Deine Freunde: Pro und Contra

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Deine Freunde machen Rap fĂŒr Kinder und feiern gerade ihr zehnjĂ€hriges JubilĂ€um.

Im Feuilleton der ZEIT erklĂ€re ich, warum ich sie fĂŒr eine der interessantesten deutschsprachigen Bands ĂŒberhaupt halte. Außerdem vergleiche ich sie mit Bill Withers und The Velvet Underground.

Jens Balzer erklĂ€rt daraufhin, warum er glaubt, dass ich kiffe. Und zwar mit meinen Kindern. Denen ich demnach auch darĂŒber hinaus in ihrer Geschmacksbildung und Autonomiebestrebung Gewalt antue.

Lesen Sie die Feuilletondebatte des FrĂŒhjahrs, deren Temperament bereits von der Zeile angedeutet wird, die Lars Weisbrod als Redakteur kongenial drĂŒberschrieb: »Du Eierloch!«

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Zwei erwachsene MĂ€nner streiten ĂŒber Kinderkram. đŸ’„ Im Pro und Contra, jetzt in der ZEIT oder hier auf ZEIT ONLINE.

Sonntagmorgens in Harlem

Eine meiner Lieblingspopsongzeilen stammt aus Harlem, dem – wie mir strenge, popbeflissene Freunde einreden – mit seinen Streichern vielleicht etwas zu kitschig instrumentierten, ansonsten aber ganz fantastischen Song von Bill Withers aus dem Jahr 1971 (man kann ihn hier auf YouTube nachhören).

Bill Withers beschreibt dort das Leben in Harlem zu einer Zeit, als sich noch keine frĂŒheren US-PrĂ€sidenten mit ihren BĂŒros in dem Stadtviertel niederließen, als es noch nicht mal Starbucks-Filialen gab, dafĂŒr herzlose Vermieter, betrĂŒgerische Prediger, viel Armut und jeden Sonntagmorgen ein besonderes Spektakel:

Sunday morning here in Harlem
now everybody’s all dressed up
the hip folks are getting home from the party
and the good folk just got up.

Das ist das vielleicht beste Beispiel fĂŒr Hemingways Eisbergmodell, das ich kenne: Gerade mal 26 Worte, die ein Bild entstehen lassen, das ich nicht mehr vergessen konnte.

26 Worte, die eine ganze Welt entstehen lassen. Man ahnt, welche Konflikte es hier gibt. Zwischen Nachbarn, aber auch in Familien, zwischen den Eltern (good folk), die noch ihrer SĂŒdstaaten-Frömmigkeit anhĂ€ngen und den Kindern (hip folks), die darauf bestehen, dass es in der Großstadt doch gerade nicht darum geht, seine lĂ€ndlichen Traditionen zu pflegen, sondern ums Sich-neu-erfinden.

Dass man Sonntagmorgens seine besten Kleider trÀgt, darauf können sie sich immerhin noch einigen.

Aber … es ist eine Popsongzeile. Und man tut in der Regel gut daran, die nicht zu wörtlich zu nehmen. Denn auch im Pop geht es ums Sich-neu-erfinden.

Da rappt Kanye West zum Beispiel in We Don’t Care, dass er als Kind zu den Dealern aufgeschaut habe, weil das die einzigen Erwachsenen gewesen seien, die nicht komplett pleite waren. TatsĂ€chlich war West aber der Sohn einer Uni-Professorin, so schlimm kann’s also nicht gewesen sein.

Und Bill Withers schildert Straßenszenen in Harlem, die kleinen und großen Dramen des Lebens in diesem Viertel, als sei er ein intimer Kenner dieser Straßen. TatsĂ€chlich wuchs er aber in KleinstĂ€dten auf, reiste um die Welt, lebte am anderen Ende Amerikas in LA 
 und bevor er diese Platte aufnahm offenbar nie lĂ€nger in Harlem.

Einer, der in Harlem aufgewachsen ist und bis heute dort arbeitet, der Modedesigner Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan schildert in seinen Memoiren Made in Harlem (ĂŒber die ich neulich schon ein paar Zeilen geschrieben habe) aber exakt dieselbe Szene wie Bill Withers:

On Sunday mornings at eleven o’clock, everybody emptied out into the street, the whole neighborhood heading to their preferred churches. […] I remember coming out to the stoop with my mother and my siblings on our own way to church and seeing how beautiful that looked: the good people of Harlem walking around in their finest clothes, while the bad people of Harlem would be creeping back home from a long night at the bars and after-hours spots. Seventh Avenue in Sunday morning, nicknamed the Stroll, was the greatest runway in the world.

Das sind etwas mehr als 26 Worte, aber Day beglaubigt, was Withers in Harlem singt. Ich wĂŒrde grĂ¶ĂŸere GeldbetrĂ€ge darauf wetten, dass Day (und/oder sein Ghostwriter Mikael Awake) den Withers-Song kennen, aber macht ja nichts: das hat die Erinnerung vielleicht sprachlich geformt, aber es hat sie nicht erzeugt.

Bill Withers hat keinen Scheiß gesungen, die Szene von den aus unterschiedlichen, unvereinbaren GrĂŒnden bestmöglich gekleideten Leuten am Sonntagmorgen ist nicht ausgedacht. Und jetzt, wo ich den Song noch mal gehört habe, finde ich auch die Streicher eigentlich gar nicht mehr so schlimm.