Das Strandbad Wannsee in den 1950er-Jahren

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Das Strandbad Wannsee kannte ich bisher nur aus den Fotos von Will McBride, die unter anderem in seinem Foto-Tagebuch 1953-1961 zu sehen sind (dieses Buch gibt’s leider nur noch antiquarisch). Jetzt hat der Schriftsteller und frĂĽhere Verleger Michael KrĂĽger seine Jugenderinnerungen unter dem Titel Das Strandbad veröffentlicht. Gemeint ist jenes StĂĽck Wannsee-Ufer, von dessen weiĂźem Sand er heute noch schwärmt.

Krüger war, so vermutet er, ungefähr zeitgleich mit Conny Froboess dort (die sang 1951: »Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nüscht wie raus nach Wannsee!«), aber offenbar noch vor Will McBride. Der fotografierte laut seinem Biografen Ulf Erdmann Ziegler nämlich erst zwischen 1956 und 1959 im Strandbad.

Schade, denn die Stimmung von KrĂĽgers Text und von McBrides Fotos passen gut zusammen. Beide veranschaulichen die tastende, suchende Westanbindung der Nachkriegsjugend West-Berlins.

Michael KrĂĽger muss nicht viel von alten Nazis schreiben um zu vermitteln, welcher Ton damals an der Schule herrschte, wo Wallensteins Truppenbewegungen gepaukt wurden. Am Nachmittag holte er die Bildung nach, die er brauchte: Im Strandbad und mit den BĂĽchern von Hemingway, Faulkner und Camus.

»Ich verfolgte zu jener Zeit das Projekt, mich als Fatalist und Existenzialist auszubilden, und ging selbstverständlich davon aus, vom sozialen Leben ferngehalten und von Mädchen übersehen zu werden«, schreibt Krüger. »Wenn ich dann gelegentlich einen Schritt weiter ging und vom ›Geworfensein‹ faselte, was meinen Freund Rudi zur Weißglut brachte, der auf der Geburt bestand – ›Man wird geboren, nicht geworfen‹ –, war es meistens mit dem Interesse der Mädchen vorbei. In jener Zeit hatten in West-Berlin überspannte Typen mit durchtrainiertem Weltschmerz wenig Chancen.«

Der lakonische Ton, die unaufdringliche Ironie – ich habe das gerne gelesen. Das Buch erscheint in der 5plus Edition in kleiner Auflage und wird in ausgewählten Läden verkauft (etwa bei Felix Jud in Hamburg).

Mehr noch als die Handnummerierung hätte ihm ein etwas strengeres Lektorat gut getan: Ein paar Streichungen hätten den Text gestärkt, da wo Krüger im abfälligen Ton über Jugendliche einer Gegenwart schreibt, die er weder verstehen kann, noch will. Der Schriftsteller fühlt sich wohler in seinen Erinnerungen an die 1950er und an den weißen Sand des Strandbads. Wer könnte es ihm verübeln.

»Ist das ’ne Frau, die da auf der BĂĽhne steht?«

Es sind die frühen 1970er-Jahre, die Musikszene der BRD besteht im wesentlichen aus Schlager-Interpreten, als in Hamburg ein Ford Transit mit Instrumenten vollgeladen wird (Orgel, E-Gitarre, Effektgeräte, so neumodischer Krams). Die Band Frumpy macht sich auf den Weg, um der Welt den R O C K zu bringen. Es gibt nur ein Problem: Erstmal muss man mit der Karre über die Kasseler Berge kommen.

Inga Rumpf: Mit Frumpy haben wir also sehr viel gespielt, um bekannt zu werden. Wir sind in diesen wunderschönen Dorfsälen aufgetreten, hatten zwar noch nicht so viele Songs, haben dafür auf der Bühne aber umso mehr improvisiert.

DIE ZEIT: Haben die Leute in den Dorfsälen verstanden, was sie da zu sehen bekamen?

Inga Rumpf: Die jungen, natürlich, die haben sich gefreut. Die älteren haben geguckt: »Ist das ’ne Frau, die da auf der Bühne steht?« Ich sah ja aus wie ein Typ, trug eine Jeans, ein Unterhemd und lange Haare wie alle anderen, dazu die tiefe Stimme. Das war schon ungewöhnlich. Anfang der Siebzigerjahre, das war fast noch Nachkriegsdeutschland.

Das mal als Auszug. Mein ganzes Interview mit Inga Rumpf, 74, über Gender Trouble im Dorfsaal, die Anfänge von Folk und Rock in West-Deutschland und die Notwendigkeit von Drogen, um das alles überhaupt durchzuhalten, steht jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT sowie hier auf ZEIT ONLINE.

(Wieso wurde dieser Stoff noch nicht verfilmt? Ich sehe eine große deutsche Komödie.)

Wie »Schöner Wohnen« die BRD prägte

Ich habe über die Zeitschrift Schöner Wohnen der 1960er- und 1970er-Jahre gesprochen. Mit zwei Leuten, die gerade an Doktorarbeiten zu diesem Thema schreiben.

Ja, das gibt’s! Und es ist sogar interessant. Klicken Sie hier fĂĽr das Gipfeltreffen der Schöner Wohnen-Forschung und erfahren Sie mehr ĂĽber das Einfamilienhaus als politisches Erziehungsinstrument im Kalten Krieg und darĂĽber, wie Geschlechterrollen die Architektur formten – und umgekehrt.

(Kostenlos lesbar fĂĽr Abonnentinnen und Abonnenten der ZEIT.)

BRD-Nostalgie im Lutherpark

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Ich verstehe schon, dass der Staat, in dem wir leben, »Bundesrepublik Deutschland« heißt. Trotzdem denke ich beim Kürzel »BRD« zuerst an ein anderes Land, das 1990 etwa zeitgleich mit der DDR (allerdings besser gelaunt als diese) untergegangen ist.

Dieses Empfinden mag intellektuell unredlich sein und übermäßig sentimental, aber ich bin womöglich nicht allein damit (vgl. Daniel Erk, Es war einmal ein kleines Land, Berlin: 2014; Philipp Felsch/Frank Witzel, BRD Noir, Berlin: 2016; u.a.).

Es handelt sich auch um eine eher ästhetische als politische Haltung, jedenfalls ist sie nicht zu verwechseln mit der gänzlich unironischen Wohlfahrtsstaatsnostalgie einzelner linker bis sozialdemokratischer Sozialwissenschaftler.

(Ich schreibe bewusst nicht Sozialwissenschaftler*innen, denn dies scheint eher eine Position älterer blasshäutiger Herren zu sein, die weitgehend unbeeindruckt bleiben von der Frage: »Nivellierte Mittelstandsgesellschaft, schön und gut, aber was war mit den Frauen und den ‚Gastarbeitern‘?« Die Singularisierung der Gesellschaft und der progressive Neoliberalismus — oder wie man beides nun nennen will — haben schlieĂźlich durchaus auch VorzĂĽge, wie sich nicht zuletzt an den Programmen jener zeigt, die beides rĂĽckabwickeln wollen. Kiesinger? Höcke? Da nehme ich lieber Merkel, thanks.)

Jedenfalls hat es mich amüsiert, dass an dem Pavillon im Bahrenfelder Lutherpark ein altes Graffito durch ein neues überschrieben wurde. Statt »CCP 4 Ever« (womit, glaube ich, tatsächlich »CCCP 4 Ever« gemeint war), steht dort nun »BRD 4 Ever«. Eine nach meinem Verständnis ähnlich unrealistische, aber nicht unsympathischere Forderung.

P.S.: Auf den ersten Blick wirkt »BRD♥️!« wie »BRO♥️!«, das ist natĂĽrlich auch putzig und womöglich ein verräterischer Freud’scher Verschreiber.

Mansplaining, 1967

Eine ganz tolle Doku: Landfriedensbruch – Protokoll einer Denkmalsentweihung aus dem Jahr 1967 (auf YouTube findet man sie in drei Teilen: Teil 1, Teil 2, Teil 3).

Vordergründig geht es in dieser NDR-Produktion unter der Regie von Theo Gallehr um eine Gruppe von Studentinnen und Studenten, die versucht, das Denkmal des Kolonialgouverneurs Hermann von Wissmann vor der Hamburger Uni zu stürzen (das wird aber – Achtung, Spoiler! – erst ein Jahr später gelingen, beim dann dritten Umsturzversuch im Herbst 1968, den Uwe Timm in seinem Roman Heißer Sommer literarisiert hat).

Der Wert dieser Doku aus heutiger Sicht ist der wunderbare und etwas seltsame 68er- und Alt-BRD-Vibe in den vielen alltäglichen Szenen, die das Kamerateam filmen durfte, und den man sich nicht schöner hätte ausdenken können.

In einer Szene spielen SDS-nahe Studenten Schach und kommen fast nicht dazu, ihre Figuren zu ziehen, weil sie erst diskutieren müssen, ob das Schachspiel eine Metapher für die Aufstiegslüge der kapitalistischen Gesellschaft ist und ob das Spiel, in dem die Macht des Königs auf den Volksmassen der Bauern fußt, zu revolutieren ist, wenn die Möglichkeit zu seiner Revolutionierung im Spiel selbst aber gar nicht angelegt ist.

Oder, andere Szene: Studentinnen diskutieren mit ihrem Hauswirt, der die politische Belehrung seiner jĂĽngeren Untermieterinnen offenbar besonders genieĂźt, bei Kaffee und Kuchen darĂĽber, ob die Demokratie nicht doch die beste Staatsform ist »um der freien MeinungsäuĂźerung zu frönen«. Im Screenshot erklärt er gerade: »Demokratie« – das Wort kommt ja aus dem Griechischen, »demos«: das Volk – ist die Volksherrschaft … mansplaining aus der Hölle.

(Aber immerhin dĂĽrfen die Damen anders als bei den SDS-Flugblatt-Diskussionsrunden hier den Kaffee mittrinken, anstatt ihn nur zu kochen, anzureichen und auf Bitte der Genossen mit etwas Wasser zu verdĂĽnnen, damit er nicht so stark ist.)

Ich liebe alles an dieser Doku, einschließlich ihrer völlig angemessenen Sepia-Tönung.

P.S.: Mehr zum Film und zum Denkmal-Sturz gibt es bei der Forschungsstelle Hamburgs (post-) koloniales Erbe.