Lindenbergismus

Kurze Begriffsdefinition vorweg: Der Lindenbergismus ist keine Ideologie, sondern ein ästhetischer Effekt. Oder, halt, noch mal neu! Der Lindenbergismus ist keine Ideologie, sondern eine Udo-logie. Haha! Ähem.

Jedenfalls: Dass vor etwa zwei Jahren Udo Lindenberg auf einmal wieder in aller Munde und ein positiver Bezugspunkt jüngerer Kulturschaffender war, hat mich überrascht. Jan Delay mochte Udo, das wusste man (»immer auf der Hut, Udo darunter«, etc.). Max Herre mochte Udo, das war ebenfalls verbrieft (»ansonsten gab’s für uns nur Udo«, etc.). Ansonsten, so war mein Eindruck, herrschte stillschweigendes Einvernehmen, den Altrocker (Eben! Schon dieses Wort: Altrocker!) panne zu finden. Zumindest bis circa 2016.

Denn dann mochte auf einmal Benjamin von Stuckrad-Barre öffentlich und offensiv Udo (und machte ihn zum wichtigsten Nebendarsteller in seiner Autobiografie Panikherz) und wer Stuckrad-Barre mochte, mochte Udo auch. Das waren nicht wenige. Der Linderbergismus grassierte. Aus uncool wurde cool, oder so ähnlich.

2018 zieht der Lindenbergismus weitere Kreise: Hamburgs, nein, Deutschlands HipHop-, nein, Pop-Hoffnung Haiyti (ich folge hier der Einschätzung des geschätzten Kollegen Haas und der vielen, die bei ihm abschreiben) wollte, wie man hört, Lindenberg für ein Feature auf ihrer gerade erschienenden Platte Montenegro Zero gewinnen. Das hat nicht geklappt, aber einer der besten Songs auf dem Album, American Dream, ist auch ohne Udo purer Lindenbergismus.

Und dann spült YouTube plötzlich dieses zwanzig Jahre alte Video von Bernd Begemann an und ich frage mich beim Anschauen: Klingt der da etwa auch wie Udo Lindenberg (wenn er spricht, nicht wenn er singt)? Kommt mir das nur so vor? Werde ich paranoid?

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Jan Delay: Cloud Rap/Trap ist wie Punk

Klar: Weil Virtuosität jetzt so zertrümmert wird wie 1977.

Jan Delay neulich im Interview mit Zeit Campus:

ZEIT Campus: Alle reden gerade über Cloud-Rap. Warum habt ihr nicht einen Song mit LGoony oder Yung Hurn aufgenommen?

Delay: LGoony ist noch okay, aber Cloud-Rap ist kulturhistorisch einfach genau das, was Punkrock Mitte der Siebziger war. Im Rock hatten sie alles schon mal gespielt. Auch 15 minütige Gitarren-Soli. Musiker konnten da nichts mehr draufsetzen und haben dann einfach alles zerstört. Das ist der neue Style. Aber das überlebt keine zehn Jahre, da kannst du nichts mit Substanz draus herstellen. Das schaffen nur wenige, wie The Clash damals. Meinetwegen ist LGoony wie The Clash. Aber Yung Hurn setzt in zehn Jahren keine Emotionen mehr frei.

Lars Weisbrod führt den Gedanken im Feuilleton der Zeit jetzt etwas weiter aus (Ausgabe 4/2017, leider nicht online doch, jetzt, hier!):

Punk ist eine Frage der Form. Zum Jubiläum [40 Jahre nach dem Punkjahr 1977, Anm. O.P.] könnte man auch daran erinnern, dass es vor vierzig Jahren nicht zuletzt das unerträgliche Maß an Könnertum in der Rockmusik war, dem man etwas entgegensetzen wollte. Dem Deutschrap geht es heute nicht anders. Es dominieren die ultraschnellen, sprachlich und reimtechnisch extrem gewitzten, vier- bis fünffachbödigen Kreuzworträtsel-Rapper. So etwas ruft Widerspruch hervor, den Wunsch nach kreativer Zerstörung.

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Dockville: Dieses Wochenende Kunst, nächstes Wochenende Musik

Abb. 1: Das Terrafon auf dem Dockville-Gelände

Nur noch bis Sonntagabend läuft die Open-Air-Kunstausstellung auf dem Gelände des Dockville-Festivals in Hamburg-Wilhelmsburg. Gezeigt werden skulpturale Arbeiten, die sich oft mit Musik beschäftigen und noch öfter mit Raumerfahrungen. Ein besonders eindrucksvolles Ausstellungsstück verbindet beide Themenfelder: Das Terrafon aus Olle Cornéers und Martin Lübckes Arbeit »Harvest« ist ein Pflug mit angebautem Tontrichter, der (wie eine Nadel in der Vinylrille) die Beschaffenheit des Erdbodens hörbar macht. Gezeigt wird neben dem Terrafon selbst auch ein Video des Geräts in Aktion an selber Stelle (s. Abb. 2).

Sonntagabend ist ab 17 Uhr die Finissage der öffentlichen Kunstausstellung angesetzt, mit Live-Konzerten der Bands Grinning Tree, Trouble vs. Glue und Terrible Eagle. Danach rücken die Montage-Teams und Bierwagen an und bauen Bühnen und Infrastruktur für das Dockville-Musikfestival, das am kommenden Freitag beginnt. Dann spielen unter anderem Jan Delay, Wir sind Helden und Klaxons vertrautere Klänge als das Terrafon.

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Best of 2009! Zehn Lieblingslieder aus zirka 300 Tagen. Mit: Peaches, La Roux, Mittekill, Ja Panik und anderen.

Draußen wird es kalt, drinnen laufen die Kühler und Antriebsriemen heiß. Denn: Die ersten Spekulatius sind serviert und es ist Zeit, das Jahr Revue passieren zu lassen. Zeit, nochmals die Lieblingslieder der letzten Monate zu hören. Und: Zeit, einander mit Best-of-2009-Listen totzunerden. Hier ist meine.

Einige dieser Lieder halte ich für zeitlos, andere sind in fünf Jahren vielleicht komplett uninteressant. Auf manche wäre ich nicht aufmerksam geworden, wenn ich die Bands nicht zufällig live gesehen hätte oder ihnen im Zuge meiner Arbeit für die Spex und den Zuender (R.I.P.) begegnet wäre — zig andere tolle Lieder habe ich in diesem Jahr übersehen, weil genau das nicht passiert ist. Insofern ist die Auswahl schamfrei subjektiv, ergänzungswürdig, vielleicht noch nicht einmal endgültig, aber doch nach kurzem Nachdenken und mit herzlichsten Empfehlungen erstellt. Jedes Auswahl habe ich knapp kommentiert. Die Liste ist alphabetisch nach Interpret sortiert.

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Erstens:

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Cass McCombs — Dreams-Come-True-Girl, vom Album „Catacombs“ (MySpace, Website)

Ein wunderschönes Lied, das in seiner lakonischen Entrücktheit nach der finalen Nummer der Tanzkapelle auf einer Senior-Prom klingt, in den späten 1960er Jahren vielleicht, irgendwo in der amerikanischen Provinz. Das Licht geht an, ein letzter Engtanz, danach ist alles anders. Oder — schlimmer noch — nicht.

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