10.000 Euro fĂŒr den besten DebĂŒtroman des Jahres: DemnĂ€chst beim Harbour Front Literaturfestival in Hamburg

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Abb. 1 & 2: Auswahl fĂŒr die ersten Abende des DebĂŒtantensalons. Romane von Per Leo, Martin Kordić, Horst Sczerba & Urs ZĂŒrcher

Einmal im Jahr beginnt fĂŒr mich die Zeit des privilegierten Lesens. Ich bekomme einen Stapel BĂŒcher zugeschickt (kostenlos und von kundigen Lesern ausgewĂ€hlt) und muss nichts anderes tun, als diese Auswahl zu lesen, mir alle Autoren bei Lesungen persönlich anzuschauen, mit klĂŒgeren Menschen darĂŒber zu sprechen und dann gemeinsam mit diesen anderen Menschen zu entscheiden, welcher Autor 10.000 Euro bekommen soll. Ha!

Jetzt ist wieder diese Zeit, denn in der kommenden Woche beginnt in Hamburg das Harbour Front Literaturfestival, am 10. September 2014. Ich habe zum nunmehr dritten Mal das VergnĂŒgen, von ZEIT CAMPUS in die Jury des Klaus-Michael KĂŒhne-Preis fĂŒr den besten DebĂŒtroman des Jahres geschickt zu werden.

Vor einigen Wochen habe ich die BĂŒcher der Shortlist bekommen (acht Titel, 2676 Seiten, von der Vorjury prominent ignoriert: Judith Hermann). Jetzt lese ich mich durch die Auswahl und habe dabei noch mehr Spaß als in den letzten zwei Jahren schon. Die Auswahl widerlegt nĂ€mlich den Eindruck, der in diesem Jahr Literaturdebatten beherrscht hat: dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur unpolitisch und seicht sei.

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Geschichten, Geschichten, Geschichten: AuszĂŒge aus BĂŒchern von Gideon Lewis-Kraus und Nora Gantenbrink in ZEIT CAMPUS

Ein Auszug aus Gideon Lewis-Kraus' Reisememoiren "Die irgendwie richtige Richtung" in ZEIT CAMPUS 6/13

Abb. 1: Ein Auszug aus Die irgendwie richtige Richtung liegt der nÀchsten Ausgabe von ZEIT CAMPUS bei (das Ding in gelb)

Übermorgen erscheint die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS (Nr. 6/13). Wir haben mal wieder eines dieser Pixiehefte fĂŒr Erwachsene auf dem Cover kleben: Einen kleinen, giftig-gelben Literaturbeileger mit AuszĂŒgen aus dem Buch Die irgendwie richtige Richtung von Gideon Lewis-Kraus, das gerade bei Suhrkamp erschienen ist.

Auf den ersten Blick ist nicht viel Interessantes an diesem Buch: Es handelt sich um die Erinnerungen eines Amerikaners, der in Berlin lebt und die Stadt erst wahnsinnig hip und voll »arm aber sexy« findet, spÀter aber oberflÀchlich und doof. Was macht er also? Er geht pilgern. Nach Santiago de Compostella. Wie neulich dieser Fernsehclown. SupergÀhn.

Geilerweise ist Literatur – auch: Non-Fiction-Literatur – aber mehr als nur Plot. Mir hat Die irgendwie richtige Richtung sehr gut gefallen, als ich mich erst eingelassen habe auf die langsame, feinsinnige und auf kluge Weise humorvolle (ĂŒrgs, Literaturkritiker-Adjektive!) ErzĂ€hlweise von Gideon Lewis-Kraus.

Irgendwo aufgeschlagen und wahllos zitiert:

Am Morgen kaufe ich mich mir einen Wanderstock, entdecke meine erste Blase und mache daraus sofort ein Drama. Tom erinnert mich daran, dass seine beiden FĂŒĂŸe jeweils mindestens acht Blasen aufweisen und frĂŒhlingshaft in voller EiterblĂŒte stehen. »Ich finde, du gibst dir nicht genug MĂŒhe, den ernsthaften Schmerz zu begreifen, den ich empfinde. Oder es ist dir scheißegal«, sagt Tom. Ich verstehe das natĂŒrlich als allumfassende Kritik und muss immer wieder darĂŒber nachdenken, wĂ€hrend wir durch die stille Hitze des Morgens marschieren.

Oh, wie existenziell sich Krisen anfĂŒhlen können, die sich im Weltmaßstab wohl eher als Kriselchen erweisen. Das Buch handelt eben nicht von Berlin und auch nicht vom Pilgern, zumindest nicht primĂ€r, sondern von einem Typen nach dem Hochschulabschluss, dessen grĂ¶ĂŸten Probleme psychologisch und dessen bevorzugten Lösungen geografisch sind. Hier bin ich nicht glĂŒcklich? Dann ziehe ich halt dort hin. Dort bin ich auch nicht glĂŒcklich? Dann vielleicht noch ein Umzug. Irgendwann merkt der Typ: Auf Dauer ist das keine Lösung.

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Nordsee ist Mordsee: Astrid Dehe und Achim Engstler erzĂ€hlen in Auflaufend Wasser von dem ertrunkenen Seemann Tjark Evers

Astrid Dehe & Achim Engstler - Auflaufend Wasser (Steidl, 2013)

Abb.: Astrid Dehes und Achim Engstlers Novelle Auflaufend Wasser (Steidl, 2013). Gießkanne: Stylist’s own.

Ein Buch, bei dem es mir in diesem Jahr die Sprache verschlagen hat, ist Auflaufend Wasser von Astrid Dehe und Achim Engstler (erschienen bei Steidl und nominiert fĂŒr den DebĂŒtantenpreis des Hamburger Harbour-Front-Literaturfestivals). Um es gleich vorweg zu sagen: Als Novelle ist dieser Text unausgegoren. Aber er hat eine seltene Wucht, die ihn lesenswert macht.

Das liegt vor allem an dem Stoff des Autorenduos: Dehe und Engstler schreiben ĂŒber Tjark Evers, einen SchifffahrtschĂŒler, der zu Weihnachten 1866 seine Familie auf der Nordseeinsel Baltrum mit einem Besuch ĂŒberraschen will. Zwei Bekannte rudern ihn an einem nebligen Morgen vom Festland aufs Meer, setzen ihn am Strand ab und stechen wieder in See – nur, dass es gar nicht der Strand von Baltrum ist, an dem Evers aussteigt, sondern eine höherliegende Sandbank im Meer, die von der Ebbe freigelegt worden ist.

Jetzt kommt die Flut, das Wasser lÀuft langsam auf, steht Evers erst bis zu den Knöcheln, dann bis zu den Knien, dann bis zum Rumpf, und er versteht, dass ihm nur noch wenige Stunden bleiben, bis er ohne Aussicht auf Rettung in der eisigen Nordsee ertrinken wird.

Der Fall von Evers ist historisch ĂŒberliefert, bekannt deshalb, weil Evers an diesem Morgen ein Notizbuch zieht und Abschiedsbriefe an seine Eltern schreibt, die einige Tage spĂ€ter an einer Nachbarinsel angeschwemmt werden und heute im Inselmuseum von Baltrum zu sehen sind. Seine Leiche bleibt verschollen.

Oft wurden damals tote Körper an den NordseestrĂ€nden angespĂŒlt, schreiben Dehe und Engstler:

Manchen der im 19. Jahrhundert ertrunkenen Schiffer, SteuermĂ€nner und Matrosen hat die Nordsee wieder freigegeben […]. Wie viele es waren, bleibt offen; Zahlen haben wir nicht zur Hand. Sicher ist, dass diejenigen, deren zerschundene, verweste, skeletierten Körper an irgendeiner KĂŒste, am Strand irgendeiner Insel antrieben, in den allermeisten FĂ€llen als unbekannte Tote begraben wurden. […] Die See hatte den Betreffenden ihr Leben nicht nur genommen, sie hatte es auch zum Fragment gemacht, zu einem Satz ohne Punkt, zu einem Ende ohne Anfang.

Es sind namenlose Seefahrer, Unbekannte, Unidentifizierbare, »Leichen ohne Geschichte«. Der Fall Tjark Evers hingegen sei einzigartig: Eine »Geschichte ohne Leiche«.

Ein Mensch sieht den Tod kommen, ahnt, dass niemand ihn retten wird, und beginnt zu schreiben, weil es das einzige ist, was dieser Situation etwas WĂŒrde abringt. Das ist ein irrer Stoff, den Dehe und Engstler akribisch nachrecherchiert und neu zu Papier gebracht haben.

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Das beste erste Buch des Jahres wird bald auf dem Harbour Front Literaturfestival in Hamburg gekĂŒrt

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Abb.: So sieht eine Shortlist aus, wenn man sie stapelt.

Mittwoch wird Hamburgs Literaturfestival eröffnet, das Harbour Front. Dann gibt’s vom 12. bis 21. September Literatur in Schiffen und HĂ€usern, die nah am Wasser gebaut sind.

Auf den großen BĂŒhnen residiert die bunt gemischte Vorleseprominenz (etwa Ahern, Boyle, Kehl- & Hegemann). Dann sind da noch die unterschiedlichsten LiteraturpreistrĂ€ger, von Giwi Margwelaschwili (der fĂŒr sein Lebenswerk den Italo-Svevo-Preis bekam) bis Nora Gantenbrink (die mit einer frĂŒhen Kurzgeschichte den Wettbewerb von ZEIT CAMPUS gewonnen hat). Außerdem gibt’s Krimis und Comics und Mundart und Fischgedichte. Pick your poison.

Und dann ist da noch: Der Klaus-Michael-KĂŒhne-Preis fĂŒrs beste ProsadebĂŒt des Jahres. Zum zweiten Mal bin ich fĂŒr ZEIT CAMPUS neben gestandenen Literaturkritikern anderer Hamburger Medien in der Jury. Ich lese mich gerade durch die gut 1700 Romanseiten der acht nominierten Titel, die Sie, werte Leserin, werter Leser, auf dem obigen Foto auf einer funktionalen Arbeitsplatte und vor fleckiger Raufasertapete und ungeputzter Fensterscheibe in einem BĂŒro rumliegen sehen. (Nein, halt, es fehlt das DebĂŒt von Harald Darer! Liegt noch bei mir zu Hause.)

Weil es einer dieser Autoren bei seiner zukĂŒnftigen Arbeit mindestens möbelmĂ€ĂŸig mal besser haben sollen als wir Kritiker, ist der Preis mit 10.000 Euro dotiert.

Wer kalauert & stabreimt hat schon fast verloren, deshalb schnell noch die letzten wichtigen Informationen bevor es losgeht: Alle Nominierten werden ihre DebĂŒtromane auf dem Festival selbst vorstellen. An vier Abenden, den sogenannten DebĂŒtantensalons, werden jeweils zwei DebĂŒts von Schreiber selbst verlesen.

Die Termine: Freitag, 13.9., um 19 Uhr, Sonntag, 14.9., um 21 Uhr, Dienstag, 17.9., um 19 Uhr sowie Donnerstag, 19.9., ebenfalls um 19 Uhr. Der Ort ist immer derselbe: das neue Kulturhaus auf dem Kiez, der Nochtspeicher. Wer liest wann? Das lesen Sie hier & hier & hier & hier. Wer wird gewinnen? Das erfahren Sie hier.

Allen Prognosen zufolge wird es fantastisch. Also los jetzt!

Rache & Rassismus: Über Das Komplott, den neuen Grisham-Roman

John Grisham - Das Komplott

Abb.: Der neue John-Grisham-Roman Das Komplott – fies angeblitzt wie ein Mugshot.

Was macht die Romane von John Grisham aus? »A fairly simple writing style with a really tight plot«, sagt Grisham selbst. Diese EinschĂ€tzung finde ich beneidenswert uneitel – und treffend. Grishams Sprache ist schnörkellos, aber nicht so reduziert, dass man sie wieder fĂŒr kunstvoll halten wĂŒrde (wie zum Beispiel die von Raymond Carver oder Ernest Hemingway). Sie erfĂŒllt schlicht ihren Zweck. Sie sorgt dafĂŒr, dass der Plot flutscht.

Ähnliches gilt auch fĂŒr die Figuren im neuen Grisham-Roman Das Komplott, den es seit heute in deutscher Übersetzung zu kaufen gibt. Über die weibliche Hauptfigur erfĂ€hrt man etwa nicht viel mehr, als dass sie gerne eine »Designer-Sonnenbrille« trĂ€gt – und mal ehrlich: was soll das bedeuten? WĂŒrde ein Autor, der sich fĂŒr Designer  (oder fĂŒr seine Protagonistin) interessiert, nicht zu  unterscheiden wissen, ob sie eine Brille von Chanel oder Ed Hardy trĂ€gt?

Aber, ey: FĂŒr solche Petitessen ist keine Zeit. Grisham schreibt BĂŒcher schneller als andere Leute Blogpostings, Das Komplott ist sein 25. in 24 Jahren (Kurzgeschichten, Kinder- und SachbĂŒcher nicht mitgezĂ€hlt), rechtzeitig zum WeihnachtsgeschĂ€ft soll sein 26. erscheinen, eine Fortsetzung seines DebĂŒts Die Jury.

Seine Leser reißen ihm die Dinger aus der Hand: Das Komplott zĂ€hlt auf Amazon.com zu den am hĂ€ufigsten verkauften des Jahres 2012. Auf Platz 34 liegt es deutlich hinter Shades of Grey und The Hunger Games, aber noch vor Eat to Live: The Amazing Nutrient-Rich Program for Fast and Sustained Weight Loss, vor Strengths Based Leadership: Great Leaders, Teams, and Why People Follow sowie vor American Sniper: The Autobiography of the Most Lethal Sniper in U.S. Military History. Top.

Bemerkenswert ist Das Komplott, weil es mit Malcolm Bannister zum ersten Mal einen afro-amerikanischen Anwalt als Protagonisten hat. Der sitzt prompt unschuldig im GefĂ€ngnis (sagt er). Anders als sein Vater, der zu Zeiten der BĂŒrgerrechtsbewegung aufgewachsen und ein regierungstreuer Patriot ist, kann Bannister Junior dem amerikanischen Staat nicht viel abgewinnen. Dieses Grisham-Buch erzĂ€hlt von Rassismus und Rache – und zwar wirklich nicht unspannend. AusfĂŒhrlicher dazu: meine Rezension auf Spiegel Online.

[Nachtrag 24. August 2013]: ZufĂ€llig erscheint die deutsche Übersetzung von Das Komplott in zeitlicher NĂ€he zum 50. JubilĂ€um des March on Washington. Was hat sich seit 1963 verĂ€ndert? Dazu ein kurzer, aufschlussreicher Text im Economist.

Böll vs. Batman:

Wir schlossen einen Kompromiß und kauften das Comic und eine Tafel Schokolade. Das Heft hatte den vielversprechenden Titel Bat Man, und auf dem Titel sah man einen dunkel maskierten Mann an Hausfassaden hochklettern. […] Wir teilten den Riegel Schokolade und versuchten, uns mit Bat Man zu trösten, aber der war wirklich zu bad.

– aus Heinrich Bölls „Irischem Tagebuch“, 1957.

»PlĂ€doyer fĂŒr einen ehrenwerten Begriff«: Rolf Bauerdicks Buch Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk

Rolf Bauerdick: Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk (DVA, 2013)

Abb.: Der Reporter Rolf Bauerdick berichtet in Zigeuner ĂŒber seine Reisen – und streitet fĂŒr einen »ehrenwerten Begriff«

Der Titel des Buchs von Rolf Bauerdick ist eine Provokation. Er lautet: Zigeuner – Begegnungen mit einem ungeliebten Volk. Wenn man auch sonst nichts ĂŒber die Menschen weiß, um die es hier geht, so meint man doch wenigstens zu wissen, dass es sich nicht um ein Volk handeln kann, sondern mindestens um zwei. Und, dass man nicht »Zigeuner« sagt, sondern Sinti und Roma. Doch Bauerdick hĂ€lt nichts von solchen Sprachregelungen und jenen, die sie einfordern.

Sein Buch ist als Reportage angelegt. Doch ĂŒber weite Teile liest es sich wie eine Streitschrift: Wenn Bauerdick ĂŒber Antiziganismusforscher und den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma schreibt, dann oft kritisch und manchmal spöttisch. Er schimpft ĂŒber »Normierungszwang«, »Korrektheitswahn« und den »Amoklauf der politischen Korrektheit«. Und GĂŒnter Grass unterstellt er »grenzenlose NaivitĂ€t«, weil dieser ein europaweites Bleiberecht fĂŒr Roma gefordert hatte.

Was macht Rolf Bauerdick so zornig?

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Moderne Grausamkeit: Henning Ritters Essay Die Schreie der Verwundeten. Versuch ĂŒber die Grausamkeit

Henning Ritter: Die Schreie der Verwundeten (C.H. Beck)
Abb.: Henning Ritters Essay Die Schreie der Verwundeten, neulich erschienen bei C.H. Beck

Beste Vorlesung des bisherigen Jahres. Auch wenn man sie selber lesen muss. Mehr in meiner Buchempfehlung zu Henning Ritters Die Schreie der Verwundeten, einem Essay des frĂŒheren FAZ-Redakteurs ĂŒber die Grausamkeit und ihre Gegner im 19. Jahrhundert, bei Spiegel Online.

Kapitalismustheorie & Duschgel: Über Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum. Kritik der warenĂ€sthetischen Erziehung

Wolfgang Ullrichs Buch "Alles Nur Konsum" (CC-photo by Oskar Piegsa)

Abb.: Warenensemble mit Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum, das kĂŒrzlich im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist

BĂŒcherwand, Hauskonzert, Kunstbesitz: Wenn Wolfgang Ullrich zum Abendessen kommt, könnte das alles nutzlos sein. Denn um den Geschmack seiner Gastgeber zu prĂŒfen wird der Karlsruher Kunstwissenschaftler wohl zuerst auf etwas anderes schauen: auf den Pfefferstreuer.

Das legt zumindest Alles nur Konsum nahe, Ullrichs neues Buch, das mit einer provokanten Absage an die Konsumkritik in der Tradition Theodor W. Adornos beginnt. Marketing ist nur TĂ€uschung und Shopping bloß eine primitive TĂ€tigkeit? Nein, schreibt Ullrich:

Im Gegenteil kann Konsumieren eine Kulturtechnik sein wie Lesen; die Wahl der jeweils richtigen PfeffermĂŒhle ist genauso ein Ausweis von Geschmack und Urteilskraft wie die Entscheidung fĂŒr die LektĂŒre eines bestimmten Buches.

Tausende Manufactum-Kunden werden es ihm danken.

Friedrich Schiller verfasste einst seine Briefe Über die Ă€sthetische Erziehung des Menschen. Im Untertitel seine Buches orientiert sich Wolfgang Ullrich an der Formulierung des Dichters. Dennoch erzĂ€hlt seine Kritik der warenĂ€sthetischen Erziehung kaum von Religion, Kunst und Literatur, sondern fast ausschließlich von trivialen Dingen: von Duschgels, Brotaufstrichen und Notizblöcken.

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