Ist Gewalt okay, um die Menschheit zu retten?

Ist der Einsatz von Gewalt zulässig, um die Klimakatastrophe zu bremsen? Ja, sagt Andreas Malm, Human-Ökologe an der Uni Lund in Schweden und Autor (z.B. Wie man eine Pipeline in die Luft jagt,2020). Und, mehr noch: Gewalt sei nicht nur zulässig, sondern aus taktischen Gründen geboten. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT erläutert er seine Position.

Malm argumentiert, dass längst Gewalt eingesetzt werde, sinngemäß »strukturelle«, »systemische«, »institutionelle« Gewalt, der er individuelle Gewaltakte entgegensetzen will (»ausschließlich Gewalt gegen Sachen«, betont er).

Die Argumentation erinnerte mich an ältere Debatten, zum Beispiel in der afrikanisch-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Kwame Ture und Charles V. Hamilton machten in den späten 1960er-Jahren den Begriff des »institutional racism« bekannt. Sie  schrieben in ihrem Buch Black Power. The Politics of Liberation:

When white terrorists bomb a black church and kill five black children, that is an act of individual racism, widely deplored by most segments of society. But when in that same city – Birmingham, Alabama – five hundred black babies die each year because of the lack of proper food, shelter and medical facilities, and thousands more are destroyed and maimed physically, emotionally and intellectually because of conditions of poverty and discrimination in the black community, that is a function of institutional racism.

Ähnlich argumentiert nun Malm, der sagt, »SUVs, Jachten, Vielfliegerei, mehrere Wohnsitze: Diese Arten von Konsum sind Gewaltakte.« Er führt das so aus:

Ich weiß, dass wir üblicherweise anders denken. Die Tötung von George Floyd etwa: Da hat man einen Polizisten, der direkte zwischenmenschliche Gewalt anwendet. Das Problem der Gewalt der Klimakrise ist: Sie geschieht nicht von Angesicht zu Angesicht. Wir werden nie einen achtminütigen Videoclip sehen, wo der Chef einer Ölfirma einen mosambikanischen Bauern erwürgt. Wir haben eine über die Atmosphäre vermittelte Gewalt, und wir sind nach wie vor in dem Denken befangen, dass sich die Verfeuerung von fossilen Brennstoffen in Luft auflöst, folgenlos bleibt, solange wir die Folgen nicht sehen. Und die spielen sich am stärksten fern von den Verursachern ab, im globalen Süden.

Von dieser Analyse muss man nicht zwangsläufig zur Legitimierung von »Gegengewalt« kommen. Ture und Hamilton etwa schlugen in Black Power gewaltfreie Ansätze der Gegenwehr vor. Und als ich irgendwann vor der Pandemie einen Vertreter des deutschen Ablegers von Extinction Rebellion bei einer Diskussionsveranstaltung erlebte, sprach dieser sich entschieden gegen Anschläge und Sabotageaktionen aus, weil er meinte, dass diese moralisch falsch und zudem taktisch unklug seien – wenn Massenmobilisierung das Ziel sei, könne man nicht auf Gewalt setzen, die viele Leute abschrecke.

Andreas Malm sieht das anders. Weiterlesen auf Piqd.de … (wo dieses Posting zuerst erschienen ist).

Schöner leben in der Klimakatastrophe

Wie könnte unser Leben in der Klimakatastrophe aussehen? In den 1980er-Jahren zeichnete Robert Crumb drei Zukunftsszenarien als Epilog für seinen Comic A Short History of America.

Crumb unterschied:

  1. »Worst Case Scenario: Ecological Disaster«, in diesem Szenario ist die Erde ein verdorrter Planet, in dem von der menschlichen Zivilisation nur Ruinen bleiben, bitte schauen Sie hier.
  2. »The Fun Future: Techno-Fix on the March!« In dieser zukünftigen Welt leben die Menschen in Häusern, die an die futuristische Architektur der 1970er-Jahre erinnern, und reisen mit fliegenden Autos. Das ist hier zu sehen.
  3. »The Ecotopian Solution«, in der Menschen in Baumhäusern und Blockhütten im Wald leben, statt Auto nur noch Fahrrad fahren und regionale Produkte an Marktständen kaufen. Klickidiklick.

Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Birgit Schneider, die an der Uni Potsdam zu visuellen Darstellungen des Klimawandels forscht, bewertet diese drei Zeichnungen Crumbs in ihrem Buch Klimabilder als »prototypische Zukunftsvisionen«. Sie sind demnach nicht bloß Ausdruck eines individuellen Künstlergeistes, sondern exemplarisch für kollektive Ängste und Fantasien.

(Vor zwei Jahren wurde Schneider von Daniel Erk für ZEIT CAMPUS interviewt, ich habe das damals als Chefredakteur in Auftrag gegeben und bin deshalb völlig biased, würde aber behaupten: Das ist eine lesenswerte Einführung in ihr Denken und Forschen.)

Obwohl Crumbs Zeichnungen bereits rund 40 Jahre alt sind und man das ihrem Stil auch ansieht, wirken sie inhaltlich noch aktuell. Die BefĂĽrchtung, der Klimawandel könne zum ökologischen Desaster fĂĽhren, ist aktueller denn je. Und fĂĽr den »Techno-Fix« in Reinform steht heute Elon Musk: Sportwagen verbrauchen zu viel klimaschädigendes Benzin? OK, dann betreiben wir sie doch mit Strom! Die StraĂźen der Städte ersticken am Stau? Na, dann bohren wir doch einfach Tunnel! Die Erde könnte trotzdem zu Grunde gehen? Schade, aber wie wär’s mit Leben auf dem Mars?

Das einzige Szenario, das nicht so gut gealtert ist, ist die »Ökotopie«. Weiterlesen „Schöner leben in der Klimakatastrophe“

Darf man heute noch Kinder wollen?

Wenn es um Klimaschutz geht, dann ist Fleischessen schlim, fliegen ist noch schlimmer, aber am schlimmsten ist es, eine Familie zu gründen. Das habe ich im vergangenen Jahr immer wieder gehört: In Talkshows und Zeitschriften meldeten sich Frauen zu Wort, die den Verzicht auf eigene Kinder als größtmöglichen Beitrag zum Klimaschutz bezeichnen.

Ich bin Vater von zwei Kindern und deshalb völlig befangen, aber ich halte diese Behauptung für moralisch fragwürdig und taktisch unklug – um es mal diplomatisch zu formulieren.

Wenn wir ernsthaft anfangen, Menschenleben mit Konsumentscheidungen zu verrechnen, nützt das nur kinderlosen SUV-Fahrern, die dreimal im Jahr nach Madeira jetten (»Alles halb so schlimm, ich hab’ keine Blagen in die Welt gesetzt!«). Die Keine-Kinder-aus-Klimagründen-Fraktion sabotiert ihr Anliegen, indem sie ihre Gegner*innen stärker macht.

Und, indem sie potentielle Verbündete verprellt. Denn wäre es nicht klüger, davon auszugehen, Kinder seien beste Klimapädagogik?

Weiterlesen drĂĽben bei Piqd.

Post-apokalyptische Landschaftsbilder

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In Australien brennt der Wald, im Amazonas, in Kalifonien — und im Harz sahen die Baumkronen im letzten Sommer auch nicht überall gut aus. 🔥

Es passt also, dass der Künstler Andreas Greiner als Kaiserring-Stipendiat gerade eine Etage im Goslarer Mönchehaus Museum mit Bildern post-apokalyptischer Wälder bespielt. Zumal die Brände (und die verdorrten Fichten auf den Bergkämmen) ja nur Symptom des Artensterbens sind, für das es abseits der Pressefotos von Feuerwalzen noch kaum eindringliche Bilder gibt.

Wie macht man Biodiversitätsverlust sichtbar? Greiner versucht es so: Er füttert eine KI mit Fotos europäischer Urwälder und lässt die Software neue Waldbilder kreieren. So sieht eine Zukunft aus, in der Wälder nur noch im Computer wachsen: irgendwie falsch. Ein zweiter Ansatz: Greiner zerlegt einen Mischwald in seine pflanzlichen Einzelteile, Farne, Gräser, Setzlinge, die künstlich bewässert in Plastiksäcken wie auf einer Raumstation wachsen. Man sieht bei ihm nicht das Sterben, aber dafür sieht man, was in absehbarer Zeit verloren gegangen sein könnte.

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Man kommt nicht alle Tage nach Goslar, aber die Ausstellung Signs of Life (noch bis 26. Januar) ist sehenswert. Auch, weil Greiner die Räumlichkeiten dieses Museums im Fachwerkhaus ziemlich smart nutzt: Die niedrigen Decken und sichtbaren Balken wirken zusammen mit den nun greenscreengrün gestrichenen Wänden wie ein Studio — der perfekte Rahmen für diese deprimierenden Simulationen.

Green No Deal: Wenn Unternehmen fĂĽr weniger Konsum werben

Sozialexperiment: fast 62 % zahlen zu wenig fĂĽr Bio Produkte

Ah, Werbung und Marketing in Zeiten des Klimawandels. Gibt es etwas Spannenderes?

Die Biomarktkette Bio-Company wirbt – siehe das PR-Foto oben – seit einiger Zeit mit dem Slogan »Kauf weniger« und macht damit auf sich aufmerksam: »Kauf weniger, aber bitte bei uns!«. Ich bin gespannt, ob das aufgeht. (Mehr Infos zur Werbekampagne hier.)

Ich muss dabei an mein altes Fairphone denken, das bei seiner Einführung von dem Hinweis begleitet wurde, das fairste Handy sei immer jenes, welches man bereits besitze. Das ist natürlich sachlich korrekt, wurde als freundlicher Hinweis aber aufgegeben, als es schlagartig keine Updates mehr für das ansonsten noch solide funktionierende Fairphone 1 gab und die Spam-Mails anfingen, man möge sich jetzt doch bitte endlich ein Fairphone 2 kaufen.

Und jetzt: Ein neues Magazin aus der Brigitte– Familie! Brigitte Be Green. Titelzeile der ersten Ausgabe: »Macht Verzicht glĂĽcklich? Ja!« (hier der Link zum Cover). Was natĂĽrlich eine Einladung ist, das Heft nicht zu kaufen und auszuprobieren, ob die Redaktion recht hat.

Ich kann berichten: Ich sitze zu Hause, nachdem ich das Magazin im Sinne seiner Titelgeschichte sehr bewusst nicht gekauft habe, aber richtig glücklich bin ich nicht. Denn ich hätte doch ganz gerne gewusst, was für Anzeigen in dem Heft gedruckt sind. Bio Company? Fairphone? Das allein plus keine Leser ist womöglich nachhaltig, aber kein nachhaltiges Business.

Womöglich zeigt sich also bei Bigitte und Bio-Company wie beim Fairphone: Kein Konsum ist gut fürs Klima, aber keine Grundlage für unternehmerischen Erfolg.

Foto: obs/Dorothea Tuch fĂĽr BIO COMPANY, Nutzung kostenfrei, via Presseportal.de

Die Vernunft der Vortragsredner

Ist Greta Thunbergs Reise mit einem Segelboot ĂĽber den Atlantik Unsinn, wie manche Leute gerade sehr energisch behaupten?

Nicht unsinniger als das, was sonst Alltag ist, schreibt Peter Unfried in der taz:

Indirekt bringt die Reise zutage, was wir für Vernunft halten. Etwa: Ergibt es Sinn, für einen 20-­Minuten-Vortrag irgendwohin zu fliegen? Selten. Die meisten fliegen dennoch. Man weiß ja nie. Niemals würde man für einen sinnlosen Vortrag zwei Wochen lang segeln. Also redet man sich ein, dass es vernünftig ist, sinnlos zu fliegen. Das sind wir.

Den ganzen Text gibt es hier (kostenlos).

Greta Thunberg und die kindischen Erwachsenen

Es scheint eine besondere Provokation zu sein, wenn sich Kinder und Teenager politisch äußern. Manche Erwachsene reizt das offenbar derartig, dass sie die Fassung verlieren – und jene Reife und höhere Einsicht, die sie den Jüngeren absprechen. Sexualisierte Beschimpfungen, Bestrafungsphantasien, Drohungen, Übergriffe: Selbst wenn man die Ziele der Bewegung um Greta Thunberg nicht teilt und Schulstreiks für zweifelhaft oder unangebracht hält, müssen einen solche Reaktionen schockieren.

Tobias RĂĽther heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Link zum Volltext)

Neuer Podcast: Warum die Hitzewelle bereits der Klimawandel ist

Auf einen Cold Brew (deutsch: kalte BrĂĽhe) mit Stefan Schmitt, dem stellvertretenden Leiter des „Wissen“-Ressorts der ZEIT.

FĂĽr den ZEIT-Podcast „Hinter der Geschichte“ sprachen wir ĂĽber die aktuelle Hitzewelle. Und ĂĽber die Frage, ob das da drauĂźen bereits der Klimawandel ist.

Lessons learned:
1) Ja, ist es.
2) Trotzdem tut sich wenig, auch im vermeintlichen Klimaretterland Deutschland. Stefan: „Wir zahlen gerade auf mehr Extremwetter und generell auf mehr Unsicherheit in der Zukunft ein.“ Und das, obwohl schon die letzten zwanzig Jahre fĂĽr den Klimaschutz verschwendete Zeit gewesen sein.
3) Liegt im extraheiĂźen Sommer auch die Chance fĂĽr einen Bewusstseinswandel und fĂĽr politische Aktion, weil wir jetzt spĂĽren, was bisher abstraktes, statistisches Wissen war? Stefan: „Wäre toll.“
4) Optimistisches Schlusswort: entfällt.

Nachzuhören gibt es das ab sofort: online unter freunde.zeit.de, in der ZEIT-App, auf Spotify und an vielen anderen Orten, an denen es Podcasts gibt.

Die neue ZEIT CAMPUS

»Ich kann nur unter Stress gut arbeiten«, sagen viele und zögern die Abgabe von Hausarbeiten oder Bewerbungen bis zum letzten Moment hinaus. Ehrlich gesagt: Auch wir in der ZEIT CAMPUS-Redaktion sind mit unserem neuen Heft erst spät fertig geworden. Ist das ein Problem?

Unsere Kollegin Josefa Raschendorfer hat fĂĽr unsere Titelgeschichte darĂĽber mit Psychologen und professionellen Nichtstuern gesprochen. Jetzt sind wir beruhigt. Denn Josefa sagt: Prokrastinieren ist Mist, aber Pausenmachen wichtig.

Die neue Ausgabe gibt es (zusammen mit einem Extraheft über den Klimawandel) ab sofort überall im Zeitschriftenhandel, in Mensen und Uni-Cafeterien von mehr als hundert deutschen Studentenstädten sowie online hier.

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