Zornige einsame Männer

Warum ist die AfD im Osten so erfolgreich? Weil sie von Männern gewählt wird, die zornig sind, dass ihnen die Frauen abhanden gekommen sind.

Das ist die These der Journalistin Katrin Bennhold. Und die ist … zumindest originell. Aus der New York Times:

After the wall came down, the East lost more than 10 percent of its population. Two-thirds of those who left and did not come back were young women.

It was the most extreme case of female flight in Europe, said Reiner Klingholz, director of the Berlin Institute for Population and Development, who has studied the phenomenon. Only the Arctic Circle and a few islands off the coast of Turkey suffer comparable male-female imbalances.

In large swaths of rural eastern Germany, men today still outnumber women, and the regions where the women disappeared map almost exactly onto the regions that vote for the Alternative for Germany today.

Den ganzen Text gibt es hier zum Nachlesen.

Ich bin gespannt auf die Repliken.

[via Tobias Rapp / Facebook]

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Über Rechte reden (II) 

Diedrich Diederichsen über das Buch Mit Rechten reden:

[D]ass es einen Zusammenhang zwischen dem Treiben einiger schrulliger sogenannter rechter Intellektueller und den Erfolgen von AfD oder FPÖ gibt […] ist natürlich Bullshit. Das ist eben nicht Leninismus, es geht nicht eine denkende Avantgarde voraus, und dann folgen die Massen auf die Straße. Es ist genau andersrum. Diese sogenannten Intellektuellen hängen sich eher an die Erfolge des Pöbels ran. Die Straße ist vorausgegangen.

Heißt für Diederichsen: Besuche von Journalisten in Schnellroda sind unnötig und sogar falsch, weil es darum gehe, politische und soziologische Zusammenhänge zu analysieren, nicht darum, was an einzelnen Akteuren, die im Zuge von Pegida etc. gefühlt an Relevanz gewinnen, „als [Privat-] Personen interessant sein könnte“.

Dann eine eher abenteuerliche These (oder ein Witz):

[D]ie sogenannten rechten Intellektuellen […] entstehen erst dadurch, dass die Linke sich vor ihnen gruselt.

(Aus: Spex #378, Januar/Februar 2018)

Neu:

Das hier ist die neue Ausgabe von ZEIT CAMPUS, dem Studentenmagazin der ZEIT. Ab Dienstag, 10. Oktober, in vielen Kiosken, Mensen und hier zu kaufen. Oder im Studentenabo.

Es handelt sich hier um die dickste reguläre Ausgabe in der Geschichte unseres Magazins (noch mehr Seiten hatte nur das Heft zum zehnjährigen Jubiläum im vergangenen Jahr) und, hey, es sind ein paar gute Sachen drin.

Zum Beispiel:

WeiterlesenNeu:

Gegenwartskunde (2): Opis im Exil, selektiver Antisexismus & Christen

Es ist nicht immer leicht, ein deutscher Rassist zu sein. Jetzt schmeckt nicht mal mehr die Kinderschokolade. Nur konsequent also, dass einige von ihnen bereits das Land verlassen. So berichtet es der Bayerische Rundfunk (BR), demzufolge »immer mehr« Deutsche nach Ungarn auswandern, weil es dort kaum Flüchtlinge und eine rechte Regierung gebe. Eine tolle Geschichte, but I don’t buy it. Tatsächlich kommen im BR-Bericht nur ein paar Rentner vor, die angeben, ihren Alterssitz an den Plattensee verlegen zu wollen. Dorthin also, wo das Wetter besser, der Gulasch saftiger und der Obstler billiger ist (ganz zu schweigen von den Pflegekräften). Und dorthin, wo seit langem deutsche Touristen willkommen sind. Einen solchen Umzug als politischen Akt zu deklarieren, ist schon reichlich frech. Aber gut, es finden sich immer Leute (manchmal auch Journalisten), die einem die Wichtigtuerei abkaufen.

(Quelle: Report München, BR, zum Fernsehbericht)

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Eine Tram-Haltestelle in Berlin: Links wirbt ein Bikinihersteller mit dem Foto einer Frau im Bikini. Rechts wirbt der örtliche Nahverkehrsanbieter mit zwei Ledermännern (»Tageskarte. Bringt dich ans andere Ufer.«). Der Sticker »Sexistische Kackscheiße« klebt auf dem falschen Plakat.

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Wie christlich ist die AfD? Offenbar: nicht so christlich. Gefühlt öfter als jede andere Partei führt die AfD das Christentum im Munde. Schon in der Präambel ihres Parteiprogramms bekennt sich die Partei dazu, die »abendländische christliche Kultur […] dauerhaft erhalten« zu wollen. Doch laut einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) besucht das Spitzenpersonal der Partei kaum regelmäßig Gottesdienste. Der stellvertretende Parteivorsitzende Alexander Gauland sagte der Zeitung sogar, das Christentum sei für ihn bloß »eine Metapher«. Ein bemerkenswerte Aussage – man stelle sich vor, ein führender Grüner würde sagen, dass ihm Ökologie kein echtes Anliegen sei, sondern halt nur so »eine Metapher«. Oder jemand von der SPD-Spitze würde selbiges über soziale Gerechtigkeit sagen. Die AfD-Wähler scheint es nicht zu stören: Im Westen wie im Osten seien überproportional viele von ihnen konfessionslos, meldet die FAS.

(Quelle: FAS, Link zum Gauland-Artikel und zum Christen-Artikel)

 

Zu lang für Twitter, zu kurz für ein eigenes Blog-Posting: Beobachtungen, Links und andere Fundstücke dieser Art sammle ich unregelmäßig unter der Überschrift »Gegenwartskunde«. Mein inhaltlicher Fokus liegt irgendwo zwischen (populärer) Kultur, Medien und Politik. Alle bisherigen Folgen der Gegenwartskunde gibt es hier, mehr über mich hier.

Für postheroischen Journalismus!

Warum mich die Sendung Conflict Zone mit Frauke Petry nicht begeistert

Diese Woche hat die Deutsche Welle eine Folge ihrer Sendung Conflict Zone veröffentlicht, in der die AfD-Politikerin Frauke Petry in englischer Sprache interviewt wird (siehe Video oben). In meinen Sozialen Netzwerken wurde das Video in den vergangenen 24 Stunden viel geteilt und – soweit ich das überblicke – ausschließlich mit anerkennenden Worten gepostet.

Auch einige Onlinemedien berichten in einem Tonfall, als wäre dem Moderator Tim Sebastian und seiner Redaktion eine journalistische Heldentat gelungen. So meldete stern.de etwa anerkennend, Petry sei »ordentlich auseinandergenommen« worden. Bento urteilt, Petry werde »immer wieder ad absurdum« geführt. Weitere Beispiele lassen sich leicht ergoogeln.

Ich verstehe die Begeisterung über Conflict Zone mit Frauke Petry nicht. Tim Sebastian erscheint mir so selbstgerecht, flegelhaft und krawallig, dass ich das Interview kaum ertragen kann.

Seine Angewohnheit, sie ständig zu unterbrechen, zeugt von schlechtem Stil, ganz unabhängig davon, dass es womöglich auch ein Paradebeispiel für »mansplaining« ist: Die arme Frau Petry kann keinen Gedanken (egal für wie krude man ihn auch halten mag) zu Ende führen, weil ihr der alte Mann ständig ins Wort fällt und ihr erklärt, was sie »wirklich« gemeint hat.

Erleben wir hier eine »Entzauberung« der Petry, wie irgendwer kommentierte? Ich glaube nicht. Und das nicht nur, weil Petry nie bezaubernd war. (Anders als glanzvollere Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg.)

Stattdessen kann hier jeder auf seine Kosten kommen, indem er seine Voruteile bestätigt sieht: Die einen genießen, dass die AfD nach ihren schmerzhaften Landtagswahlerfolgen ein bisschen zurückgequält wird. Die anderen freuen sich über einen weiteren Beleg für den Antagonismus der Medien im Allgemeinen und die Abschaffungswürdigkeit der Öffentlich-Rechtlichen im Speziellen (auch wenn das jetzt angeblich nicht mehr im AfD-Programmentwurf steht).

Selbstverständlich kann man sich seinen Interviewpartnern nähern wie ein Stierkämpfer. Aber ist das in jedem Fall die beste oder passende Form, ein journalistisches Gespräch zu führen? Diese Folge von Conflict Zone zeigt eindringlich: nö, isses nicht.

Lernen wir nicht von Tim Sebastian, sondern besser von Journalistinnen und Journalisten wie Jon Ronson, Louis Theroux oder Mo Asumang die ihren Gesprächspartnern nahe kommen (und sie oft genug auch entlarven), indem sie sie ernstnehmen, um Verständnis ringen und höflich bleiben.

Für einen postheroischen Journalismus!

Wo sitzt die Made? Im Speckgürtel. (Neu: Nachwort für AfD-Wähler!)

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Abb. 1-2: So schön/schlimm ist Hamburg-Nienstedten

Fast unsichtbar ist die AfD im Hamburger Kerngebiet – also dort, wo die Anwesenheit des 21. Jahrhunderts (Migranten, Schwule, werktätige Frauen, Flaschensammler) nicht mehr zu leugnen ist.

Doch etwas weiter draußen, hinter dem Findling am Elbstrand, etwa auf Höhe des Jenischparks, sieht man dieser Tage AfD-Plakate an jedem Lampenposten (vgl. Abb. 1). Unterbrochen werden sie nur durch den gelegentlichen Aufruf zur Unterstützung der G9-Initiative, der offenbar von der Partei gleich mitplakatiert wurde.

Hier, wo es keine Zehn-Euro-Frisöre gibt, sondern nur Pudel-Trimm-Salons; wo die Häuser Reetdach tragen und bei Ebbe die Yachten im Schlamm stecken bleiben (vgl. Abb. 2) bereiten die »Alternativen« ihren Marsch auf das Hamburger Rathaus vor. Irgendwas ist faul an diesem Bild. Entscheiden Sie selbst.

Nachtrag am 6. Oktober 2014:

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