Corona: ├äh, macht nix, ich hab grad desinfiziert

Was ist unh├Âflicher: Warme, aber wom├Âglich verkeimte H├Ąnde reichen? Oder garantiert sterile, die sich aber so anf├╝hlen, als wollte man danach erst mal hei├č duschen?

Und wie wichtig ist mir der Kantinenkaffee, wenn ich ein TOUCH-DISPLAY ­čś▒ ber├╝hren muss, um ihn zu kriegen?

Beobachtungen aus dem Alltag in Hamburg in Zeiten des Corona-Virus, jetzt in der ZEIT. Online & frei lesbar: hier.

Let’s try something new!

Mit der ersten B├╝rgermeisterin von Hamburg k├Ânnte es Sonntag knapp werden, die neue Chefredakteurin von ZEIT CAMPUS gibt es schon jetzt:

Ich freue mich, das Kr├Ânchen offiziell an Martina Kix ├╝bergeben zu d├╝rfen (die es de facto schon seit Beginn meiner Elternzeit vor einem Jahr tr├Ągt und in dieser Zeit mit ihrem Team bombengute Hefte gemacht hat).

Mit ZEIT CAMPUS bin ich aufgewachsen, erst als Student, dann als Journalist, Redakteur und Chefredakteur. Und, ey, das war was!

Aber 8 Jahre nachdem ich in dieser Redaktion meinen ersten Vertrag unterschrieben habe, ist jetzt mal DIE ZEIT f├╝r was Neues (lustiges Wortspiel, oder?): Im M├Ąrz starte ich bei den Hamburg-Seiten im Mutterblatt.

Hier die offizielle Pressemitteilung.

Pop & Wahlkampf: heikle Mischung

Als Barack Obama bei Werbeveranstaltungen einst einen Song von Jay-Z spielte, bekam er Ärger mit Feminist*innen (99 problems).

Als die CDU einen Song von den Toten Hosen spielte, entschuldigte sich danach die Kanzlerin bei der Band (Tage wie dieser).

Als die Gr├╝nen ihren Wahlkampfslogan bei Nena abschrieben, st├Ârte es irgendwie keine/n, war aber trotzdem panne (Irgendwie, irgendwo, irgendwann).

Und jetzt: Die SPD. Wie ich der heutigen Ausgabe des Hamburger Abendblatts entnehme, lief auf einer Wahlkampfveranstaltung, bei der Spitzenkandidaten sich ├╝ber Songs anderer Leute vorstellten, nicht nur erzsozialdemokratisches Liedgut (Woody-Guthrie-Coverversionen, etc.), sondern auch Keine Parolen von Dendemann. Ein Song also, der K.E.I.N.E. aus dem Fr├╝hwerk der (Absoluten) Beginner aufgreift, der wiederum auf Wir wollen keine Bullenschweine von Slime verweist.

In einem Wahlkampf, in dem der bisher einzige politische Streitpunkt ist, inwieweit regierende Parteien eventuell ganz vielleicht heimliche Sympathien f├╝r militante Linke hegen (solches warf man aus dem B├╝ro des Regierenden B├╝rgermeisters dem Koalitionspartner vor, woraufhin dieser umgehend sein Wahlprogramm umschrieb), ist das brisant.

Denn, wie hie├č es bei Slime?

Dies ist ein Aufruf zur Revolte,
dies ist ein Aufruf zur Gewalt,
Bomben bauen, Waffen klauen,
den Bullen auf die Fresse hauen,
haut die Bullen platt wie Stullen
(etc. pp.)

Hat aber zum Gl├╝ck niemand gemerkt.

Entspann Dich!

Ach, fr├╝her! Da hie├čen Selbsthilfeb├╝cher noch wie Selbsthilfeb├╝cher (How to win friends). Und Essays hie├čen wie Essays (Notes on ┬╗Camp┬ź). Heute hei├čen Essays wie Selbsthilfeb├╝cher (Jonathan Franzen: How to be Alone) und Selbsthilfeb├╝cher wie Essays (Matt Haig: Notes on a Nervous Planet). Verwirrende Zeiten!

Das Chaos der Gegenwart und ihre Paradoxien sind das Thema von Matt Haig: Menschen waren nie so gut connected, schreibt er in Notes on a Nervous Planet, trotzdem f├╝hlten sich viele einsam. Oder: Physisch ging es Menschen nie so gut wie uns, trotzdem f├╝hlten sich viele schlecht.

Oder hier im O-Ton:

We should have more time than ever. I mean, think about it: Life expectancy has more than doubled for people living in the developed world during the last century. And not only that, we have more time-saving devices and technologies than ever before.

Also zum Beispiel Waschmaschinen. Geschirrsp├╝ler. Flugzeuge statt Kutschen. E-Mails statt Brieftauben. Wieso also sagen so viele, es fehle ihnen an Zeit?

Haig:

The problem, clearly, isn’t that we have a shortage of time. It’s more that we have an overload of everything else.

Nicht der Mangel sei unser Problem, sondern der ├ťberfluss. Und hier wird Notes on a Nervous Planet zum Selbsthilfebuch. Denn Matt Haig wirbt f├╝r mentalen Minimalismus: Stell die Notifications am Handy aus! Tu weniger! ┬╗Declutter your mind!┬ź

Weiterlesen Entspann Dich!

Nazi-Lyrik lieben lernen

Zornfried ist die Mediensatire, die Medienschaffende lieben. J├Ârg-Uwe Albig erz├Ąhlt in seinem Roman von einem Reporter, der Kette raucht, Lederjacke tr├Ągt, Punkrock h├Ârt, langsam verspie├čert, aber noch davon tr├Ąumt, der n├Ąchste Hunter S. Thompson zu werden (klingt wie ein Klischee? Yep, finde ich auch).

Dieser Reporter wird aufmerksam auf eine ungelenke, paramilit├Ąrische Stra├čentheatergruppe, die stark an die Identit├Ąren erinnert, und folgt ihrer F├Ąhrte bis auf die Burg Zornfried irgendwo im finsteren deutschen Wald, wo sich versprengte Ex-Offiziere, Mittelalter-Cosplayer und blonde M├Ądchen mit germanischen Vornamen um einen Dichter scharen, der archaische Agit-Prop-Lyrik rausholzt. Der Reporter ist aufgeregt. Und obwohl er bald merkt, dass er mit jedem Text und Online-Video, in dem er vor den Rechten warnt, blo├č deren Fan-Base vergr├Â├čert, kann er von diesem Stoff nicht lassen.

Das alles finde ich als Medienkritik etwas klugschei├čerisch und plump, aber es ist kurzweilig geschrieben und klar macht dieser Roman Journalisten Spa├č, weil er ja von uns erz├Ąhlt. Beim letzten Reporter-Workshop haben wir dar├╝ber gestritten, ob Homestorys aus Schnellroda unbedarft sind oder aufkl├Ąrerisch, jetzt gibt’s auch noch einen Roman dazu, toll!

Leider verliert Albig (Achtung, Spoiler!) das Interesse an seinem Buch, bevor ihm ein passendes Ende daf├╝r eingefallen ist. Nach 150 Seiten l├Ąsst er alle wichtigen Figuren sterben oder verschwinden und dreht den Plot einfach ab. Zack, bumms, Nazi tot, Roman vorbei.

Macht aber nichts, denn die fehlende Pointe wird nachgeliefert durch dessen Rezeption: Albig streut in seinem Buch immer wieder selbstgeschriebene rechtsradikale Lyrik ein. Und einige Rezensenten sind ganz aus dem H├Ąuschen. ┬╗Der gro├če Spa├č, rechte Gedichte zu schreiben┬ź, titelt Die Welt und ein Moderator von Deutschlandfunk Kultur schw├Ąrmt, die Gedichte seien ┬╗nat├╝rlich vom Inhalt eklig […] aber ├Ąsthetisch, rein und makellos┬ź.

J├Ârg-Uwe Albig hat ein Buch geschrieben gegen die Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Denken. Und er triggerte damit eine Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Dichten. Vielleicht hat er mehr mit seinem Protagonisten gemein, als ihm lieb sein kann. Und das w├Ąre doch wirklich eine gelungene satirische Pointe.

Neuer Podcast: Warum die Hitzewelle bereits der Klimawandel ist

Auf einen Cold Brew (deutsch: kalte Br├╝he) mit Stefan Schmitt, dem stellvertretenden Leiter des „Wissen“-Ressorts der ZEIT.

F├╝r den ZEIT-Podcast „Hinter der Geschichte“ sprachen wir ├╝ber die aktuelle Hitzewelle. Und ├╝ber die Frage, ob das da drau├čen bereits der Klimawandel ist.

Lessons learned:
1) Ja, ist es.
2) Trotzdem tut sich wenig, auch im vermeintlichen Klimaretterland Deutschland. Stefan: „Wir zahlen gerade auf mehr Extremwetter und generell auf mehr Unsicherheit in der Zukunft ein.“ Und das, obwohl schon die letzten zwanzig Jahre f├╝r den Klimaschutz verschwendete Zeit gewesen sein.
3) Liegt im extrahei├čen Sommer auch die Chance f├╝r einen Bewusstseinswandel und f├╝r politische Aktion, weil wir jetzt sp├╝ren, was bisher abstraktes, statistisches Wissen war? Stefan: „W├Ąre toll.“
4) Optimistisches Schlusswort: entf├Ąllt.

Nachzuh├Âren gibt es das ab sofort: online unter freunde.zeit.de, in der ZEIT-App, auf Spotify und an vielen anderen Orten, an denen es Podcasts gibt.