Schlafen gegen das System!

Eine Notiz zu John Crary und seinem Buch »24/7«

Die größte Provokation für den modernen Menschen ist, dass er sterben muss. So in etwa formulierte das der Philosoph John Gray in seinem Buch Wir werden sein wie Gott (ich habe hier darüber geschrieben). Der Tod erinnere uns daran, dass wir daran gescheitert seien, uns völlig von der Natur zu emanzipieren und die Welt gänzlich unserem Willen untertan zu machen.

»Sleep is the cousin of death«, wissen wir dank Nas, und was der Tod für die Moderne ist, das ist der Schlaf für den Kapitalismus. So könnte man zumindest mit dem Kunstwissenschaftler Jonathan Crary argumentieren, Autor des Buches 24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus.

Das Buch ist schon einige Jahre erhältlich, sein Thema erlangte aber in diesem Sommer eine gewisse Brisanz, als im Vorfeld des G20-Gipfels in Hamburg darüber diskutiert wurde, ob die Stadt es auswärtigen Gipfelgegnern verbieten darf, in Protestcamps auf öffentlichen Grünflächen zu schlafen (es ging zuletzt tatsächlich nicht darum, ob man die Camps verbieten darf, sondern das Schlafen in den Camps).

Gegen das Schlafen von Gipfelgegnern im Park gab es zwei Einwände. Erstens das pragmatische Argument, dass von den Campus militante Aktionen ausgehen würden (das hat sich laut Polizeiangaben bewahrheitet). Und zweitens das kategorische Argument, dass der Staat zwar die Versammlungsfreiheit zu wahren habe, dass schlafend im Camp jedoch keine politische Meinungsäußerung möglich sei.

Ist Schlafen unpolitisch? Jonathan Crary würde widersprechen. Er schreibt:

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Fünf (plus fünf) Bücher des Jahres 2012

Spontan & schmerzfrei: Einige Bücher, ohne die das Jahr für mich ganz anders verlaufen wäre. An die ich mich auch 2013 noch erinnern werde. Und die ich ohne Einschränkungen weiterempfehle.

1. Ein Roman, von dem Freunde sagen »Das ist nie und nimmer eines der Bücher des Jahres!«:
Michael Muhammad Knight – Taqwacore (bei Rogner & Bernhard, hier meine Rezension)

2. Der einzige Roman auf der Buchpreis-Shortlist, den ich freiwillig & gern gelesen habe:
Ulf Erdmann Ziegler – Nichts Weißes (bei Suhrkamp)

3. Der ausgezeichnete Debütroman des Jahres:
Olga Grjasnowa – Der Russe ist einer, der Birken liebt (bei Hanser, hier unsere Jury-Begründung)

4. Ein großartiger Essay, den zu viele Leute noch nicht gelesen haben:
Emmanuel Carrère – Limonow (bei Matthes & Seitz Berlin, hier meine Rezension)

5. Ein lesenswertes Sachbuch zu einem Thema, von dem ich jetzt schon nichts mehr wissen will:
John Gray – Wir werden sein wie Gott (bei Klett-Cotta, hier meine Rezension)

Außerdem unvergessen & unsortiert: John Jeremiah Sullivan – Pulphead (bei Suhrkamp), Katja Kullmann – Rasende Ruinen. Wie Detroit sich neu erfindet (bei Suhrkamp), Beatriz Preciado – Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im Playboy (bei Wagenbach), Christian Kracht – Imperium (bei Kiepenheuer & Witsch), Mark Greif (Hrsg.) – Hipster. Eine transatlantische Diskussion (bei Suhrkamp)

Das wird im nächsten Jahr schlechter: Ich werde nicht mehr als nervöser Fanboy im Kölner Literaturhaus zwischen Mark Greif und Diedrich Diederichsen sitzen und so tun, als würde ich die beiden moderieren.

Das wird im nächsten Jahr besser: Ich werde nicht mehr in jeder zweiten Verlagsvorschau den blöden und unbegründeten Satz lesen »Dieses Buch könnte die Bibel der Occupy-Bewegung werden!«

Das ist an dieser Liste unseriös: 1. Sie schafft nicht die Frauenquote von mehr als 30 Prozent. 2. Im Dezember kommen auch noch Bücher raus (aber die lese ich eh erst im Januar) 3. Bitte in die Kommentare schreiben

Trendthema Tod: Das Interesse am Sterben in Kino, Medien & Pop. Außerdem: John Grays neues Buch über die Todesverdrängung

Abb.: Als das letzte Mal der Tod in mein Leben kam, sah das so aus.

Im Kino, im Pop, in den Medien: Überall wird dieser Tage das Sterben thematisiert.

Im Kino: Ich meine nicht den neuen Bondfilm. Ich meine das Drama Liebe von Michael Haneke, bei dem man zwei Stunden lang einer Frau beim Sterben zusieht. Oder Shut Up And Play The Hits, den tollen neuen Konzertfilm über LCD Soundsystem, dessen permanenter Subtext die ablaufende Lebenszeit seines Protagonisten ist.

Im Pop: Ich meine nicht die Folkloristen der Finsternis im Gothic oder Heavy Metal. Ich meine das neue Album von Tocotronic, das am 25. Januar 2013 erscheint und mit einer Zeile über das baldige Alt- und Kaltwerden von Sänger Dirk von Lowtzow eröffnet wird. Und das Interview des Fotografen Wolfgang Tillmans mit den Pet Shop Boys in der Winterausgabe der Zeitschrift 032c: Drei Künstler, deren bekanntesten Arbeiten das pralle Leben zeigen und besingen, das Raven, das Ficken und die Konsumkultur, sprechen über das Sterben. Die neue Platte der Pet Shop Boys heißt Elysium, nach dem mythologischen Totenreich.

In den Medien: Ich meine nicht Berichte über den nahenden Weltuntergang (sei es durch den Klimawandel oder den Mayakalender oder das Internet). Ich meine die aktuelle Ausgabe von Kulturaustausch, jener Zeitschrift, bei der ich im vergangenen Jahr zum Redakteur ausgebildet worden bin und die jetzt »Vom Sterben« berichtet. Und das neue Wissen-Heft des Spiegels über das »Abschied nehmen«. Und »Leben mit dem Tod«, die Themenwoche in der ARD, die bald anläuft und beworben wird mit dem Slogan: »Sie werden sterben«. Äh, besten Dank für die Info.

Was ist da los? Bilde ich mir das nur ein? Oder woher kommt das plötzliche und breite Interesse, über die eigene Sterblichkeit zu sprechen? Das kann doch nicht nur am Herbst liegen?!

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