Auf der Suche nach Heino Jaeger

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Ich war neulich mit Rocko Schamoni in Harburg verabredet und das erste, das wir dort sahen, war ein LKW mit dem Aufdruck Jaeger. Ist das ein Zeichen, oder was?

Weil: Wir waren ja da, um uns auf die Spuren des verstorbenen, fast vergessenen Künstlers und Komikers Heino Jaeger zu begeben, den Rocko Schamoni sehr schätzt. Für was schätzt er Heino Jaeger? Für seinen »pointenlosen Humor«, seinen »feinen Strich«, seine »zerfrästen, alltagszerstörten Figuren«. Und nicht zuletzt für die »seltsame, organische Klumpizität« seines bildnerischen Werks.

Sie merken, da spricht ein Fachmann! Aber ohne Flachs: Wieso Schamoni einen Roman über Heino Jaeger geschrieben hat (Der Jaeger und sein Meister, neu bei Hanser Blau), als nächstes eine große Ausstellung mit auf den Weg bringt (ab 26. Februar 2022 im Kunsthaus Stade) und was das alles mit den früheren Büchern Dorfpunks und Große Freiheit zu tun hat, das steht jetzt in den Hamburg-Seiten der ZEIT.

Übrigens: Der LKW war wirklich ein Zeichen. Denn wir besuchten das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg und wurden dort mit einer Riesenladung an Jaeger-Werken beglückt, die Jens Brauer und Michael Merkel für uns aus dem Lager holten. Danke!

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(Foto mit meinen Füßen, weil ich höre, das mache man jetzt so — und weil ich nicht weiß, wie ich sonst das riesige Doppelseitenformat der ZEIT in ein Hochkantfoto kriegen soll.)

»Mittagsstunde« und Musik

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Nein, Dörte Hansen schreibt keine Popliteratur. Aber in keinem Roman, den ich in den letzten Jahren las, war Musik so wichtig wie in Mittagsstunde.

Jetzt bringt die Regisseurin Anna-Sophie Mahler das Buch auf die Bühne: Im Thalia Theater, mit Live-Band, Tänzern und viel Gesang (mehr Infos zur Inszenierung hier).

Grund genug, um Dörte Hansen in Husum zu besuchen, mit ihr ein bisschen Musik zu hören und darüber zu reden.

Warum Schlager gar nicht die Musik der heilen Welt ist (sondern eher der kaputten), was an Neil Young so toll ist und was Iowa mit Nordfriesland zu tun hat: Jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT sowie hier auf ZEIT ONLINE (#aboaboabo).

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Wie wird es uns ergehen im Deutschland der Zukunft?

Heute war die Buchpremiere des ersten Romans von Constantin Schreiber, oben links im Bild. Falls Ihnen das Gesicht bekannt vorkommt: Völlig richtig. Der Mann moderiert die 20-Uhr-Nachrichten der tagesschau.

Er ist preisgekrönter Journalist, hat Sachbuch-Bestseller geschrieben – und nun eben einen Roman. Das Buch heißt Die Kandidatin und erzählt von der ersten muslimischen Kanzlerkandidatin in einem heftig polarisierten Deutschland irgendwann Mitte des 21. Jahrhunderts.

Zu den ersten Leserinnen zählt die Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht (Die Linke), die dem Roman – der in echt vielleicht ein bisschen mehr von der Gegenwart handelt, als von der Zukunft – in vielen Punkten zustimmt. Wagenknecht hat neulich ebenfalls ein Buch geschrieben, Die Selbstgerechten, das sich ein bisschen wie das Non-Fiction-Pendant zu Schreibers Zukunftsroman liest.

Ich habe auf Einladung des Hoffmann und Campe-Verlags die Diskussion der beiden moderiert.

Trigger-Warnung: Wir reden über Quoten. Und Feminismus. Und einmal wird #allesdichtmachen erwähnt.

(OK, das mit der Trigger-Warnung war ein Witz.)

Ist es anders, fĂĽr Kinder zu schreiben als fĂĽr Erwachsene?

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Der Schriftsteller Saša Stanišić hat nach drei umjubelten Romanen (zuletzt Herkunft, Deutscher Buchpreis 2019) sein erstes Vorlesebuch für Kinder veröffentlicht: Hey, hey, hey, Taxi!

Das ist ungewöhnlich. Denn während sich immer wieder Amateur-Autoren an Kinderbüchern versuchen, fehlt den meisten etablierten Schriftstellern dafür offenbar der Mut. Es gibt Kinderbücher von Jörg Pilawa und Bastian Schweinsteiger, aber kaum von Trägerinnen und Trägern des Deutschen Buchpreises.

Wieso ist das so?, habe ich Stanišić gefragt. Wusste er auch nicht. Im Interview, das heute in der ZEIT erscheint, erzählt er aber, dass das Schreiben von Kinderbüchern nicht leichter sei als das von Romanen für Erwachsene. Eher im Gegenteil.

Und er gesteht, dass er einen guten Co-Autoren oder literarischen Berater an seiner Seite hatte. Ein oder zwei der besten Ideen aus dem neuen Buch stammen nämlich von seinem kleinen Sohn Nikolai:

Weiterlesen „Ist es anders, fĂĽr Kinder zu schreiben als fĂĽr Erwachsene?“

Tocotronic vs. Christian Kracht

Ich erwarte die groĂźe akademische Studie zu den Parallelen in Leben und Werk von Tocotronic und Christian Kracht (meinetwegen auch noch: im Kontext der deutschen Kulturgeschichte nach 1989).

Weil: Beide wurden 1995 bekannt, Tocotronic mit Digital ist besser, Kracht mit Faserland. Beide wirkten neu und schroff und ungestüm, mit einer Sprache dicht am Mündlichen. Beide schienen Identifikationsangebote zu machen, jedenfalls wurde das dankbar so angenommen. Beide hatten Style! (OK, einen sehr unterschiedlichen. Diese Parallele ist vielleicht die schwächste.)

Ein paar Jahre ging das gut so, sehr gut sogar. Dann: Kehrtwende. Flucht ins Gekünstelte, Verrätselte. »Eines ist doch sicher, eins zu eins ist jetzt vorbei.« (Tocotronic, »Weißes Album«, 2002, bei Kracht vielleicht ein schleichenderer Prozess, der sich rückblickend mit 1979, 2001, andeutete und unübersehbar wurde erst mit Imperium, 2012). Statt vermeintlicher Authentizität jetzt Manierismen. Oder Thomasmannierismen (Pardon!).

Verwirrte, sogar gekränkte Fans der ersten Stunde. Große Fragen: Ist der jetzt Nazi? Sind die jetzt eine Band, die man zum Brunchen hören muss?

Doch die meisten Anhänger*innen, inzwischen zu Geld gekommen (wars das Germanistikstudium? Oder eher das Erbe?), altern mit den Künstlern, rennen weiter zu den Konzerten, kaufen die Bücher, haben Meinungen und inzwischen auch einflussreiche Positionen im Feuilleton. Momente größten Erfolges für beide, Tocotronic wie Kracht.

Jetzt allerdings auch der Moment größter Gefahr. Denn die JĂĽngeren kapieren’s nicht mehr und die Ă„lteren kapierten’s noch nie. Ist das nicht völlig öder Kram, von Mittelschichtjungs fĂĽr Mittelschichtjungs, fĂĽr so dudes halt ohne Ahnung von der real world und von den realen struggles — und ist diese ewige Ironie wirklich eine Haltung, die man heute noch zur Welt einnehmen will oder kann?

Weiterlesen „Tocotronic vs. Christian Kracht“

Buchtipp: »Uncanny Valley« von Anna Wiener

Uncanny Valley ist das mutmaßlich erste Buch über Start-ups im Silicon Valley, bei dem sich einem beim Lesen die Zehennägel hochklappen, aber es liegt nicht an dem Autoren oder der Autorin.

Anna Wiener erzählt hier die wahre Geschichte, wie sie ihre Ambitionen begrub, nach ihrem Studium im alten kulturellen Machtzentrum New York Fuß zu fassen (Verlage, Intellektuelle, Martinis, Sie wissen schon), und sich stattdessen dem neuen Machtzentrum San Francisco zuwandte (Venture Capital Funds, Tech Bros und, äh, Algen-Smoothies?).

Dies ist die Reportage einer Außenseiterin, die in das Innere eines Goldrausches gerät. Keine Anklageschrift, sondern eine Ethnografie der Gegenwart, geschrieben mit staunender, milde ironischer Distanz — und dadurch umso erhellender.

Wer in hundert Jahren eine Ahnung davon bekommen will, wie ein scheinbar harmloses Spiel den Überwachungskapitalismus gebar, einen ungelenken Jungen in Adiletten zum circa mächtigsten Mann der Welt machte und Internettrolle bis ins Weiße Haus beförderte, der wird zu diesem Buch greifen.

Selbstverständlich muss man nicht erst hundert Jahre dafür warten.

(Buchtipp für die »Freunde der ZEIT« und ihren neuen Newsletter »Was wir lesen«. Den Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren. Eine Leseprobe aus Uncanny Valley gibt es hier. Mehr zum Buch auf der Website des US-Verlags. Eine deutsche Übersetzung ist neulich erschienen.)

»The Two Cultures«: C. P. Snows Wissenschaftskritik

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Anlasslos und unverhofft ist dieses BĂĽchlein in mein Leben geknallt und hat mich seitdem nicht mehr richtig losgelassen: The Two Cultures and the Scientific Revolution.

C. P. Snow, ein britischer Physiker und Schriftsteller, hielt 1959 einen Vortrag an der University of Cambridge. Kurz zuvor hatte die Sowjetunion den ersten Satelliten ins All geschossen. Und den ersten Hund (überlebte nicht lang). Später dann den ersten Menschen (überlebte). Der Westen? In Sachen Weltraum eher abgeschlagen.

C. P. Snow erwähnt das alles nicht, aber man muss es mitdenken, wenn man nun seine These von den »zwei Stämmen« liest, die er damals im Vortrag formulierte. Oder müsste es »zwei Völker« heißen? Jedenfalls: Snow beschreibt, dass Typen wie er eigentlich nicht existieren. Weil es zwei akademische Lager in der westlichen Welt gebe. Das literarische (»der Intellektuelle«) und das naturwissenschaftliche (»der Physiker«). Diese beiden Lager seien wie distinkte »Völker« — mit verschiedenen Sprachen, Weltanschauungen, Temperamenten.

Der Intellektuelle ist typischerweise Vertreter des abfaulenden Bürgertums, neigt zu einem phlegmatischen Pessimismus und reaktionären Überzeugungen. Der Physiker ist eher Bildungsaufsteiger, glaubt an Fortschritt und die Veränderbarkeit der Welt (auch im sozialistischen Sinne). Und beide haben sich exakt NICHTS zu sagen.

Intellektuelle kennen nicht mal den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Physiker haben höchstens Dickens gelesen. Und der Graben wächst. Weil das westliche Bildungssystem sich weiter spezialisiert, die »Völker« weiter spaltet, was allen schadet.

Mindboggling. Nicht zuletzt, weil ein heute oft gehörter Vorwurf an die Geisteswissenschaften ist, diese hingen einem illusorischen Glauben an die Veränderbarkeit der Welt an (oder zumindest der Identitäten / Geschlechter / etc.).

Die »Völker« haben sich also verändert. Und alle reden heute von Interdisziplinarität. Aber veraltet ist die These nicht. Denn wurde der Graben kleiner? Eher nee.

Eine starke Metapher, präzise Beobachtungen, klare Sprache, große These. Falls jemand fragt: »Wie soll man gegenwartsdiagnostische Texte schreiben?« (und jajaja, ich weiß schon, dass andere Fragen gerade drängender sind), wäre eine Antwort: Vielleicht genau so.

Wie Verlage auf Corona reagieren

Nächste Woche findet ja die Frankfurter Buchmesse nicht statt. Okay, es gibt laut Veranstalter eine »Special Edition« im Internet. Aber eine Messe ist das nicht.

Ich habe das zum Anlass genommen, einige Verlegerinnen und Verleger in Hamburg zu besuchen und sie dazu zu befragen, was Corona für sie bedeutet – wirtschaftlich, aber mehr noch programmatisch, intellektuell und literarisch.

Muss man jetzt BĂĽcher ĂĽber Seuchen und Killer-Viren machen? Oder gerade nicht?

Antworten von Hoffmann und Campe, dem Kinder- und Jugendbuchverlag Carlsen, der linken Edition Nautilus und dem kleinen, jungen, preisgekrönten Verlag CulturBooks gibt es in meinem Artikel auf ZEIT ONLINE (mit Abo lesbar).

Un/ziemlich super

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Unziemliches Verhalten, die Memoiren der amerikanischen Intellektuellen Rebecca Solnit, sind (pardon the pun), ein ziemlich beeindruckendes Buch. Die Autorin, die in Deutschland wohl am ehesten durch ihren Essay Men Explain Things to Me bekannt wurde (der den Neologismus mensplaining inspirierte), erzählt hier von ihrem Werdegang.

Der Untertitel der gerade erschienenen deutschen Übersetzung von Kathrin Razum, »Wie ich Feministin wurde«, ist vielleicht etwas irreführend. Mindestens genauso gut hätte da »Wie ich Schriftstellerin wurde« stehen können. Denn Feministin war Rebecca Solnit offenbar schon früh und fast zwangsläufig, nicht im Sinne einer dezidierten politischen Theorie oder Praxis, aber im Sinne eines ausgeprägten Gespürs für Gewalt, die Frauen angetan wird:

»Mit Bleistift geschriebene Wörter auf einem großen Blatt vergilbten Zeitungsdruckpapiers, dessen untere Hälfte in breiten Abständen liniert ist, wie zum Schreibenlernen üblich – es ist, da bin ich mir ziemlich sicher, mein erster Aufsatz, aus der ersten Klasse. Er lautet vollständig: ›Wenn ich mal groß bin, will ich nie heiraten.‹ Die Zeichnung auf der oberen Hälfte des Blattes zeigt einen Mann im roten Hemd, dessen schwarze Haare wie ein Heiligenschein um seinen runden Kopf liegen, und eine gelbhaarige Frau mit rüschenbesetztem lilafarbenen Rock. ›Heirate mich‹, sagt er in einer Sprechblase, und sie antwortet: ›Nein, nein.‹«

Rebecca Solnit deutet diese Zeichnung aus ihrer Kindheit heute damit, dass sie das Leben ihrer Mutter beobachtet hatte – »dass sie sich in ihrer elenden, von Gewalt geprägten Ehe machtlos und gefangen fĂĽhlte, war unĂĽbersehbar« – und beschloss, es anders zu machen als diese. Weiterlesen „Un/ziemlich super“

Ajatollah StrauĂź

Der Vorabdruck einiger Aphorismen und Wehklagen des Schriftstellers Botho Strauß im Feuilleton der ZEIT. Ich bin irritiert, wie dünn das wortgewaltig Vorgetragene inhaltlich ist. Notiert habe ich mir: Bücher gut, Internet doof, Feminismus lästig, Regierung faul, Coronaleugner leider auch doof, was hilft? George lesen.

Interessant ist aber die Stelle über die islamische Theokratie. Bei Houellebecq konnte man ja schon den Eindruck bekommen, er fände die Vorstellung der Unterwerfung Frankreichs unter eine islamische Theokratie gar nicht so schlimm, sondern erstens unvermeidlich und verdient als Folge des laschen Larifaris der westlichen Moderne und zweitens vielleicht sogar ein bisschen verlockend: minderjährige Zweitfrauen in Hello-Kitty-Höschen! (Moment, verwechsle ich hier Autor und Erzähler? Na ja, so halb.)

Botho StrauĂź schreibt jetzt:

»In islamisch theokratischen Ländern wie dem Iran sind es wenige (Gelehrte), die den meisten, den Massen, Weisung geben. Bei uns bestimmt das Populäre das Niveau der politischen Repräsentation, nicht zuletzt, weil Parteizugehörigkeit zwangsläufig Wissen reguliert und im wesentlichen kein außerdemokratisches aus der Tiefe der Zeit zuläßt.«

Parteimitgliedschaft macht dumm, das ist natĂĽrlich Stammtisch-Blabla (siehe oben), aber: Spricht aus diesen Zeilen die Sehnsucht nach einer Gelehrtenherrschaft, notfalls auch einer islamisch theokratischen?

Nicht, dass ich mich hier auf die Position »na, dann geh doch nach drüben!« zurückziehen will, aber das scheint hier die Fantasie zu sein: Ajatollah Strauß.