Zum Relaunch des Â»Tagesspiegels«

Heute erschien die erste Ausgabe des Berliner Tagesspiegel nach einer ziemlich rabiaten Neugestaltung. Die Zeitung erscheint jetzt im Tabloidformat, auf den ersten Blick sieht das sehr schick aus. Doch ob die Redaktion sich (und ihren Leser*innen) einen Gefallen getan hat mit dem Relaunch, das bezweifle ich.

Ich lese den Tagesspiegel nicht tĂ€glich, aber bestimmt einige Male pro Woche, und bin heute beim BlĂ€ttern ziemlich verwirrt. Klar: Das ist man immer, wenn eine Redaktion ihre Inhalte neu sortiert, aber hier bin ich nicht sicher, ob sich in drei, vier Wochen eine Gewöhnung und eine neue Übersichtlichkeit einstellen wird.

Der Eindruck von Chaos und Zerrissenheit scheint doch eher einem strukturellen Problem geschuldet zu sein: Der Neusortierung in nur zwei BĂŒcher, ein ĂŒberregionales und ein regionales, statt wie bisher: Mantel — Lokalteil — Kultur — Sport etc./o.Ă€.

Es gab schon immer (und es gibt bei fast jeder Regionalzeitung) einen ĂŒberregionalen und einen regionalen Politikteil. Okay. Aber ist es sinnvoll, das Feuilleton in einen ĂŒberregionalen und regionalen Kulturteil zu zerrupfen? Und welche Kultur wird dann wo einsortiert?

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Berlin? Nein, wie provinziell! (sagt Chris Dercon)

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Der Kurator und Kulturmanager Chris Dercon war nach FĂŒhrungsjobs am MoMA PS1 in New York, dem Haus der Kunst in MĂŒnchen und der Tate Modern in London von 2017 bis 2018 Intendant der Berliner VolksbĂŒhne.

Er wurde dort nicht sehr herzlich empfangen und hat sich in Berlin nicht nur Freunde gemacht. Eine beispielhafte, bittere Bilanz zog Susanne Burkhardt fĂŒr den Deutschlandfunk.

Dennoch blicke er »ohne Rachegedanken zurĂŒck auf Berlin« (interessante Formulierung: »Rachegedanken«? Muss man fĂŒrchten, dass geschasste Intendanten irgendwann zurĂŒckkommen um die Stadt abzubrennen?).

Also – sagt er zumindest im Interview mit dem Monsieur Magazin. Und dann sagt er noch ein paar Sachen ĂŒber Berlin.

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Das Strandbad Wannsee in den 1950er-Jahren

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Das Strandbad Wannsee kannte ich bisher nur aus den Fotos von Will McBride, die unter anderem in seinem Foto-Tagebuch 1953-1961 zu sehen sind (dieses Buch gibt’s leider nur noch antiquarisch). Jetzt hat der Schriftsteller und frĂŒhere Verleger Michael KrĂŒger seine Jugenderinnerungen unter dem Titel Das Strandbad veröffentlicht. Gemeint ist jenes StĂŒck Wannsee-Ufer, von dessen weißem Sand er heute noch schwĂ€rmt.

KrĂŒger war, so vermutet er, ungefĂ€hr zeitgleich mit Conny Froboess dort (die sang 1951: »Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein, und dann nĂŒscht wie raus nach Wannsee!«), aber offenbar noch vor Will McBride. Der fotografierte laut seinem Biografen Ulf Erdmann Ziegler nĂ€mlich erst zwischen 1956 und 1959 im Strandbad.

Schade, denn die Stimmung von KrĂŒgers Text und von McBrides Fotos passen gut zusammen. Beide veranschaulichen die tastende, suchende Westanbindung der Nachkriegsjugend West-Berlins.

Michael KrĂŒger muss nicht viel von alten Nazis schreiben um zu vermitteln, welcher Ton damals an der Schule herrschte, wo Wallensteins Truppenbewegungen gepaukt wurden. Am Nachmittag holte er die Bildung nach, die er brauchte: Im Strandbad und mit den BĂŒchern von Hemingway, Faulkner und Camus.

»Ich verfolgte zu jener Zeit das Projekt, mich als Fatalist und Existenzialist auszubilden, und ging selbstverstĂ€ndlich davon aus, vom sozialen Leben ferngehalten und von MĂ€dchen ĂŒbersehen zu werden«, schreibt KrĂŒger. »Wenn ich dann gelegentlich einen Schritt weiter ging und vom â€șGeworfenseinâ€č faselte, was meinen Freund Rudi zur Weißglut brachte, der auf der Geburt bestand – â€șMan wird geboren, nicht geworfenâ€č –, war es meistens mit dem Interesse der MĂ€dchen vorbei. In jener Zeit hatten in West-Berlin ĂŒberspannte Typen mit durchtrainiertem Weltschmerz wenig Chancen.«

Der lakonische Ton, die unaufdringliche Ironie – ich habe das gerne gelesen. Das Buch erscheint in der 5plus Edition in kleiner Auflage und wird in ausgewĂ€hlten LĂ€den verkauft (etwa bei Felix Jud in Hamburg).

Mehr noch als die Handnummerierung hĂ€tte ihm ein etwas strengeres Lektorat gut getan: Ein paar Streichungen hĂ€tten den Text gestĂ€rkt, da wo KrĂŒger im abfĂ€lligen Ton ĂŒber Jugendliche einer Gegenwart schreibt, die er weder verstehen kann, noch will. Der Schriftsteller fĂŒhlt sich wohler in seinen Erinnerungen an die 1950er und an den weißen Sand des Strandbads. Wer könnte es ihm verĂŒbeln.

Reichsflaggen vor dem Reichstag

Am Wochenende stĂŒrmten Demonstrierende mit Reichsflaggen (und ein, zwei anderen Fahnen) auf die Treppe vor dem ReichstagsgebĂ€ude, wo sie von der Polizei gestoppt wurden. Bilder, die BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier mit den Worten kommentierte:

»Reichsflaggen, sogar Reichskriegsflaggen auf den Stufen des frei gewĂ€hlten deutschen Parlaments, das Herz unserer Demokratie – das ist nicht nur verabscheuungswĂŒrdig, sondern angesichts der Geschichte dieses Ortes geradezu unertrĂ€glich.«

Wie kam es dazu? Das zeigt dieses erstaunliche Zeitdokument:

(Lesenwert sind in dem Video auch die Kommentare der Zuhausegebliebenen, die teilweise offenbar unter Verwendung des Klarnamens verfasst wurden. Upsi.)

Die Frau, die auf der BĂŒhne spricht, wurde inzwischen als Tamara K. identifiziert und Ă€ußert sich zu der Aktion (nicht aber zur Bedeutung der vielen Reichsflaggen) in einem wohl authentischen Video in einem YouTube-Kanal aus der Coronademo-Szene: Weiterlesen „Reichsflaggen vor dem Reichstag“

Re: Helmut Kohl, OG

Eine Àhnliche inhaltliche Verschiebung wie beim Posing mit Benz: Bei John F. Kennedy war »Ich bin ein Berliner« ein Versprechen. Rund 50 Jahre spÀter ist bei Ufo361 daraus eine Drohung geworden.

(Bemerkenswert, dass der erste JFK-Klon, der im Musikvideo den SpĂ€ti stĂŒrmt, eine Adidas-Trainingsjacke trĂ€gt – und damit die Hausmarke und das Erkennungszeichen des grĂ¶ĂŸten Widersachers des historischen JFK: Fidel Castro.)

The Noise of Nature: Zebrafinken spielen Gitarre, ab sofort in Berlin

Abb. 1: Céleste Boursier-Mougenot: »From Here to Ear« (2009, Installation, Rechte vorbehalten)

Der »Sound of Nature« hat nichts mit Panflöten, HarfenklĂ€ngen und harmonischem Ambient-GeplĂ€tscher zu tun. DafĂŒr aber um so mehr mit Noise, Dissonanz und Overdrive-Geschredder. Und, oh Ironie: damit ist der »Sound of Nature« ziemlich dicht an seinem scheinbaren Gegenteil, dem Industrial.

So stellt es sich zumindest in einigen neueren Arbeiten von KĂŒnstlern dar, die der Natur mit Tonabnehmern auf die Pelle rĂŒcken – und sie dabei kein bisschen pastoral, aber dennoch sehr poetisch klingen lassen. Ich denke zum Beispiel an Olle CornĂ©ers und Martin LĂŒbckes »Harvest«, das die Beschaffenheit des Erdbodens hörbar und die Welt wieder zur (Vinyl-) Scheibe macht. »Harvest« wurde 2010 auf dem Dockville Festival in Hamburg ausgestellt, ich habe hier schon einmal kurz darĂŒber geschrieben.

Daran erinnert wurde ich in dieser Woche auf der Eröffnung von »My Paris«, der aktuellen Austellung im »me Collectors Room« in Berlin, die Arbeiten aus der Privatsammlung von Antoine de Galbert zeigt (lÀuft noch bis 8. Januar 2012). Dominiert wird die Schau von Céleste Boursier-Mougenots Installation »From Here to Ear«. Oder genauer: akustisch dominiert. Denn durch die AusstellungsrÀume im Erdgeschoss des Hauses dröhnen unstrukturierte Soundfetzen verzerrter E-Gitarren, begleitet vom Gekreische und Gezirpe mehrerer Vögel.

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Hamburg & sein Minderwertigkeitskomplex: Man ist immer so Hauptstadt wie man sich fĂŒhlt. Hier in Hamburg, zumindest.

Hier in Hamburg gibt es ein konstantes BedĂŒrfnis der Selbstvergewisserung. Nicht nur „schönste Stadt der Welt“ will man sein, sondern auch stĂ€ndig Hauptstadt von irgendwas. Korrektur: Nicht von irgendwas. Auf keinen Fall Hauptstadt der Kinderarmut und lieber auch nicht Hauptstadt der Mietpreisentwicklung, aber doch bittesehr Kreativ-Hauptstadt, Öko-Hauptstadt und jetzt –mal wieder– Pop-Hauptstadt. Das alles ließe sich wunderbar problematisieren (GĂ€nge, Gaier, Moorburg, KrĂŒmmel) verweist aber ohnehin nur darauf, was Hamburg nicht ist:
Hauptstadt.

Let's shake hands:

Keine Ahnung was das PolitCamp09 ist, aber auf DrĂ€ngen meiner Freundin habe ich mich eben angemeldet. BetrĂ€chtliche Teile der ZUENDER-Alumni werden dort auch antreten. Wir können alle im Kreis stehen und unsere HĂ€nde schĂŒtteln. Oder was man sonst eben so macht, auf dem PolitCamp09.

[Update:] FĂŒr alle, denen ich mich nicht persönlich vorstellen kann, habe ich mich nun der Konvention gefĂŒgt und eine gute versteckte „About Me“-Seite veröffentlicht, inkl. Mini-Bio und Phantombild.

"Achtmilliarden Minuten mit Zeitschriften" Video-Rezensionen von Printmagazinen. Folge 1: "Bang Bang Berlin"

Magazine! Yeah! Es gibt wenig besseres, manchmal. Deshalb jetzt mit Tusch und Sekt und kaltem BĂŒffet: die Eröffnung einer neuen, unregelmĂ€ĂŸigen Zeitschriften-Review-Serie in diesem Blog.

Neulich hatte ich hier schonmal Titty City, ein Schmuddelheft neuen Typs, vorgestellt und andere Zeitschriften, die ich mag. Jetzt versuche ich mal das zu institutionalisieren. Und zwar: als schlecht ausgeleuchtete Video-Serie, ich sag mal: „Fanzine 2.0“. Digitale Kompaktkameras und Windows Movie Maker sind die Schere und Klebstoff des 21. Jahrhunderts.

Weil das ganze trotzdem mehr Arbeit war, als man ihm ansieht, weiß ich noch nicht, wann der zweite Teil folgt. Aber hej: Kommentare könnten motivationssteigernd wirken, und HeftvorschlĂ€ge fĂŒr die Short List nehme ich extra gerne an. Am interessantes finde ich neue Magazin-GrĂŒndungen abseits großer Verlage, die optimalerweise neue Versuche zum VerhĂ€ltnis von Print und Internet anstellen. So wie eben neulich Titty City oder hier Bang Bang Berlin.

Die gute Nachricht, allen „Print ist tot“-Unkenrufen zum Trotz, ist: da gibt es ja mehr als genug.