Darf man heute noch Kinder wollen?

Wenn es um Klimaschutz geht, dann ist Fleischessen schlim, fliegen ist noch schlimmer, aber am schlimmsten ist es, eine Familie zu gründen. Das habe ich im vergangenen Jahr immer wieder gehört: In Talkshows und Zeitschriften meldeten sich Frauen zu Wort, die den Verzicht auf eigene Kinder als größtmöglichen Beitrag zum Klimaschutz bezeichnen.

Ich bin Vater von zwei Kindern und deshalb völlig befangen, aber ich halte diese Behauptung für moralisch fragwürdig und taktisch unklug – um es mal diplomatisch zu formulieren.

Wenn wir ernsthaft anfangen, Menschenleben mit Konsumentscheidungen zu verrechnen, nützt das nur kinderlosen SUV-Fahrern, die dreimal im Jahr nach Madeira jetten (»Alles halb so schlimm, ich hab’ keine Blagen in die Welt gesetzt!«). Die Keine-Kinder-aus-Klimagründen-Fraktion sabotiert ihr Anliegen, indem sie ihre Gegner*innen stärker macht.

Und, indem sie potentielle Verbündete verprellt. Denn wäre es nicht klüger, davon auszugehen, Kinder seien beste Klimapädagogik?

Weiterlesen drĂĽben bei Piqd.

Wie ich versuchte, ein besserer Ă–ko-Vater zu sein

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Augenringe, Bartschatten, Schlagschatten, richtig scharf ist das Foto auch nicht, aber, hey, ich hab mal wieder was geschrieben!

Ab heute in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE: Eine ganze Seite über Scheiße. Und darüber, wie man sie möglichst ökologisch wieder loswird. Sorry, aber das sind so die Themen, wenn man Tag und Nacht ein Baby betüdelt.

Danke an alle, die mich beim journalistischen Wickeln-mit-Stoffwindeln-Selbstversuch begleitet haben, nicht zuletzt Wickelversum & Einfach Stoffwindeln.

Und Respekt an die Damen und Herren in der Bildredaktion der ZEIT, die dieses charmante Foto mit Baby-Bauarbeiterdekolletée ausgegraben haben.

Jetzt am Kiosk, hier online (Paywall) oder Aboaboabo.

Sind Eltern solidarischer als Kinderlose?

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Geht ein Philosoph in Elternzeit. Was kommt raus? Ein Buch, klar. Und ein hoffentlich unbeschädigtes Kind. Zum Zustand des Kindes von Leander Scholz kann ich nichts sagen. Aber sein Buch Zusammenleben: Über Kinder und Politik habe ich gerne und mit Gewinn gelesen.

Zusammenleben ist ein schlankes Werk (es umfasst knapp 150 Seiten), aber fast anstrengend dicht geschrieben. Das Buch besteht aus drei verwobenen Teilen: Der prominenteste und den Stoff strukturierende Erzählstrang ist eine Autobiografie zu Leben, Vaterschaft und der eigenen Kindheit des Autoren. Außerdem erzählt er in Blitzlichtern eine Kulturgeschichte der Familie von der athenischen Demokratie bis heute. Und drittens führt Scholz beides zusammen in Richtung einer (politischen) Theorie der Elternschaft.

Sich den BedĂĽrfnissen und Launen eines Babys zu unterwerfen, ist eine Erfahrung, die schon Millionen Menschen vor Scholz gemacht haben. Vor allem Millionen Frauen. Trotzdem fehle ein philosophisches Vokabular der FĂĽrsorge bzw. der Care-Arbeit, schreibt der Autor. Philosophinnen und Philosophen interessierten sich nicht fĂĽr das Ich, das sein eigenes Wohl fĂĽr ein anderes Wohl zurĂĽckstellt.

Leander Scholz ist Arbeiterkind, Akademiker, Sozialdemokrat und war lange (wie wir alle) vor allem mit sich selbst beschäftigt. Seine anderthalbjährige Elternzeit erlebte er offenbar als Verunsicherung, Belastungsprobe und als Bereicherung.

Elternschaft ist demnach eine Schule der Empathie. Die Erfahrung, sich selbst zurückzunehmen und über die eigene Lebenszeit hinauszudenken, biete vielleicht die Chance, die Defizite des Liberalismus (Kollateralschaden Klima, etc.) zu überwinden. Und die Familie mit kleinen Kindern beschreibt der Autor als Trainingscamp für die Demokratie: Man müsse ständig verhandeln und noch die infantilste Widerrede in einem Kompromiss auflösen.

Scholz schreibt:

Manchmal stelle ich mir vor, wie sich unsere Welt verändern würde, wenn sich jeder eine Stunde um ein Kind, einen alten oder kranken Menschen kümmern würde, um jemanden, der auf unsere Hilfe angewiesen ist. Und ich bin der Meinung, das wäre nichts Geringeres als der Weg zu einer neuen Politik.

Ich bin selbst Vater, befinde mich dieses Jahr mit einem Säugling in Elternzeit und teile die Einschätzung, dass die Elternschaft mit einer Verwandlung einhergehen kann. Aber ich bin weniger optimistisch als Scholz, was ihre politisch-utopischen Potentiale angeht. Dass es vielen Kinderlosen an Empathie mangelt, halte ich für unstrittig (wer an dieser Aussage zweifelt, der möge sich bitte eine Woche lang mit Kinderwagen und Baby durch eine beliebige deutsche Stadt und ihren ÖPNV bewegen oder gar öffentlich stillen — danach reden wir nochmal!).

Aber das bedeutet ja noch nicht, dass auch das Gegenteil wahr ist. Sind Eltern solidarischer? Ich will solidarisch sein mit anderen Eltern und wage dennoch diese Nestbeschmutzung: Mir scheint, es gebe auch viel Nimbyismus und Eigenheimerei in unseren Reihen. Man muss ja nur mal versuchen, Eltern schulpflichtiger Kinder ihr Gymasium wegzunehmen. Von ihrem Erbe ganz zu schweigen.

Die Familie als Keimzelle linker Politik? Den Gedanken finde ich interessant — aber nicht so richtig überzeugend.

Mehr Informationen zum Buch auf der Website des Verlags Hanser Berlin (hier).

Nachtrag, 19. März 2019: Leander Scholz hat mir per E-Mail auf meine Kritik geantwortet und mich darauf hingewiesen, dass ich sein Buch vielleicht ein bisschen zu sehr als Manifest gelesen habe — als solches sei es aber nicht gemeint. Mit seinem Einverständnis zitiere ich hier die entscheidende Stelle seiner Mail.

Scholz schreibt:

Sie haben natürlich völlig Recht, dass Familien genauso egoistisch sein können wie andere Lebensformen. Ich würde auch nie behaupten, dass Eltern grundsätzlich solidarisch sind. Dann wäre die Welt bei der Menge der Eltern ja auch schon längst eine andere. Meine Thesen beziehen sich nicht auf »die« Familie, sondern auf den Wandel der Familienformen und insbesondere auf die »demokratische« Familie, die im Sinne einer veränderten Mikropolitik eben auch Auswirkungen auf die große Politik hat. Meine These ist also weitaus bescheidener und besagt, dass es immer eine Korrespondenz zwischen Familienform und politischer Form gibt. Wie die »patriarchale« Familie eine bestimmte politischen Form begünstigt hat, kann die neue Aufteilung der Familienarbeit zwischen Männern und Frauen, wenn sie sich überhaupt durchsetzen sollte, was natürlich fraglich ist, neue Formen der demokratischen Partizipation hervorbringen.