Wie ist das Logo-Shirt entstanden?

Die KĂĽnstlerin Pippa Garner hat eine Theorie:

T-shirts are interesting because it’s a trash medium that sort of evolved out of the sandwich boards from the depression era. A person could walk around in front of a restaurant wearing a couple of strapped together panels with an ad. It was a pathetic, low-level way to get people to eat something. Now it’s become a medium where people pay for the privilege of advertising a product.

Zitat aus Spike Art Quarterly, #57 (Autumn 2018), Seite 104.

Foto: DncnH from Melton Mowbray, UK  (CC BY 2.0, via Wikimedia)

1968 ist keine Jahreszahl

Wovon reden wir, wenn wir von „1968“ reden? Das Hamburger Abendblatt hat sich heute daran versucht, „1968“ in einigen historischen Schlaglichtern zum umreiĂźen:

Was hat die Menschen 1968 bewegt – in Hamburg, Deutschland und der Welt? Da gab es die Mondlandung des Amerikaners Neil Armstrong, die 500 Millionen Menschen an den Fernsehbildschirmen verfolgten. Anti-Schah-Demonstrationen in West-Berlin. Dürrekatastrophen und Hungersnöte in der Sahelzone. Den Napalmangriff südvietnamesischer Flugzeuge nahe Saigon.

Das finde ich interessant. Denn, ja, die Saheldürre begann 1968 und die (kriegsbedingte) Hungersnot in Biafra war im August 1968 Titelthema des Spiegels, bewegte also wohl tatsächlich im besagten Jahr die Menschen in Hamburg und in Deutschland.

Doch die Mondlandung war 1969. Die Anti-Schah-Demo in West-Berlin war 1967. Napalmbombardements in Vietnam begannen bereits 1965, zunächst durch die Amerikaner, später auch durch SĂĽdvietnamesen. Da hier von einen einzelnen Angriff „nahe Saigon“ die Rede ist, könnte es sein, dass der einprägsam von dem Fotojournalisten Nick Ăšt festgehaltene Angriff gemeint ist. Dieser ereignete sich 1972.

Von vier zu „1968“ genannten historischen Ereignissen fällt gerademal eines ins Jahr 1968. Entweder die Autorin des Hamburger Abendblatts hat schlampig gearbeitet – oder „1968“ ist gar keine Jahreszahl.

Einiges spricht fĂĽr letzteres. Als „Chiffre“ hat der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar „1968“ vor rund zwanzig Jahren beschrieben. „1968“ ist demnach ein Codewort fĂĽr etwas anderes.

Was dieses „Andere“ ist, hängt davon ab, wer spricht. FĂĽr den Philosophen Martin Saar war 1968 beispielsweise der Ausgangspunkt fĂĽr eine „Demokratisierung der Demokratie“ oder fĂĽr eine „Verteidigung, Vertiefung und Ausweitung der Demokratie“. FĂĽr den CSU-Politiker Alexander Dobrindt war 1968 irgendwie furchtbar … .

Was mit „1968“ gemeint ist, ist jedenfalls weit weniger eindeutig, als das die Klarheit der vermeintlichen Jahreszahl zu suggerieren scheint.

Menschen, wir sind noch nicht verloren!

Wenn ich mich recht erinnere, genügt in Bram Stokers Roman Dracula eine einzele Hostie, um einen Bannkreis zu schaffen, den Vampire nicht betreten können. Sehr praktisch, wenn man gerade durch Transylvanien reist und eines temporären safe space bedarf, zum Beispiel um nachts in Ruhe schlafen zu können.

(Ich bin nicht sicher, ob es eine katholische Hostie sein muss, also der wahrhaftige Leib Christi, oder ob eine evangelische Hostie, also profanes Brot mit erhöhtem Symbolwert, auch funktioniert.)

Einen modernen Bannkreis zu Bezwingung seelenloser Angreifer hat der Künstler James Bridle geschaffen. Bei ihm geht es nicht um Ausschluss, sondern um Einschluss, aber das Prinzip ist ähnlich simpel: Mit Kreide zeichnet er zwei Kreise auf den Boden, die etwa die Größe eines Parkplatzes für handelsübliche PKW haben. Die Linie des äußeren Kreises ist gestrichelt, die des inneren durchgezogen.

Autonome, selbststeuernde Fahrzeuge, die durch ihre Software an die Straßenverkehrsordnung gebunden sind, können nun von außen in diesen Kreis hineinfahren, kommen von innen aber nicht mehr raus. Sie sind gefangen. James Bridle nennt das: Autonomous Trap 001 (siehe Video).

Es scheint derzeit plausibler, dass eines Tages die Maschinen uns Menschen zur Gefahr werden, als dass noch Vampire auftauchen und uns alle ausrotten (ich habe neulich mit dem Philosophen Nick Bostrom darüber gesprochen), insofern empfiehlt es sich für alle Prepper, ein Stück Kreide in der Tasche zu haben (eine einfache, durchgezogene Kreislinie wirkt dann ähnlich wie die Hostie gegen Blutsauger).

Hoffen wir, dass das Wetter stabil bleibt, wenn die Teslas sich eines Tages gegen uns erheben. Regen wäre in dieser Situation wirklich unpässlich.

P.S.: Entdeckt habe ich Bridles Idee in diesem Text aus der SĂĽddeutschen Zeitung.

 

Schlafen gegen das System!

Die größte Provokation für den modernen Menschen ist, dass er sterben muss. So in etwa formulierte das der Philosoph John Gray in seinem Buch Wir werden sein wie Gott (ich habe hier darüber geschrieben). Der Tod erinnere uns daran, dass wir daran gescheitert seien, uns völlig von der Natur zu emanzipieren und die Welt gänzlich unserem Willen untertan zu machen.

»Sleep is the cousin of death«, wissen wir dank Nas, und was der Tod für die Moderne ist, das ist der Schlaf für den Kapitalismus. So könnte man zumindest mit dem Kunstwissenschaftler Jonathan Crary argumentieren, Autor des Buches 24/7: Schlaflos im Spätkapitalismus.

Das Buch ist schon einige Jahre erhältlich, sein Thema erlangte aber in diesem Sommer eine gewisse Brisanz, als im Vorfeld des G20-Gipfels in Hamburg darüber diskutiert wurde, ob die Stadt es auswärtigen Gipfelgegnern verbieten darf, in Protestcamps auf öffentlichen Grünflächen zu schlafen (es ging zuletzt tatsächlich nicht darum, ob man die Camps verbieten darf, sondern das Schlafen in den Camps).

Gegen das Schlafen von Gipfelgegnern im Park gab es zwei Einwände. Erstens das pragmatische Argument, dass von den Campus militante Aktionen ausgehen würden (das hat sich laut Polizeiangaben bewahrheitet). Und zweitens das kategorische Argument, dass der Staat zwar die Versammlungsfreiheit zu wahren habe, dass schlafend im Camp jedoch keine politische Meinungsäußerung möglich sei.

Ist Schlafen unpolitisch? Jonathan Crary wĂĽrde widersprechen. Er schreibt:

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Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten fĂĽhre (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

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»Aufrichtigkeit«: ĂĽber gute und schlechte Essays

Video: John Jeremiah Sullivan, einer der neuen amerikanischen Essayisten und Ichsager, liest aus Pulphead

»Ich« sagen ist populär in Amerika. Memoiren sind ein literarisches Genre, das sich außergewöhnlich gut verkauft (der Bestseller Eat, Pray, Love soll angeblich für einen Umsatz von 350 Millionen verantwortlich sein) und auch im Journalismus ist die erste Person Singular nicht halb so verpönt wie in Deutschland.

Das traditionelle Genre der Ichsager ist aber der Essay. Schon der Ur-Essayist Michel de Montaigne stellte vor einem halben Jahrtausend seinen Essais die Warnung voran, dass es im Folgenden viel um ihn selbst gehen werde (»Ich male mich selbst ab«).

Seitdem ist der Essay im Laufe der Geschichte mindestens so oft totgesagt worden wie Gott oder die Malerei oder die Geschichte selbst. Trotzdem haben die Ichsager in Amerika heute eine solche Konjunktur, dass es David Brooks im Vorwort der Anthologie Best American Essays 2012 für nötig hält, seine Leser darauf hinzuweisen, dass die besten Essays immer noch von Themen handeln und nicht bloß von ihren Autoren.

Dazu passt, was Adam Kirsch in The New Republic über Autoren schreibt, die er »New Essayists« nennt:

Essayists such as [Davy] Rothbart and [Sloane] Crosley and [David] Sedaris, one might say, represent the prose equivalent of reality TV. They, too, claim to be recording their lives, while in fact they are putting on a performance […]. The essayist is concerned, as a fiction writer is not, with what the reader will think of him or her. That is why the new comic essayists are never truly confessional, and never intentionally reveal anything that might jeopardize the reader’s esteem. »Love me« is their all-but-explicit plea.

Michel de Montaigne nannte 1580 als erstes Kriterium des Essayschreibens die »Aufrichtigkeit« des Autoren, laut Duden die Bereitschaft, »dem innersten Gefühl, der eigenen Überzeugung ohne Verstellung Ausdruck« zu geben. Aufrichtigkeit ist das Gegenteil des Narzissmus (»love me«), den Kirsch den »New Essayists« unterstellt.

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Looking at rich women: Lauren Greenfield’s The Queen of Versailles and Daniela Rossell’s Ricas y famosas

Originally, Mieke, Claudius and I had planned to spend our Sunday evening watching Apocalypse Now. On a whim, we changed plans and ended up watching something closer to Financial Apocalypse Now: Lauren Greenfield’s prize-winning documentary The Queen of Versailles. Here’s the trailer:

 

A film at once exhilarating and terrifying, The Queen of Versailles provides an insight into the life of the Siegels, a »filthy rich« (as one of their daughters puts it) couple living in Orlando, Florida. The heroine of this movie, Jaqueline Siegel, a former beauty pageant winner who looks like she fell right out of a Russ Meyer movie, is the »trophy wife« (as another daughter puts it) of David Siegel, a nouveau riche real-estate tycoon.

Despite being a Republican who claims to be solely responsible for the victory of George W. Bush in 2000, David Siegel is a bit of a Francophile. He keeps Napoleon’s bust in his house (along with an oil painting of himself as a knight in shining armor) and he’d love to live in Versailles. Unfortunately, the real thing is not for sale, because »they use it as a museum«, as a real-estate agent puts it in this film. So, David Siegel aims for the second best option and has a replica of Versailles built in Orlando. Price tag: 100 million dollars. However, halfway through the construction of what is to be the largest private home in America, the financial crisis hits.

The Queen of Versailles is a mind-boggling and truly astonishing film, a) because of the way its protagonist display what some would consider a blatant lack of taste and b) because of the carelessness with which the Siegels let Lauren Greenfield catch them with their pants down time and again. The Queen of Versailles is stranger than fiction and could pass as a satire about the decadence of the richest 1 percent, except that Lauren Greenfield is no Michael Moore and looks at her subjects with compassion and curiosity rather than with cynicism.

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Current ambiguous mindsets: Metamodernism vs. Quirky

Alexander Forbes (Berlin Art Journal) on »Discussing Metamodernism«, an exhibition currently on display at Tanja Wagner Gallery, Berlin:

»People from my generation always thought that we’d have better lives than our parents, and now we are realising that it’s possible that we won’t.« [says critic/curator Timotheus Vermeulen.] Strangely however, when such generational disappointment could easily lead to an utterly postmodern response of »fuck it, we’ll fail anyhow,« the metamodern sensibility is quite the opposite. Out of loss in art, politics, bottom lines or otherwise, has come a resurgent hopefulness […W]e are ironic, but want to love; we are earnest, but know earnestness may never get us anywhere.

More on the idea of »metamodernism« at Timotheus Vermeulen’s blog Notes on Metamodernism.

c.f. »quirky«, a sensibility James Macdowell tied to the Metamodern in an essay on said blog quite a few months ago (my bad, I only noticed it today), its tone being »an oscillation between sincerity and irony, enthusiasm and detachment, naïveté and knowingness.«

Kann »quirky« Indie politisch sein? Eine Frage anlässlich Miranda Julys Interviewbuch »Es findet dich«

Abb. 1: Buch auf Bodendielen

Die Künstlerin und Filmemacherin Miranda July hat für ihr Interviewbuch »Es findet dich« zehn Frauen und Männer getroffen, die in einem amerikanischen Anzeigenblättchen An- und Verkaufsinserate schalten, um mit ihnen über ihr Leben zu sprechen. Das ist keine Idee mit Exklusivitätsanspruch (Sarah Kuttner hat etwas ganz ähnliches gemacht), doch sie funktioniert sehr gut.

Hinter der alten Lederjacke oder den Ochsenfrosch-Kaulquappen, die fĂĽr wenige Dollar zum Verkauf stehen, verbergen sich Menschen, denen Miranda July im zersiedelten Los Angeles unter anderen Umständen wohl nie begegnet wäre. Sie spricht mit Frauen und Männern, die ihre »MitbĂĽrger« sind (sorry, hier herrschen noch die Nachwirkungen des Gauck’schen Pathos), aber ganz weit weg von Julys weiĂźem, privilegiertem KĂĽnstlerleben.

»Es findet dich« hätte als naives, harmlos menschelndes und süß aufgeschriebenes Experiment ausgehen können. Doch es ist mehr als das, nämlich die Untersuchung, was man wohl entdeckt, wenn man die bequemen sozialen Bahnen verlässt – und eine Stadt und ihre Bewohner neu kennenlernt (immer noch Pathos, Pardon, es ist Sonntag). Ich habe dieses Buch jedenfalls als ein durchaus politisches lesen, obwohl nicht ein einziges Mal die Worte »Gentrification«, »Digital Divide« oder auch nur »Macht« genannt werden.

Mehr zu Miranda Julys »Es findet dich« in meiner Rezension auf Spiegel Online.

Miranda Julys Stil kann man guten Gewissens als »quirky« bezeichnen. Dieser Begriff, der etwa mit »versponnen« ĂĽbersetzt werden kann, ist in englischsprachigen Texten in den letzten Jahren häufiger gefallen, um eine ästhetische Verschiebung im sogenannten »Indie«-Kulturschaffen (Musik, Literatur, Film, Mode, … ) zu beschreiben. Einen kurzen, skizzenhaften EinfĂĽhrungstext hat die Medienwissenschaftlerin Alisa Perren 2008 anlässlich der Oscar-Nominierung des von Diablo Cody geschriebenen Films »Juno« verfasst: »From Cynicism to Sentimentality – The Rise of the Quirky Indie«. (Einen ausfĂĽhrlicheren Essays legte James MacDowell mit seinen »Notes on Quirky« vor, &c.)

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