In Ottensen riecht es muffig

In Ottensen riecht es muffig. So, als hätten die Menschen des Viertels sich verabredet, alle zeitgleich ihre Keller- und Dachbodentüren aufzureißen. Und all das an die frische Luft zu lassen, was bisher im Dunklen, Feuchten, Abgeschiedenen vor sich hinmoderte und Staub sammelte.

Halt, wozu der Konjunktiv? Exakt das ist passiert! Es ist der Altonale-Flohmarkt am Platz der Republik. Massen an Menschen drängen sich durch noch größere Massen an Babykleidern, Büchern und dekorativen Kerzenständern aus Messing. Eine gewisse Nostalgie erfasst mich beim Anblick der professionellen Händlern mit Quadratmetern voller Compact Discs und Digital Versatile Discs.

Datenträger, die Ende des 20. Jahrhunderts Fortschritt versprachen, ehe man Anfang des 21. beschloss, dass Fortschritt noch besser ganz ohne Datenträger geht. Warten wir noch 20 Jahre, dann werden die Leute hier Spotify- und Netflix-Gutscheine verhökern.

Muffig wird es dann immer noch riechen. Die Babykleider, Bücher und dekorativen Kerzenständer werden so schnell nicht aussterben.

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Re: Consent

An Eva Illouz und ihre Kritik des consent musste ich denken, als ich Tortour las, eine beklemmende Reportage von Johannes Musial aus dem aktuellen Reportagen-Magazin, die von einem Mann erzählt, der andere auf deren Wunsch hin foltert. Etwas ausführlicher habe ich dazu hier geschrieben.

What we talk about when we talk shit

Wie übersetzt man Donald Trumps »shithole countries« treffend ins Deutsche?

Präsident Donald Trump ist eine Herausforderung für die Berichterstatter. Sobald er den Mund aufmacht, beginnen die Probleme. Nicht nur, weil er habituell lügt (hier eine Übersicht). Sondern auch, weil er Begriffe im Mund führt, die sich respektable Medien in den USA bis vor Kurzem nicht zu drucken trauten. Jetzt müssen sie.

Und nicht-englischsprachige Medien müssen Übersetzungen finden, die dem präsidialen Wortschaft gerecht werden. Zum Beispiel für »shithole countries«. Alle deutschen Medien, die Google auf Anhieb findet, übersetzen »shithole« mit »Dreckloch«.

»Dreckloch, das« ist laut Duden ein »schmutziges Zimmer; schmutzige, ungepflegte Wohnung«. Womöglich hat der Präsident das genau so gemeint, als er Medienberichten zufolge von Haiti und afrikanischen Staaten sprach.

Nun ist die Bedeutung des Wortes »shit« aber recht ambivalent und reicht von »solid waste released from the bowels« bis »anything« (Cambridge Dictionary).

Ist »Dreckloch«, das für mich nach einer Entschärfung, fast einer Verniedlichung klingt, nach einer Übersetzung, die eine inhaltliche Annäherung darstellt, aber das Temperament des Sprechers nicht adäquat mitüberträgt, also die treffendste Übertragung ins Deutsche?

Man könnte für »shithole countries« ja auch schreiben: »Plumpskloländer«, was aber ebenfalls nicht vulgär genug und zugleich wohl noch irreführender ist, weil dann unklar bleibt, ob sich der Begriff auf Länder bezieht, in denen Plumpsklos noch breite Verwendung finden, oder ob nicht im Sinne des Sprechers vielmehr die Länder selbst die Plumpsklos sind (scheint mir korrekter).

Also, wie Bekannte auf Facebook vorschlugen: Kackländer? Scheißländer? It’s complicated. Die Stilblüte des Tages ist jedenfalls diese Zeile von CNN: »Trump’s ’shithole‘ comment is his new rock bottom«.

PS: Mr. Carver, verzeihen Sie mir!

Keep your home dumb

The smart home is a data-harvesting method. If you think about the home appliances of the ’50s and the ’60s, a critic like Reyner Banham could argue that they were socially liberating, because the housewife with a washing machine was no longer obliged to boil clothes in a vat, or whatever it might be. The result was free time. Yet the micro-efficiencies provided by today’s appliances don’t have the same social impact at all. The significant gain is for companies.

– Justin McGuirk, chief curator at the Design Museum, in apartamento (issue #20, autumn/winter 2017/2018).

Computer vs. Menschen: Poker

Die nächste Entwicklungsstufe der Künstlichen Intelligenz

Wie intelligent sind Computer heute schon? Wie intelligent können sie noch werden? Wird das womöglich ein Problem für uns? Um diese Fragen geht es in Superintelligenz, einem Buch des Oxforder Philosophen Nick Bostrom.

Aus meiner Rezension des Buches für Spiegel Online:

Ende der Siebzigerjahre schlägt zum ersten Mal ein Computer einen Menschen in einem Intelligenzwettbewerb. Die Software »BKG« siegt gegen den amtierenden Weltmeister in Backgammon. Vielleicht hatte der Computer bloß Glück, räumt sein Erfinder ein. Anderthalb Jahrzehnte später gibt es mit »TD-Gammon« jedoch bereits ein Programm, das aus Spielen gegen sich selbst dazulernt und heute »die besten menschlichen Spieler weit hinter sich gelassen« hat, wie Nick Bostrom schreibt. Im Poker schwächeln die Künstlichen Intelligenzen (KI) zwar noch, und im Erfinden von Witzen sind sie lausig. Doch auch in Dame, Schach, Scrabble und der Quizshow »Jeopardy« haben sie inzwischen ein »übermenschliches« Niveau erreicht, so Bostrom.

Doch, ha!, das war der Stand von 2014. Heute ist auch Poker nicht mehr sicher. Denn Wissenschaftlern ist es inzwischen gelungen, ein KI-Programm zu schreiben, das (menschliche) Poker-Profis geschlagen hat.

Die Zeitschrift Bloomberg Businesweek meldet in der Ausgabe von vergangener Woche (ich finde den Artikel leider nicht online), dass das kommerzielle Online-Poker bis auf Weiteres jedoch sicher sei. Die allgemein verfügbare Hardware reiche nicht aus, um entsprechende KIs zu betreiben.

In dem Artikel wird ein Poker-Spieler mit den Worten zitiert, er sei sich sicher, dass er online schon gegen Bots gespielt habe, die aber immer leicht zu schlagen gewesen seien. Wie beruhigend.

Überhaupt scheint im Moment weniger die Intelligenz von Computern zum Problem zu werden als die Intelligenz von Menschen.

Frankfurter Schule

In Frankfurt/Main, vor dem Hauptbahnhof
Gast: »Zum Theodor-W-Adorno-Platz 1, bitte!«
Taxifahrer: »Theo … was?«
Gast: »Adorno-Platz?«
Taxifahrer: »Nie gehört. Gibt’s da noch was?«
Gast: »Hm … die Max-Horkheimer-Straße?«
Taxifahrer: »Horkheimer! Horkheimer kenne ich.«

Gut aussehen im Netz

Ein Paradigma für die Gestaltung von Waren, Kunst, Protesten, Promis

Es reicht heute nicht mehr, dass Dinge gut aussehen. Sie müssen auch im Internet gut aussehen:

[I]n Zeiten von Smartphones und Social Media wirbt ein Produkt nicht mehr nur im Laden für sich […]. Wirklich erfolgreich ist ein Produkt erst, wenn es möglichst oft auf Plattformen wie Instagram, Pinterest oder Facebook auftaucht.

Das schreibt der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich (in: »Knips mich!«, Brand Eins, Nr. 12/2016, Seite 122).

Im Produkt- und Verpackungsdesign komme es demnach darauf an, nicht nur schöne, sondern auch möglichst fotogene Waren zu gestalten. Das Produkt müsse sich in die professionelle Ästhetik der bezahlten »Influencer« einfügen lassen, aber auch dann noch gut aussehen, wenn es von Laien fotografiert wird. Und: Ein erfolgreiches Produkt müsse seine Nutzer anregen, es fotografieren zu wollen.

Die Aufmerksamkeits- und Erfolgskriterien, die Wolfgang Ullrich für die Warenwelt beschreibt, haben sich auch einige junge Künstler angeeignet.

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