Gegen Billo-Gendertheorie

Mars, Venus, Annie Erneaux

Die Schriftstellerin Annie Erneaux sagt im heute veröffentlichten Interview im SZ Magazin (online abo-pflichtig), Frauen handelten untereinander nicht oder zumindest nicht selbstverständlich solidarisch. Solidarität unter Männern hingegen sei quasi ein Naturgesetz.

Huch? Ich verstehe schon, dass es von außen so wirken mag (vermutlich gerade in den Höhenlagen des Literaturbetriebs), aber für eine Schriftstellerin, die bisweilen als verkappte Meistersoziologin gefeiert wird, finde ich das erstaunlich ahnungslos.

Ich weiß nicht, ob man viel von Männlichkeit (und auch von dem, was sie bisweilen toxisch macht, siehe Incel-Morde, etc.) verstehen kann, wenn man nicht anerkennt, wie prekär sie zumindest in ihrer klassischen Ausprägung ist, dass sie zugesprochen und aberkannt werden kann und sich also beweisen muss — vor Frauen, aber nicht weniger vor anderen Männern, die erstmal gerade keine natürlichen Verbündeten sind.

Das soll überhaupt kein »Mimimi, Männern geht’s auch schlecht!« sein, aber manchmal packt mich die Angst, dass wir heute wieder in so einen Männer-sind-vom-Mars-und-Frauen-können-nicht-einparken-Bullshit zurückschliddern.

(Was nichts über die Qualität der Bücher der Erneaux aussagt, die nach allem, was ich höre, toll sind.)

Über Ben Lerner und die Autofiktion

Wovon wir reden, wenn wir über »ich« reden

»Ich« schreiben, mehr als »ich« meinen:

Some have complained that [Ben] Lerner only writes about one thing — himself — but this is imprecise: In these novels, introspection is a means, not an end. He treats the self like an archive of social data from which it is possible to construct a larger story about our times.

Im selben Text im NYT Magazine über den Schriftsteller Ben Lerner gibt es auch interessante Anmerkungen zur Frage, worüber ein privilegierter weißer Mann schreiben soll/kann/darf: a) Die ganze Welt b) ausschließlich sich selbst c) irgendetwas dazwischen?

Hier gibt’s den Text kostenlos online.

Der Pate der HipHop-Fashion

Er heißt Dapper Dan, hat seine Memoiren geschrieben – und die sind toll

Ich glaube, das letzte Mal, dass ich ein Buch in der Hand hielt, an dem etwas golden schimmerte, war im Konfirmanden-Unterricht. Made in Harlem, die Memoiren des Modedesigners Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan, sind trotz der flashy Goldlettern auf dem Umschlag aber ca. das Gegenteil des Evangelischen Gesangbuchs.

Der heute 75jährige Daniel Day wuchs in den 1950ern ohne Geld und große Zukunftsaussichten in Harlem auf. Seine ersten echten Dollars, so schildert er es, verdiente er damit, Zuhälter und andere dubiose Gestalten im Glücksspiel abzuziehen (ein Hang zur Wahrscheinlichkeitsrechnung hilft! Gezinkte Würfel auch).

Wenn Dealer ihre Ware setzten, verkaufte er sie weiter. Später versuchte er sich in großem Stil mit Scheckbetrug, landete einige Zeit im Knast, kam raus, probierte was Neues: Kreditkartenbetrug.

WeiterlesenDer Pate der HipHop-Fashion

Zeichen der Zeit:


Erstens:

In Bayern ist im vergangenen Jahr die höchste Geburtenzahl seit 1998 registriert worden.

– dpa-Meldung im Juli 2018, Quelle: Statistisches Landesamt in Fürth, via


Zweitens:

Die Deutschen kaufen weit weniger Bücher als vor zehn Jahren.

– dpa-Meldung im Dezember 2018, Quelle: Statistisches Bundesamt, via


Drittens:

Diese Buchhandlung am Hauptgebäude der Uni München ist jetzt eine Kindertagesstätte.

Kritik der Sozialen Medien, ca. 1912:

Dieser Tollheit kann ich in Worten schwer beikommen. Es gibt in [Deutschland] kein Haus, wo nicht täglich ein Bote hinkommt, der Briefe bringt. Was schreiben aber die [Deutschen]? Was jeder von selbst weiß: »Ich bin hier und trinke«. »Ich komme morgen«, »der Wagen fährt«, »das Essen schmeckt«. Oder sie schicken Bilder, wie sie ein Trinkgefäß vor sich halten und ein dummes Gesicht machen. […] Ich will so sagen: Alles was sie tun und alles, was bewegt wird, schreiben sie nochmal.

— aus Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins Innerste Deutschlands, erstmals in Auszügen veröffentlicht 1912/1913 (hier im Volltext online).