Jane Birkin im Sexshop

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Heute ist die Pr├Ąsidentenwahl in Frankreich, dazu diese kleine Trouvalie apropos les relations franco-allemandes: Einer der gro├čen Skandalsongs der Pop-Geschichte, Je t’aime, … moi non plus von Jane Birkin und Serge Gainsbourg, wurde Anfang der 1970er-Jahre als Schallplatte im Versand der Flensburger Sexshop-Pionierin Beate Uhse angeboten.

├ťber den Song hei├čt es, er habe nach der Ver├Âffentlichung im Jahr 1969 St├╝rme der Entr├╝stung ausgel├Âstet, weil Jane Birkin darin so ├╝berzeugend st├Âhnt, dass einige H├Ârer*innen f├╝rchteten, sie w├╝rden einem echten Orgasmus beiwohnen:

Insofern ist es vielleicht nachvollziehbar, dass Beate Uhse die Platte in ihr Programm nahm und sie dort zwischen Pornoheften und anderen sexuellen Hilfsmitteln anbot. Trotzdem: Ist das ein Kompliment gegen├╝ber der K├╝nstlerin? Oder eine Riesenfrechheit? ­čĄö

Entdeckt beim Kaffee und Quellenstudium mit der Historikerin Nadine Beck, ├╝ber deren Forschung ich ausf├╝hrlicher in der kommenden Ausgabe der Hamburgseiten der ZEIT berichte (ab Donnerstag).

┬╗Ist das ÔÇÖne Frau, die da auf der B├╝hne steht?┬ź

Es sind die fr├╝hen 1970er-Jahre, die Musikszene der BRD besteht im wesentlichen aus Schlager-Interpreten, als in Hamburg ein Ford Transit mit Instrumenten vollgeladen wird (Orgel, E-Gitarre, Effektger├Ąte, so neumodischer Krams). Die Band Frumpy macht sich auf den Weg, um der Welt den R O C K zu bringen. Es gibt nur ein Problem: Erstmal muss man mit der Karre ├╝ber die Kasseler Berge kommen.

Inga Rumpf: Mit Frumpy haben wir also sehr viel gespielt, um bekannt zu werden. Wir sind in diesen wundersch├Ânen Dorfs├Ąlen aufgetreten, hatten zwar noch nicht so viele Songs, haben daf├╝r auf der B├╝hne aber umso mehr improvisiert.

DIE ZEIT: Haben die Leute in den Dorfs├Ąlen verstanden, was sie da zu sehen bekamen?

Inga Rumpf: Die jungen, nat├╝rlich, die haben sich gefreut. Die ├Ąlteren haben geguckt: ┬╗Ist das ÔÇÖne Frau, die da auf der B├╝hne steht?┬ź Ich sah ja aus wie ein Typ, trug eine Jeans, ein Unterhemd und lange Haare wie alle anderen, dazu die tiefe Stimme. Das war schon ungew├Âhnlich. Anfang der Siebzigerjahre, das war fast noch Nachkriegsdeutschland.

Das mal als Auszug. Mein ganzes Interview mit Inga Rumpf, 74, ├╝ber Gender Trouble im Dorfsaal, die Anf├Ąnge von Folk und Rock in West-Deutschland und die Notwendigkeit von Drogen, um das alles ├╝berhaupt durchzuhalten, steht jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT sowie hier auf ZEIT ONLINE.

(Wieso wurde dieser Stoff noch nicht verfilmt? Ich sehe eine gro├če deutsche Kom├Âdie.)

Online-Dating im Schlager, 1968ÔÇô2018

In der Kritik der Unterhaltsmusik gibt es die gro├če Schlager/Pop-Dichotomie. Schlager steht da f├╝r Eskapismus, Pop f├╝r contemporariness (und dass es f├╝r letzteren Begriff keine ordentliche deutsche ├ťbersetzung gibt, deutet schon darauf hin, dass das Deutsche eher Schlagersprache als Popsprache ist).

So ganz stimmt das aber nicht. Der Sound und das Idiom mit dem der Schlager der 1960er-Jahre vorgetragen werden, mag das f├╝r uns heute verschleiern, aber im Sixities-Schlager finden sich immer wieder Spuren von Gegenwart, Modernit├Ąt und Fortschritt.

Zum Beispiel im Song Computer Nr. 3 von der Anfang des Jahres leider verstorbenen S├Ąngerin France Gall:

Der Song erschien 1968, und damals war Computer-assistiertes Dating ein gro├čes Thema in Deutschland. Die Zeitschrift Twen (verkaufte Auflage laut Spiegel-Bericht: 180.000 Exemplare) rief damals auf ihren September-Titel zum bereits dritten Twen Rendez-Vous auf: „Machen Sie mit: Neue Liebe per Computer.“

Leserinnen und Leser sollten einen Fragebogen zu ihren Vorlieben und Gewohnheiten ausf├╝llen und diesen an die Redaktion einschicken. Gegen eine kleine Geb├╝hr wurde der Bogen dann digitalisiert, in eine Datenbank eingespeist und mit den Frageb├Âgen von Teilnehmern des jeweils anderen Geschlechts abgeglichen um ein m├Âglichst perfektes Match zu finden („des anderen Geschlechts“, denn: Homosexualit├Ąt war gerade straffrei geworden und durchaus ein Thema in Twen, nicht aber im Rendez-Vouz).

Die Idee findet sich nirgendwo so pointiert formuliert wie in dem Song von France Gall: „Einer von vielen Millionen, der wartet auf mich irgendwo“. Im Kern geht es also um eine romantische Idee: Irgendwo da drau├čen ist der Mensch, der perfekt zu dir passt. Kugelmensch-m├Ą├čig. Und dank modernster Technik wird der jetzt sogar auffindbar! So zumindest das Versprechen.

France Gall sang also keinen Bl├Âdsinn und auch nicht von einer Fantasie ÔÇô sondern vom state of the art von Medien, Technik und Fortschritt ihrer Zeit. Das ist das Gegenteil von Eskapismus. Und das gibt es auch heute, 50 Jahre sp├Ąter, noch im Schlager. Nur, dass es 2018 leider unfassbar kacke klingt: