Entspann Dich!

Wer weniger arbeitet, weniger grübelt und weniger am Handy hängt, ist glücklicher, schreibt der Autor Matt Haig

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Ach, früher! Da hießen Selbsthilfebücher noch wie Selbsthilfebücher (How to win friends). Und Essays hießen wie Essays (Notes on »Camp«). Heute heißen Essays wie Selbsthilfebücher (Jonathan Franzen: How to be Alone) und Selbsthilfebücher wie Essays (Matt Haig: Notes on a Nervous Planet). Verwirrende Zeiten!

Das Chaos der Gegenwart und ihre Paradoxien sind das Thema von Matt Haig: Menschen waren nie so gut connected, schreibt er in Notes on a Nervous Planet, trotzdem fühlten sich viele einsam. Oder: Physisch ging es Menschen nie so gut wie uns, trotzdem fühlten sich viele schlecht.

Oder hier im O-Ton:

We should have more time than ever. I mean, think about it: Life expectancy has more than doubled for people living in the developed world during the last century. And not only that, we have more time-saving devices and technologies than ever before.

Also zum Beispiel Waschmaschinen. Geschirrspüler. Flugzeuge statt Kutschen. E-Mails statt Brieftauben. Wieso also sagen so viele, es fehle ihnen an Zeit?

Haig:

The problem, clearly, isn’t that we have a shortage of time. It’s more that we have an overload of everything else.

Nicht der Mangel sei unser Problem, sondern der Überfluss. Und hier wird Notes on a Nervous Planet zum Selbsthilfebuch. Denn Matt Haig wirbt für mentalen Minimalismus: Stell die Notifications am Handy aus! Tu weniger! »Declutter your mind!«

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Nazi-Lyrik lieben lernen

Wie der Schriftsteller Jörg-Uwe Albig deutsche Journalisten vor den Neuen Rechten warnt – und das nach hinten losgeht

Zornfried ist die Mediensatire, die Medienschaffende lieben. Jörg-Uwe Albig erzählt in seinem Roman von einem Reporter, der Kette raucht, Lederjacke trägt, Punkrock hört, langsam verspießert, aber noch davon träumt, der nächste Hunter S. Thompson zu werden (klingt wie ein Klischee? Yep, finde ich auch).

Dieser Reporter wird aufmerksam auf eine ungelenke, paramilitärische Straßentheatergruppe, die stark an die Identitären erinnert, und folgt ihrer Fährte bis auf die Burg Zornfried irgendwo im finsteren deutschen Wald, wo sich versprengte Ex-Offiziere, Mittelalter-Cosplayer und blonde Mädchen mit germanischen Vornamen um einen Dichter scharen, der archaische Agit-Prop-Lyrik rausholzt. Der Reporter ist aufgeregt. Und obwohl er bald merkt, dass er mit jedem Text und Online-Video, in dem er vor den Rechten warnt, bloß deren Fan-Base vergrößert, kann er von diesem Stoff nicht lassen.

Das alles finde ich als Medienkritik etwas klugscheißerisch und plump, aber es ist kurzweilig geschrieben und klar macht dieser Roman Journalisten Spaß, weil er ja von uns erzählt. Beim letzten Reporter-Workshop haben wir darüber gestritten, ob Homestorys aus Schnellroda unbedarft sind oder aufklärerisch, jetzt gibt’s auch noch einen Roman dazu, toll!

Leider verliert Albig (Achtung, Spoiler!) das Interesse an seinem Buch, bevor ihm ein passendes Ende dafür eingefallen ist. Nach 150 Seiten lässt er alle wichtigen Figuren sterben oder verschwinden und dreht den Plot einfach ab. Zack, bumms, Nazi tot, Roman vorbei.

Macht aber nichts, denn die fehlende Pointe wird nachgeliefert durch dessen Rezeption: Albig streut in seinem Buch immer wieder selbstgeschriebene rechtsradikale Lyrik ein. Und einige Rezensenten sind ganz aus dem Häuschen. »Der große Spaß, rechte Gedichte zu schreiben«, titelt Die Welt und ein Moderator von Deutschlandfunk Kultur schwärmt, die Gedichte seien »natürlich vom Inhalt eklig […] aber ästhetisch, rein und makellos«.

Jörg-Uwe Albig hat ein Buch geschrieben gegen die Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Denken. Und er triggerte damit eine Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Dichten. Vielleicht hat er mehr mit seinem Protagonisten gemein, als ihm lieb sein kann. Und das wäre doch wirklich eine gelungene satirische Pointe.

Neuer Podcast: Warum die Hitzewelle bereits der Klimawandel ist

Auf einen Cold Brew (deutsch: kalte Brühe) mit Stefan Schmitt, dem stellvertretenden Leiter des „Wissen“-Ressorts der ZEIT.

Für den ZEIT-Podcast „Hinter der Geschichte“ sprachen wir über die aktuelle Hitzewelle. Und über die Frage, ob das da draußen bereits der Klimawandel ist.

Lessons learned:
1) Ja, ist es.
2) Trotzdem tut sich wenig, auch im vermeintlichen Klimaretterland Deutschland. Stefan: „Wir zahlen gerade auf mehr Extremwetter und generell auf mehr Unsicherheit in der Zukunft ein.“ Und das, obwohl schon die letzten zwanzig Jahre für den Klimaschutz verschwendete Zeit gewesen sein.
3) Liegt im extraheißen Sommer auch die Chance für einen Bewusstseinswandel und für politische Aktion, weil wir jetzt spüren, was bisher abstraktes, statistisches Wissen war? Stefan: „Wäre toll.“
4) Optimistisches Schlusswort: entfällt.

Nachzuhören gibt es das ab sofort: online unter freunde.zeit.de, in der ZEIT-App, auf Spotify und an vielen anderen Orten, an denen es Podcasts gibt.