Colbert vs. Lessing: Bitte unterlegen Sie dieses Gespräch nicht mit großartiger Tanzmusik.

Stephen Colbert interviewte in seiner Sendung zuletzt Stanford-Professor Lawrence Lessing anlässlich der Veröffentlichung dessen Buchs  „Remix: Making Art and Commerce in the Hybrid Economy“. Die amerikanische Regierung führe mittels Copyright einen Krieg gegen die Kinder des Landes, sagt Lessing, immerhin teilten 70% der amerikanischen Jugendlichen mediale Inhalte und würden dafür kriminalisiert. Gegen die Aggressivität und Schlagfertigkeit von Colbert, der die Legitimität von Remixen per se angreift, kommt Lessing nicht an. Colberts pöbelnd vorgetragene, aber gerechtfertigte Fragen (Zum Beispiel erstens: was konstituiert schöpferische Fallhöhe von Remixen? Zweitens: wie wird der Urheber des Urspungsmaterials entlohnt? Usw.) bleiben unbeantwortet.

Zugleich, und das ist ein gutes Beispiel für die allgemeine Großartigkeit Colberts, entwertet er seine gespielte Entrüstung durch den Hinweis an sein Publikum, niemand dürfe das Interview remixen. (Man darf das guten Gewissens für Ironie halten, es ist ein Running Gag in Colberts Sendung, das Publikum dazu aufzurufen, TV-Schnipsel zu „remixen“ und eine Auswahl dieser „Remixe“ in seiner Sendung zu zeigen.) Lessing verlinkt den Aufruf in seinem Blog, einen Tag später tauchen auf YouTube die unvermeidbaren Remixe des Colbert-Lessing-Interviews auf, zum Beispiel dieser:

Nett. Vielleicht ein bisschen zu sehr in die Trick- und Mottenkiste von Fatboy Slim gegriffen, aber trotzdem: nett. Lessing, der gegen Ende des Gesprächs ein bisschen gebeutelt wirkt, ist am Ende doch noch ein Gewinner: seine Worte verbreiten sich im Netz (z.B. prominent aufgegriffen bei Herrn Jarvis), der Remix siegt und mit ihm die These, dass (in diesem Fall) der Geremixte vom Remix profitiert.

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Leseliste (#7): Hyperlinks im echten Leben, Krisenkapitalisten vs. Rezession, Mütter vs. Facebook, Nazi-Zombies & Hippie-Zombies, usw.

  • Endlich: Hyperlinks emanzipieren sich vom Netz, und beglücken uns bald auch im sogenannten echten Leben. Die Idee: Zeig mit deinem Fotohandy auf ein Gebäude, und dein Fotohandy zeigt dir Links zu weiterführenden Informationen zu dem Gebäude an. Noch ist das Programm in einem experimentellen Stadium, aber: Wow. (Video) [Via Mario Sixtus / Twitter]
  • Vinylverkäufe verdoppelten sich in 2008. Jetzt würde ich nur noch gerne wissen, was Herr Gorny dazu denkt. Der sagte in der aktuellen Spex nämlich, die Fetischisierung von haptischen/materiellen Tonträgern sei die falsche Musikindustriekrisen-Bewältigungsstrategie. Klar: die eine Strategie wird es wohl nicht geben. Aber vielleicht mögen music lover ja doch auch schönes Material und können sich mit der Idee anfreunden, dafür Geld auszugeben? (Text) [Via Nerdcore]
  • Rezession? Nicht für private Gefängnisbetreiber in den USA. Und, könnte man ergänzend spekulieren, für andere Krisenkapitalisten vielleicht auch nicht. (Text)
  • „I can’t define what pornography is but I know it when I see it“ soll der US-Supreme-Court-Richter Potter Stewart mal gesagt haben. Was für einen öffentlichen Ausspruch eines Richters natürlich ein bisschen die juristische Verbindlichkeit und intersubjektive Nachvollziehbarkeit vermissen lässt, aber schön veranschaulicht, was uns immer noch für Probleme im (gesellschaftlichen und wissenschaftlichen) Umgang mit „obszönen“ Medieninhalten plagen. Denn das Zitat ist von 1964, eine gesellschaftliche konsertierte Pornografie-Definition ist aber trotz wachsender ökonomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Bedeutung der Pornografie auch Anfang 2009 noch nicht auszumachen (sehr gut dazu: diese vergriffene Arbeit von Corinna Rückert). Jedenfalls, und unabhängig individueller Einstellungen zur Pornografie als solcher, können wir uns wahrscheinlich darauf einigen, dass Facebook eine im Netz zwar gängige, aber ganz besonders blöde Unterscheidung obszöner (und damit in dem Network verbotener) und nicht-obszöner Fotos anstellt: alle Bilder auf denen (weibliche) Brustwarzen teilweise oder ganz zu sehen sind, sind demnach nicht zulässig. Wer auf seinen Fotos an den entscheidenden Stellen knapp genug bekleidet ist, entgeht deshalb der Löschung, egal, was das Foto über Kontext, Mimik, Pose, usw. an „Obszönitäten“ kommunizieren mag. Stillende Mütter werden dagegen gesperrt. Und die (und damit komme ich endlich zum Link zum empfohlenen Artikel auf der Website des Time Magazine) laufen dagegen Sturm. (Text)
  • Die Freunde vom FREIHAFEN-Magazin haben ein neues Heft gemacht! Im Werbetext dazu klingen sie ein bisschen so, als wären sie irgendwie gerade in der Mid-Life-Crisis (dabei sind die im Schnitt höchstens 20): „Haltet mal die Welt an, wir haben etwas zu sagen: Mensch sollte mal pausieren, innehalten und atmen. Dieses ganze Herumgerenne und von Bus zu Bahn Gehetze nervt furchtbar. Deshalb widmet sich FREIHAFEN in  der neuesten Ausgabe dem Thema „Haltestelle“ und betrachtet die verschiedensten Stationen des Lebens.“ Das Heft dazu ist aber wie immer lesenswert. Und steht hier zum Download. (PDF)
  • Neulich hat der Spiegel (Ausgabe Nr. 50 / 8.12.2008) in „Über Schmidt“ sehr schön über den 90. Geburtstag von Helmut Schmidt, die allgemeine Bohei, die darum betrieben wurde, und den gefühlten Mangel an (politischen) Führungspersönlichkeiten in Deutschland geschrieben. Ein Trost vielleicht: den Amerikanern scheint es so anders nicht zu gehen. Für einen Werbespot für die aufregende „One Laptop Per Child“-Initiative haben sie nicht einen der zahlreichenden noch lebenden prominenten Gutmenschen engagiert (denkbar wären ja: Iren mit schlechtem Brillengeschmack, antifaschistische Scientologen oder dieser eine, mit den grauen Haaren und dem Hündchen), nein, sie haben  John Lennon aus dem Grab geholt. Ihr wisst schon… diesen Typen der schon vor Jahrzehnten den Trend vorweg nahm und Vinylverkäufe verdoppelte… (Text)
  • Apropos „aus dem Grab geholt“! Als Ergänzung zu all den anderen schlechten Nachrichten, die uns dieses Jahr bisher erreicht haben und noch erwarten, bedauere ich sehr, bekannt geben zu müssen, dass uns 2009  die deutsche Geschichte in bester Zombietradition einholen und gehörig auf die Nerven gehen wird. Damit meine ich nicht nur den Neubau des Berliner Schlosses, sondern auch: „Dead Snow“. Die norwegische Produktion, die demnächst beim Sundance Film Festival in den USA uraufgeführt werden wird, ist neben Tarantinos anstehendem Film der zweite Horrorstreifen, in dem die Nazis die Rolle der Antagonisten übernehmen. Hier ist der Trailer. (Video)
  • Die beste Muzak der Woche gibt es übrigens auf der Internetseite des Designers Akutou. Player starten und lächeln. (Audiostream)

Gespräche, die so nie stattgefunden haben (#1): Dieter Gorny und Juli Zeh unterhalten sich über Datenschutz vs. Regulierung im Internet

Dieter Gorny:

Fakt ist doch, dass die Internetnutzer sich freiwillig und ohne jeden Zwang zu gläsernen Menschen machen, indem sie beim Online-Kauf mit ihrem Konsumverhalten digitale Spuren im Netz hinterlassen. Oder denken Sie an all die Blogs und Fototagebücher und YouTube-Beiträge, die unwiderruflich im Netz bleiben, sobald man sie hochgeladen hat.

Juli Zeh:

Aber selbst wenn ich im Internet einkaufe: Amazon kann nicht bei mir vor der Tür stehen und meine ganze Wohnungseinrichtung raustragen. Der Staat hat Kompetenzen, die die Wirtschaft – bis jetzt – nicht hat, er kann mehr tun, als mir Spam zu schicken. Insofern mache ich mir Sorgen um unser Land. […] Ich dachte, nach zwei totalitären Überwachungsstaaten hätten wir verstanden, dass man bestimmte Dinge sein lassen sollte. Es gibt keinen demokratischen Kontrollstaat.

Quellen:

Dieter Gorny, Vorstandsvorsitzender des Bundesverband Musikindustrie (früher: Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft), ex-Viva, Popkomm, im Gespräch mit Spex-Chefredakteur Max Dax, in Spex #318, Jan/Feb 2009 (nicht online [Update:] jetzt online), wendet sich gegen eine „naiv geführte[] datenschutzrechtliche[] Argumentation“ aus der heraus alls Kontrollinstrumente blockiert würden, die Internetnutzung im Interesse des Urheberrechts und des Jugendschutzes staatlich regulierbar machen könnten.

Juli Zeh, Schriftstellerin und Juristin, im Gespräch mit Philipp Schwencke in ZEIT Campus 05/2008 (und hier), beobachtet ein „hysterisches Zeitalter“, dass sich im Umgang mit Sicherheit und Gesundheit äußere und politisch instrumentalisiert werde. Ein Produkt dieser Hysterie ist demnach der biometrische Pass, gegen den Zeh vor dem Bundesverfassungsgericht Beschwerde einlegte.

No more "Pop Culture for Smart People": Lifestyle-Verlag AMI schluckt und killt Radar Magazine

Die Wirtschaftskrise fängt richtig zu nerven an: Seit dem Ende des Präsidentschaftswahlkampfes läuft auf der Internetseite von Radar, dem Magazin, das es bis dahin wie kein anderes schaffte, Politik und Popkultur zu verbinden, nur noch Celeb-Gossip. Schuld ist offenbar AMI, die ansonsten Fitness- und Gossip-Magazine verlegen und Radar geschluckt haben. Wie Gawker jetzt meldet, war das aber nur der Anfang vom Ende: die Printausgabe des Radar Magazine wurde eingestellt.

Neulich hier als Lieblingsmagazin proklamiert, kurz danach endlich ein Abo eingekauft, und jetzt ist Schluss. Mal sehen, ob deutsche Abonnenten auch in den Genuss kommen, fortan statt Radar oder einer Abo-Kosten-Rückerstattung Star Magazine zu Beziehen. Wie geil das werden wird, zeigt ein Blick auf deren Website:

starmag

Auch die Website von AMI Publishing, dem neuen früheren Besitzer von Radar ist derzeit gecrasht. Nun denn.

Zuvor hatte Gruner und Jahr die Einstellung von Park Avenue bekannt gegeben.

Frage: Wie hip ist Peek & Cloppenburg?

peekundcloppenburg_2

Antwort: Geht so hip. Dieser eher unbeholfene Versuch der Schleichwerbung/Streetcred-Aneignung durch Platzierung des Vice Magazins im Berliner Werbeprospekt macht jedenfalls nur eingeschränkt Lust auf Kapuzen-Jacke mit Print, Größen S-XXL, 29,90.

[Foto von Jonas und Annika, herzlichen Dank!]

Keep On Runnin': Fox News, NYT, und der Rest der Welt über den Baghdad-Schuhwurf

—Aktualisierungsstopp (17.12., 2:15 Uhr)— 24 Stunden sind seit der Veröffentlichung des Grundstocks dieses Postings vergangen und ich glaube: mehr Links zu kreativen Verarbeitungen des Schuhwurfs von Baghdad müssen erstmal nicht mehr gesammelt werden. Nicht von mir, zumindest. Das Internet ist auf jeden Fall total wahnsinnig, spätestens jetzt wisst ihr’s. Die Geschichten um al-Zaidis angebliche Misshandlung wird es zu beobachten gelten (FP rät hier zu seiner Begnadigung). Zu einem abschließenden Gedanken zum Schuhwurf werde ich mich vielleicht Morgen hinreißen lassen.

Die konservative Bloggerin Michelle Malkin: Der Mann, der ermöglichte, dass man im Irak Schuhe auf Politiker werfen kann, ohne dafür gehängt zu werden, wird zum Dank dafür jetzt mit Schuhen beworfen. OK! 

Weiterhin lesenswert: ‘Shoedenfreude’ and Shame: Reaction From Around Iraq (via NYT) und Photos: If the shoe fits (via Foreign Policy Magazine). Und schließlich: hier die animierte GIF zum Schuhwurf. Hier noch eine. Hier noch mehr. Hier ein halbes Dutzend animierter GIFs, inkl. diverser Mash-Ups des Schuh-Wurfs mit verschiedenen Hollywood-Streifen. Hier ein mittelwitziger Cartoon zum Schuhwurf. Hier ein etwas besserer Cartoon. Das hier ist eine gute Idee: Schuh-Post. Hier eine neue Video-Interpretation des Vorfalls. Hier das unvermeidliche Flash-Game… es geht darum, die Schuhe zu erschießen, bevor sie Bush treffen. Hier noch ein Flash-Game, „Duck den W.“, hier dasselbe Spielprinzip nochmal. Ich hätte jetzt ja eher mit Moorhuhn-Adaptionen gerechnet, bei denen man selbst die Schuhe wirft… kommt auch noch… Jupp. Hier ist es.

Schrecklich-schönste Wortspiele bisher:

  • „shoe-icidal journalist“ (NY Daily News)
  • „shoedenfreude“ (via NYT)
  • „Den Anschlag hätte man doch „riechen“ müssen“ (via Facebook)
  • „Bush shoe incident caught Secret Service flatfooted“(via McClatchy)
  • „Sock and Awe“ (via NewsBusters)
  • …TBC

[Video via Hot Air / Shoedenfreude via Facebook / Japan Probe via Nerdcore / Rest via Twitter]

[Changelog:] Neue Internet-Schuh-Funde laufend ergänzt. Absatz zum Aktualisierungsstopp ergänzt.