Über Linke reden (I)

Es war nicht alles schlecht am Neoliberalismus

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Ist der Neoliberalismus, den Linke in den vergangenen Jahren energisch kritisiert haben, in seinen letzten Zügen? Wird er womöglich bald Geschichte sein?

Falls ja: Wäre das wirklich eine gute Nachricht, wo ihn doch weniger emanzipatorische Kräfte, als Anhänger von Ethno-Nationalismus, von protektionistischer Wirtschaftspolitik und von einem essenzialistischen Kulturverständnis halberfolgreich bedrängen?

Schon erklingen jedenfalls Stimmen, die den Neoliberalismus zumindest gegen seine pauschalsten und ärgsten linken Kritiker in Schutz zu nehmen scheinen.

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Über Rechte reden (I)

Enis Maci über die identitäre Micro-Influencerin Alina Wychera (alias Alina von Rauheneck):

Wychera trägt auf den allermeisten Fotos viel puderbasiertes Make-up das ein wenig zu hell für ihren Hautton ist, dazu oft matten Lippenstift in rot oder rosa, der mit nicht ganz ruhiger Hand aufgetragen wurde, außerdem viel Rouge. Da sie ihren Concealer nicht ordnungsgemäß verteilt, hat sie zumeist helle Ringe um die Augen. Ihre sehr langen Wimpern tuscht sie zu Spinnenbeinen. Dazu trägt sie manchmal weißen Kajal auf die untere Wasserlinie auf, um die Augen optisch zu vergrößern.

OK, was soll das? Easy: Wenn sich Rechte als ästhetische Phänomene inszenieren und erst dadurch interessant werden, wie eben Wychera und ihr „heimeliger girly Kuchenback-nature-Baby-Pastell-Tumblr“ (Enis Maci), dann muss man sie auch als ästhetische Phänomene kritisieren.

„Postergirl“, der Begriff, auf den manche Journalisten bei der Beschreibung von Alina Wychera zurückgiffen, ist faul und falsch (eine analoge Metapher für ein digitales Phänomen). Man muss schon genau hinsehen, das Handwerk verstehen und seine Sprache sprechen, um das Werk der Urheberin an ihren Maßstäben zu messen. Dann gelingt eine Kritik, die nicht bloß moralischer Reflex ist.

Denn, jetzt die Pointe:

[Wycheras] Art, sich zu schminken, spricht die Sprache der Drogerien, der p2-Regale, der Mangamädchen, der Badezimmer ohne Tageslicht […], und damit gerade nicht die Sprache der Selfie- und Instagramprofis, die sie fließend zu beherrschen behauptet. Wycheras Make-up deckt die Lücken ihrer klassenlosen, heimatliebendeb, präkapitalistischen Erzählung auf.

(zitiert nach: Über Deutschland, über alles von Pascal Richmann, Hanser 2017)

Rapper vs. Tomaten

Deutschland ist gut zum Leben. Die Sozialsysteme sind die besten auf der Welt. Nur die Tomaten schmecken nicht in Deutschland, die schmecken nach Wasser, das ist eigentlich mein größtes Problem mit diesem Land.

– Haftbefehl, Die Zeit Nr. 34 vom 11.8.2016

Das ist schon ein Unterschied. Das Essen in der Heimat hat noch Geschmack. In Deutschland schmeckt gar nix. Hier musst du Patte machen, wenn du was Frisches essen willst.

– Celo (Celo & Abdi) in Juice Nr. 183, November/Dezember 2017

tomaten zu 1000% das ekelhafteste was es auf der welt gibt muss direkt brechen ich schwörs euch

– Casper auf Twitter, 13. Dezember 2017

 

Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Selfies und ihre Urheber werden unentwegt kritisiert. Ein Gedanke, der mir dabei oft fehlt: Die digitale Fotografie war eine technische Innovation, die nicht nur verändert, wie wir fotografieren, sondern auch zu welchem Zweck wir fotografieren.

Die Fotografie an sich hat sich demnach verändert, wie zuletzt vielleicht bei der Einführung der Rollfilmkamera (oder noch dramatischer, zumindest in dem Sinne, dass die Anwendungsbereiche der Fotografie noch vielfältiger geworden sind).

So arumentiert zum Beispiel Steve Sasson, der als Ingenieur bei Kodak bereits in den siebziger Jahren den Prototypen einer Digitalkamera gebaut hat, im Paper Magazine (Volume 32, Issue 2, October 2015). Er sagt:

I think what’s changed is our view of what photography is. [Digital photography has] changed it from recording events to a casual form of communication.

Ähnlich argumentiert Mikko Villi, ein Kommunikationsforscher an der Uni Helsinki, der ein kurzes Essay in The Smart View (Ausgabe 1) veröffentlicht hat. Dort schreibt er:

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Neue Geschichten vom Kiez: Jens Eisels Debütbuch Hafenlichter

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Abb.: Früher, als St. Pauli noch schwarz-weiß war

Der Autor Jens Eisel hat ein Buch mit Kurzgeschichten über die Männer von St. Pauli geschrieben. Es heißt Hafenlichter und ist seit dieser Woche im Handel. Soweit alles cool, bloß: Leider ist es nicht besonders gut. Mehr dazu ab heute im Hamburg-Teil der ZEIT.

P.S.: Junge Literatur? St. Pauli? Heute ist der letzte Debütantensalon des Harbour-Front-Festivals. Es lesen Heike Kühn und Martin Lechner, moderiert von meiner Kollegin Inge Kutter von der ZEIT. Nochtspeicher, 19 Uhr.

[Nachtrag, 15. Oktober]: Meine Rezension der Hafenlichter gibt es jetzt auch kostenlos online. Wer sich ein eigenes Bild von dem Buch machen will, der möge morgen Abend den Buchladen Cohn + Dobernigg in der Schanze aufsuchen. Dort liest der Autor Jens Eisel.

Wie soll Kritik sein? Anmerkungen zur Diskussion »Etwas formiert sich« von Georg Diez, Ina Hartwig & Florian Kessler

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Abb.: In Ermanglung eines passenden Symbolbildes – hier ein unpassendes (photo by @Doug88888, via, CC By-Nc-Sa)

Über Literaturkritikund auch über Popkritik – wurde in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert. Oft waren die Diskussionen eher nervig.

Denn wie weit kann man in einem Gespräch kommen, das mit den Fragen beginnt, wie es in Zeiten von Amazon-Rezensionen um die Notwendigkeit finanziell & intellektuell einigermaßen abgesicherter Kritikertätigkeit steht und ob es angesichts der aus sogenannten Schwärmen extrahierten Durchschnittsmeinung noch Menschen brauche, die sich mit pointierten & begründeten Einzelmeinungen zu Wort melden?

Die Antworten auf dese Fragen sind banal: Nein, Amazon-Rezensionen machen das institutionalisierte Feuilleton nicht überflüssig (zumindest nicht, solange das institutionalisierte Feuilleton gute Arbeit leistet) und nein, Durchschnittsmeinungen interessieren niemanden. Oder zumindest: Niemanden außer Frau Dr. Merkel & außer der Markforschung, was meinetwegen okay ist, aber nichts mit Kritik zu tun hat.

Und dann ist die Gesprächszeit vorbei.

Jetzt: das Aufatmen. Manchmal bricht der Himmel auf und ein Sonnenstrahl kommt durch. Oder, um weniger in der Naturmetaphorik zu verharren: Manchmal entsteigt dem hysterisierten Medienbetrieb ein n+1. Warum sollte das nur in den Vereinigten Staaten gelingen? Nachdenken ist jetzt auch in Deinem Land verfügbar.

Der Kritiker Florian Kessler (bisher vor allem für seine Fähigkeit bekannt, Badeschaum mit der Axt zu zerteilen und selbiges in pointierten Selbstanklagen zu beschreiben) diskutierte am Sonntag mit dem Kritiker Georg Diez (bekannt vor allem für die Behauptung, Christian Kracht sei ein Nazi) und der Kritikerin Ina Hartwig (bekannt für Besonnenheit & Klugheit, wenn auch nicht für krachende Pointen). Das war in Hildesheim auf dem Prosanova-Festival. Titel des Gesprächs: »Etwas formiert sich«.

Litradio hat einen Audio-Mitschnitt ins Netz gestellt:

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Sklavenarbeit im Schanzenviertel:

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Abb. 1-3: Graffiti an der Bushaltestelle Bernstorffstraße in Hamburg

Eine originelle – wie sagt man? – urbane Intervention ist derzeit an einer Bushaltestelle im Schanzenviertel zu sehen. Die Totenköpfe sind so auf die Scheibe vor den rotierenden Werbeplakaten gemalt, dass sie die Gesichter der Models verdecken, die hier für Billigkleider von C&A und Mango werben. Daneben steht: »Made from Slaves!«

Die Präposition »from« statt »by« ist natürlich falsch, aber erstens ist das mit der englischen Rechtschreibung eh so eine Sache und zweitens hat man als Graffiti-Künstler manchmal einfach nicht viel Zeit

Dass sich dieses Adbusting ausgerechnet gegen C&A und Mango wendet, ist wohl kein Zufall: Die Kampagne für Saubere Kleidung wirft Mango vor, in Bangladesch Fabriken zu nutzen wie jene, bei deren Einsturz im Mai mehr als tausend Menschen getötet wurden. Beim Brand in einer Fabrik von C&A sind im vergangenen Jahr ebenfalls in Bangladesch mehr als hundert Menschen gestorben.

Womöglich wurde der Urheber auch von der Website Slavery Footprint inspiriert.

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