Wie un/männlich ist Bodybuilding?

20220704 - Bodybuilding

Im Feuilleton der Neuen ZĂĽrcher Zeitung klagt der Soziologe Walter Hollstein darĂĽber, dass kleine Jungs nicht mehr Krieg spielen dĂĽrfen, obwohl die Skills, die dabei eingeĂĽbt werden, durchaus noch gebraucht wĂĽrden, siehe Ukraine. Naaajaaaa …

Während ich den Essay bestenfalls mittelĂĽberzeugend fand (ist meine Paraphrasierung der Hollstein’schen Thesen zu ungnädig? Lesen Sie sein FeuilletonstĂĽck hier), war ich begeistert von der Bebilderung dieser Seite. Schon eine so konservativ und streng gestaltete Zeitung wie die NZZ aufzuschlagen und da dieses campy Foto von Arnold Schwarzenegger während seiner Bodybuilder-Jahre zu finden, ist eine Ăśberraschung und ein VergnĂĽgen.

Überhaupt geht die NZZ fantastisch mit Fotos und anderen Bildelementen um, findet starke Motive, räumt ihnen auf der Zeitungsseite viel Platz ein und pflegt eine teils freie, assoziative Bildauswahl, die den Text nicht bloß illustriert, sondern ihn mit einem visuellen Aspekt als gleichberechtigten Gegenpart bereichert. Ich kenne keine deutsche Tageszeitung, in der das ähnlich gut gemacht wird. Chapeau ans schweizerische Stilbewusstsein.

Quatsch ist allerdings die Bildunterschrift: »Hier ist von ›soft maleness‹ keine Spur: Arnold Schwarzenegger bei einer Performance im Whitney Museum in New York, 1976«. Dass der Bodybuilder sich in einem Kunstmuseum zur Schau stellt, quasi als lebendes Exponat, hätte den Texter der Bildunterschrift stutzig machen können. Seit wann ist es männlich und hart, sich wie ein Kunstwerk zu präsentieren?

In einer anderen Zeitung, der Berliner Jungle World, erschien neulich ein Artikel über das Bodybuilding, der sicherer in seinem Urteil war. Dort schreibt Anton Bochser von der – eben! – »unmännlichen Zeigelust«, die Performern wie Arnold Schwarzenegger innewohnte. Bochser meint das wohlwollend, sinngemäß: Das Bodybuilding sprengte das Korsett der hegemonialen Männlichkeitserwartung und wirkte in diesem Sinne emanzipatorisch. Harte Muskeln, softe Männlichkeit.

Das ist doch nun mal eine interessante These. Wenn Sie heute also nur einen Essay über Männlichkeit/en lesen, dann doch bitte diesen.

Fake Lips Done Cheap đź‘„đź‘„

Das Aufspritzen von Lippen ist in den vergangenen Jahren zu einem Massenmarkt geworden, sagt der freie Journalist Tom Kroll, und vor allem über Instagram wird der Eingriff beworben. Nicht alle, die ihn anbieten, dürfen das – denn rechtlich braucht man ein Medizinstudium oder mindestens eine Heilpraktiker-Ausbildung, um Spritzen setzen zu dürfen.

Etliche Anbieterinnen, die auf Instagram mit Billigpreisen werben und den Eingriff in Hinterzimmern von Frisör- oder Beauty-Salons vollziehen, agieren illegal, begehen eine Straftat und riskieren die Gesundheit ihrer Kundinnen. Tom Kroll hat zum Schwarzmarkt der illegalen Schönheitseingriffe recherchiert und darüber für den Hamburg-Teil der ZEIT berichtet.

Im Podcast der »Freunde der ZEIT« habe ich mit ihm darüber gesprochen, was er herausgefunden hat. Hier gibt es die ganze Episode kostenlos zu hören.

Kill your TV

»You sound pretentious in the West when you say you love Homer and read the ›Iliad‹ as a child, but in communist Albania there were only 15 minutes of TV each day, we didn’t have cartoons, all we had was Homer.«

Das sagte Lea Ypi, Autorin des wunderbaren Memoir Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte, bei der heutigen Buchpräsentation im Gespräch mit Peter Neumann im The New Institute.

Was die Frage aufwirft: Wer in Westeuropa schon als Kind die Ilias las, der durfte vermutlich auch nicht länger als täglich 15 Minuten fernsehen?

Ach! Welch herrliches GefĂĽhl! đź’¦

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Im Jahr 1969 brachte der Beate-Uhse-Versand einen neuartigen »Damen-Vibrator« den Markt. »Die zarten Schwingungen dieses handlichen Massagestabes regen die Durchblutung an«, hieß es in der Produktbeschreibung im Katalog. (Siehe Beweisfoto.)

Vibratoren gab es damals bereits seit hundert Jahren und sie wurden stets genau so beworben: als Gesundheitsprodukte. Etwas anderes wäre verboten gewesen. Denn in der Bundesrepublik drohte Paragraf 184 des Strafgesetzbuchs allen mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe, die »unzüchtige Schriften« verbreiteten oder »Gegenstände, die zu unzüchtigem Gebrauche bestimmt sind«, anpriesen. (Das Gesetz fiel erst einige Jahre später.)

Der »Damen-Vibrator« aber war ein Novum, schreibt die Hamburger Historikerin Nadine Beck. Bis dahin waren Vibratoren Unisex-Geräte und hatten eher die Form eines Haarföns. Nun wurden sie plötzlich phallisch und als Produkte »für Damen« beworben. Die Dame im Katalog hält sich den Vibrator zwar ins Gesicht, doch wofür das Ding eigentlich benutzt werden sollte, war nicht mehr zu übersehen — und ebnete den Weg für all die »Magic Wands« und »Womanizers« von heute.

Mehr zu Nadine Beck und ihrer Forschung zur Geschichte der Sextoys habe ich hier aufgeschrieben (fĂĽr Menschen mit ZEIT-Abo).

Gegen BlĂĽmchensex

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Viel Aufhebens wird gerade um die Idee gemacht, man könne – nein, müsse! – Tiere, Pflanzen und andere Teile der Natur zu ihrem Recht kommen lassen. Zum Beispiel, indem man ihnen einklagbare Rechte zuspricht oder ihnen parlamentarische Vertretung verschafft.

Diese Ideen sind faszinierend, weil sie das Unwahrscheinliche vorschlagen und so völlig spekulativ sind. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass sie eher in den Sphären des Theaters, der Kunst und Kultur zirkulieren, als in jenen des Rechts und der praktischen Politik (das ist zumindest mein Eindruck).

»Solidarität ist die Zärtlichkeit der Spezies«, ist etwa in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Architektur und Urbanistik, Arch+, zu lesen (Nr. 247, »Cohabitation«). Damit ist dem Projekt sein zu erwartendes Scheitern schon eingeschrieben, denn der Spruch, der hier zititiert wird – Ché Guevaras »Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker« – endete für seinen Urheber nicht gut.

Die Idee der »Cohabitation«, also das gleichberechtigte Zusammenleben von Mensch und Tier, ist vermutlich auch nur so lange reizvoll, wie man keine Ratten in der Wohnung hat. Oder wenigstens Silberfische. Spätestens dann wird die Zärtlichkeit enden und die menschlichen Interessen werden sich handfest durchsetzen.

Teilweise verbirgt sich hinter der behaupteten Achtung tierischer oder pflanzlicher Bedürfnisse auch nur eine neue Übergriffigkeit des Menschen. Beispielhaft nachzulesen ist das in der Sonderausgabe »Kunst und Natur« (Nr. 2/2022) der Zeitschrift Weltkunst.

Weiterlesen „Gegen BlĂĽmchensex“

The Future of Fischzucht

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Zwei Drittel der Fischbestände in den europäischen Meeren sind überfischt oder sogar in ihrer Existenz bedroht, sagt ein führender Meeresbiologe. Sie würden sich aber rasch erholen, wenn wir nur für ein paar Jahren mit der Fischerei aufhörten.

Ist das realistisch? Vielleicht. Mein Kollege Götz Hamann von der ZEIT war unterwegs, um sich über Zuchtanlagen zu infomieren, bei denen Meeresfisch an Land heranreift. Dabei geht es um einen Ansatz im (fast) industriellen Maßstab, bei dem auch auf das Tierwohl geachtet wird. Wenn die Pilotprojekte in Serie gingen, würde das die Meere entlasten.

Wenn Sie Lust haben auf hoffnungsvolle Nachrichten und/oder Fisch, dann hören Sie doch vielleicht unser (kurzes) Gespräch über Hamanns Recherche im Podcast »Hinter der Geschichte«. Überall, wo es Podcasts gibt, sowie hier.

Deine Freunde: Pro und Contra

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Deine Freunde machen Rap für Kinder und feiern gerade ihr zehnjähriges Jubiläum.

Im Feuilleton der ZEIT erkläre ich, warum ich sie für eine der interessantesten deutschsprachigen Bands überhaupt halte. Außerdem vergleiche ich sie mit Bill Withers und The Velvet Underground.

Jens Balzer erklärt daraufhin, warum er glaubt, dass ich kiffe. Und zwar mit meinen Kindern. Denen ich demnach auch darüber hinaus in ihrer Geschmacksbildung und Autonomiebestrebung Gewalt antue.

Lesen Sie die Feuilletondebatte des Frühjahrs, deren Temperament bereits von der Zeile angedeutet wird, die Lars Weisbrod als Redakteur kongenial drüberschrieb: »Du Eierloch!«

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Zwei erwachsene Männer streiten über Kinderkram. 💥 Im Pro und Contra, jetzt in der ZEIT oder hier auf ZEIT ONLINE.

Jane Birkin im Sexshop

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Heute ist die Präsidentenwahl in Frankreich, dazu diese kleine Trouvalie apropos les relations franco-allemandes: Einer der groĂźen Skandalsongs der Pop-Geschichte, Je t’aime, … moi non plus von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, wurde Anfang der 1970er-Jahre als Schallplatte im Versand der Flensburger Sexshop-Pionierin Beate Uhse angeboten.

Über den Song heißt es, er habe nach der Veröffentlichung im Jahr 1969 Stürme der Entrüstung ausgelöstet, weil Jane Birkin darin so überzeugend stöhnt, dass einige Hörer*innen fürchteten, sie würden einem echten Orgasmus beiwohnen:

Insofern ist es vielleicht nachvollziehbar, dass Beate Uhse die Platte in ihr Programm nahm und sie dort zwischen Pornoheften und anderen sexuellen Hilfsmitteln anbot. Trotzdem: Ist das ein Kompliment gegenüber der Künstlerin? Oder eine Riesenfrechheit? 🤔

Entdeckt beim Kaffee und Quellenstudium mit der Historikerin Nadine Beck, ĂĽber deren Forschung ich ausfĂĽhrlicher in der kommenden Ausgabe der Hamburgseiten der ZEIT berichte (ab Donnerstag).