7" des Monats: Woog Riots / Schwervon! auf Decoy Industry

Technophobe Produktfetischisierung ist okay. Das neu gegründete Mini-Label Decoy Industry macht genau das und veröffentlicht, so das erklärte Vorhaben, alle vier Monate eine 7″-Schallplatte mit zwei Songs auf 80 Gramm Vinyl. Die Auflage umfasst jeweils 222 Exemplare, ein Abo ist möglich.

Die erste Folge habe ich mir gestern gekauft, und: sie lo-fi-popt ganz schön. Außerdem, auch das ist sehr nett, sind A- und B-Seite durch eine Rahmenhandlung verbunden: beide Male geht es — Oh Ironie! — um digitales Leben. Und weil „MP3s und Musikdateien auf USB-Sticks oder sonstige vermeintliche Errungenschaften der letzten Jahre“ (O-Ton Decoy Industry) ja doch eigentlich gar nicht so schlimm sind, gibt es beide Lieder auch (noch!) auf YouTube:

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Leseliste (11): Genozidprävention — 15 Jahre nach Ruanda

  • Über den Zustand von Ruanda, 15 Jahre nach dem Genozid, bei dem „rund 800 000 Tutsis und gemäßigte Hutus ermordet wurden“ schreiben Dagmar Dehmer und Ingrid Müller heute auf ZEIT Online: „Tutsis und Hutus gibt es in Ruanda nicht mehr. Heute ist es verboten, diese Worte in den Mund zu nehmen. (…) Bestraft werden soll zudem, wer „über das Unglück eines anderen lacht, sich lustig macht, oder Verwirrung stiftet durch die Negation des Völkermords, der stattgefunden hat“.“ Politisch sei das Land stabil, das juristische Nachspiel des Völkermords eher unbefriedigend — und ebenso die Lektionen, die die „internationale Gemeinschaft durch Ruanda gelernt“ hat, denn, so die Autorinnen: „Seit 2003 tobt im Westen Sudans ein Krieg gegen die Bevölkerung. Bis heute gelang es nicht, dem Morden ein Ende zu setzen.“
  • Etwas positiver fällt die Bilanz von Tod Lindberg aus, der anlässlich des u.a. in Erinnerung an Ruanda als „Genocide Prevention Month“ ausgerufenen Monats April einen langen Artikel über Völkermordsprävention für das Commentary Magazin geschrieben hat. Allerdings, das sollte man vielleicht ergänzend sagen, steht auch Lindberg der Präventionsfähigkeit der „internationalen Gemeinschaft“ kritisch gegenüber: „Diplomacy can work. But in the end, it all comes down to American power.“ Das ist kaum überraschend für einen neokonservativen Autoren (der auch mit großer Leichtigkeit über das Selbstbestimmungsrecht souveräner Staaten hinweg argumentiert), aber einleuchtend. Die größte Hürde für Genozidprävention sei letztlich der mangelnde politische Wille — und die mangelnde Koordination der beteiligten Akteure. Beides falle im internationalen Rahmen noch wesentlich schwächer aus, als im nationalen. Dennoch sieht Lindberg auf beiden Ebenen das Bemühen, Prozesse zu vereinfachen. Darfur gilt aber auch ihm als Beispiel westlichen Scheiterns.
  • Über den (mangelnden) politischen Willen und die (mangelnde) Koordination der (Nicht-) Interventionisten angesichts des schnell voran schreitenden Mordens, schreibt auch Samantha Power in „Bystanders to Genocide“, ihrem epischen Artikel über den westlichen Umgang mit dem Völkermord in Ruanda. Der Text wurde bereits 2001 veröffentlicht, hat aber an Intensität und Lehrstückhaftigkeit nichts verloren und zeichnet, detailliert und immer mit Blick auf den internationalen und amerikanischen politischen Kontext, die Katastrophe von Ruanda nach. Handelt es sich schon um „Genozid“, oder nur um „Genozid ähnlichen Handlungen“? Und: wie reagieren wir darauf? Das waren die Fragen, die diskutiert wurden, während die Mörder mordeten und der UN General vor Ort angesichts seiner Hilflosigkeit den Verstand verlor. Neben allem anderen, was diesen Artikel lesenswert macht, ist das großartiger, engagierter Journalismus.
  • Um zum Abschluss noch mal einen Konservativen zu Wort kommen zu lassen: Joseph Loconte richtet in seinem Kommentar „Embracing Genocide: The Arab League honors the butchers of Sudan“ seinen Blick auf die Machthaber des Mittleren Ostens (besonders auf den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad), denen er vorwirft, das Morden in Sudan nicht nur nicht zu thematisieren, sondern den sudanesischen Staatschef Umar al-Bashir noch zu hofieren — und mit Kritik an Israel und den USA dagegen nicht zu sparen. Ganz unbekannt scheint Loconte diese Haltung nicht, er sieht sie gespiegelt im moralischen Relativismus, den er der amerikanischen Linken unterstellt.

»Life’s a … « – Eine Tracklist für’s Philosophen-Mixtape

Und das kommt dabei raus, wenn über Jahre, Sprach- und Genregrenzen hinweg in der Popkultur über den Un/sinn des Lebens philosophiert und dabei eine Allegorie immer wieder neu variiert wird:

»Life’s a bitch and then you die.« (Nas, Life’s a Bitch, 1994. Anhören)

»Dein Leben ist ein Zuhälter und dann stirbst du.« (Tele, Wunder in Briefen, 2004. Anhören)

»Life is not a bitch. Life is like a plant.« (Jake, Between the Lines, 2005)

»Life’s a beach.« (Slogan des Surferblogs S-E-X-WAX, ca. 2006)

»Life’s a – uh –, depending how you dress her.« (Kanye West: Can’t Tell Me Nothing, 2007)

»Das Leben ist ’ne Hure, doch das Gute ist, sie ist bisher die treuste, die ich hatte« (Chima Ede: Halt mich auf, 2016)

Und jetzt: Multiple Choice, bitteschön.

Worte zum ausklingenden Sonntag (3):

[T]he storied American word cowboy was first applied to the black slaves who herded cattle in colonial Carolina.

Oh weh. Nicht nur Jazz wurde also von den Weißen geklaut und Rock’n’Roll, sondern auch das Cowboytum… Zitat aus John Steele Gordons „An Empire of Wealth: The Epic History of American Economic Power“ (Rezensionen auf usaerklaert, amazon).

Tanz- und Mitwippveranstaltungen des Monats: Im April ist Europa randvoll mit Schwervon!

Abb.: Schwervon! Foto via Myspace.

Die kompromisslos liebenswerte Miniband Schwervon! kommt mal wieder nach Europa. Und zwar sowas von. Da saven wir besser mal the date: 5. April Darmstadt, 6. April Köln, 7. April Hamburg, 8. April Berlin, 9. April Oldenburg, 10. April Leipzig, 11. April Furth, 12. April Wien, 13. April Regensburg, 14. April Dudingen, 15. April München, 16. April  Offenbach, 17. April Bremen, 18. April Dresden, 19. April Passau. Danach Frankreich, davon UK. Klingt fast ein bisschen so, als würde das die letzte Tour vorm kollektiven Herzinfarkt werden…

Alle Infos & Musik hier. Zuletzt lobbehudelt habe ich Major Matt Mason von Schwervon!, als er 2008 im Hamburger Lockengelöt aufspielte.

Befindlichkeitsliteratur 2009: Es geht um Arbeit.

Repräsentativ für die junge Literaturszene ist es wohl nicht, Hinweis auf ein der Hörerschaft unterstelltes (oder unter den eigenen Pratikanten und Jungredakteuren vorherrschendes) Zeitgefühl aber schon: bei der Leipziger Literatur-Party des Radiosenders Sputnik am Samstagabend ging es am laufenden Band um Arbeit und (mangelndes) Selbstwertgefühl.

Erst sprachen Holm Friebe und Thomas Ramge über ihr Sachbuch „Marke Eigenbau“ (Thema: Emanzipation vom Anstellungsverhältnis, selbstständiges Designertum). Dann las Boris Fust aus dem Roman „12 Stunden sind kein Tag“ (Thema: die Leiden eines Werbeagentur-Praktikanten). Es folgten Michael Wirbitzky und Sascha Zeus mit ihrer Lesung aus „Die Tagung: Chaos ist Chefsache“ (Thema: die Leiden eines jungen Event-Agentur-Mitarbeiters). Dann trat die Headlinerin Sarah Kuttner auf und las aus „Mängelexemplar“ (Thema: die Depressionstherapie einer jungen, just entlassenen Event-Agentur-Mitarbeiterin).

Immer ging es um vermeintliche Traumjobs in Agenturen, immer um das Unglück, das mit ihnen einher geht, oder die Leere, die sie nicht zu füllen im Stande sind. Einen Abend lang dominierten nicht Liebe, Rebellion, oder Politik, sondern: problematische Beziehungen zu Arbeit- und Auftragsgebern, erdacht und aufgeschrieben von Leuten, die allesamt in erster Linie ihr Geld in den Medien verdienen und sich nur nebenbei als Schriftsteller versuchen. Auffällig ist das schon.

Leseliste (#9): US-Konservatismus & Multikulturalismus, E-Books, das moralische/politische Versagen der Jugend (mal wieder)

  1. Der (schwarze, konservative) Kommentator Shelby Steele beschäftigt sich mit der Frage, wieso die Demokraten mehr Erfolg bei (ethnischen) Minderheiten haben als die Republikaner. Seine These: Demokraten versprechen die moralische Erlösung von der historischen Schuld Amerikas. Deswegen könnten sie reüssieren, obwohl ihre Politik, in Steeles Augen, unterlegen ist. Seine Gegenstrategie: auf die Erleuchtung der amerikanischen Wählern warten. Hm. (Re: Hua Hsus „The End of White America“.) [via RealClearPolitics]
  2. Konrad Lischka hat sich „Libreka!“, das E-Book-Portal des deutschen Buchhandels, angeschaut. Und kommt zu dem Ergebnis: Libreka! ist noch sehr beta. So beta, dass Lischka jetzt schon dessen anstehenden Flop voraus sagt. (Re: „Regal“ ist das neue „Covergestaltung“.) [via Spiegel Online Netzwelt]
  3. Wolfgang Michal setzt zum journalistischen Generationendiss an: „[Der 66-jährige Günter Wallraff] muss Rennrad fahren und Marathon laufen und sich 20 Jahre jünger schminken, um all die Jobs zu kriegen, die eigentlich für Jüngere gedacht sind. Wo, bitte, sind unsere 30-jährigen Reporter? […] Sie kleistern ihre Lifestyle-Blättchen mit Mode, Geschenktipps und Fotogalerien zu. Sie interviewen Stars und porträtieren „Erfolgstypen“.“ Ich bin gespannt auf die Diskussion.