Was Merkel mit Bismarck verbindet: Mein Interview mit dem britischen Politikwissenschaftler Hans Kundnani

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Abb.: Hans Kundnanis Buch The Paradox of German Power, erschienen bei Hurst Publishers (2014)

Merkel ist wie Bismarck. OK, nicht ganz. Aber sie regiert ein Land, das sich in einer ähnlichen Lage befindet, wie seinerzeit Otto von. Denn Deutschland ist wieder ein Semi-Hegemon wie im 19. Jahrhundert: zu stark, als das ein einzelnes Nachbarland ein machtpolitisches Gegengewicht sein könnte. Aber auch zu schwach, um ganz Europa im Alleingang zu beherrschen.

Das ist zirka die These, die der britische Politikwissenschaftler Hans Kundnani in seinem Buch The Paradox of German Power vertritt (ich erwähnte es schon mal hier). Kürzlich habe ich ein Gespräch mit Kundnani führen können, in dem ich ihn zu seiner Theorie befragt habe. Und auch dazu, wo dieses Strukturanalogie – so sie denn stimmt – hinführt. Denn wir wissen alle, wie das 19. Jahrhundert endete …

Eine gekürzte Abschrift dieses Interviews hat Spiegel Online veröffentlicht.

Dort hat es unter anderem der italienische Politiker Beppe Grillo gelesen (oder zumindest einer seiner Mitarbeiter) und sich die Mühe gemacht, Auszüge des Gesprächs ungefragt ins Italienische zu übertragen und auf seinem Blog zu veröffentlichen.

Ich finde das ja toll. Ein Brite und ein Deutscher unterhalten sich, ein Italiener mischt sich ein: Das ist doch schon fast die europäische Öffentlichkeit, die wir uns immer gewünscht haben.

Mehr zum Buch hier, zum Autoren hier.

Ăśber die Sehnsucht nach den »good sixties« – und ĂĽber Ted Herold & Lill Babs Song »Wir jungen Leute« (1962)

Video: Ted Herold & Lill Babs – Wir jungen Leute

»Wir jungen Leute« von Ted Herold und Lill Babs wurde im Jahr 1962 veröffentlicht – und wirkt fünfzig Jahre später, als ich es zufällig bei YouTube entdecke, wie ein Artefakt aus einer vergangenen Zivilisation.

Der Song beschwört den internationalen Hedonismus: Spritztouren nach Verona, Abstecher nach Portugal. Die in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgewachsenen deutschen Jugendlichen stehen laut dem Songtext auf die Musik der früheren Feinde – »heiße Musik« aus Amerika, Chansons aus Frankreich – und haben Idole, die den Nazivätern kaum gefallen dürften. Den schwarzen Louis Armstrong etwa. Und die mondäne Jackie Onassis. »Die Jugend ist international«, heißt es im Song. Und in einer Geste, die Länder- und Kulturgrenzen lässig beiseite wischt: »Wir haben alle die gleichen Träume.«

Wenn man »Wir jungen Leute« heute, im Eurokrisenjahr 2012, covern würde, müsste man wohl eher singen: »Wir haben alle die gleichen Sorgen« – und selbst das wäre gelogen, denn obwohl die Krise langsam auch in Deutschland ankommt, ist sie hier im Alltag doch immer noch viel weniger spürbar als etwa in Spanien oder Griechenland (und wohl auch Portugal oder Italien, um im Bild des Songtexts zu bleiben). Heute müsste man eine inhaltlich aktualisierte Version von »Wir jungen Leute« vielleicht aus der Sicht eines Spaniers singen, der vor der Arbeitslosigkeit nach Deutschland flüchtet, nachmittags Sprachkurse im Goethe-Institut besucht und nachts in der internationalen Schlange vor dem Berghain steht. Arbeitsmigration meets Easy-Jetset, soviel Hedonismus darf sein.

Umso mehr interessiert mich, wie »Wir jungen Leute« im Jahr 1962 gewirkt hat. War das ein realitätsverleugnender Schlager? Oder ein sanfter – und kommerziell gebändigter – Ausdruck einer Sehnsucht nach Hedonismus und Internationalismus, die sich einige Jahre später in Gegenkultur und Studentenbewegung Bahn brechen sollte?

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