Schafft zwei, drei, viele Elbphilharmonien!

Hamburg plant ein neues Großbauprojekt

In Hamburg ist der #elphischock (also das kollektive Trauma aus Kostenexplosion, Bauzeitverzögerung und struktureller Verantwortungslosigkeit) jetzt offiziell überwunden. Der Stolz überwiegt, die Schmach ist vergessen, „Elbphilharmonie“ ist kein Schimpfwort mehr.

In Köln betont man zwar noch, der Neubaukomplex am Dom werde keine „zweite Elbphilharmonie“. Dasselbe heißt es in München über das Interimsquartier in Sendling und in Rostock über das Landesmuseum (keine „zweiten Elbphilharmonien“!). Und, ja, auch in Hamburg war noch vor wenigen Monaten beteuert worden, die Sanierung des Kongresszentrums werde keine „zweite Elbphilharmonie“ und auch der geplante Elbtower: keine „zweite Elbphilharmonie“.

Doch jetzt zieht die SPD mit einer neuen Idee in den Bürgerschaftswahlkampf: Kultursenator Carsten Brosda verkündet heute im Abendblatt, man wolle in Hamburg ein bundesweit einzigartiges Großprojekt starten, dessen Kostenrahmen und Finanzierung offenbar noch weitgehend ungeklärt ist, „eine Art Elbphilharmonie der Digitalisierung“.

Alles Gute dafür.

Analoge Wildnis in der digitalen Wüste

Der Philosoph Christoph Quarch imaginiert die Stadt als letzten Rückzugsort

Die Zivilisation begann damit, dass unsere Vorfahren eine Lichtung in den Wald schlugen. So trennten sie die rohe Natur des Waldes von einer zweiten Sphäre und wurden durch diesen Akt der (Selbst-) Schöpfung von Wilden zu Kulturmenschen.

So beschreibt es der Philosoph Christoph Quarch, der in der Süddeutschen Zeitung eine (sehr kurze) Kulturgeschichte des Waldes veröffentlicht hat. Sie ist hier zu lesen. Die Metapher von Wald und Lichtung hat sich Quarch dabei von seinem Kollegen Giambattista Vico (1668–1744) ausgeliehen. Er schreibt sie fort, indem er den Einbruch des Digitalen in die stoffliche Welt als Entstehen einer »neuen Lichtung« beschreibt.

In der Beschreibung von Vico war es ein Blitz, der in die Dunkelheit des Waldes brach und unsere Vorfahren darauf aufmerksam machte, dass es ein Außerhalb des Waldes geben muss. Sie begannen, Lichtungen zu schlagen, Hütten und Städte zu bauen.

Laut Christoph Quarch erleuchtet uns nun ein neuer Blitz und weist uns den Weg ins Neue, Helle, Offene: das blau-weiße Glimmen unserer Displays.

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Was ist ein Selfie? Was ist digitale Fotografie?

Selfies und ihre Urheber werden unentwegt kritisiert. Ein Gedanke, der mir dabei oft fehlt: Die digitale Fotografie war eine technische Innovation, die nicht nur verändert, wie wir fotografieren, sondern auch zu welchem Zweck wir fotografieren.

Die Fotografie an sich hat sich demnach verändert, wie zuletzt vielleicht bei der Einführung der Rollfilmkamera (oder noch dramatischer, zumindest in dem Sinne, dass die Anwendungsbereiche der Fotografie noch vielfältiger geworden sind).

So arumentiert zum Beispiel Steve Sasson, der als Ingenieur bei Kodak bereits in den siebziger Jahren den Prototypen einer Digitalkamera gebaut hat, im Paper Magazine (Volume 32, Issue 2, October 2015). Er sagt:

I think what’s changed is our view of what photography is. [Digital photography has] changed it from recording events to a casual form of communication.

Ähnlich argumentiert Mikko Villi, ein Kommunikationsforscher an der Uni Helsinki, der ein kurzes Essay in The Smart View (Ausgabe 1) veröffentlicht hat. Dort schreibt er:

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