Vice hält Drogen jetzt für ein Problem?

… oh Mann, die Zeiten haben sich wirklich geändert (auf Acid!)

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Lange war Vice das Magazin für rücksichtslosen Hedonismus. Möglichst origineller und/oder idiotischer Drogenkonsum war ein Teil der Agenda (siehe z.B. The Vice Guide to Drugs, der auch in diesem Best-of-Buch abgedruckt worden ist, oder die legendären Reportagen auf LSD: The Westminster Dog Show on Acid!, A Visit to the Mormon Temple on Acid!, Monster Trucks on Acid!, usw.).

Das ist jetzt vorbei! Offenbar. Jedenfalls ist mir heute morgen beinahe meine Haschpfeife ins Müsli gefallen (übrigens: »You got your big dreams, I got my Hash Pipe« — auch das ist lange vorbei, seit Leute mit großen Träumen Cannabis-Start-Ups gründen), als ich das Editorial dieser deutschsprachigen Ausgabe las (Vol. 15, Nr. 1).

Dort heißt es (ich schalte mal auf Schnelldurchlauf):

Wir sind die erste Generation, die durchgehend online und erreichbar ist … kein Feierabend … Unsicherheit im Teenageralter … Erschöpfung, Überforderung, Depression … allein schon die politische Weltlage kann Menschen zum Verzweifeln bringen.

Und dann:

Dass der Drogenkonsum in vielen Ländern ansteigt, überrascht angesichts der zahlreichen Krisen und Probleme kaum.

Wow. Der Stern redet so — klar. Der Spiegel auch. Aber Vice, das Heft, in dem der Vollrausch immer ein großer, bisschen doofer Spaß war? #thingsdonechanged

Tote weiße Männer

Das amerikanische Rolling Stone-Magazin hat einen bedrückenden Artikel über die »Epidemie« (so nennen es einige Fachleute) der Selbsttötungen unter nordamerikanischen Männern veröffentlicht:

The Centers for Disease Control recorded 47,173 suicides in 2017, and there were an estimated 1.4 million total attempts. Many of society’s plagues strike heavier at women and minorities, but suicide in America is dominated by white men, who account for 70 percent of all cases.

Und weiter:

No segment of the population is more likely to be impacted by these horrifying numbers than middle-aged men in rural America. They not only own guns and lack mental-health resources — by one estimate, there are 80 or so psychiatrists licensed to practice in Wyoming — but they also have chosen a life that values independence above all else.

In Nebensätzen ist ein weiteres Problem versteckt: Nicht alle, denen eine Therapie helfen könnte, können sie sich leisten — weil sie nicht krankenversichert sind.

Hier geht es zu dem Artikel (kostenlos online lesbar).

Entspann Dich!

Wer weniger arbeitet, weniger grübelt und weniger am Handy hängt, ist glücklicher, schreibt der Autor Matt Haig

Ach, früher! Da hießen Selbsthilfebücher noch wie Selbsthilfebücher (How to win friends). Und Essays hießen wie Essays (Notes on »Camp«). Heute heißen Essays wie Selbsthilfebücher (Jonathan Franzen: How to be Alone) und Selbsthilfebücher wie Essays (Matt Haig: Notes on a Nervous Planet). Verwirrende Zeiten!

Das Chaos der Gegenwart und ihre Paradoxien sind das Thema von Matt Haig: Menschen waren nie so gut connected, schreibt er in Notes on a Nervous Planet, trotzdem fühlten sich viele einsam. Oder: Physisch ging es Menschen nie so gut wie uns, trotzdem fühlten sich viele schlecht.

Oder hier im O-Ton:

We should have more time than ever. I mean, think about it: Life expectancy has more than doubled for people living in the developed world during the last century. And not only that, we have more time-saving devices and technologies than ever before.

Also zum Beispiel Waschmaschinen. Geschirrspüler. Flugzeuge statt Kutschen. E-Mails statt Brieftauben. Wieso also sagen so viele, es fehle ihnen an Zeit?

Haig:

The problem, clearly, isn’t that we have a shortage of time. It’s more that we have an overload of everything else.

Nicht der Mangel sei unser Problem, sondern der Überfluss. Und hier wird Notes on a Nervous Planet zum Selbsthilfebuch. Denn Matt Haig wirbt für mentalen Minimalismus: Stell die Notifications am Handy aus! Tu weniger! »Declutter your mind!«

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