»Wir mĂŒssen bei der Digitalisierung viel, viel besser werden«

Politiker*innen reden nie Klartext? Wer das glaubt, kennt den Hamburger Schulsenator Ties Rabe nicht — und das Interview, das er meiner Kollegin Nike Heinen und mir gegeben hat.

Wir sprachen ĂŒber den Umgang mit dem Dilemma, einerseits Infektionen zu vermeiden, andererseits aber eine ganze Generation von jungen Hamburger*innen nicht um ihr Recht auf Bildung bringen zu wollen.

Und ĂŒber den Reformstau bei der Digitalisierung der Schulen, der in den vergangenen Monaten etliche Eltern auf die Palme brachte — und der sich Ă€ndern soll. Korrektur: muss.

Hier das ganze Interview (fĂŒr Abonnent*innen der ZEIT).

Darf man heute noch Kinder wollen?

Wenn es um Klimaschutz geht, dann ist Fleischessen schlim, fliegen ist noch schlimmer, aber am schlimmsten ist es, eine Familie zu grĂŒnden. Das habe ich im vergangenen Jahr immer wieder gehört: In Talkshows und Zeitschriften meldeten sich Frauen zu Wort, die den Verzicht auf eigene Kinder als grĂ¶ĂŸtmöglichen Beitrag zum Klimaschutz bezeichnen.

Ich bin Vater von zwei Kindern und deshalb völlig befangen, aber ich halte diese Behauptung fĂŒr moralisch fragwĂŒrdig und taktisch unklug – um es mal diplomatisch zu formulieren.

Wenn wir ernsthaft anfangen, Menschenleben mit Konsumentscheidungen zu verrechnen, nĂŒtzt das nur kinderlosen SUV-Fahrern, die dreimal im Jahr nach Madeira jetten (»Alles halb so schlimm, ich hab’ keine Blagen in die Welt gesetzt!«). Die Keine-Kinder-aus-KlimagrĂŒnden-Fraktion sabotiert ihr Anliegen, indem sie ihre Gegner*innen stĂ€rker macht.

Und, indem sie potentielle VerbĂŒndete verprellt. Denn wĂ€re es nicht klĂŒger, davon auszugehen, Kinder seien beste KlimapĂ€dagogik?

Weiterlesen drĂŒben bei Piqd.

Corona: Äh, macht nix, ich hab grad desinfiziert

Was ist unhöflicher: Warme, aber womöglich verkeimte HĂ€nde reichen? Oder garantiert sterile, die sich aber so anfĂŒhlen, als wollte man danach erst mal heiß duschen?

Und wie wichtig ist mir der Kantinenkaffee, wenn ich ein TOUCH-DISPLAY đŸ˜± berĂŒhren muss, um ihn zu kriegen?

Beobachtungen aus dem Alltag in Hamburg in Zeiten des Corona-Virus, jetzt in der ZEIT. Online & frei lesbar: hier.

Let’s try something new!

Mit der ersten BĂŒrgermeisterin von Hamburg könnte es Sonntag knapp werden, die neue Chefredakteurin von ZEIT CAMPUS gibt es schon jetzt:

Ich freue mich, das Krönchen offiziell an Martina Kix ĂŒbergeben zu dĂŒrfen (die es de facto schon seit Beginn meiner Elternzeit vor einem Jahr trĂ€gt und in dieser Zeit mit ihrem Team bombengute Hefte gemacht hat).

Mit ZEIT CAMPUS bin ich aufgewachsen, erst als Student, dann als Journalist, Redakteur und Chefredakteur. Und, ey, das war was!

Aber 8 Jahre nachdem ich in dieser Redaktion meinen ersten Vertrag unterschrieben habe, ist jetzt mal DIE ZEIT fĂŒr was Neues (lustiges Wortspiel, oder?): Im MĂ€rz starte ich bei den Hamburg-Seiten im Mutterblatt.

Hier die offizielle Pressemitteilung.

Pop & Wahlkampf: heikle Mischung

Als Barack Obama bei Werbeveranstaltungen einst einen Song von Jay-Z spielte, bekam er Ärger mit Feminist*innen (99 problems).

Als die CDU einen Song von den Toten Hosen spielte, entschuldigte sich danach die Kanzlerin bei der Band (Tage wie dieser).

Als die GrĂŒnen ihren Wahlkampfslogan bei Nena abschrieben, störte es irgendwie keine/n, war aber trotzdem panne (Irgendwie, irgendwo, irgendwann).

Und jetzt: Die SPD. Wie ich der heutigen Ausgabe des Hamburger Abendblatts entnehme, lief auf einer Wahlkampfveranstaltung, bei der Spitzenkandidaten sich ĂŒber Songs anderer Leute vorstellten, nicht nur erzsozialdemokratisches Liedgut (Woody-Guthrie-Coverversionen, etc.), sondern auch Keine Parolen von Dendemann. Ein Song also, der K.E.I.N.E. aus dem FrĂŒhwerk der (Absoluten) Beginner aufgreift, der wiederum auf Wir wollen keine Bullenschweine von Slime verweist.

In einem Wahlkampf, in dem der bisher einzige politische Streitpunkt ist, inwieweit regierende Parteien eventuell ganz vielleicht heimliche Sympathien fĂŒr militante Linke hegen (solches warf man aus dem BĂŒro des Regierenden BĂŒrgermeisters dem Koalitionspartner vor, woraufhin dieser umgehend sein Wahlprogramm umschrieb), ist das brisant.

Denn, wie hieß es bei Slime?

Dies ist ein Aufruf zur Revolte,
dies ist ein Aufruf zur Gewalt,
Bomben bauen, Waffen klauen,
den Bullen auf die Fresse hauen,
haut die Bullen platt wie Stullen
(etc. pp.)

Hat aber zum GlĂŒck niemand gemerkt.

Entspann Dich!

Ach, frĂŒher! Da hießen SelbsthilfebĂŒcher noch wie SelbsthilfebĂŒcher (How to win friends). Und Essays hießen wie Essays (Notes on »Camp«). Heute heißen Essays wie SelbsthilfebĂŒcher (Jonathan Franzen: How to be Alone) und SelbsthilfebĂŒcher wie Essays (Matt Haig: Notes on a Nervous Planet). Verwirrende Zeiten!

Das Chaos der Gegenwart und ihre Paradoxien sind das Thema von Matt Haig: Menschen waren nie so gut connected, schreibt er in Notes on a Nervous Planet, trotzdem fĂŒhlten sich viele einsam. Oder: Physisch ging es Menschen nie so gut wie uns, trotzdem fĂŒhlten sich viele schlecht.

Oder hier im O-Ton:

We should have more time than ever. I mean, think about it: Life expectancy has more than doubled for people living in the developed world during the last century. And not only that, we have more time-saving devices and technologies than ever before.

Also zum Beispiel Waschmaschinen. GeschirrspĂŒler. Flugzeuge statt Kutschen. E-Mails statt Brieftauben. Wieso also sagen so viele, es fehle ihnen an Zeit?

Haig:

The problem, clearly, isn’t that we have a shortage of time. It’s more that we have an overload of everything else.

Nicht der Mangel sei unser Problem, sondern der Überfluss. Und hier wird Notes on a Nervous Planet zum Selbsthilfebuch. Denn Matt Haig wirbt fĂŒr mentalen Minimalismus: Stell die Notifications am Handy aus! Tu weniger! »Declutter your mind!«

Weiterlesen Entspann Dich!

Nazi-Lyrik lieben lernen

edf

Zornfried ist die Mediensatire, die Medienschaffende lieben. Jörg-Uwe Albig erzĂ€hlt in seinem Roman von einem Reporter, der Kette raucht, Lederjacke trĂ€gt, Punkrock hört, langsam verspießert, aber noch davon trĂ€umt, der nĂ€chste Hunter S. Thompson zu werden (klingt wie ein Klischee? Yep, finde ich auch).

Dieser Reporter wird aufmerksam auf eine ungelenke, paramilitĂ€rische Straßentheatergruppe, die stark an die IdentitĂ€ren erinnert, und folgt ihrer FĂ€hrte bis auf die Burg Zornfried irgendwo im finsteren deutschen Wald, wo sich versprengte Ex-Offiziere, Mittelalter-Cosplayer und blonde MĂ€dchen mit germanischen Vornamen um einen Dichter scharen, der archaische Agit-Prop-Lyrik rausholzt. Der Reporter ist aufgeregt. Und obwohl er bald merkt, dass er mit jedem Text und Online-Video, in dem er vor den Rechten warnt, bloß deren Fan-Base vergrĂ¶ĂŸert, kann er von diesem Stoff nicht lassen.

Das alles finde ich als Medienkritik etwas klugscheißerisch und plump, aber es ist kurzweilig geschrieben und klar macht dieser Roman Journalisten Spaß, weil er ja von uns erzĂ€hlt. Beim letzten Reporter-Workshop haben wir darĂŒber gestritten, ob Homestorys aus Schnellroda unbedarft sind oder aufklĂ€rerisch, jetzt gibt’s auch noch einen Roman dazu, toll!

Leider verliert Albig (Achtung, Spoiler!) das Interesse an seinem Buch, bevor ihm ein passendes Ende dafĂŒr eingefallen ist. Nach 150 Seiten lĂ€sst er alle wichtigen Figuren sterben oder verschwinden und dreht den Plot einfach ab. Zack, bumms, Nazi tot, Roman vorbei.

Macht aber nichts, denn die fehlende Pointe wird nachgeliefert durch dessen Rezeption: Albig streut in seinem Buch immer wieder selbstgeschriebene rechtsradikale Lyrik ein. Und einige Rezensenten sind ganz aus dem HĂ€uschen. »Der große Spaß, rechte Gedichte zu schreiben«, titelt Die Welt und ein Moderator von Deutschlandfunk Kultur schwĂ€rmt, die Gedichte seien »natĂŒrlich vom Inhalt eklig […] aber Ă€sthetisch, rein und makellos«.

Jörg-Uwe Albig hat ein Buch geschrieben gegen die Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Denken. Und er triggerte damit eine Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Dichten. Vielleicht hat er mehr mit seinem Protagonisten gemein, als ihm lieb sein kann. Und das wÀre doch wirklich eine gelungene satirische Pointe.

Neuer Podcast: Warum die Hitzewelle bereits der Klimawandel ist

Auf einen Cold Brew (deutsch: kalte BrĂŒhe) mit Stefan Schmitt, dem stellvertretenden Leiter des „Wissen“-Ressorts der ZEIT.

FĂŒr den ZEIT-Podcast „Hinter der Geschichte“ sprachen wir ĂŒber die aktuelle Hitzewelle. Und ĂŒber die Frage, ob das da draußen bereits der Klimawandel ist.

Lessons learned:
1) Ja, ist es.
2) Trotzdem tut sich wenig, auch im vermeintlichen Klimaretterland Deutschland. Stefan: „Wir zahlen gerade auf mehr Extremwetter und generell auf mehr Unsicherheit in der Zukunft ein.“ Und das, obwohl schon die letzten zwanzig Jahre fĂŒr den Klimaschutz verschwendete Zeit gewesen sein.
3) Liegt im extraheißen Sommer auch die Chance fĂŒr einen Bewusstseinswandel und fĂŒr politische Aktion, weil wir jetzt spĂŒren, was bisher abstraktes, statistisches Wissen war? Stefan: „WĂ€re toll.“
4) Optimistisches Schlusswort: entfÀllt.

Nachzuhören gibt es das ab sofort: online unter freunde.zeit.de, in der ZEIT-App, auf Spotify und an vielen anderen Orten, an denen es Podcasts gibt.