Webserie »Shore, Stein, Papier«: Der Ramschladen YouTube probiert Journalismus – und das kann sich sehen lassen

Video: Die zweite Folge von Shore, Stein, Papier, einer Interview-Serie auf YouTube

Ein Typ sitzt am Küchentisch und erzählt von Heroin. Und von allem, was passierte, nachdem er mit 15 Jahren das erste Blech »Shore« geraucht hat. Er hat keinen Namen (manche nennen ihn $ick), aber man kann ihm ins Gesicht sehen und seine Stimme hören. Und: Er kann toll erzählen. Es geht um seine Geschichte, grob chronologisch, in kurzen Episoden: Familie, Freundschaft, Drogen, Dealen, Knast.

Im Hintergrund dudelt ein penentrantes Klavier, immer wieder wechselt die Kamera in eine irritierende schräg-von-oben-voll-auf-die-Geheimratsecken-Perspektive. Aber egal: Das alles kriegt die Serie Shore, Stein, Papier nicht kaputt, denn sie lebt von dem intimen Setting und von dem Temperament und der Lebensgeschichte von $ick.

Der namenlose Protagonist erzählt diese Geschichte, als würde er mit einem alten Freund reden. Er sitzt stets an einem Tisch, mal in der Küche, mal im Wohnzimmer, mal mit einem Joint, mal mit einer Zigarette in der Hand. Die offensichtlich am Stück aufgenommenen Gespräche sind grob zu Themenblöcken zusammengeschnitten.

… schreibt Eike Kühl im Netzfilmblog von Zeit Online.

Weiterlesen Webserie »Shore, Stein, Papier«: Der Ramschladen YouTube probiert Journalismus – und das kann sich sehen lassen“

Journalisten zwischen Ă–ffentlichkeit und Opferinteressen: Die Winnenden-Diskussion am Tag 2 beim "Netzwerk Recherche"*

Im Gespräch ĂĽber das Verhalten von Journalisten in Winnenden räumten Chefredakteure auf der „Netzwerk Recherche“-Jahreskonferenz Fehler ein. Uneinig blieben sie darĂĽber, wie in Zukunft ĂĽber Amokläufe berichtet werden soll.

Abb. 1: Nicht der Zapp-Beitrag, der gezeigt wurde — aber in vielen Punkten ähnlich.

Drei von vielen hatten sich gestellt. Drei, die sich nicht durch ihre Schuld, sondern durch ihren Mut auszeichneten, das betonte Moderator Kuno Haberbusch mehrfach während des Abschlussplenums der NR-Jahreskonferenz. Dennoch saßen Spiegel-Chef Georg Mascolo, Nicolaus Fest aus der Bild-Chefredaktion und Hans Müller-Jahns vom ARD-Boulevardmagazin Brisant auf dem Podium wie auf einer Anklagebank – und zogen daraus unterschiedliche Konsequenzen.

Eröffnet wurde die Diskussion „Geklaute Fotos, verletzte Intimsphäre – Medien ohne Moral?“ mit der Verlesung der Anklage. Ein eingespielter Beitrag aus Haberbuschs Medienmagazin Zapp listete kontroverse Entscheidungen und Fehler deutscher Journalisten bei der Berichterstattung über Winnenden auf. Eine Auswahl: Privatfotos von Opfern wurden unautorisiert auf Titelseiten veröffentlicht. Eine Überlebende wurde den Mordopfern zugerechnet, zwei gänzlich Unbeteiligte mit dem Täter verwechselt. Und Fernsehkameras kurz nach dem Amoklauf auf minderjährige Schüler gerichtet und die Bilder ungepixelt gesendet.

Hans Müller-Jahns nahm die Kritik stellvertretend für seine Zunft an und sprach von einem „Teufelskreis“, der dem Wettbewerb um Neuigkeiten geschuldet sei. Georg Mascolo wollte sich dagegen nicht auf ein Aufrechnen von Geschwindigkeit und journalistischer Qualität einlassen. „In Winnenden zu sein und auf Sendung zu sein halte ich nicht für verwerflich“, sagte der Spiegel-Chef angesichts journalistischer Live-Kommentatoren auf Twitter und im TV. „Der Punkt muss nur sein: Spekulation hat mit unserem Beruf gar nichts zu tun“, mahnte er. Nicolaus Fest stellte derweil die ganze Diskussion in Frage. „Ich halte Winnenden nicht für einen Fall, bei dem die Presse versagt hätte“, sagte er.

Weiterlesen „Journalisten zwischen Ă–ffentlichkeit und Opferinteressen: Die Winnenden-Diskussion am Tag 2 beim "Netzwerk Recherche"*“