Green No Deal

Unternehmen werben für weniger Konsum – rentiert sich das?

Ah, Werbung und Marketing in Zeiten des Klimawandels. Gibt es etwas Spannenderes?

Die Biomarktkette Bio-Company wirbt – siehe das PR-Foto oben – seit einiger Zeit mit dem Slogan »Kauf weniger« und macht damit auf sich aufmerksam: »Kauf weniger, aber bitte bei uns!«. Ich bin gespannt, ob das aufgeht. (Mehr Infos zur Werbekampagne hier.)

Ich muss dabei an mein altes Fairphone denken, das bei seiner Einführung von dem Hinweis begleitet wurde, das fairste Handy sei immer jenes, welches man bereits besitze. Das ist natürlich sachlich korrekt, wurde als freundlicher Hinweis aber aufgegeben, als es schlagartig keine Updates mehr für das ansonsten noch solide funktionierende Fairphone 1 gab und die Spam-Mails anfingen, man möge sich jetzt doch bitte endlich ein Fairphone 2 kaufen.

Und jetzt: Ein neues Magazin aus der Brigitte– Familie! Brigitte Be Green. Titelzeile der ersten Ausgabe: »Macht Verzicht glücklich? Ja!« (hier der Link zum Cover). Was natürlich eine Einladung ist, das Heft nicht zu kaufen und auszuprobieren, ob die Redaktion recht hat.

Ich kann berichten: Ich sitze zu Hause, nachdem ich das Magazin im Sinne seiner Titelgeschichte sehr bewusst nicht gekauft habe, aber richtig glücklich bin ich nicht. Denn ich hätte doch ganz gerne gewusst, was für Anzeigen in dem Heft gedruckt sind. Bio Company? Fairphone? Das allein plus keine Leser ist womöglich nachhaltig, aber kein nachhaltiges Business.

Womöglich zeigt sich also bei Bigitte und Bio-Company wie beim Fairphone: Kein Konsum ist gut fürs Klima, aber keine Grundlage für unternehmerischen Erfolg.

Foto: obs/Dorothea Tuch für BIO COMPANY, Nutzung kostenfrei, via Presseportal.de

Gesehen beim Rundgang der HfbK (2)

Die Video-Installation Untitled (Haul) von Malte Stienen

Die erste Arbeit, an der ich beim Rundgang der HfbK länger hängen geblieben bin, trägt den Titel Untitled (Haul). Sie besteht aus zwölf Flatscreens, einem Computer und einem Laufband (nicht im Bild). Auf den Bildschirmen laufen unterschiedliche Videos, die der Computer automatisch bei YouTube abruft. Es handelt sich dabei um die zuletzt hochgeladenen Videos zum Suchbegriff »Haul«. Zeitgleich zeigt das Laufband die Titel der Videos.

Moment, was sind Haul-Videos? Hier, Wikipedia:

Bei diesen Videos stellen hauptsächlich weibliche, jüngere Personen kürzlich gekaufte Kosmetikartikel und Kleidung, oft auch modische Accessoires vor. Dabei beschreiben sie die gekauften Produkte, Herkunft, Preis und betten dies oftmals in einen kleinen Erlebnisbericht ein, der rund um das Shoppingerlebnis zustande gekommen ist. Neben Fashion-Haul gibt es auch Food-Haul-Videos, in denen gerade eingekaufte Lebensmittel vorgestellt werden.

Haul-Videos sind also sowas wie Unboxing-Videos ohne Box: Ein massenkulturelles Phänomen, dessen Potential wohl kaum ein Medienschaffender erahnt hätte – bis diese Videos plötzlich auf YouTube auftauchten, tausendfach, mit Abrufen, die teilweise in die Millionenhöhe gehen, wie Malte Stienen erklärt, der Untitled (Haul) gebaut hat.

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Sklavenarbeit im Schanzenviertel:

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Abb. 1-3: Graffiti an der Bushaltestelle Bernstorffstraße in Hamburg

Eine originelle – wie sagt man? – urbane Intervention ist derzeit an einer Bushaltestelle im Schanzenviertel zu sehen. Die Totenköpfe sind so auf die Scheibe vor den rotierenden Werbeplakaten gemalt, dass sie die Gesichter der Models verdecken, die hier für Billigkleider von C&A und Mango werben. Daneben steht: »Made from Slaves!«

Die Präposition »from« statt »by« ist natürlich falsch, aber erstens ist das mit der englischen Rechtschreibung eh so eine Sache und zweitens hat man als Graffiti-Künstler manchmal einfach nicht viel Zeit

Dass sich dieses Adbusting ausgerechnet gegen C&A und Mango wendet, ist wohl kein Zufall: Die Kampagne für Saubere Kleidung wirft Mango vor, in Bangladesch Fabriken zu nutzen wie jene, bei deren Einsturz im Mai mehr als tausend Menschen getötet wurden. Beim Brand in einer Fabrik von C&A sind im vergangenen Jahr ebenfalls in Bangladesch mehr als hundert Menschen gestorben.

Womöglich wurde der Urheber auch von der Website Slavery Footprint inspiriert.

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Kapitalismustheorie & Duschgel: Über Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung

Wolfgang Ullrichs Buch "Alles Nur Konsum" (CC-photo by Oskar Piegsa)

Abb.: Warenensemble mit Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum, das kürzlich im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist

Bücherwand, Hauskonzert, Kunstbesitz: Wenn Wolfgang Ullrich zum Abendessen kommt, könnte das alles nutzlos sein. Denn um den Geschmack seiner Gastgeber zu prüfen wird der Karlsruher Kunstwissenschaftler wohl zuerst auf etwas anderes schauen: auf den Pfefferstreuer.

Das legt zumindest Alles nur Konsum nahe, Ullrichs neues Buch, das mit einer provokanten Absage an die Konsumkritik in der Tradition Theodor W. Adornos beginnt. Marketing ist nur Täuschung und Shopping bloß eine primitive Tätigkeit? Nein, schreibt Ullrich:

Im Gegenteil kann Konsumieren eine Kulturtechnik sein wie Lesen; die Wahl der jeweils richtigen Pfeffermühle ist genauso ein Ausweis von Geschmack und Urteilskraft wie die Entscheidung für die Lektüre eines bestimmten Buches.

Tausende Manufactum-Kunden werden es ihm danken.

Friedrich Schiller verfasste einst seine Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Im Untertitel seine Buches orientiert sich Wolfgang Ullrich an der Formulierung des Dichters. Dennoch erzählt seine Kritik der warenästhetischen Erziehung kaum von Religion, Kunst und Literatur, sondern fast ausschließlich von trivialen Dingen: von Duschgels, Brotaufstrichen und Notizblöcken.

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Über die Sehnsucht nach den »good sixties« – und über Ted Herold & Lill Babs Song »Wir jungen Leute« (1962)

Video: Ted Herold & Lill Babs – Wir jungen Leute

»Wir jungen Leute« von Ted Herold und Lill Babs wurde im Jahr 1962 veröffentlicht – und wirkt fünfzig Jahre später, als ich es zufällig bei YouTube entdecke, wie ein Artefakt aus einer vergangenen Zivilisation.

Der Song beschwört den internationalen Hedonismus: Spritztouren nach Verona, Abstecher nach Portugal. Die in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgewachsenen deutschen Jugendlichen stehen laut dem Songtext auf die Musik der früheren Feinde – »heiße Musik« aus Amerika, Chansons aus Frankreich – und haben Idole, die den Nazivätern kaum gefallen dürften. Den schwarzen Louis Armstrong etwa. Und die mondäne Jackie Onassis. »Die Jugend ist international«, heißt es im Song. Und in einer Geste, die Länder- und Kulturgrenzen lässig beiseite wischt: »Wir haben alle die gleichen Träume.«

Wenn man »Wir jungen Leute« heute, im Eurokrisenjahr 2012, covern würde, müsste man wohl eher singen: »Wir haben alle die gleichen Sorgen« – und selbst das wäre gelogen, denn obwohl die Krise langsam auch in Deutschland ankommt, ist sie hier im Alltag doch immer noch viel weniger spürbar als etwa in Spanien oder Griechenland (und wohl auch Portugal oder Italien, um im Bild des Songtexts zu bleiben). Heute müsste man eine inhaltlich aktualisierte Version von »Wir jungen Leute« vielleicht aus der Sicht eines Spaniers singen, der vor der Arbeitslosigkeit nach Deutschland flüchtet, nachmittags Sprachkurse im Goethe-Institut besucht und nachts in der internationalen Schlange vor dem Berghain steht. Arbeitsmigration meets Easy-Jetset, soviel Hedonismus darf sein.

Umso mehr interessiert mich, wie »Wir jungen Leute« im Jahr 1962 gewirkt hat. War das ein realitätsverleugnender Schlager? Oder ein sanfter – und kommerziell gebändigter – Ausdruck einer Sehnsucht nach Hedonismus und Internationalismus, die sich einige Jahre später in Gegenkultur und Studentenbewegung Bahn brechen sollte?

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