Welche Reportagen kann man heute noch schreiben?

Keine mehr über Kreuzfahrten, Truppenunterhalter und Reisen mit Papa

Eine Umfrage in der amerikanischen Literaturzeitschrift Granta (»The Magazine of New Writing«): »Is Travel Writing Dead?«

Das passt zur Diskussion, die ich immer wieder mal mit anderen Magazinjournalisten führe (vornehmlich dann, wenn wir zwei Bier zuviel getrunken haben): Welche Reportagen kann man heute noch schreiben? Welche nicht mehr?

Oder konkreter: Gibt es Themen, an die man sich heute nicht mehr rantrauen sollte? An denen man sich nicht mehr abarbeiten braucht? Weil sie in der Vergangenheit bereits meisterhaft behandelt wurden?

Es sind Fragen, die Nachrichten- und Zeitungsjournalisten vermutlich seltsam finden: Die schreiben nämlich einfach, was Nachrichtenwert hat, und fertig (na ja, wenn das mit dem Nachrichtenwert mal so einfach wäre).

Aber gilt für lange Magazinstücke nicht ein anderer Anspruch an Originalität? Müssen die nicht etwas über unsere Zeit aussagen, in dem Sinne, wie man heute jedem, der etwas über die sechziger Jahre erfahren möchte, als erstes die Reportagen von Joan Didion und Tom Wolfe empfiehlt?

Ich sympathisiere mit Geoff Dyers Antwort auf die Frage der Granta-Redaktion:

Any successful travel book should involve some kind of departure from previously visited ideas of the travel book.

Ähnliches gilt für Reisereportagen (und vermutlich auch für Reportagen überhaupt): Bestimmte Stoffe sind so auserzählt, dass man schon radikal neue Ansätze finden müsste, um dem bestehenden Korpus an Texten noch etwas hinzufügen zu können.

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»Aufrichtigkeit«: über gute und schlechte Essays

Video: John Jeremiah Sullivan, einer der neuen amerikanischen Essayisten und Ichsager, liest aus Pulphead

»Ich« sagen ist populär in Amerika. Memoiren sind ein literarisches Genre, das sich außergewöhnlich gut verkauft (der Bestseller Eat, Pray, Love soll angeblich für einen Umsatz von 350 Millionen verantwortlich sein) und auch im Journalismus ist die erste Person Singular nicht halb so verpönt wie in Deutschland.

Das traditionelle Genre der Ichsager ist aber der Essay. Schon der Ur-Essayist Michel de Montaigne stellte vor einem halben Jahrtausend seinen Essais die Warnung voran, dass es im Folgenden viel um ihn selbst gehen werde (»Ich male mich selbst ab«).

Seitdem ist der Essay im Laufe der Geschichte mindestens so oft totgesagt worden wie Gott oder die Malerei oder die Geschichte selbst. Trotzdem haben die Ichsager in Amerika heute eine solche Konjunktur, dass es David Brooks im Vorwort der Anthologie Best American Essays 2012 für nötig hält, seine Leser darauf hinzuweisen, dass die besten Essays immer noch von Themen handeln und nicht bloß von ihren Autoren.

Dazu passt, was Adam Kirsch in The New Republic über Autoren schreibt, die er »New Essayists« nennt:

Essayists such as [Davy] Rothbart and [Sloane] Crosley and [David] Sedaris, one might say, represent the prose equivalent of reality TV. They, too, claim to be recording their lives, while in fact they are putting on a performance […]. The essayist is concerned, as a fiction writer is not, with what the reader will think of him or her. That is why the new comic essayists are never truly confessional, and never intentionally reveal anything that might jeopardize the reader’s esteem. »Love me« is their all-but-explicit plea.

Michel de Montaigne nannte 1580 als erstes Kriterium des Essayschreibens die »Aufrichtigkeit« des Autoren, laut Duden die Bereitschaft, »dem innersten Gefühl, der eigenen Überzeugung ohne Verstellung Ausdruck« zu geben. Aufrichtigkeit ist das Gegenteil des Narzissmus (»love me«), den Kirsch den »New Essayists« unterstellt.

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Looking at rich women: Lauren Greenfield’s The Queen of Versailles and Daniela Rossell’s Ricas y famosas

Originally, Mieke, Claudius and I had planned to spend our Sunday evening watching Apocalypse Now. On a whim, we changed plans and ended up watching something closer to Financial Apocalypse Now: Lauren Greenfield’s prize-winning documentary The Queen of Versailles. Here’s the trailer:

 

A film at once exhilarating and terrifying, The Queen of Versailles provides an insight into the life of the Siegels, a »filthy rich« (as one of their daughters puts it) couple living in Orlando, Florida. The heroine of this movie, Jaqueline Siegel, a former beauty pageant winner who looks like she fell right out of a Russ Meyer movie, is the »trophy wife« (as another daughter puts it) of David Siegel, a nouveau riche real-estate tycoon.

Despite being a Republican who claims to be solely responsible for the victory of George W. Bush in 2000, David Siegel is a bit of a Francophile. He keeps Napoleon’s bust in his house (along with an oil painting of himself as a knight in shining armor) and he’d love to live in Versailles. Unfortunately, the real thing is not for sale, because »they use it as a museum«, as a real-estate agent puts it in this film. So, David Siegel aims for the second best option and has a replica of Versailles built in Orlando. Price tag: 100 million dollars. However, halfway through the construction of what is to be the largest private home in America, the financial crisis hits.

The Queen of Versailles is a mind-boggling and truly astonishing film, a) because of the way its protagonist display what some would consider a blatant lack of taste and b) because of the carelessness with which the Siegels let Lauren Greenfield catch them with their pants down time and again. The Queen of Versailles is stranger than fiction and could pass as a satire about the decadence of the richest 1 percent, except that Lauren Greenfield is no Michael Moore and looks at her subjects with compassion and curiosity rather than with cynicism.

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Current ambiguous mindsets: Metamodernism vs. Quirky

Alexander Forbes (Berlin Art Journal) on »Discussing Metamodernism«, an exhibition currently on display at Tanja Wagner Gallery, Berlin:

»People from my generation always thought that we’d have better lives than our parents, and now we are realising that it’s possible that we won’t.« [says critic/curator Timotheus Vermeulen.] Strangely however, when such generational disappointment could easily lead to an utterly postmodern response of »fuck it, we’ll fail anyhow,« the metamodern sensibility is quite the opposite. Out of loss in art, politics, bottom lines or otherwise, has come a resurgent hopefulness […W]e are ironic, but want to love; we are earnest, but know earnestness may never get us anywhere.

More on the idea of »metamodernism« at Timotheus Vermeulen’s blog Notes on Metamodernism.

c.f. »quirky«, a sensibility James Macdowell tied to the Metamodern in an essay on said blog quite a few months ago (my bad, I only noticed it today), its tone being »an oscillation between sincerity and irony, enthusiasm and detachment, naïveté and knowingness.«

Kann »quirky« Indie politisch sein? Eine Frage anlässlich Miranda Julys Interviewbuch »Es findet dich«

Abb. 1: Buch auf Bodendielen

Die Künstlerin und Filmemacherin Miranda July hat für ihr Interviewbuch »Es findet dich« zehn Frauen und Männer getroffen, die in einem amerikanischen Anzeigenblättchen An- und Verkaufsinserate schalten, um mit ihnen über ihr Leben zu sprechen. Das ist keine Idee mit Exklusivitätsanspruch (Sarah Kuttner hat etwas ganz ähnliches gemacht), doch sie funktioniert sehr gut.

Hinter der alten Lederjacke oder den Ochsenfrosch-Kaulquappen, die für wenige Dollar zum Verkauf stehen, verbergen sich Menschen, denen Miranda July im zersiedelten Los Angeles unter anderen Umständen wohl nie begegnet wäre. Sie spricht mit Frauen und Männern, die ihre »Mitbürger« sind (sorry, hier herrschen noch die Nachwirkungen des Gauck’schen Pathos), aber ganz weit weg von Julys weißem, privilegiertem Künstlerleben.

»Es findet dich« hätte als naives, harmlos menschelndes und süß aufgeschriebenes Experiment ausgehen können. Doch es ist mehr als das, nämlich die Untersuchung, was man wohl entdeckt, wenn man die bequemen sozialen Bahnen verlässt – und eine Stadt und ihre Bewohner neu kennenlernt (immer noch Pathos, Pardon, es ist Sonntag). Ich habe dieses Buch jedenfalls als ein durchaus politisches lesen, obwohl nicht ein einziges Mal die Worte »Gentrification«, »Digital Divide« oder auch nur »Macht« genannt werden.

Mehr zu Miranda Julys »Es findet dich« in meiner Rezension auf Spiegel Online.

Miranda Julys Stil kann man guten Gewissens als »quirky« bezeichnen. Dieser Begriff, der etwa mit »versponnen« übersetzt werden kann, ist in englischsprachigen Texten in den letzten Jahren häufiger gefallen, um eine ästhetische Verschiebung im sogenannten »Indie«-Kulturschaffen (Musik, Literatur, Film, Mode, … ) zu beschreiben. Einen kurzen, skizzenhaften Einführungstext hat die Medienwissenschaftlerin Alisa Perren 2008 anlässlich der Oscar-Nominierung des von Diablo Cody geschriebenen Films »Juno« verfasst: »From Cynicism to Sentimentality – The Rise of the Quirky Indie«. (Einen ausführlicheren Essays legte James MacDowell mit seinen »Notes on Quirky« vor, &c.)

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Non-required reading. In defense of writing about sex, rock music, and other fun ways of using your minds and bodies

Rock music, like sex, doesn’t really require being written about. Best to enjoy it if you can and shut up about it afterward.

… writes Joseph Epstein in The Weekly Standard (I found it via Arts and Letters Daily). I assume that when he writes „rock music,“ Mr. Epstein doesn’t mean rock music exclusively (c’mon, rock is dead, and the world’s probably a better place because of it) but rather all types of non-classical, non-avantgarde, more or less popular contemporary music. Or, looking at the sex analogy, maybe the more precise attempt to narrow it down would be: all types of music produced to move bodies and allow people to enjoy themselves.

I can’t say I agree with this notion, though Mr. Epstein voices a common sentiment. It’s important to note that his is not a complaint about the current state of publishing and the media system. He doesn’t say these days rock music criticism isn’t required anymore – e. g. because of the accessibility and abundance of music and opinion on the internet – but that it never was required, that in fact within the essential nature of rock music (or sex) there is nothing that’s longing to be verbalized, that desperately calls for mankind to finally adress it in writing.

Yeah, well, uhm, OK: as a writer I think the impulse to write about something should come from within myself (or maybe more realistically: from within my editor’s office), not from within the abstract object of my writing. He who hears voices from objects and topics calling him is he who crossed the thin line between genius and insanity in the wrong direction.

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Netter Kuschelporno: Über die Premiere von „Hotel Desire“ in Berlin

Ob man sich an den Bildungsbürger, den Kommunisten, oder die Popfeministin hält – beim Stichwort Pornografie sind sie alle seltsam einig:

„Die Darstellung sexueller Vorgänge ist vom rein Körperlichen her (…) überhaupt kein Problem“, sagt Marcel Reich-Ranicki. „Den Partner aus Fleisch und Blut benutzen wir nur als Masturbationshilfe bei der Umsetzung unserer sexuellen Fantasien“, sagt Slavoj Zizek. Und Charlotte Roche, neulich in einer ZDF-Talkshow: „Ich finde, wenn man ein echtes Paar filmt, wenn es echten Sex hat, würde das ganz schön eklig aussehen.“

Soll heißen: Was die Körper beim Sex machen ist zweitrangig im Vergleich zu dem, was im Kopf passiert.

Einen Porno zu drehen, der zugleich erregend, authentisch und schön ist, dürfte demnach unmöglich sein.

Sergej Moya hat es freundlicherweise dennoch versucht. Gestern Abend hatte sein 40-minütiger (O-Ton Moya:) „porNEOgrafischer“ Film „Hotel Desire“ in Berlin Premiere, ich habe für Spiegel Online aufgeschrieben wie ich es fand: weniger schlimm als erwartet, aber auch eher unspektakulär. Meine Premierenberichtfilmrezension: hier.