Schlafen gegen das System!

Eine Notiz zu John Crary und seinem Buch »24/7«

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Die größte Provokation für den modernen Menschen ist, dass er sterben muss. So in etwa formulierte das der Philosoph John Gray in seinem Buch Wir werden sein wie Gott (ich habe hier darüber geschrieben). Der Tod erinnere uns daran, dass wir daran gescheitert seien, uns völlig von der Natur zu emanzipieren und die Welt gänzlich unserem Willen untertan zu machen.

»Sleep is the cousin of death«, wissen wir dank Nas, und was der Tod für die Moderne ist, das ist der Schlaf für den Kapitalismus. So könnte man zumindest mit dem Kunstwissenschaftler Jonathan Crary argumentieren, Autor des Buches 24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus.

Das Buch ist schon einige Jahre erhältlich, sein Thema erlangte aber in diesem Sommer eine gewisse Brisanz, als im Vorfeld des G20-Gipfels in Hamburg darüber diskutiert wurde, ob die Stadt es auswärtigen Gipfelgegnern verbieten darf, in Protestcamps auf öffentlichen Grünflächen zu schlafen (es ging zuletzt tatsächlich nicht darum, ob man die Camps verbieten darf, sondern das Schlafen in den Camps).

Gegen das Schlafen von Gipfelgegnern im Park gab es zwei Einwände. Erstens das pragmatische Argument, dass von den Campus militante Aktionen ausgehen würden (das hat sich laut Polizeiangaben bewahrheitet). Und zweitens das kategorische Argument, dass der Staat zwar die Versammlungsfreiheit zu wahren habe, dass schlafend im Camp jedoch keine politische Meinungsäußerung möglich sei.

Ist Schlafen unpolitisch? Jonathan Crary würde widersprechen. Er schreibt:

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»Der Kapitalismus ist so untot wie ein Zombie«, sagt der linke Theoretiker Michael Hardt im ZEIT CAMPUS-Interview

Occupy Zombies (CC-Photo by Timothy Krause)

Abb.: Zombie Crawl im Zuge der Occupy Wall Street-Proteste in New York. Foto von Timothy Krause (CC, via Flickr)

Okay, Fotobeweis: Michael Hardt hat sich das mit den Zombies und dem Kapitalismus nicht ausgedacht. Wie die Abbildung zeigt, war diese Metapher auch schon bei den Damen und Herren von Occupy Wall Street gebräuchlich. Und ja, es gibt eindrucksvollere Fotos von New Yorker Zombie Crawls (zum Beispiel hier).

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Mein Interview mit Michael Hardt, in dem dieser Satz gefallen ist, kann man seit einigen Tagen auch online lesen. Für kein Geld, also annähernd unkapitalistisch. Wer mag, findet es auch in der gedruckten Ausgabe von ZEIT CAMPUS. Print ist ja im Grunde ebenfalls so untot wie ein Zombie.

Sklavenarbeit im Schanzenviertel:

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Abb. 1-3: Graffiti an der Bushaltestelle Bernstorffstraße in Hamburg

Eine originelle – wie sagt man? – urbane Intervention ist derzeit an einer Bushaltestelle im Schanzenviertel zu sehen. Die Totenköpfe sind so auf die Scheibe vor den rotierenden Werbeplakaten gemalt, dass sie die Gesichter der Models verdecken, die hier für Billigkleider von C&A und Mango werben. Daneben steht: »Made from Slaves!«

Die Präposition »from« statt »by« ist natürlich falsch, aber erstens ist das mit der englischen Rechtschreibung eh so eine Sache und zweitens hat man als Graffiti-Künstler manchmal einfach nicht viel Zeit

Dass sich dieses Adbusting ausgerechnet gegen C&A und Mango wendet, ist wohl kein Zufall: Die Kampagne für Saubere Kleidung wirft Mango vor, in Bangladesch Fabriken zu nutzen wie jene, bei deren Einsturz im Mai mehr als tausend Menschen getötet wurden. Beim Brand in einer Fabrik von C&A sind im vergangenen Jahr ebenfalls in Bangladesch mehr als hundert Menschen gestorben.

Womöglich wurde der Urheber auch von der Website Slavery Footprint inspiriert.

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Kapitalismustheorie & Duschgel: Über Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum. Kritik der warenästhetischen Erziehung

Wolfgang Ullrichs Buch "Alles Nur Konsum" (CC-photo by Oskar Piegsa)

Abb.: Warenensemble mit Wolfgang Ullrichs Buch Alles nur Konsum, das kürzlich im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist

Bücherwand, Hauskonzert, Kunstbesitz: Wenn Wolfgang Ullrich zum Abendessen kommt, könnte das alles nutzlos sein. Denn um den Geschmack seiner Gastgeber zu prüfen wird der Karlsruher Kunstwissenschaftler wohl zuerst auf etwas anderes schauen: auf den Pfefferstreuer.

Das legt zumindest Alles nur Konsum nahe, Ullrichs neues Buch, das mit einer provokanten Absage an die Konsumkritik in der Tradition Theodor W. Adornos beginnt. Marketing ist nur Täuschung und Shopping bloß eine primitive Tätigkeit? Nein, schreibt Ullrich:

Im Gegenteil kann Konsumieren eine Kulturtechnik sein wie Lesen; die Wahl der jeweils richtigen Pfeffermühle ist genauso ein Ausweis von Geschmack und Urteilskraft wie die Entscheidung für die Lektüre eines bestimmten Buches.

Tausende Manufactum-Kunden werden es ihm danken.

Friedrich Schiller verfasste einst seine Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Im Untertitel seine Buches orientiert sich Wolfgang Ullrich an der Formulierung des Dichters. Dennoch erzählt seine Kritik der warenästhetischen Erziehung kaum von Religion, Kunst und Literatur, sondern fast ausschließlich von trivialen Dingen: von Duschgels, Brotaufstrichen und Notizblöcken.

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