Was für ein Jahr! 💥

Zehn der besten Texte aus ZEIT CAMPUS im Jahr 2018

Werbeanzeigen

Silvester ist überstanden, die Christbäume liegen am Straßenrand, es ist Zeit für Neues! Wer jetzt noch »Best of 2018«-Listen postet, wird verspottet. Echt? Mir egal. Das vergangene Jahr war ein besonderes, mit vielen tollen Geschichten in ZEIT CAMPUS, dem Magazin, dessen Redaktion ich nun seit fast zwei Jahren leite.

Bevor es richtig losgeht mit 2019, habe ich zehn unserer Reportagen, Interviews, Fotostrecken und Podcasts ausgesucht, die etwas über das vergangene Jahr aussagen. Und die zugleich so zeitlos sind, dass es sich heute noch lohnt, sie zu lesen.

Draußen ist eh nur Nieselregen, Narcos: Mexico macht nicht halb so viel Spaß wie die alten Staffeln, deshalb mein Tipp: Such dir eine Decke, verkriech dich darunter und gönn dir einen Abend mit richtig gutem Magazin-Journalismus.

Hier meine Top Ten (unsortiert):

1) Fangen wir mit den Tiefpunkten des Jahres an: Der HSV steigt ab, und die deutsche Nationalelf fliegt in der WM-Vorrunde raus. Katastrophe! Okay, Spaß. Tatsächlich kann ich mit Fußball nicht so viel anfangen. Das Porträt, das Viola Diem über den Team-Manager des 1. FC Köln geschrieben hat, fand ich trotzdem super. Auch die Kölner haben ihre Fans 2018 enttäuscht, sie stiegen ab. Max Vollmar, der Team-Manager, hat deshalb alle Hände voll zu tun. Denn sein Job ist es, dass im Verein gute Stimmung herrscht: Der Manager für den Vibe.

2) Der Sommer 2018 war einer der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor mehr als hundert Jahren. Das ist kein statistischer Ausreißer: Von zehn der wärmsten Jahre waren neun im 21. Jahrhundert. Dass die Erde wärmer wird, ist nicht mehr zu leugnen. Trotzdem war die letzte Klimakonferenz eine Enttäuschung. Eine Klima-Expertin, die trotzdem optimistisch bleibt, ist die Medienökologin Birgit Schneider von der Uni Potsdam. Sie sagte im Interview mit Daniel Erk: Der letzte Sommer hat etwas verändert.

3) Armani, Burberry, Gucci, Versace … nein, das ist keine Textzeile von Miami Yacine, sondern eine Aufzählung jener Luxus-Labels, die keinen Echtpelz mehr in ihrer Mode verwenden wollen. Lange war totes Tier so ziemlich das Edelste, was man sich um den Hals hängen konnte (als ich vor einigen Jahren mit einer Kollegin eine Mode-Professorin interviewte, kam die mit einem toten Fuchs zum Termin). Doch: aus und vorbei! Wir feiern den Ausstieg mit einer großen Modestrecke, die falsches Fell zeigt. Und echtes Fell. Letzteres aber nur an lebenden Tieren: Fake und Flauschig.

4) Was hat der Holocaust mit uns zu tun? Hannes Schrader hat deutsche Muslime auf ihrer Reise nach Auschwitz begleitet. Ihre Großeltern waren keine Nazis, keine Mitläufer und keine Verfolgten. Und doch ist der Holocaust auch ihre Geschichte. Dieser Text erschien nach Kollegahs Echo-Eklat und nach Gaulands »Vogelschiss«-Spruch. Zwei Beispiele, die zeigen, wie schwierig der Umgang mit dem Holocaust heute ist – selbst für nicht migrantische Deutsche. Hannes’ Reportage: Berat fährt nach Auschwitz.

5) Seit zehn Jahren herrscht in Griechenland eine Wirtschaftskrise. Im Sommer 2018 endete das dritte und letzte internationale Rettungsprogramm. »Ihr habt es geschafft!«, twitterte Donald Tusk, der Ratspräsident der Europäischen Union. Happy End? Nein. Die Chancen für junge Griechen sind immer noch schlecht und ungleich verteilt. Davon erzählt Silke Weber in ihrem Porträt zweier Studentinnen: Eleni, 20, aus Athen und Eleni, 20, aus Athen. Die beiden haben viel gemeinsam – und leben doch in unterschiedlichen Welten: Sie kommt klar, sie nicht.

6) Einer der Hashtags des Jahres war für mich #instagramhusbands. Das sind die Typen, die sich mit beiden Händen am Handy krümmen und biegen um im perfekten Winkel ihre hübschen Freundinnen zu fotografieren. Quasi Mensch gewordene Selfiesticks. Es gibt #instagramhusbands aber nicht nur unter Amateur-Instagrammern, sondern auch unter den Profis. Nina Piatscheck hat fünf Paare interviewt, bei denen die Frau jeweils Influencerin ist und der Mann ihr Fotograf. Außerdem haben wir den Spieß umgedreht und die Frauen gebeten, ihre Männer zu fotografieren. Die Interviews und Fotos von Jolie Janine, Fashiioncarpet, Leslie Huhn, Shanti Joan Tan und Leonie (von Consider Cologne) gibt es hier: Er macht die Fotos, sie kriegt die Herzchen.

7) Bin ich rassistisch? Wahrscheinlich. Es ist Zeit, dass wir uns unseren Vorurteilen stellen. Dabei hilft der Fragebogen, den Amna Franzke, Vanessa Vu und Hasan Gökkaya entwickelt haben und der im vergangenen Jahr einige Leute zum Nachdenken gebracht hat. Auch mich: Diese 33 Fragen über Rassismus sollte man sich ehrlich stellen.

8) Es gibt Leute, die quatschen auf Partys unentwegt von ihrem Job. Und es gibt andere, die halten sich mit Geschichten aus ihrem Arbeitsleben lieber zurück. Zum Beispiel Bestatter, Bordell-Betreiber oder Forscher, die Tierversuche machen. Wie sie damit umgehen, dass sich andere vor ihren Berufen ekeln oder sie sogar moralisch falsch finden, erzählten einige dieser Leute unserer Autorin Marie Blöcher: Und was machst du so beruflich?

9) Ärzte, die Abtreibungen durchführen, dürfen das nicht auf ihre Websites schreiben. Denn das gilt als Werbung, und die ist für Abtreibungen verboten. Ist das noch zeitgemäß? Ist das sinnvoll? Darüber wurde im vergangenen Jahr viel diskutiert, inzwischen gibt es ein neues Gesetz. Doch das größere Problem ist, dass offenbar immer weniger Ärzte Schwangerschaftsabbrüche durchführen, dass viele Abtreibungen in Deutschland nicht dem neuesten Stand der Medizin entsprechen – und dass Frauen in Notsituationen dadurch das Leben unnötig schwer gemacht wird. Wie denken junge Ärzte und Medizinstudierende darüber? Marie Gamillscheg berichtet: Moderne Medizin.

10) Vergesst links und rechts, die soziale Konfliktlinie verläuft heute zwischen (großstädtischen) Kosmopoliten und (ländlichen) Traditionalisten. Das war zuletzt öfter zu hören, wenn über Chemnitz diskutiert wurde oder über die französischen Gelbwesten oder über Trump. Oder, oder, oder. Einer, der diese These bekannt gemacht und geprägt hat, ist der Soziologie-Professor Andreas Reckwitz von der Uni Frankfurt (Oder). Ich habe den Soziologen für ZEIT CAMPUS interviewt. Mit unseren Freunden, den Podcastern von detektor.fm, habe ich anschließend über seine Thesen gesprochen (und über meinen Hass auf Craft-Beer). Das kannst du hier anhören.

Und jetzt: Bring it on, 2019! Die nächste gedruckte Ausgabe von ZEIT CAMPUS erscheint am 5. Februar. Wer sich für dieses Jahr ein Abo gönnen möchte: Bitte hier entlang.


Quelle

Before it’s in fashion, it’s in history

Wie Levi’s und Boss neue It-Pieces in der eigenen Geschichte finden

Anfang des Jahres legte Levi’s eine alte, braune und auf den ersten Blick nicht besonders interessante Lederjacke neu auf. Das Original war vor mehr mehr als 80 Jahren mal Teil der Kollektion gewesen. Einer der Kunden, der die Jacke damals kaufte, war Albert Einstein. Er trug sie auf dem Time-Cover im April 1938.

Nun hatte Levi’s die alte Jacke bei einer Auktion ersteigert, nachgeschneidert und neu in den Handel gebracht. Aus dem Werbetext zur Jacke:

Das Levi’s® Vintage Clothing Menlo Cossack Jacket ist ein Replikat einer Jacke aus den 1930er Jahren, die ursprünglich Albert Einstein gehörte. Als Einstein um 1935 in die USA kam, beantragte er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Bekannt für seine minimalistische Kleidung, kaufte er sich diese Lederjacke und trug sie viele Jahre lang. Im Juli 2016 ersteigerte Levi Strauss & Co. diese Jacke beim Auktionshaus Christie’s in London. […] Wir haben diese Jacke vollständig originalgetreu kopiert und fertigen sie aus satt gefärbtem Leder, das im Laufe der Jahre wunderschön nachdunkelt.

Wer diese Jacke kauft, kann deshalb zwar noch lange nicht denken wie Albert Einstein, aber zumindest ein bisschen aussehen wie er. Und – sogar riechen wie das Genie. Denn, so heißt es in dem Werbetext weiter:

Wie von Christie’s angemerkt, wies diese Jacke neben ihren Abnutzungserscheinungen auch einen schwachen Geruch auf. Einstein war leidenschaftlicher Pfeifenraucher und seine Jacke verströmte noch 60 Jahre nach seinem Tod den süßlichen Duft von Pfeifentabak. […] Authentizität ist uns so wichtig, dass wir zusammen mit dem Parfumhaus D.S. & Durga aus Brooklyn auch diesen Duft rekonstruiert haben: eine warme Mischung aus Burley-Pfeifentabak, Papyrusmanuskripten und altem Leder. Jeder Jacke liegt ein Flakon dieses exklusiven Dufts sowie ein Replikat der Bieterkarte mit der Nummer 97 bei, mit der wir auf dieses historische Kleidungsstück geboten haben.

Dieses Halloween kamen leider keine kleinen Einsteins an meiner Haustür klingeln. Keine Kinder in schweren, speckigen Lederjacken, mit zerzausten Haaren und dem süßlichen Geruch von Pfeifentabak. Dafür war diese Jacke wohl einfach zu teuer: 1200 Euro. Trotzdem ist sie inzwischen offiziell ausverkauft.

Auch aus PR-Sicht dürfte es sich für das Unternehmen gerechnet haben: Ich weiß nicht, in wie vielen Magazinen und Blogs ich die Geschichte von der Einstein-Jacke gelesen habe. Waren es ein halbes Dutzend Veröffentlichungen? Mindestens.

Keine große Überraschung also, dass der Trick, der Levi’s mit der Einstein-Jacke gelungen ist, jetzt von Hugo Boss wiederholt wird.

WeiterlesenBefore it’s in fashion, it’s in history

Apple Watch: Ein altmodisches Produkt

Die Apple Watch ist ein seltsames Statussymbol: Sie ist keine Investition, kein Erbstück zukünftiger Generationen (so wie es andere Uhrenhersteller von ihren Produkten behaupten), kein rares Vintage Piece. Die Apple Watch ist keineswegs exklusiv.

Eine Kollegin kam neulich aus San Francisco zurück, trug eine neue Apple Watch, und machte mich auf den demokratischen Gestus dieses Accessoires aufmerksam: Der CEO des Weltkonzerns trägt diesselbe Armbanduhr wie seine Assistentin. Der Top-Investor ist durch einen bloßen Blick auf sein Handgelenk nicht von seinem Praktikanten zu unterscheiden. Oder vom Barrista in der Kaffeefiliale nebenan.

Damit steht die Appel Watch in einer amerikanischen Tradition. WeiterlesenApple Watch: Ein altmodisches Produkt“

Warum kaputte Kunst manchmal mehr wert ist als heile Kunst

Ein Bild von Banksy hat sich selbstzerstört, kurz nachdem es für eine Million Pfund versteigert worden war (Video). Spekulationen zufolge war das als Stellungnahme des anonymen Künstlers gegen die Kommerzialisierung der Kunst zu verstehen. Anderen Spekulationen zufolge ist das zerstörte Bild jetzt nur noch mehr wert.

Mich erinnerte das an ein Interview, das meine Kollegin Martina Kix für ZEIT CAMPUS mit dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich führte:

ZEIT CAMPUS: […] Der amerikanische Künstler Richard Prince hat Instagram-Bilder anderer Leute ausgedruckt und ausgestellt. Wann wird ein Selfie Kunst?

Ullrich: Wichtig ist, dass Richard Prince nicht behauptet, er würde auf Instagram Kunstwerke entdecken, die bisher übersehen worden sind. Er hat früher Kaufhauskataloge und Werbeplakate abfotografiert und die Fotos ins Museum gehängt. Heute macht er dasselbe mit Instagram-Selfies. Seine Arbeit ist vergleichbar mit einem Taufakt. Dinge, die an sich als banal gelten, erhebt er zur Kunst. Es geht ihm um die Geste. Und um die Fragen: Wie viel Macht hat ein Künstler? Ist alles Kunst, was ein Künstler dazu erklärt? Macht der Kunstbetrieb das mit oder nicht?

ZEIT CAMPUS: Der Kunstbetrieb macht mit: Die Bilder wurden für viel Geld verkauft.

Ullrich: Ja, und das Spannende ist, dass Richard Prince sein Spiel noch weitertreibt. Ein Foto, das er aus dem Instagram-Account von Ivanka Trump genommen und zur Kunst erklärt hatte, hat er für 36.000 Dollar verkauft – an Ivanka Trump. Als ihr Vater Donald Präsident wurde, hat er das Bild jedoch wieder zur Nicht-Kunst erklärt. Er twitterte: „This is not my work. I did not make it. I deny. I denounce. This fake art.“

ZEIT CAMPUS: Und jetzt?

Ullrich: Jetzt ist die Frage, ob der Kunstbetrieb das akzeptiert. Ich habe mit Mitarbeitern eines renommierten Auktionshauses gesprochen und sie gefragt, ob sie das Bild noch annehmen würden. Sie sagten: „Natürlich. Und es wird teurer sein als alle anderen aus der Serie.“ Das zeigt die Grenzen der Macht des Künstlers.

Merke: Bilder, die durch ihre Geschichte einzigartig werden (Andreas Reckwitz würde sagen: die singularisiert werden), verkaufen sich besser. Immer.  Selbst wenn sie vom Künstler widerrufen oder zerstört wurden. Und nirgendwo weiß man das besser als in Auktionshäusern.

Das ganze Gespräch mit Wolfgang Ullrich: hier nachlesen.

Wie Grisebach die Kunst singularisiert

Kunstwerke war schon immer anders als andere Konsumgüter. In Andreas Reckwitz‘ Theorie der Gesellschaft der Singularitäten ist die Kunst die eine gesellschaftliche Sphäre, in der schon in der klassischen Moderne (ca. 1750 bis 1970) massiv singularisiert worden ist, d.h.: in der Güter nicht durch ihren Nutzwert an Begehrlichkeit gewannen, sondern dadurch, dass sie durch Erzählungen mit immateriellem Wert aufgeladen wurden, etwa in dem sie als ästhetisch neu oder radikal, jedenfalls als „besonders“, galten:

WeiterlesenWie Grisebach die Kunst singularisiert

Über Linke reden (I)

Es war nicht alles schlecht am Neoliberalismus

Ist der Neoliberalismus, den Linke in den vergangenen Jahren energisch kritisiert haben, in seinen letzten Zügen? Wird er womöglich bald Geschichte sein?

Falls ja: Wäre das wirklich eine gute Nachricht, wo ihn doch weniger emanzipatorische Kräfte, als Anhänger von Ethno-Nationalismus, von protektionistischer Wirtschaftspolitik und von einem essenzialistischen Kulturverständnis halberfolgreich bedrängen?

Schon erklingen jedenfalls Stimmen, die den Neoliberalismus zumindest gegen seine pauschalsten und ärgsten linken Kritiker in Schutz zu nehmen scheinen.

WeiterlesenÜber Linke reden (I)