Clemens J. Setz schreibt im Feuilleton ĂĽber seinen Penis. Das ist kein Witz.

Wir sind uns vermutlich einig, dass es Themen gibt, die gerade wichtiger und drängender sind, aber falls Sie es noch nicht gesehen haben: Der Schriftsteller Clemens J. Setz hat heute im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung eine ganze Seite über seine Vorhaut geschrieben.

Genauer: Darüber, wie er sie im Alter mit 22 verloren hat. Durch einen operativen Eingriff, der blutig, schmerzhaft und aus der heutigen Sicht des Autoren völlig unnötig war.

Es ist unangenehm, das zu lesen. Nicht, weil einem gleich die Kastrastionsangst kommt (obwohl, zugegeben, schon auch ein bisschen deshalb), sondern weil in der sachlichen und präzisen Schilderung von Setz deutlich wird, was es bedeutet, wenn ein medizinischer Apparat in Fragen der sexuellen oder genitalen Selbstbestimmung routiniert und rücksichtslos vorgeht.

(Das trifft in ungleicher Härte und Konsequenz Transpersonen und Intersexuelle, aber eben nicht ausschließlich diese, sondern oft genug auch Frauen, die gebären, oder, wie sich hier zeigt, weiße Cis-Dudes mit Vorhautverengung.)

Nachdem ich diesen Text gelesen hatte, war ich erst unentschieden, was ich davon halte. Ich glaube aber, dass es aufklärerisch ist, auf diese Weise über den Penis zu schreiben, der vielleicht nur vordergründig das weniger tabuisierte Genital ist.

Ich wüsste jedenfalls nicht, wann mir ein Autor seinen Schwanz so präsentierte: Verletzlich und verwundet, schwach, ausgeliefert und missbraucht. Hier geht es zu seinem Text.

(Dieses Posting ist zuerst auf piqd.de erschienen, der Website für handverlesene Leseempfehlungen aus dem Netz, nämlich hier.)

OMG, »Titane«

Im Kino gewesen. Geweint. Aber nicht, weil’s so schön war. Der Horrorfilm Titane von Julia Ducournau hat die Goldene Palme in Cannes gewonnen und wurde ĂĽberall, wo ich nachgesehen habe, ausgesprochen wohlwollend besprochen. Erstaunlich, denn Alter – was fĂĽr ein Kackfilm.

Kritikpunkte im Einzelnen:

1) Wenn die Hauptfigur eines Films völlig wahllos und unmotiviert mordet und in mehr als anderthalb Stunden nicht einen vollständigen Satz sagt — wird dieser Film dann dadurch interessant, dass diese Hauptfigur eine Frau ist? Oder bleibt es: ein schlechter Film?

2) Leute sagen, Titane sei feministisch, aber ich sehe einen Film, in dem willensstarke und skrupellose Menschen determiniert bleiben durch ihre Biologie. Männerkörper altern und schlaffen ab, Frauenkörper menstruieren und werden schwanger. Was ist daran fortschrittlich oder auch nur neu?

3) So viel zu meinen Eindrücken, fragen wir mal einen Experten: Der Horrorfilm-Kolumnisten meines Vertrauens (HfKmV) sagt, der Bodyhorror sei nicht schlecht. Wie sich die Figur von Agathe Rousselle absichtlich die Nase am Waschbecken bricht, zum Beispiel. Allerdings, wendet der HfKmV ein: Cronenberg habe das alles schon in den 1980ern gemacht und ohne diese französische, katholische, überkandidelte Werbefilmästhetik (in Ton und Bild). Außerdem sagt der HfKmV: »Man denkt, Rousselle sei wandelbar, aber in echt verändert sich nur ihre Frisur.«

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Sommer, Sonne, Gendertheorie đźŹ–️

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Ein Apartment auf dem Uranus? Danke, fürs erste reichen mir ein Strandkorb an der Nordsee und dieses Buch. Denn die Kolumnen, die der queere Theoretiker Paul B. Preciado zwischen 2013 und 2018 für die Zeitung Libération schrieb, sind 🤯. Dank Stefan Lorenzers Übersetzung und der vor einigen Wochen im Suhrkamp Verlag erschienen Ausgabe kann man sie jetzt auf Deutsch lesen.

Ein zentraler Gedanke:

»›Geschlechtsumwandlung‹ ist nicht, wie die Hüter des Ancien Régime der Sexualität es wollen, der Sprung in die Psychose. Aber sie ist auch nicht, wie die neue neoliberale Verwaltung der Geschlechterdifferenz behauptet, eine schlichte medizinische und rechtliche Prozedur.«

Sondern:

»Der Übergang ist der Ort der Ungewissheit, des Unselbstverständlichen, der Befremdung. Er ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.«

Paul B. Preciado — dessen frühere Texte unter dem Vornamen Béatriz erschienen — nutzt zwar das männliche Pronomen, sieht sich aber als Aussteiger aus dem »heteropatriarchalen System«. Testosteron nimmt er nicht, um von der Frau zum Mann zu werden, sondern um seine Identität experimentell zu manipulieren und »von der Theorie der Geschlechterdissidenz zu ihrer Verkörperung« überzugehen. Quasi: #biohackyourself

Ist das bedenklich? Preciado fragt zurĂĽck:

»Muss man die Ethik der Geschlechterdifferenz als ethische Grenze der Veränderung des menschlichen Körpers begreifen?«

Zumal die auf alle Menschen anwendbare Geschlechterdifferenz eine Fiktion sei, die nur um den Preis der GenitalverstĂĽmmelung Intersexueller medizintechnisch aufrecht erhalten werde.

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Gegen Billo-Gendertheorie

Die Schriftstellerin Annie Erneaux sagt im heute veröffentlichten Interview im SZ Magazin (online abo-pflichtig), Frauen handelten untereinander nicht oder zumindest nicht selbstverständlich solidarisch. Solidarität unter Männern hingegen sei quasi ein Naturgesetz.

Huch? Ich verstehe schon, dass es von außen so wirken mag (vermutlich gerade in den Höhenlagen des Literaturbetriebs), aber für eine Schriftstellerin, die bisweilen als verkappte Meistersoziologin gefeiert wird, finde ich das erstaunlich ahnungslos.

Ich weiß nicht, ob man viel von Männlichkeit (und auch von dem, was sie bisweilen toxisch macht, siehe Incel-Morde, etc.) verstehen kann, wenn man nicht anerkennt, wie prekär sie zumindest in ihrer klassischen Ausprägung ist, dass sie zugesprochen und aberkannt werden kann und sich also beweisen muss — vor Frauen, aber nicht weniger vor anderen Männern, die erstmal gerade keine natürlichen Verbündeten sind.

Sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ganz aufschlussreich in diesem Zusammenhang: Stephanie Coontz‘ Zusammenfassung einer Studie aus dem Jahr 2010 von Barbara Risman und Elizabeth Seale ĂĽber SchĂĽlerinnen und SchĂĽler der sechsten bis achten Klasse:

A recents study of middle school students in a southeastern American city found that the feminine stereotypes that prevailed in the 1950s and 1960s were virtually dead. Not one girl interviewed […] thought she had to play dumb or act ‚feminine‘ around boys. Girls aspired to be strong and smart, and they admired girls who were. None of them felt it would be inappropriate for a girl to do things that used to be called masculine, whether physical or academic.

But attitudes about masculinity had not moved all that far. If a boy participated in activities or expressed feelings traditionally viewed as feminine, he was teased, bullied, or ostracized. The boys harshly policed one another to make sure no one was ‚acting like a girl‘ and they were quick to label boys who did not conform to the ‚manliness‘ code as ‚gay.

(Hier geht es zum Studienergebnis von Risman und Seale, Coontz‘ Zusammenfassung habe ich aus diesem Buch entnommen.)

Das soll ĂĽberhaupt kein »Mimimi, Männern geht’s auch schlecht!« sein, aber manchmal packt mich die Angst, dass wir heute wieder in so einen Männer-sind-vom-Mars-und-Frauen-können-nicht-einparken-Bullshit zurĂĽckschliddern.

(Was nichts über die Qualität der Bücher der Erneaux aussagt, die nach allem, was ich höre, toll sind.)

Heimliche Profiteure des Feminismus (psst: es sind Männer)

Männer sterben in Deutschland im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Dazu schreibt heute Paula Lochte in der FAS:

Das hat weniger genetische Ursachen als gesellschaftliche. Mehr als 75 Prozent der Geschlechterunterschiede in der Lebenserwartung sind auf nichtbiologische Faktoren zurückzuführen, hat der Demograph Marc Luy errechnet. Auf dieser Erkenntnis baut eine jüngst veröffentlichte Studie des Robert-Koch-Institutes und der Universität Bielefeld auf. »Männer sterben durch ihr Verhalten früher: Rauchen, Alkoholkonsum, schlechtes Essen und riskante Manöver im Straßenverkehr«, zählt Petra Kolip auf, die als Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Studie beteiligt war.

Demnach leben Männer — das habe eine zweite Studie gezeigt — dort länger (und ähnlich lange wie Frauen), wo größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht.

Hier geht’s zum Text.

Queer wie King Kong

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King Kong hat keinen Penis und keine Hoden. Wer hat’s gemerkt? Virginie Despentes. In King Kong Theorie, einem Essay, der im französischen Original bereits 2006 veröffentlicht wurde und neulich bei Kiepenheuer & Witsch in neuer deutscher Ăśbersetzung erschienen ist, unterzieht die Regisseurin (Baise-moi) und Schriftstellerin (Vernon Subutex) das King Kong-Remake von Peter Jackson einem »queer reading«.

Demnach raubt dort kein männlicher Affe die weiße Frau (mit allen rassistischen Assoziationen, die das eröffnet), sondern: Die Frau sucht die Sicherheit bei der Äffin (Depentes nutzt für King Kong das Pronomen »sie«), um eine zärtliche, asexuelle Beziehung zu beginnen, auf einer polymorph-perversen Südseeinsel, zwischen Tentakeln mit bezahnten Vaginen. Klar, dass die Männer die Frau zurückerobern und King Kong töten. So wird die alte Ordnung wiederhergestellt, in der Männer herrschen und die Wünsche der Frauen nachrangig sind.

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Männer, Frauen, alles ist verknotet

Dilemma der Männlichkeit:

[W]as der Sozialpsychologe Rolf Pohl »Männlichkeitsdilemma« nennt: Jungs sollen selbstsicher und unabhängig sein, das starke Geschlecht. Gleichzeitig sind sie nicht nur erst einmal rundum abhängig von einer Mutter, sondern später auch von der Gunst der Mädchen, um die ihre tiefsten Wünsche kreisen und an denen die Bestätigung ihrer Männlichkeit hängt. Entsprechend hechelten viele von uns mit wachsender Bedürftigkeit den Mädchen hinterher, taten aber so, als sei das alles nur Schnickschnack.

– Anselm Neft: Grausame Geilheit, Zeit Online, 25. März 2018 (Link)

Dilemma des Feminismus:

Der Feminismus ist mit einer zentralen Schwierigkeit konfrontiert: Die Beziehung zwischen Männern und Frauen ist sehr viel verwickelter als zum Beispiel zwischen Schwarzen und Weißen. Die Machtbeziehung ist schwerer zu fassen, weil sie sich mit einer affektiven und sexuellen Beziehung verbindet. Männer sind von denen, über die sie Macht ausüben, zugleich abhängig. Und sie haben Mütter, Frauen, Schwestern, Töchter, die meist nicht imstande sind, ihre Söhne, Männer, Brüder, Väter als Ausbeuter zu sehen. Frauen tragen aktiv zu der Herrschaft bei, der sie unterliegen.

– Eva Illouz im Gespräch mit Martin Legros, Philosophie Magazin, Mai 2018, S. 22

 

Wie man Männer rettet – vor sich selbst

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Boys Don’t Cry. Identität, GefĂĽhl und Männlichkeit heiĂźt ein aktuelles Buch, das Männer fĂĽr Gender- und Feminismusthemen gewinnen will. Wirklich neu ist dieses Anliegen nicht, immerhin gibt es bereits seit einigen Jahren Michael Kaufmans Guys‘ Guide to Feminism oder Feminism is for Everybody von bell hooks.

Trotzdem wurde Boys Don’t Cry â€“ anders als die anderen beiden BĂĽcher – in den letzten Wochen gefĂĽhlt ĂĽberall besprochen (in Zeit, Spiegel, FAS, … ). Ich vermute: Mindestens so sehr wie mit seinem Inhalt hat das mit seinem Autoren zu tun. Der heiĂźt Jack Urwin, ist Brite, 25 Jahre alt, hat zuvor fĂĽr das sich gerne mal Â»politisch unkorrekt« gebende Vice Magazine und fĂĽr Plattenfirmen gearbeitet und ist insofern ein eher untypischer Absender fĂĽr feministische Plädoyers.

Jack Urwin fragt in Boys Don’t Cry, warum Männer (zumindest in seinem Heimatland GroĂźbritannien, die deutschen Fallzahlen fehlen leider in der Ăśbersetzung des Buches) statistisch sehr viel häufiger als Frauen dazu neigen, sich selbst und andere zu gefährden, zu verletzen und zu töten.

Schuld daran sei nicht die Biologie, schreibt der Autor, sondern ein historisch entstandenes Männlichkeitsideal, das Männern (und anderen Menschen) schadet: die »toxische Männlichkeit«.

Im Mai werde ich einen Abend mit Jack Urwin in Hamburg moderieren (den genauen Termin veröffentliche ich noch). Zur Vorbereitung und Einstimmung hier acht Thesen aus Boys Don’t Cry, die ich fĂĽr bemerkenswert halte.

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Hyperheterosexualität

Danko Jones sind Rocker zweiter Ordnung: Zugleich eine Rockband und die Karikatur einer Rockband. Das war am vergangenen Wochenende bei ihrem Auftritt auf dem Roskilde-Festival zu beobachten.

Diese Wirkung erreicht die Band durch ihr Auftreten (dazu später mehr) sowie durch konsequente Reduktion in der Musik (Powerchords, verzerrter Bass, geradliniges Schlagzeug) und in den Texten.

In den in Roskilde aufgeführten Songs gab es nur zwei Sujets: Entweder besang Danko Jones, der Sänger, der sich mit seiner Band den Namen teilt, seine eigene kraftstrotzende Männlichkeit (»My mother raised a devil’s child«). Oder er huldigte den weiblichen Objekten seines Begehrens.

DANKO JONES - Fire MusicToronto - August 6, 2014 Dustin Rabin Photography 2674
Danko Jones, die Band. Danko Jones, der Sänger, steht rechts. Foto: Dustin Rabin, 2014.

Dabei deklinierten Danko Jones so ziemlich alle verfügbaren Softporno-Klischees durch: Ein Song handelte von langen Beinen, aber wirklich »looong, loooooong legs«, mindestens »ten feet tall«, wie Jones sang. Ein anderer erzählte von einem kurzen Rock, der beim Laufen nach oben rutscht. Ein dritter davon, wie eine Frau Eiscreme leckt. Und so weiter.

Ewig lockt das Weib – und ewig ist das lyrische Ich allein, geil bis kurz vorm Bersten und auf der Suche nach Entladung.

Dazu – also zum sexuellem Vollzug – kommt es in den Texten jedoch nie. »Do you do it on the first date?«, singt Jones: »Cause I do, yes I do, yes I do, yes I do, yes I do«. Kennt man ja vom Schulhof: Diejenigen, die ständig von ihrem geilen Sex labern, sind in echt die verklemmtesten Jungfrauen von allen.

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