Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Keine mehr über Kreuzfahrten, Truppenunterhalter und Reisen mit Papa

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Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten führe (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

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Prokrastination fehlgeschlagen: Über Schicksal, Zeit und Sprache

Ist unser zukünftiges Handeln vorherbestimmt und entzieht sich unserer Einflussnahme? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Student David Foster Wallace in seiner Abschlussarbeit in Philosophie. Nachdem ich einige Seiten dieser Arbeit gelesen habe, bin ich nahezu überzeugt: Die Antwort ist Ja.

Zumindest lässt Schicksal, Zeit und Sprache (jenes Buch, in dem Wallaces Abschlussarbeit jetzt in deutscher Übersetzung veröffentlich worden ist) nicht zu, dass ich mich seiner bediene um mich vor der Verpflichtung zu drücken, Unendlicher Spaß zu lesen. Zwar ist Schicksal, Zeit und Sprache ungleich schlanker als der Romankoloss, aber die Lektüre wäre wohl ähnlich zeitintensiv, wollte ich die Texte in diesem Buch ernsthaft durchdringen.

Was nicht heißen soll, dass die langen Formeln, mit denen David Foster Wallace hier Richard Taylors Fatalismus-Essay zu widerlegen versucht, keine sinnlichen oder ästhetischen Qualitäten hätten. Ganz im Gegenteil! Aber sie teilen diese Eigenschaft mit dem Schriftbild ägyptischer Hieroglyphen und den Lauten der Sprache !Xóõ.

»Beeindruckend an Wallace‘ Leistung ist auch«, schreibt James Ryerson, ein Literaturredakteur der New York Times, im Vorwort zu Schicksal, Zeit und Sprache, »daß es ihm gelang, seine Abschlußarbeit in Philosophie zu beenden, obwohl er bereits seit geraumer Zeit eine Wandlung vom angehenden Philosophen zum angehenden Romancier durchmachte.« Parallel zur philosophischen Abschlussarbeit schrieb David Foster Wallace in den Jahren 1984/85 demnach an seinem Debütroman Der Besen im System.

Und der Betreuer der Abschlussarbeit, Jay L. Garfield, schreibt in seinem Nachwort über David Foster Wallace: »In meinen Augen war er ein extrem begabter junger Philosoph, der in seiner Freizeit Romane schrieb; mir war nicht klar, daß er in Wahrheit einer der begabtesten Romanciers seiner Generation war, der nebenbei philosophierte.«

Ein Wort noch: Demut.

Hallo, post-postmoderne Literatur: David Foster Wallace & »The Theory Generation«

Abb.: David Foster Wallace bei einem Vortrag in San Francisco, 2006 (CC-Foto von Steve Rhodes via flickr)

Als Schriftsteller sah sich David Foster Wallace umstellte von Skylla und Charybdis, so etwa beschrieb es der Literaturwissenschaftler Jan Kucharzewski gestern im Hamburger Amerikazentrum: Realistische Romane in der Tradition des 19. Jahrhunderts wollte David Foster Wallace nicht schreiben. Doch auch die postmodernen Texten des 20. Jahrhunderts hatten ihr kritisches Potential weitgehend eingebüßt, seit Stilmittel wie Ironie, moralischer Relativismus und Selbstreferenzialität im Mainstream (und konkret: in der Fernsehwerbung) angekommen waren.

Wie aber lässt sich ein Roman schreiben, der seine Künstlichkeit thematisiert, sich aber dennoch verbindlich und verantwortlich zu einer wie auch immer gearteten außerliterarischen Wirklichkeit verhält?

DFW versuchte es mit seinem Überwältigungswerk Infinite Jest (1996): ein in der deutschen Übersetzung Unendlicher Spaß (2009) mehr als 1500-seitiger Roman, der – wenn ich das gestern Abend richtig verstanden habe – mit einem moralischem Impetus und ohne einer geschlossenen Form antritt. Ein Text, der Probleme der (postmodernen) Theorie verhandelt und essayistische Exkurse ins Nichtfiktionale unternimmt. Sollte man sich für dieses Buch zweieinhalb Wochen Urlaub nehmen? Seit gestern Abend denke ich: man sollte.

DFW war aber nicht der einzige Schriftsteller, der sich nicht zwischen Realismus/Postmoderne entscheiden wollte, bzw., der in einer Kultur der Postmoderne aufwuchs, die den Realismus zwar überworfen hatte, sich selbst aber nicht als die allergeilste Alternative entpuppte.

By the end of the ’90s, the easy equation that Theory gave you — realism is a tool of capitalist rationality, a product and not an imaginative artifact, a tool of the status quo — had the feel of a truism. But once an argument hardens into a truism, a response is likely already underway.

… das schreibt Nicholas Dames in seinem Essay »The Theory Generation« in n+1 und macht eine neue Schule amerikanischer Schriftsteller(innen) aus – Jonathan Franzen, Jeffrey Euginides, Jennifer Egan, Lorrie Moore & andere –, die sich ebenfalls an einem post-postmodernen (weil: nicht notwendigerweise anti-postmodernen) Realismus versuchen.

Dabei schlagen sie aber Wege ein, die für ihre Leser weniger strapaziös seien dürften als David Foster Wallaces Infinte Jest – indem sie nämlich ausgerechnet den Bildungsroman (»that most antique of realist modes«, so Dames) ausgraben, ernstnehmen und neuerfinden.