Leute singen über Telefone

… sie haben Angst davor wie’s weitergeht und vorm Alleinesein.

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»Kein Netz, kein Netz, kein Teil dieser Welt«, singt Rola in ihrem gerade veröffentlichten Song Akku leer: »Was ist, wenn mich keiner mehr sucht, keiner mehr sucht, ey. Gehöre ich offline noch dazu?«

Das hat Tradition. Denn das Smartphone ist im Vokabular des Pop zur Chiffre für soziale Unsicherheiten und Selbstzweifel geworden. Für Einsamkeit und Kontaktverlust, oder zumindest die Angst davor.

Wunderbar zum Beispiel schon bei Mila (2006) von den Goldenen Zitronen: »Eine aufgeladene Prepaid-Karte macht noch keinen eingeladenen Freundeskreis«. Prepaid-Karten benutzen heute höchstens noch Dealer (apropos: Trap Phone!), aber das Bild funktioniert noch immer: Du hast ein Smartphone. Du hast eine Flat. Du hast Akku. Aber connected bist du deshalb nocht nicht.

Oder – ganz ähnlich wie bei Rola, nur noch elender – in Akku (2016) von Haiyti & KitschKrieg: »Immer ist der Akku leer, wie soll mich jemand finden?« Was bei der Frage immer mitklingt, ist das, was Rola in ihrem Song ausformuliert: Sucht mich überhaupt jemand? Kümmert überhaupt irgendwen meine Existenz?

Keiner der neuen Handy-Songs fängt das Verlorensein in der Gegenwart aber so treffend ein wie der beste von ihnen, Combination Pizza Hut and Taco Bell (2010) von Das Racist. Er zeigt: Mitten in der Konsumhölle hilft dir auch kein Handy mehr. Selbst wenn du weißt, dass Freunde auf dem Weg sind und dich suchen: Du bist verloren im Foodcourt-Fegefeuer.

P.S.: Ring, ring. Ah, hallo Jochen. Ja, sorry. Ich stell dich kurz auf laut ja? Also: Der Untertitel dieses Postings ist bei Blumfeld geklaut.

Heäring to English lyrics… Über Musikjournalisten, die Songtexte falsch zitieren. Aus aktuellem Anlass & eigener Erfahrung. [Aktualisiert]

[Aktualisierung 6. Oktober]: Christian Lehner antwortet in den Kommentaren. Eine etwas umfangreichere Version seines angesprochenen Das-Racist-Artikels findet sich online beim Musikexpress und ist jetzt hier und in meinem Blogposting verlinkt.

Kann man Songs lieben, deren Lyrics man nicht kapiert? Klar kann man! Man kann sogar Bücher darüber schreiben. Kann man auch als Journalist, der in der Öffentlichkeit über Musik schreibt, Songs feiern, deren Lyrics man nicht kapiert? Auch das kommt vor. Leider. Eines meiner Lieblingslieder in diesem Jahr ist »Radar Detector« von Darwin Deez und obwohl Deez im Refrain ziemlich deutlich (und ziemlich oft!) »you are a radar detector« singt, habe ich diese Zeile in der Spex einst mit »you are my radar detector« transkribiert. Autsch! Das ist zwar kein sinnentstellender Fehler, denn Darwin Deez könnte in dem Song genauso gut »my« singen wie »a«, aber peinlich ist mir das trotzdem.*

Ich fühle also mit Christian Lehner, der im aktuellen Musikexpress die HipHopper Das Racist vorstellt und ihren Mini-Hit »Combination Pizza Hut and Taco Bell« völlig falsch zitiert. In dem kurzen Artikel heißt es:

Über einen staubtrockenen Beat wiederholen Das Racist in geringfügigen Variationen den Satz „I like the Pizza Hut, I like the Taco Bell, I like the combination Pizza Hut and Taco Bell!“

Okay. Der nächste Satz hätte dem Autoren beim Niederschreiben aber selbst komisch vorkommen müssen:

Blogger schärmen von der auf den Punkt gerappten Konsumkritik.

Watt? Spinnen die mal wieder, die Blogger? Wo ist denn die pointierte Konsumkritik in der zitierten Textzeile? Liegt die Kritik in dem Wort »like« versteckt, also darin, dass Das Racist den »combination Pizza Hut and Taco Bell« nicht wie andere Fast-Food-Unternehmen »loven«, sondern auf die nächstkleinere Gefühlsbekundung zurückgreifen? Oder sind es die »geringfügigen Variationen«, welche die Konsumkritik des Textes ausmachen? (Aber dann müsste der »Burger Dance« von DJ Ötzi die Hymne aller Konsumkritiker sein.)

Des Rätsels Lösung ist, WeiterlesenHeäring to English lyrics… Über Musikjournalisten, die Songtexte falsch zitieren. Aus aktuellem Anlass & eigener Erfahrung. [Aktualisiert]“