Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Keine mehr über Kreuzfahrten, Truppenunterhalter und Reisen mit Papa

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Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten führe (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

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Geschichten, Geschichten, Geschichten: Auszüge aus Büchern von Gideon Lewis-Kraus und Nora Gantenbrink in ZEIT CAMPUS

Ein Auszug aus Gideon Lewis-Kraus' Reisememoiren "Die irgendwie richtige Richtung" in ZEIT CAMPUS 6/13

Abb. 1: Ein Auszug aus Die irgendwie richtige Richtung liegt der nächsten Ausgabe von ZEIT CAMPUS bei (das Ding in gelb)

Übermorgen erscheint die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS (Nr. 6/13). Wir haben mal wieder eines dieser Pixiehefte für Erwachsene auf dem Cover kleben: Einen kleinen, giftig-gelben Literaturbeileger mit Auszügen aus dem Buch Die irgendwie richtige Richtung von Gideon Lewis-Kraus, das gerade bei Suhrkamp erschienen ist.

Auf den ersten Blick ist nicht viel Interessantes an diesem Buch: Es handelt sich um die Erinnerungen eines Amerikaners, der in Berlin lebt und die Stadt erst wahnsinnig hip und voll »arm aber sexy« findet, später aber oberflächlich und doof. Was macht er also? Er geht pilgern. Nach Santiago de Compostella. Wie neulich dieser Fernsehclown. Supergähn.

Geilerweise ist Literatur – auch: Non-Fiction-Literatur – aber mehr als nur Plot. Mir hat Die irgendwie richtige Richtung sehr gut gefallen, als ich mich erst eingelassen habe auf die langsame, feinsinnige und auf kluge Weise humorvolle (ürgs, Literaturkritiker-Adjektive!) Erzählweise von Gideon Lewis-Kraus.

Irgendwo aufgeschlagen und wahllos zitiert:

Am Morgen kaufe ich mich mir einen Wanderstock, entdecke meine erste Blase und mache daraus sofort ein Drama. Tom erinnert mich daran, dass seine beiden Füße jeweils mindestens acht Blasen aufweisen und frühlingshaft in voller Eiterblüte stehen. »Ich finde, du gibst dir nicht genug Mühe, den ernsthaften Schmerz zu begreifen, den ich empfinde. Oder es ist dir scheißegal«, sagt Tom. Ich verstehe das natürlich als allumfassende Kritik und muss immer wieder darüber nachdenken, während wir durch die stille Hitze des Morgens marschieren.

Oh, wie existenziell sich Krisen anfühlen können, die sich im Weltmaßstab wohl eher als Kriselchen erweisen. Das Buch handelt eben nicht von Berlin und auch nicht vom Pilgern, zumindest nicht primär, sondern von einem Typen nach dem Hochschulabschluss, dessen größten Probleme psychologisch und dessen bevorzugten Lösungen geografisch sind. Hier bin ich nicht glücklich? Dann ziehe ich halt dort hin. Dort bin ich auch nicht glücklich? Dann vielleicht noch ein Umzug. Irgendwann merkt der Typ: Auf Dauer ist das keine Lösung.

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