Green No Deal

Unternehmen werben für weniger Konsum – rentiert sich das?

Ah, Werbung und Marketing in Zeiten des Klimawandels. Gibt es etwas Spannenderes?

Die Biomarktkette Bio-Company wirbt – siehe das PR-Foto oben – seit einiger Zeit mit dem Slogan »Kauf weniger« und macht damit auf sich aufmerksam: »Kauf weniger, aber bitte bei uns!«. Ich bin gespannt, ob das aufgeht. (Mehr Infos zur Werbekampagne hier.)

Ich muss dabei an mein altes Fairphone denken, das bei seiner Einführung von dem Hinweis begleitet wurde, das fairste Handy sei immer jenes, welches man bereits besitze. Das ist natürlich sachlich korrekt, wurde als freundlicher Hinweis aber aufgegeben, als es schlagartig keine Updates mehr für das ansonsten noch solide funktionierende Fairphone 1 gab und die Spam-Mails anfingen, man möge sich jetzt doch bitte endlich ein Fairphone 2 kaufen.

Und jetzt: Ein neues Magazin aus der Brigitte– Familie! Brigitte Be Green. Titelzeile der ersten Ausgabe: »Macht Verzicht glücklich? Ja!« (hier der Link zum Cover). Was natürlich eine Einladung ist, das Heft nicht zu kaufen und auszuprobieren, ob die Redaktion recht hat.

Ich kann berichten: Ich sitze zu Hause, nachdem ich das Magazin im Sinne seiner Titelgeschichte sehr bewusst nicht gekauft habe, aber richtig glücklich bin ich nicht. Denn ich hätte doch ganz gerne gewusst, was für Anzeigen in dem Heft gedruckt sind. Bio Company? Fairphone? Das allein plus keine Leser ist womöglich nachhaltig, aber kein nachhaltiges Business.

Womöglich zeigt sich also bei Bigitte und Bio-Company wie beim Fairphone: Kein Konsum ist gut fürs Klima, aber keine Grundlage für unternehmerischen Erfolg.

Foto: obs/Dorothea Tuch für BIO COMPANY, Nutzung kostenfrei, via Presseportal.de

Kaiser sein hilft auch nicht

Kaiser Wilhelm II. als tragische Wurst & Ahnherr der toxischen Männlichkeit:

In Wirklichkeit war er ein weichlicher Mann von nervöser Reizbarkeit […]. Gleichwohl war das Erscheinungsbild, das er glaubte, von sich vermitteln zu müssen, das des obersten Kriegsherrn, des Inbegriffs von Maskulinität, Härte und patriarchalischer Entschlossenheit. Und dennoch, obgleich er Regierung und Verwaltung in Deutschland in einem nie dagewesenen Ausmaß zentralisierte und sieben Kinder zeugte, schien er weder in seiner Herrscher – noch in seiner Vaterrolle die große Erfüllung gefunden zu haben.

aus: Modris Eksteins, Tanz über Gräben: Die Geburt der Moderne und der Erste Weltkrieg, Reinbek: Rowohlt 1990.

Heimliche Profiteure des Feminismus

Spoiler: Es sind die Männer

Männer sterben in Deutschland im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. Dazu schreibt heute Paula Lochte in der FAS:

Das hat weniger genetische Ursachen als gesellschaftliche. Mehr als 75 Prozent der Geschlechterunterschiede in der Lebenserwartung sind auf nichtbiologische Faktoren zurückzuführen, hat der Demograph Marc Luy errechnet. Auf dieser Erkenntnis baut eine jüngst veröffentlichte Studie des Robert-Koch-Institutes und der Universität Bielefeld auf. „Männer sterben durch ihr Verhalten früher: Rauchen, Alkoholkonsum, schlechtes Essen und riskante Manöver im Straßenverkehr“, zählt Petra Kolip auf, die als Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Studie beteiligt war.

Demnach leben Männer — das habe eine zweite Studie gezeigt — dort länger (und ähnlich lange wie Frauen), wo größere Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht.

Hier geht’s zum Text.
 

Schlaf gut, sagt der Kapitalismus

Unternehmen entdecken einen neuen Wachstumsmarkt: den erholsamen Schlaf

Schlaf ist Freiheit. Während wir in jeder wachen Minute mit Werbung (mit Notifications, mit Fotos, mit Tweets) bombardiert und dazu angehalten werden, zu konsumieren (uns zu empören, unsere Meinung zu sagen, oder auf andere Weise den Zirkus am Laufen zu halten), während es für jedes andere menschliche Bedürfnis  (Essen, Trinken, Sex und Freundschaft) eine Milliardenindustrie gibt, die dieses ausbeutet, ist der Schlaf die letzte Enklave menschlicher Existenz, die vom Kapitalismus nicht kolonisiert wurde.

So oder so ähnlich schrieb Jonathan Crary von einigen Jahren in seinem Essay 24/7 , in dem das Schlafen als eine linke, widerständige Praxis erschien (mehr dazu hier in diesem Blog).

Aber, ach! Alles vorbei:

Finally, and perhaps inevitably, after centuries of simply concentrating on our waking hours, capitalism is coming for our sleep.

Das schreibt Stuart McGurk in der aktuellen Ausgabe der britischen GQ, für die er bei Wirtschaftsprüfern, Premier-League-Fußballvereinen und anderswo einige Player des — wie er schreibt — £100-Milliarden-Marktes für besseren Schlaf getroffen hat.

McGurk verschweigt nicht, dass es immer noch etliche Konzerne gibt, die sie der Bekämpfung des Schlafes verschrieben haben (oder die den Schlaf ihrer Kunden als notwendigen Kollateralschaden ihres wirtschaftlichen Wachstums sehen).

Wunderbar pointiert dazu: Reed Hastings, CEO von Netflix und damit einer der Oberdisruptoren des Silicon Valley, der sagte, sein ärgster Konkurrent sei nicht HBO oder Amazon Prime oder oder oder, sondern: der Schlaf. Wer schläft, kann nicht Netflix schauen. Deshalb müssen die Leute weniger schlafen. Das schärfste Schwert in dieser Schlacht heißt Autoplay. (Link zum Hastings-Statement.)

Aber im Zuge des wachsenden Interesses an Mental-Health-Themen, als dessen Ursprung McGurk den Auftakt der Krisenkaskaden 2008ff ausmacht, gäbe es inzwischen auch den wirtschaftlichen »Megatrend Schlaf« — und große Konzerne wie Apple, die sich gegen Netflix, YouTube/Google, Amazon positionieren, nämlich: pro Schlaf.

Let’s see who wins. Hier geht es zu McGurks Reportage (kostenlos lesbar).

Entdeckt habe ich den Artikel im Next-Draft-Newsletter von Dave Pell (den man hier abonnieren kann).

[Nachtrag, 6. August 2019]: Heute habe ich in Hamburg-Ottensen das Plakatmotiv von Ikea endeckt, das »für eine bessere Work-Life-Sleep-Balance« wirbt. Passt zum Thema wie der Kopf aufs Kissen. Und dann hat noch irgendwer ein verzweifeltes kleines Retro-Graffito draufgekritzelt! Toll. Deshalb ist es jetzt das Aufmacherbild dieses Postings.

»Vampires of the Silicon Valley«

US-Arzneimittelbehörde warnt: Blut trinken macht gar nicht unsterblich

Es ist 2019 und die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist porös: Computer werden intelligent wie HAL 9000, in den Straßen deutscher Städte gehen Cyborgs spazieren und unweit des Silicon Valleys wurden sogar Vampire gesichtet.

Es ist eine zunehmende – und weitgehend unregulierte – Einwanderung fantastischer Figuren in die außerliterarische Wirklichkeit festzustellen. Und niemand tut was dagegen! OK, fast niemand. Denn im Fall der Vampire schaltete sich jetzt die Food and Drug Administration (FDA) ein, die amerikanische Behörde für Lebens- und Arzneimittelsicherheit.

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Macht die Uni unglücklich?

Kurze Antwort: unklar. Es gibt Leute (z.B. neurotische Intellektuelle, Landlust-Infizierte), die behaupten, ungebildete Menschen seien glücklicher. Da könnte was dran sein, schreibt der Guardian unter Berufung auf die Forschung von Paul Dolan, Psychologie-Professor an der London School of Economics:

In fact, his data suggests, pursuing education beyond the age of 18 is unlikely to make much positive difference to the pleasure or sense of purpose you experience in life: on average, after secondary school, „happiness decreases as education increases“.

Wobei damit längst nicht gesagt ist, dass ein Studium unglücklich macht:

[I]t could be that gloomier people are more prone to doing university degrees, rather than that degrees make people gloomy.

Unzufrieden zu sein mit sich selbst, den Status Quo von Welt und Gesellschaft so nicht hinzunehmen, sondern ihn zu hinterfragen und ändern zu wollen — das ist immerhin eine starke Motivation für ein Studium, für Forschung, für Fortschritt.

Den vollständigen Artikel gibt es hier.