die den Neoliberalismus zumindest gegen seine pauschalsten und ärgsten linken Kritiker in Schutz zu nehmen scheinen.

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Staat vs. feat. Markt: Joseph Vogls Buch Der Souveränitätseffekt

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Abb.: Joseph Vogl – Der Souveränitätseffekt (Diaphanes-Verlag)

Wer hat das Sagen, wenn der Staat nicht mehr souverän (»über allem stehend«) ist? Stehen sich Politik und Ökonomie unversöhnlich gegenüber, wie uns mancher (zum Beispiel Christian Lindner) glauben machen will? Und ist die »Postdemokratie« der demokratisch nicht legitimierten Gremien wirklich eine so neue Entwicklung, wie es in Neoliberalismus-Kritiken manchmal kling?

Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl (Autor u.a. von Das Gespenst des Kapitals) hat da seine Zweifel. In seinem Buch Der Souveränitätseffekt versucht er eine historische Herleitung des Staat-Markt-Komplexes, von den Kreditgebern der Fürsten im 17. Jahrhundert bis zu den Troikas und Zentralbanken unserer Zeit.

Ich habe das Buch gelesen und meine Gedanken dazu für Spiegel Online aufgeschrieben. Klicken Sie hier.

Klaus Walter stresst rum:

Ui! Einer der prominentesten Popkritiker des Landes hat mich in der tageszeitung als Lebendbeispiel für einen „linke[n] Kulturpessimisten“ angeführt, der Remixe für „Trojanische Pferd[e] der neoliberalen Unterwanderung unseres Alltags“ hält. Lustig verquaster Blödsinn! Aber auch ärgerlich, denn: 1) seine Projektionen klingen fast plausibel und 2) er schummelt.

Lesen Sie hier.

Hier meine Antwort: 

Herr Walter!

ich finde etwas beunruhigend, wie ausführlich Sie das Feindbild des „Puristen“ und „linken Kulturpessimisten“ an die Wand malen, was Sie ihm alles für Ängste und irrationale Ressentiments zuschreiben und wie Sie dann, um seine angebliche Existenz zu belegen, ein einziges Zitat heranziehen. Und zwar von mir! Und dann klingt das in der Oberlehrerhaftigkeit meiner Formulierung auch noch so, als könnten Sie Recht haben!!

Mist, 1:0 für Sie.

For the record: Ich habe überhaupt nichts gegen Remixe oder „digitale Reproduzierbarkeit“ oder „neue Technologien“. Im Gegenteil: Ich finde wenig Auratisches an einer Compact Disc und will auch nicht das Internet abschalten. (Wenden Sie sich hierfür vertrauensvoll an Bill Kaulitz und Hosni Mubarak.)

Das alles wird aber auch in meiner „We’re New Here“-Kritik deutlich, wenn man sie nicht nur dort zitiert, wo ich mich an einer polemischen Pointe versuchte. Das Remixalbum „We’re New Here“ klingt gut, ist aber einer Dimension beraubt, die das Original für mich besonders interessant machte: Gil Scott-Herons scheinbar autobiographischen Texte, die es schaffen, explizit politisch, dabei aber nicht peinlich zu sein. Das und nichts anderes habe ich bemängelt.

Sie selbst erlauben sich zu Gunsten des polemischen Effekts argumentative Taschenspielertricks, wenn Sie verschweigen, dass schon „I’m New Here“ ein Album ist, dass sammelt und samplet, alte und neue Musiktraditionen und Sounds mixt, was in meiner Rezension auch gewürdigt wurde. Wenn es die Puristen und Pessimisten gibt, von denen Sie schreiben, dann werden die auch „I’m New Here“ scheiße finden. Und sich um dessen Remix nicht scheren.

Nichts für Ungut & herzliche Grüße,
Oskar Piegsa

Monate später: Fühlt sich Walter zu einer Reaktion aufgerufen? Nö.