Der Pate der HipHop-Fashion

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Ich glaube, das letzte Mal, dass ich ein Buch in der Hand hielt, an dem etwas golden schimmerte, war im Konfirmanden-Unterricht. Made in Harlem, die Memoiren des Modedesigners Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan, sind trotz der flashy Goldlettern auf dem Umschlag aber ca. das Gegenteil des Evangelischen Gesangbuchs.

Der heute 75jĂ€hrige Daniel Day wuchs in den 1950ern ohne Geld und große Zukunftsaussichten in Harlem auf. Seine ersten echten Dollars, so schildert er es, verdiente er damit, ZuhĂ€lter und andere dubiose Gestalten im GlĂŒcksspiel abzuziehen (ein Hang zur Wahrscheinlichkeitsrechnung hilft! Gezinkte WĂŒrfel auch).

Wenn Dealer ihre Ware setzten, verkaufte er sie weiter. SpĂ€ter versuchte er sich in großem Stil mit Scheckbetrug, landete einige Zeit im Knast, kam raus, probierte was Neues: Kreditkartenbetrug.

Die Idee mit der Mode-Boutique kam erst spĂ€t — und seine ersten Kunden waren Crack-Dealer, denen er eigene Klamotten verkaufte, die Day großzĂŒgig mit den Logos von Gucci und Louis Vuitton bedruckte. NatĂŒrlich ohne vorher die Rechte zu klĂ€ren und ohne jedes Unrechtsbewusstsein (»I knocked them up, I didn’t knock them off«).

Dies hier sind also die Memoiren eines Tricksters und die vielleicht grĂ¶ĂŸte erzĂ€hlerische Leistung von Made in Harlem ist, dass man das alles liest und trotzdem das GefĂŒhl hat, Day habe das Herz am richtigen Fleck und sei ein eigentlich liebenswerter Schurke. Hm.

Das Buch ist eine (sorry, Scheißwort) *sĂŒffig* geschriebene Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert des afrikanisch-amerikanischen Struggles und der urbanen Kultur in Amerika. In den Nebenrollen: Malcolm X, Muhammad Ali, Frank Lucas (der aus American Gangster) und all die Rapper, die anfingen, Dapper Dans extravagante, »blackenized« Versionen der Klamotten der weißen Oberschicht zu tragen: Eric B. & Rakim, Big Daddy Kane, LL Cool J, Salt-N-Pepa (…) — allein der Bildteil ist ein großes VergnĂŒgen.

Wer noch eine StrandlektĂŒre oder dergleichen sucht: Bitte dieses Buch.

Entdeckt in der amerikanischen Esquire, gekauft bei Amazon (argh, sorry, absolute Ausnahme, ich schwör), 19 Euro. Hier geht’s zur Verlagsseite.

Before it’s in fashion, it’s in history

Anfang des Jahres legte Levi’s eine alte, braune und auf den ersten Blick nicht besonders interessante Lederjacke neu auf. Das Original war vor mehr mehr als 80 Jahren mal Teil der Kollektion gewesen. Einer der Kunden, der die Jacke damals kaufte, war Albert Einstein. Er trug sie auf dem Time-Cover im April 1938.

Nun hatte Levi’s die alte Jacke bei einer Auktion ersteigert, nachgeschneidert und neu in den Handel gebracht. Aus dem Werbetext zur Jacke:

Das Levi’sÂź Vintage Clothing Menlo Cossack Jacket ist ein Replikat einer Jacke aus den 1930er Jahren, die ursprĂŒnglich Albert Einstein gehörte. Als Einstein um 1935 in die USA kam, beantragte er die amerikanische StaatsbĂŒrgerschaft. Bekannt fĂŒr seine minimalistische Kleidung, kaufte er sich diese Lederjacke und trug sie viele Jahre lang. Im Juli 2016 ersteigerte Levi Strauss & Co. diese Jacke beim Auktionshaus Christie’s in London. […] Wir haben diese Jacke vollstĂ€ndig originalgetreu kopiert und fertigen sie aus satt gefĂ€rbtem Leder, das im Laufe der Jahre wunderschön nachdunkelt.

Wer diese Jacke kauft, kann deshalb zwar noch lange nicht denken wie Albert Einstein, aber zumindest ein bisschen aussehen wie er. Und – sogar riechen wie das Genie. Denn, so heißt es in dem Werbetext weiter:

Wie von Christie’s angemerkt, wies diese Jacke neben ihren Abnutzungserscheinungen auch einen schwachen Geruch auf. Einstein war leidenschaftlicher Pfeifenraucher und seine Jacke verströmte noch 60 Jahre nach seinem Tod den sĂŒĂŸlichen Duft von Pfeifentabak. […] AuthentizitĂ€t ist uns so wichtig, dass wir zusammen mit dem Parfumhaus D.S. & Durga aus Brooklyn auch diesen Duft rekonstruiert haben: eine warme Mischung aus Burley-Pfeifentabak, Papyrusmanuskripten und altem Leder. Jeder Jacke liegt ein Flakon dieses exklusiven Dufts sowie ein Replikat der Bieterkarte mit der Nummer 97 bei, mit der wir auf dieses historische KleidungsstĂŒck geboten haben.

Dieses Halloween kamen leider keine kleinen Einsteins an meiner HaustĂŒr klingeln. Keine Kinder in schweren, speckigen Lederjacken, mit zerzausten Haaren und dem sĂŒĂŸlichen Geruch von Pfeifentabak. DafĂŒr war diese Jacke wohl einfach zu teuer: 1200 Euro. Trotzdem ist sie inzwischen offiziell ausverkauft.

Auch aus PR-Sicht dĂŒrfte es sich fĂŒr das Unternehmen gerechnet haben: Ich weiß nicht, in wie vielen Magazinen und Blogs ich die Geschichte von der Einstein-Jacke gelesen habe. Waren es ein halbes Dutzend Veröffentlichungen? Mindestens.

Keine große Überraschung also, dass der Trick, der Levi’s mit der Einstein-Jacke gelungen ist, jetzt von Hugo Boss wiederholt wird.

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Supreme Sell-out

Alexander Langer hat in Business Punk eine ziemlich sensationelle Geschichte ĂŒber den Aufstieg und Sell-out der Streetwear-Marke Supreme geschrieben.

Zentrale These: Supreme, neulich noch ein kleines Label mit Skater-Credibility und Fuck-off-Attitude, wurde zu einer Wirtschaftsmacht, weil dem Label die Kommerzialisierung des Skateboardings in großem Stil gelingt.

Warum ist das relevant? Deshalb:

Das Skateboard ist das einzige ĂŒberlebende Utensil der Permajugendlichkeit, das letzte verbliebene VerweigerungsgerĂ€t. E-Gitarre? Spielt vielleicht noch dein Vater im Hobbykeller. Frisbee? Haha.

Supreme hat sich durch seine radikale Haltung und Ästhetik, seine Stores, sein eigenes Skateteam und seine limitierten Produkte einen internationalen Ruf erarbeitet, den es jetzt verscherbelt. Durch Collaborations mit Marken wie Louis Vuitton, Nike oder Playboy bietet sich die Marke als GlaubwĂŒrdigkeitsbeschaffer fĂŒr große Modefirmen an. Eine Zusammenarbeitet mit Supreme erzeugt zuverlĂ€ssig Hypes – online und offline.

Unvermeidlich wurde die Marke dadurch jedoch zum Lieblingslabel der rich kids und verspielt damit seine Kernkompetenz: die RadikalitĂ€t, die Edginess, die Skater-Credibility. Und so sagen heute ein paar verarmte, vernarbte, ultra-kredibile Skater in Langers Artikel stellvertretend fĂŒr xtausend andere ĂŒber Supreme: »It’s shit. I hope it dies.« 

Seit Oktober gehört Supreme zu einer am Nasdaq gelisteten Unternehmensgruppe, die auch RĂŒstungskonzerne im Portfolio hat. Der Wert des Labels wird heute mit einer Milliarde US-Dollar bewertet.

Wie Marken sterben

Im Februar wurde bekannt, dass American Apparel (eine Klamottenmarke mit guten Basics, fairen Produktionsbedingungen & einem unsympathischen CEO) auf Beschluss des Insolvenzverwalters fast alle deutschen Filialen schließt.

Inzwischen ist auch der Online-Shop in Deutschland nicht mehr zu erreichen. Stattdessen zeigt die Website – in weißer Schrift auf schwarzem Grund – nur einen kurzen Hinweis in broken German (»Wir danken Ihnen fĂŒr Ihr GeschĂ€ft«, »Bitte kontaktieren Sie die folgende Nummer«).

Offenbar steht die Firma so sehr in der Kreide, dass der Insolvenzverwalter ihr selbst fĂŒr den letzten Gruß an die Kunden einen professionellen Übersetzer versagte und auf die kostenlosen Dienste von Google Translate verwies.

Eine Nummer zu groß fĂŒr den Anlass, aber: This is the way brands die … not with a bang but a whimper.