Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Keine mehr über Kreuzfahrten, Truppenunterhalter und Reisen mit Papa

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Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten führe (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

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Kurt Krömer in Afghanistan: Eine Rezension seines Reiseberichts »Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will« (KiWi, 2013)

Kurt Krömer: Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will

Abb.: »Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will«, Kurt Krömers Reisebericht aus Afghanistan

»Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt.« Das ist der erste Satz auf der Website des Auswärtigen Amts für Touristen, die sich für das Land interessieren. »In ganz Afghanistan besteht das Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Gewaltverbrechens zu werden«, heißt es dort weiter. Die Sicherheit vor Attentaten sei nirgendwo gewährleistet, eine ausreichende medizinische Versorgung fast nirgendwo.

Alexander Bojcan, 38, ist trotzdem hingeflogen. Bojcan ist kein Soldat, kein Reporter, kein Entwicklungshelfer. Er ist Witzeerzähler, besser bekannt unter dem Namen Kurt Krömer. Trotzdem wollte er wissen, was los ist in diesem Krieg, der sich im deutschen Alltag so leicht ignorieren lässt. Über seine Afghanistanreise, die ihn »embedded« bei der Bundeswehr zu deutschen Soldaten führte, aber auch auf eigene Faust ins zivile Leben von Kabul, hat Krömer jetzt sein erstes Buch geschrieben, das teils Autobiographie, teils Reportage ist: »Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will«.

Kurt Krömers Reise finde ich bemerkenswert, sein Buch leider nicht so. Ausführlicher begründe ich das in meiner Rezension auf Spiegel Online.

P.S.: Ein besseres Buch mit dem gleichen Ansatz hat Sebastian Christ geschrieben, »Das Knurren der Panzer im Frühling«, ich habe dazu hier ein paar Anmerkungen geschrieben.