Cut — Leute machen Kleider: Noch ein neues Magazin!

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Abb. 1: Cut’n’Paste-Cover in Punk-Tradition, denn: das hier ist nicht Handarbeit, das ist DIY!

Woot! Ein zentimeterdickes Magazin mit schönem Layout und Hipster-Models, die desinteressiert in Fotografien herumstehen, und echten Schnittmustern (echt, aka.: mehr noch als so Statement-mäßig wie im Missy Magazin, richtige Schnittmuster, auf Butterbrotpapier gedruckt, zum Ausfalten)! Und für Anfänger wird erklärt, wie man Knöpfe annäht. Danke, liebe Erstausgabe des Cut Magazins, DIY/„Marke Eigenbau“ ist soeben zwei Nummern gewachsen.

Jetzt könnte man es sich kritikmäßig natürlich leicht machen, und darüber nörgeln, dass die in der Zeitschrift enthaltenen Schnittmuster nur für Frauen_sachen sind. Aber damit würde die Rollenklischeekritik ja als Rollenklischee daher kommen. Jungs können doch genauso gut Sommerkleidchen nähen und tragen, ey, was soll daran denn falsch sein?

Überschwängliches Geblogge, weil: wenn jetzt jeder Gang zum Kiosk mit einer überraschenden, neu gegründeten Lebensführungszeitschrift belohnt wird, dann können die Zeiten so schlecht nicht sein. Und wenn doch, naja, dann sparen wir ein bisschen am H&M-Budget und nähen uns unsere Klamotten einfach selbst. Zur Not auch Sommerkleidchen.

Nachkaufen: Cut. Leute machen Kleider. Am Bahnofskiosk. 7 EUR, ca. 172 Seiten.

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Abb. 2: Sagt ein Münchner Magazin zum anderen: Meine Centerfolds sind größer als deine Centerfolds.

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Neuigkeiten aus dem "Bible Belt": Kucken Christen mehr Pornos?

Die geografische Häufung von Abonnenten von Pay-Porn-Angeboten in den USA erforschte Benjamin Edelman, Assistant Professor an der Harvard Business School. Für seine Untersuchung wertete er die Postleitzahlen eines nicht weiter benannten kostenpflichtigen Online-Pornografie-Anbieters aus. (Link zu seinem Aufsatz, PDF-Format.) Endlich mal wieder eine Studie mit Praxisbezug! Und siehe da: Auf Platz 3 der „Abonnentenanzahl pro 1000 Breitbandnutzer“ liegt der solide im sogenannten „Bible Belt“ situierte Staat Mississippi und auf Platz 1 (Trommelwirbel!) der von den Mormonen geprägte Staat Utah.

Benjamin Edelman kann den spontanen Verdacht festigen:

[S]ubscriptions are also more prevalent in states where surveys indicate conservative positions on religion, gender roles, and sexuality. In states where more people agree that “Even today miracles are performed by the power of God” and “I never doubt the existence of God,” there are more subscriptions to this service. Subscriptions are also more prevalent in states where more people agree that “I have old-fashioned values about family and marriage” and “AIDS might be God’s punishment for immoral sexual behavior.”

Möglicherweise ein Haken: Die Stichprobenartigkeit der Untersuchung:

Who buys online adult entertainment? From a top-10 seller of adult entertainment, I obtained a list of the zip codes associated with all credit card subscriptions for approximately two years, 2006 –2008. While it is difficult to confirm rigorously that this seller is representative, the seller runs literally hundreds of sites offering a broad range of adult entertainment.

Mehrmals bezieht sich Edelman auf den Porno-Anbieter AVN, wenn ich ihn beim ersten Überfliegen seines Papers richtig verstanden habe, bleibt die Quelle seiner Daten aber ungenannt (wäre ja auch nicht überraschend, angesichts der Herausgabe der sensiblen — wenn auch anonymisierten — Kreditkartendaten). Was das Vertrauen in seine Befunde nicht gerade erhöht.

Wenn Christlich-Konservative mehr Pornos kucken, dann passt das natürlich schön ins auch hierzulande gängige Verlogenheitsklischee. Wobei die geografische Korrelation von Porno und Politik erstmal ja nur ein Indiz ist. Und auch darüber hinaus hätte ich noch ein paar spontane Rückfragen: Vielleicht kucken Menschen in christlich geprägteren Regionen nicht generell quantitativ mehr, sondern einfach nur mehr Mainstream-Pornografie, während sich Pornonutzer in liberalen Großstädten stärker den Fetisch-, Nischen- und Independentanbietern verschrieben haben? Und: wie ist es denn jeweils um die offline Bezugsmöglichkeiten von Pornografie (und die Gesetzgebung zu Swinger– und Strip Clubs etc.) bestellt?

Weiterführend: Win McCormack hat ein Buch über Republikaner-Sexskandale geschrieben. Hier unser Gespräch über Verlogenheit, Sex und Politik.

PS: Stimmt: Das Thema ist schon vor einigen Tagen durch die Medien gegangen. Trotzdem interessant.

[Studie via Basler Zeitung]

Medienkrise wegabonnieren! Vier von vielen guten Zeitschriften: De:Bug, Missy, Foreign Policy, Blank. Jeweils mit kurzer Begründung.

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Gut #1: De:Bug, Ausgabe 130 (März 2009), am Bahnhofskiosk

Gut, weil: Die De:Bugger können Spiegel-Titelgeschichten besser als der Spiegel. Zumindest wenn’s um Social Networks geht (vgl. „Fremde Freunde. Vom zweifelhaften Wert digitaler Beziehungen“ und „Anonymität & Identität. Das Ende der zwei Welten“). Und außerdem können sie Mode, Gadgets und Tanzmusik. Also alles, was mir gerade fehlt.

Weiterlesen „Medienkrise wegabonnieren! Vier von vielen guten Zeitschriften: De:Bug, Missy, Foreign Policy, Blank. Jeweils mit kurzer Begründung.“

Mist, ich glaub, ich mag jetzt Metal… Erste Begegnung mit Tyranny und The Number 12 Looks Like You

Vorhin zufällig im Netz entdeckt: The Number 12 Looks Like You. Ich würde ja tippen: Postcore. Las irgendwo aber auch Mathcore. Was offenbar ein Subgenre des Sammelbegriffs Postcore ist. Einigen wir uns auch Kompositon-„Core“-Musik. Jedenfalls: toll, toll, toll. Hier (am besten nicht auf’s Video achten, das lenkt nur ab):

Die erste Assoziation beim Auto-Abgleich mit meiner Popkonsumbiografie ist Blood Brothers, die ich zwei- oder dreimal live gesehen habe, aber nie wirklich auf Tonträger anhörte. Vielleicht war ich zu jung. Das hier klingt jedenfalls super. Und ist beim dritten Mal Hören immer noch frisch und unverbraucht. Toll, toll, toll.

Neulich unterhielt ich mich mit einem sympathischen Menschen, der erzählte, dass er bei der Arbeit im Newsroom ganz gerne Doom-Metal höre. Ich kenne Metal ja nur aus dem bezaubernden Dokumentarfilm „Full Metal Village“. Und von den jungen Männern aus der Heimatkleinstadt, die bei einer gemeinsamen Gartenveranstaltung den geliehenen Grill meines Vaters demontierten und damit meine Lust noch weiter schmälerten mich mit ihrer Jugendkultur auseinanderzusetzen, die mir ohnehin machistisch, verklemmt, potentiell reaktionär und schlecht frisiert erschien.

Folgerichtig war, wenn andere sagten, sie hörten „Alles, einmal quer durch den Gemüsegarten“, oder „Alles, außer Techno“, meine Antwort auf das „Und du so?“ stets „Alles, außer Metal“. (Allein schon, sich darüber streiten zu müssen, ob eine bestimmte Band jetzt eher als Speedmetal, Trashmetal, oder Metalcore zu verorten sei — idiotisch!)

Ein schwerer Fehler, wie sich jetzt rausstellt. Als ich in dem bereits erwähnten Gespräch von neulich sagte, ich fände es strebermäßig, dass es beim Metal offenkundig darum geht, wer sich am längsten nicht die Haare schneidet und wer am häufigsten Gitarrespielen übt, und Musik von besser frisierten Menschen mit weniger Gitarrenskills (frühe Tocotronic, The 5.6.7.8’s) ja wohl geiler sei, keulte mich der kluge Doom-Metal-Hörer mit dem Authentizitätsvorwurf um.

Darauf konnte ich nichts mehr antworten. Und nahm mir vor, die von ihm empfohlene Band Tyranny mal anzuhören. (Interessant! Die englischsprachige Wikipedia verzeichnet diverse Alben und sogar einen Sternenzerstörer namens Tyranny, nicht aber die Band!) Freundlicherweise haben sie eine MySpace-Seite:

Zu meinem eigenen Erstaunen finde ich Tyranny sehr hörbar. Vielleicht nicht unbedingt emanzipatorisch („Salvation Takes Like Lead“: rassistisch?! Mindestens: saudumm), enthemmt, progressiv und gut gestylt, aber: sehr hörbar. Der Zufallsfund The Number 12 Looks Like You macht aber noch mehr Spaß.

Jetzt erstmal: Nochmal die Blood-Brothers-Sachen anhören. Dann: In Hamburg einen Plattenladen finden, der Tyranny und The Number 12 Looks Like You verkauft (und in den ich mich reintraue). Und dann: Trotz der neuen Lieblingsmusik auf keinen Fall Haare-wachsen-lassen und hoffentlich nicht auf’s Wacken wollen. Man muss ja nicht gleich übertreiben.

Lieber wieder Melt! — das Line-Up sieht schon jetzt sehr gut aus.