Lob des Regenradars

Screenshot_20220601-080132_FirefoxIn keinem gesellschaftlichen Bereich ist das Versprechen der Digitalisierung, alle Vermittler, Filter und TĂŒrwĂ€chter arbeitslos zu machen (»Cut out the middleman!«) so wenig zu Ungunsten der Nutzerinnen und Nutzer ausgefallen, wie in der Wettervorhersage.

FrĂŒher: Am Vorabend bekomme ich von einem exzentrisch gekleideten Sabbelonkel im Fernsehen gesagt, dass ich klatschnass im BĂŒro ankommen werde. In Erwartung dieses Umstands gehe ich schlecht gelaunt ins Bett und finde mich morgens aus unruhigen TrĂ€umen erwacht zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. (Leider ohne Kiemen.)

Heute: Halbwegs ausgeschlafen schaue ich beim FrĂŒhstĂŒck aufs Regenradar meines Telefons und erkenne das Unvermeidliche erst im allerletzten Moment.

Klatschnass im BĂŒro bin ich immer noch, erspare mir aber schlechte Laune im Umfang von mindestens 50 Prozent.

Das, meine Damen und Herren, ist der Fortschritt.

(Der Screenshot zeigt einen Ausschnitt der fantastischen Website Wetter Online. Es handelt sich um eine Darstellung der Regenwolken ĂŒber Hamburg am 1. Juni 2022 um 8 Uhr morgens.)

»Kulturpolitik als Sicherheitspolitik«: Ein oder zwei EinwĂ€nde

Claudia Roth, die neue Staatsministerin fĂŒr Kunst und Kultur, ist offenbar die erste Amtsinhaberin, die heute an der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz teilnimmt und dort mit dissidentischen KĂŒnstler*innen aus Belarus spricht.

»Kulturpolitik ist Demokratiepolitik, Kulturpolitik ist Sicherheitspolitik«, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Die SĂŒddeutsche kommentiert Roths Kultur- und AmtsverstĂ€ndnis so:

Ihre VorgĂ€ngerin Monika GrĂŒtters, obwohl berĂŒhmt fĂŒr Übergriffigkeit und Expansionswillen, vermied es stets, anderen Ressorts in die Quere zu kommen. Ohnehin verstand GrĂŒnders die Kultur als ein Reservat des Schönen, das von der Politik so weit wie möglich abzuschirmen ist, statt mit ihr verschaltet zu werden. FĂŒr Roth hingegen […] ist Kunst immer schon politisch.

Okay, aber was soll das heißen, was folgt daraus? Roth dazu heute im Radiosender RBB Kultur:

Wir sind in so ’nem weltweiten Battle zwischen autoritĂ€ren, autokratischen Regimen vs. der Demokratie. Ich glaube, Kulturpolitik ist Demokratiepolitik, denn die Freiheit der Kunst, der Kultur, der Meinungsfreiheit, die Freiheit der Journalistinnen und Journalisten ist immer der Lackmustest fĂŒr die Demokratie. Deshalb gehört zu einer Sicherheitspolitik auch die Frage: Wie sieht’s aus mit der Kunst und Kultur?

Dem wird wohl niemand, der der liberalen Demokratie anhÀngt, widersprechen. Interessant wird Roths zweite Frage in diesem Zusammenhang:

Welche RĂ€ume kann Kunst und Kultur schaffen, wo politische und diplomatische RĂ€ume schon lang verschlossen sind?

Die Antwort auf diese Frage ist heikel. Auch wenn die Frage an sich keinen neuen Gedanken ausdrĂŒckt. Zum Stichwort der »kulturellen RĂ€ume« oder der »vorpolitischen RĂ€um« betonen etwa die Leute vom Goethe-Institut schon lange, sie trĂŒgen nicht die deutsche Kultur in die Welt (Ă  la mission civilisatrice), sondern schĂŒfen RĂ€ume der Begegnung, des Austauschs und freien Denkens und Redens. Zentrales Stichwort dabei stets: »Augenhöhe«.

Diesen Gedanken machten sich auch schon Außenminister wie Gabriel oder Steinmeier zu eigen. Üblicherweise wird dabei an repressive LĂ€ndern wie Iran, Afghanistan oder auch die TĂŒrkei gedacht, neuerdings auch an die USA.

Dazu noch mal die SĂŒddeutsche, an anderer Stelle:

Schwer zu sagen, ob die Bundesregierung das Thomas-Mann-Haus im kalifornischen Pacific Palisades auch ohne den Siegeszug Donald Trumps gekauft hĂ€tte. Inzwischen weiß man aber: Der Ausbau des Anwesens zum Ort transatlantischen Dialogs darf nur der Anfang sein. Dass die Infrastruktur auswĂ€rtiger Kulturpolitik in Amerika nach der Jahrtausendwende abgebaut wurde, weil das transatlantische VerhĂ€ltnis als stabil oder weniger wichtig galt, [war riskant].

Abgebaut haben zuerst die Amerikaner, nĂ€mlich die von ihnen ĂŒber Jahrzehnte unterhaltenen AmerikahĂ€user und anderen kulturellen Einrichtungen in Westdeutschland, die die BRD gegen die Verlockungen des Sowjetkommunismus imprĂ€gnieren sollten. Dieser Zweck der Außenkulturpolitik hatte sich nach 1991 erschöpft.

Allerdings offenbart das auch das Problem jener, die die Kultur nicht nur als Lackmustest der Freiheit verstehen, sondern sie auch als, naja, Avantgarde politischer Freiheit fördern wollen.

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Tanz den General Patton

Es gibt x-tausend BĂŒcher ĂŒber Krautrock, Punk in DĂŒsseldorf und Hamburg oder die AnfĂ€nge der Techno-Bewegung in Berlin (darunter einige sehr gute).

Aber eine der vielleicht interessantesten Phasen (west-) deutscher Popmusikproduktion ist meines Wissens intellektuell und historisch noch weitgehend unbearbeitet: der Schlager der mittleren 1950er- bis mittleren 1960er-Jahre.

Es geht hier um populĂ€re Musik vor der Durchsetzung der Popmusik im heutigen (engeren) Sinne. Und: um die komplizierte Gemengelage aus einer im  Wirtschaftswunder neu aufblĂŒhenden Kulturindustrie, der Erfindung der Jugend, der VerdrĂ€ngung von Kriegsschuld und Shoa, der GrĂŒndung eines neuen, demokratischen Staates sowie um die sogenannte Amerikanisierung, die vielleicht tatsĂ€chlich eine Art mentale Entnazifizierung zumindest der jungen Deutschen war? (Diese Idee bitte nachlesen bei Frank Apunkt Schneider.)

Allein, man mĂŒsste wohl mehr von tiefenpsychologischen Effekten der Massenkultur verstehen, um das Zeug sinnvoll deuten zu können. Dieser Song zum Beispiel: Mr. Patton aus Manhattan (erschienen 1957), die Eindeutschung von Bill Haleys See you later, alligator, mit einem Gaga-Text. Eine ganz platte, hedonistisch hohle Nummer.

Bis einem einfĂ€llt, dass General Patton 1944 die US-Armee gegen die deutschen Linien vorantrieb. Unter seinem Kommando wurde das KZ Buchenwald befreit, es soll seine Idee gewesen sein, deutsche BĂŒrger durchs KZ zu fĂŒhren, auf dass sie gezwungen sind, endlich hinzusehen.

Und das Manhattan Project entwickelte die Atombombe, die den amerikanischen Sieg im Zweiten Weltkrieg besiegelte.

Dass zehn Jahre spĂ€ter die Kinder der Nazis durch Tanzschuppen wirbelten, zu amerikanischer Musik und dem Text „Patton! … Manhattan! … Patton! … Manhattan!“, das ist doch bemerkenswert.

Diese BezĂŒge herzustellen, könnte natĂŒrlich eine brutale Überinterpretation sein. Aber es wĂŒrde sich vielleicht lohnen, das mal weiter zu durchdenken und dem nachzugehen. Hey, Ihr da draußen: Wer schreibt das erste interessante Buch ĂŒber den (west-) deutschen Nachkriegsschlager?

»Super Mario Bros«: Pixel? Perlen!

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Das Kind und ich sind in QuarantĂ€ne. Was kann man da machen? »BĂŒgelperlen!«, sagte das Kind. Diese Idee erwies sich als tragfĂ€hig.

Jedenfalls haben wir in den vergangenen Tagen doch recht glĂŒckliche Stunden damit verbracht, drinnen zu hocken und bunte Plastikteilchen auf die Nupsis des Steckbretts zu fummeln.

Ich selbst hatte frĂŒher nie BĂŒgelperlen, aber grob gerasterte Bilder spielten auch in meiner Jugend eine Rolle, also haben wir angefangen, meine Kindheitshelden zu stecken und zu bĂŒgeln.

Dann haben wir noch Super Mario Bros. mit Emulator auf dem Laptop gespielt und uns Speedruns auf YouTube angeschaut. Keine Ahnung, ob das pĂ€dagogisch wertvoll ist, aber wir kriegen die Zeit gut rum. ✌

dav

P.S.: Falls hier Super Mario-Geeks mitlesen – schon klar, dass der Pilz und die Kröte eher nach Super Mario World aussehen als nach Super Mario Bros. Aber dafĂŒr ist der Mario super authentisch im NES-Style!

»Wir mĂŒssen bei der Digitalisierung viel, viel besser werden«

Politiker*innen reden nie Klartext? Wer das glaubt, kennt den Hamburger Schulsenator Ties Rabe nicht — und das Interview, das er meiner Kollegin Nike Heinen und mir gegeben hat.

Wir sprachen ĂŒber den Umgang mit dem Dilemma, einerseits Infektionen zu vermeiden, andererseits aber eine ganze Generation von jungen Hamburger*innen nicht um ihr Recht auf Bildung bringen zu wollen.

Und ĂŒber den Reformstau bei der Digitalisierung der Schulen, der in den vergangenen Monaten etliche Eltern auf die Palme brachte — und der sich Ă€ndern soll. Korrektur: muss.

Hier das ganze Interview (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT).

Darf man heute noch Kinder wollen?

Wenn es um Klimaschutz geht, dann ist Fleischessen schlim, fliegen ist noch schlimmer, aber am schlimmsten ist es, eine Familie zu grĂŒnden. Das habe ich im vergangenen Jahr immer wieder gehört: In Talkshows und Zeitschriften meldeten sich Frauen zu Wort, die den Verzicht auf eigene Kinder als grĂ¶ĂŸtmöglichen Beitrag zum Klimaschutz bezeichnen.

Ich bin Vater von zwei Kindern und deshalb völlig befangen, aber ich halte diese Behauptung fĂŒr moralisch fragwĂŒrdig und taktisch unklug – um es mal diplomatisch zu formulieren.

Wenn wir ernsthaft anfangen, Menschenleben mit Konsumentscheidungen zu verrechnen, nĂŒtzt das nur kinderlosen SUV-Fahrern, die dreimal im Jahr nach Madeira jetten (»Alles halb so schlimm, ich hab’ keine Blagen in die Welt gesetzt!«). Die Keine-Kinder-aus-KlimagrĂŒnden-Fraktion sabotiert ihr Anliegen, indem sie ihre Gegner*innen stĂ€rker macht.

Und, indem sie potentielle VerbĂŒndete verprellt. Denn wĂ€re es nicht klĂŒger, davon auszugehen, Kinder seien beste KlimapĂ€dagogik?

Weiterlesen drĂŒben bei Piqd.

Corona: Äh, macht nix, ich hab grad desinfiziert

Was ist unhöflicher: Warme, aber womöglich verkeimte HĂ€nde reichen? Oder garantiert sterile, die sich aber so anfĂŒhlen, als wollte man danach erst mal heiß duschen?

Und wie wichtig ist mir der Kantinenkaffee, wenn ich ein TOUCH-DISPLAY đŸ˜± berĂŒhren muss, um ihn zu kriegen?

Beobachtungen aus dem Alltag in Hamburg in Zeiten des Corona-Virus, jetzt in der ZEIT. Online & frei lesbar: hier.

Let’s try something new!

Mit der ersten BĂŒrgermeisterin von Hamburg könnte es Sonntag knapp werden, die neue Chefredakteurin von ZEIT CAMPUS gibt es schon jetzt:

Ich freue mich, das Krönchen offiziell an Martina Kix ĂŒbergeben zu dĂŒrfen (die es de facto schon seit Beginn meiner Elternzeit vor einem Jahr trĂ€gt und in dieser Zeit mit ihrem Team bombengute Hefte gemacht hat).

Mit ZEIT CAMPUS bin ich aufgewachsen, erst als Student, dann als Journalist, Redakteur und Chefredakteur. Und, ey, das war was!

Aber 8 Jahre nachdem ich in dieser Redaktion meinen ersten Vertrag unterschrieben habe, ist jetzt mal DIE ZEIT fĂŒr was Neues (lustiges Wortspiel, oder?): Im MĂ€rz starte ich bei den Hamburg-Seiten im Mutterblatt.

Hier die offizielle Pressemitteilung.