TschĂŒĂŸ, liebe CremonbrĂŒcke

Cremonbruecke-Abriss

Am Wochenende wurde die CremonbrĂŒcke in der Hamburger Innenstadt abgerissen. FrĂŒher machte sie mir gute Laune auf dem Weg zur Arbeit: Die FußgĂ€ngerbrĂŒcke mit den (meist defekten) Rolltreppen. Allein diese Idee! Jetzt rolle ich auf meinem Fahrrad mit einer gewissen Wehmut an den Überresten der BrĂŒcke vorbei. Und bald wird es sein, als wĂ€re sie nie dagewesen.

Zugegeben: Die CremonbrĂŒcke war nicht besonders schön. Selbst der Hamburger Denkmalverein, einer ihrer wenigen öffentlichen FĂŒrsprecher, bezeichnete sie auf seiner Website als eine nur »halbwegs attraktive Möglichkeit«, um als FußgĂ€nger die Willy-Brandt-Straße zu ĂŒberqueren. Damit fĂŒgte sich die BrĂŒcke allerdings gut in ihre Umgebung, die mit »halbwegs attraktiv« sehr diplomatisch beschrieben ist.

Vielleicht ist Schönheit bei historischen Bauwerken ohnehin ein nachrangiges Kriterium. Wir wollen wohl alle in einer schönen Stadt wohnen, ach was, in der schönsten Stadt der Welt, aber Schönheit ist flĂŒchtig, nicht nur bei Menschen. Was heute als Spitzenleistung von Architektur und Ingenieurskunst gilt, empfindet man oft schon 50 Jahre spĂ€ter als abbruchreife BausĂŒnde.

Die EssohĂ€user an der Reeperbahn sind ein Beispiel dafĂŒr. Das Frappant-GebĂ€ude in Altona. Oder der Alte Mariendom. (Okay, der Mariendom hat lĂ€nger gehalten als 50 Jahre. Abgerissen wurde er trotzdem.)

Jedes hĂ€ssliche alte GebĂ€ude, das erhalten wird, ist deshalb ein Memento Mori, eine Übung in Demut. Nach dem Motto: »Mensch, du magst dich fĂŒr den Höhepunkt der Evolutionsgeschichte halten und deine Taten fĂŒr die grĂ¶ĂŸten jemals vollbrachten. Doch bedenke: Schon deine Kinder werden ĂŒber dich lachen.«

(Textrecycling aus meinem vorgezogenen Nachruf auf die CremonbrĂŒcke, erschienen am 16. Juli 2021 in der Elbvertiefung, dem Newsletter der ZEIT:Hamburg.)