Neues Forschungsprojekt zu Hamburger Musikgeschichte(n)

Thorsten Logge, Geschichtsprofessor an der Uni Hamburg, sagte mir neulich im Interview:

Hamburg vermarktet sich als Musikstadt, doch zeitgleich erleben wir, dass RĂ€ume der Subkultur verschwinden. Bunker, in denen sich oft ProberĂ€ume befinden, werden geschliffen. MusikalienlĂ€den machen zu. Wir haben kein gutes VerstĂ€ndnis davon, was eine Musikstadt außer Marketing ausmacht.

Doch:

Nur wer die Geschichte kennt, kann auch die Gegenwart verstehen oder Prognosen fĂŒr die Zukunft abgeben.

Deshalb hat Logge ein Forschungsprojekt namens »Hamburger Musikgeschichte(n) der 1970er- und 1980er-Jahre« gestartet.

Etwas ausfĂŒhrlicher schreibe ich darĂŒber auf ZEIT ONLINE (fĂŒr Abonnent*innen).

Es gibt von Oktober bis Dezember auch ein öffentliches Veranstaltungsprogramm mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke, der Historikerin Julia Sneeringer (die unter anderem dieses lesenswerte Buch geschrieben hat), Schorsch Kamerun (Goldene Zitronen), Holger Jass (Onkel Pö) und anderen. Mehr Infos dazu hier.

Jane Birkin im Sexshop

jane-birkin-beate-uhse

Heute ist die PrĂ€sidentenwahl in Frankreich, dazu diese kleine Trouvalie apropos les relations franco-allemandes: Einer der großen Skandalsongs der Pop-Geschichte, Je t’aime, … moi non plus von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, wurde Anfang der 1970er-Jahre als Schallplatte im Versand der Flensburger Sexshop-Pionierin Beate Uhse angeboten.

Über den Song heißt es, er habe nach der Veröffentlichung im Jahr 1969 StĂŒrme der EntrĂŒstung ausgelöstet, weil Jane Birkin darin so ĂŒberzeugend stöhnt, dass einige Hörer*innen fĂŒrchteten, sie wĂŒrden einem echten Orgasmus beiwohnen:

Insofern ist es vielleicht nachvollziehbar, dass Beate Uhse die Platte in ihr Programm nahm und sie dort zwischen Pornoheften und anderen sexuellen Hilfsmitteln anbot. Trotzdem: Ist das ein Kompliment gegenĂŒber der KĂŒnstlerin? Oder eine Riesenfrechheit? đŸ€”

Entdeckt beim Kaffee und Quellenstudium mit der Historikerin Nadine Beck, ĂŒber deren Forschung ich ausfĂŒhrlicher in der kommenden Ausgabe der Hamburgseiten der ZEIT berichte (ab Donnerstag).

»Ist das ’ne Frau, die da auf der BĂŒhne steht?«

Es sind die frĂŒhen 1970er-Jahre, die Musikszene der BRD besteht im wesentlichen aus Schlager-Interpreten, als in Hamburg ein Ford Transit mit Instrumenten vollgeladen wird (Orgel, E-Gitarre, EffektgerĂ€te, so neumodischer Krams). Die Band Frumpy macht sich auf den Weg, um der Welt den R O C K zu bringen. Es gibt nur ein Problem: Erstmal muss man mit der Karre ĂŒber die Kasseler Berge kommen.

Inga Rumpf: Mit Frumpy haben wir also sehr viel gespielt, um bekannt zu werden. Wir sind in diesen wunderschönen DorfsĂ€len aufgetreten, hatten zwar noch nicht so viele Songs, haben dafĂŒr auf der BĂŒhne aber umso mehr improvisiert.

DIE ZEIT: Haben die Leute in den DorfsÀlen verstanden, was sie da zu sehen bekamen?

Inga Rumpf: Die jungen, natĂŒrlich, die haben sich gefreut. Die Ă€lteren haben geguckt: »Ist das ’ne Frau, die da auf der BĂŒhne steht?« Ich sah ja aus wie ein Typ, trug eine Jeans, ein Unterhemd und lange Haare wie alle anderen, dazu die tiefe Stimme. Das war schon ungewöhnlich. Anfang der Siebzigerjahre, das war fast noch Nachkriegsdeutschland.

Das mal als Auszug. Mein ganzes Interview mit Inga Rumpf, 74, ĂŒber Gender Trouble im Dorfsaal, die AnfĂ€nge von Folk und Rock in West-Deutschland und die Notwendigkeit von Drogen, um das alles ĂŒberhaupt durchzuhalten, steht jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT sowie hier auf ZEIT ONLINE.

(Wieso wurde dieser Stoff noch nicht verfilmt? Ich sehe eine große deutsche Komödie.)

Online-Dating im Schlager, 1968–2018

In der Kritik der Unterhaltsmusik gibt es die große Schlager/Pop-Dichotomie. Schlager steht da fĂŒr Eskapismus, Pop fĂŒr contemporariness (und dass es fĂŒr letzteren Begriff keine ordentliche deutsche Übersetzung gibt, deutet schon darauf hin, dass das Deutsche eher Schlagersprache als Popsprache ist).

So ganz stimmt das aber nicht. Der Sound und das Idiom mit dem der Schlager der 1960er-Jahre vorgetragen werden, mag das fĂŒr uns heute verschleiern, aber im Sixities-Schlager finden sich immer wieder Spuren von Gegenwart, ModernitĂ€t und Fortschritt.

Zum Beispiel im Song Computer Nr. 3 von der Anfang des Jahres leider verstorbenen SĂ€ngerin France Gall:

Der Song erschien 1968, und damals war Computer-assistiertes Dating ein großes Thema in Deutschland. Die Zeitschrift Twen (verkaufte Auflage laut Spiegel-Bericht: 180.000 Exemplare) rief damals auf ihren September-Titel zum bereits dritten Twen Rendez-Vous auf: „Machen Sie mit: Neue Liebe per Computer.“

Leserinnen und Leser sollten einen Fragebogen zu ihren Vorlieben und Gewohnheiten ausfĂŒllen und diesen an die Redaktion einschicken. Gegen eine kleine GebĂŒhr wurde der Bogen dann digitalisiert, in eine Datenbank eingespeist und mit den Fragebögen von Teilnehmern des jeweils anderen Geschlechts abgeglichen um ein möglichst perfektes Match zu finden („des anderen Geschlechts“, denn: HomosexualitĂ€t war gerade straffrei geworden und durchaus ein Thema in Twen, nicht aber im Rendez-Vouz).

Die Idee findet sich nirgendwo so pointiert formuliert wie in dem Song von France Gall: „Einer von vielen Millionen, der wartet auf mich irgendwo“. Im Kern geht es also um eine romantische Idee: Irgendwo da draußen ist der Mensch, der perfekt zu dir passt. Kugelmensch-mĂ€ĂŸig. Und dank modernster Technik wird der jetzt sogar auffindbar! So zumindest das Versprechen.

France Gall sang also keinen Blödsinn und auch nicht von einer Fantasie – sondern vom state of the art von Medien, Technik und Fortschritt ihrer Zeit. Das ist das Gegenteil von Eskapismus. Und das gibt es auch heute, 50 Jahre spĂ€ter, noch im Schlager. Nur, dass es 2018 leider unfassbar kacke klingt: