Leute mit Handys (3)

„Könnte ich hier kurz mein Handy aufladen?“ ist das neue „Könnte ich hier kurz aufs Klo?“

Bald werden Cafés und Kneipen Zettel in ihre Eingangstüren hängen: „Strom nur für Kunden“, oder „Steckdosennutzung 50 Cent“.

Apps und Websites werden dann Listen „ladefreundlicher Einrichtungen“ veröffentlichen, mit Hilfe derer sich Bedürftige im öffentlichen Raum zurecht finden. Eine geniale Start-up-Idee, fast grenzenlos skalierbar.

Doch was hilft mir das jetzt, wo mein Akku schon tot ist?

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Leute mit Handys (2)

Der Stream fließt nicht — er stockt. Wisch, Stop. Kuck, Nö. Wisch, Stop. Kuck, Nö. Wisch, Stop. Kuck, Ah!, Herz. Wisch, Stop. Kuck, Nö. Und so weiter.

Freunde performen für Fotos ein erfülltes Leben, andere Freunde bewerten das, Herz oder kein Herz. 

(Als Maßstab werden immer wieder Fotos eingefeeded, auf denen professionelle Models und Schauspieler dasselbe tun.)

Doch so wie die Herzchen-Richter da sitzen, zusammengekrümmt über ihren Bildschirmtelefonen, mit einer Mischung aus Blasiertheit und Langeweile abarbeitend, was der Feed ihnen anspült — Wisch, Stop. Kuck, Nö, Wisch — fragt man sich, was daran Spaß machen soll.

Lifestyle-Juror auf Instagram: Einer der shittiesten Bullshitjob des frühen 21. Jahrhunderts (man wird ja noch nicht mal dafür bezahlt).

Leute mit Handys

Noch vor wenigen Jahren hielten sich die Menschen ihre Mobiltelefone ausnahmslos ans Ohr, sie wollten hören. Heute halten sich viele die Handys vor den Mund, sie wollen gehört werden. Symptomatisch? Für was?

Es begründet auch niemand mehr seinen Handybesitz damit, er wolle erreichbar sein. Eher ist inzwischen Konsens, dass die ständige Erreichbarkeit einen Nachteil darstellt, den man aber gerne in Kauf nimmt. Für was?

In Ottensen riecht es muffig

In Ottensen riecht es muffig. So, als hätten die Menschen des Viertels sich verabredet, alle zeitgleich ihre Keller- und Dachbodentüren aufzureißen. Und all das an die frische Luft zu lassen, was bisher im Dunklen, Feuchten, Abgeschiedenen vor sich hinmoderte und Staub sammelte.

Halt, wozu der Konjunktiv? Exakt das ist passiert! Es ist der Altonale-Flohmarkt am Platz der Republik. Massen an Menschen drängen sich durch noch größere Massen an Babykleidern, Büchern und dekorativen Kerzenständern aus Messing. Eine gewisse Nostalgie erfasst mich beim Anblick der professionellen Händlern mit Quadratmetern voller Compact Discs und Digital Versatile Discs.

Datenträger, die Ende des 20. Jahrhunderts Fortschritt versprachen, ehe man Anfang des 21. beschloss, dass Fortschritt noch besser ganz ohne Datenträger geht. Warten wir noch 20 Jahre, dann werden die Leute hier Spotify- und Netflix-Gutscheine verhökern.

Muffig wird es dann immer noch riechen. Die Babykleider, Bücher und dekorativen Kerzenständer werden so schnell nicht aussterben.

Re: Consent

An Eva Illouz und ihre Kritik des consent musste ich denken, als ich Tortour las, eine beklemmende Reportage von Johannes Musial aus dem aktuellen Reportagen-Magazin, die von einem Mann erzählt, der andere auf deren Wunsch hin foltert. Etwas ausführlicher habe ich dazu hier geschrieben.

What we talk about when we talk shit

Wie übersetzt man Donald Trumps »shithole countries« treffend ins Deutsche?

Präsident Donald Trump ist eine Herausforderung für die Berichterstatter. Sobald er den Mund aufmacht, beginnen die Probleme. Nicht nur, weil er habituell lügt (hier eine Übersicht). Sondern auch, weil er Begriffe im Mund führt, die sich respektable Medien in den USA bis vor Kurzem nicht zu drucken trauten. Jetzt müssen sie.

Und nicht-englischsprachige Medien müssen Übersetzungen finden, die dem präsidialen Wortschaft gerecht werden. Zum Beispiel für »shithole countries«. Alle deutschen Medien, die Google auf Anhieb findet, übersetzen »shithole« mit »Dreckloch«.

»Dreckloch, das« ist laut Duden ein »schmutziges Zimmer; schmutzige, ungepflegte Wohnung«. Womöglich hat der Präsident das genau so gemeint, als er Medienberichten zufolge von Haiti und afrikanischen Staaten sprach.

Nun ist die Bedeutung des Wortes »shit« aber recht ambivalent und reicht von »solid waste released from the bowels« bis »anything« (Cambridge Dictionary).

Ist »Dreckloch«, das für mich nach einer Entschärfung, fast einer Verniedlichung klingt, nach einer Übersetzung, die eine inhaltliche Annäherung darstellt, aber das Temperament des Sprechers nicht adäquat mitüberträgt, also die treffendste Übertragung ins Deutsche?

Man könnte für »shithole countries« ja auch schreiben: »Plumpskloländer«, was aber ebenfalls nicht vulgär genug und zugleich wohl noch irreführender ist, weil dann unklar bleibt, ob sich der Begriff auf Länder bezieht, in denen Plumpsklos noch breite Verwendung finden, oder ob nicht im Sinne des Sprechers vielmehr die Länder selbst die Plumpsklos sind (scheint mir korrekter).

Also, wie Bekannte auf Facebook vorschlugen: Kackländer? Scheißländer? It’s complicated. Die Stilblüte des Tages ist jedenfalls diese Zeile von CNN: »Trump’s ’shithole‘ comment is his new rock bottom«.

PS: Mr. Carver, verzeihen Sie mir!

Keep your home dumb

The smart home is a data-harvesting method. If you think about the home appliances of the ’50s and the ’60s, a critic like Reyner Banham could argue that they were socially liberating, because the housewife with a washing machine was no longer obliged to boil clothes in a vat, or whatever it might be. The result was free time. Yet the micro-efficiencies provided by today’s appliances don’t have the same social impact at all. The significant gain is for companies.

– Justin McGuirk, chief curator at the Design Museum, in apartamento (issue #20, autumn/winter 2017/2018).