Gro├če Freiheit: drinnen besser als drau├čen

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Die Gro├če Freiheit ist zu. Anfang der Woche war ein trauriges Foto davon im Abendblatt abgedruckt, die Leuchtreklamen ausgeknippst, die Stra├če leer.

Wobei ÔÇö wann war ich da eigentlich das letzte Mal, in der Gro├čen Freiheit? Wahrscheinlich vor drei Jahren und damals bin ich schnell durchgehuscht, um zur Thai Oase zu kommen, wo ich auch nur hinwollte, weil Michalis Pantelouris dort aus seinem neuen Buch vorlas.

Die Gro├če Freiheit: In Wirklichkeit eine furchtbare Stra├če, voller Suff & Stumpfsinn & Junggesellenabschieden. Insofern birgt die aktuelle Stubenhockerei auch die Chance, zu begreifen, was man da drau├čen alles nicht vermisst.

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Eine Ausstellung, die aussieht wie das alte St. Pauli

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Nix gegen die instafreundliche Beauty-Schau von Sagmeister & Walsh im Museum f├╝r Kunst und Gewerbe, aber das originellste (und schummerigste) Ausstellungsdesign der Stadt ist gerade im Altonaer Museum zu sehen.

Dort zeigt die Arno-Schmidt-Stiftung noch bis zum 20. Juli 2020 La├č Leuchten! Peter R├╝hmkorf zum Neunzigsten ├╝ber den Dichter aus dem Umfeld der Neuen Linken und Gegenkultur.

Bitte warnt mich vor schlechten Romanen!

Ich verstehe die Rezensent*innen nicht. Gestern war ich bei der Ham.Lit, dem wirklich tollen Festival f├╝r Literatur in Hamburg, und h├Ârte die Lesung eines jungen Romanautoren. Wie jedem Auftritt ging auch seinem die Verlesung von Zitaten aus ├╝berschw├Ąnglichen Rezensionen voraus. In seinem Fall priesen die Kritiker*innen das poetische Sprachgef├╝hl und den virtuosen Umgang mit verschiedensten Zeitebenen. Klang gut. Dann begann der Mann zu lesen.

Sein poetisches Sprachgef├╝hl ersch├Âpfte sich leider in Manierismen (ich meine mich an Worte wie ┬╗d├╝nkte┬ź und ┬╗w├Ąhnte┬ź zu erinnern) und in falschen Bildern wie dem ┬╗Kribbeln im Knochenmark┬ź.

Und die historische Meisterschaft? Na ja, in dem Text steht ein SDSler 1979 in einer Kneipe rum. Der SDS hat sich aber 1970 aufgel├Âst. Jede, die auch nur die Wikipedia-Seite zum Verband liest, wei├č das. Und, nein, das ist nicht pedantisch: Es ist ein zentraler Bestandteil der historischen Erz├Ąhlung der BRD, dass die Student*innenbewegung ab 1968 auseinanderzubrechen begann, dann: Mao-Fanclubs, Terroranschl├Ąge, Stadtteilkulturzentren, die Gr├╝nen, etc. Man muss sich daf├╝r nicht interessieren, aber dann soll man bitte auch keine Romane dar├╝ber schreiben.

Ich m├Âchte vor solchen B├╝chern gewarnt werden. Ich finde nicht, dass man jedem Menschen, der einen Roman geschrieben hat, daf├╝r anerkennend auf die Schulter klopfen muss (so wie die Kritiken der Goslarschen Zeitung nach Auftritten des Frankenberger Kinderchors IMMER positiv waren ÔÇö komisch, denn mir hatte die Chorleiterin gesagt: ┬╗Oskar, beim Konzert bitte nur den Mund bewegen, sonst brummt es so┬ź, aber ich sang nat├╝rlich trotzdem).

That being said: Checkt bitte mal den Roman von Karosh Tana, Im Bauch der K├Ânigin, ich glaube, das k├Ânnte sich lohnen. Und f├╝r zornige, neurotisch verknotete, queer-feministische Akademiker*innen-Antifa-Lyrik: Lisa Jeschke. Und Freund*innen des Poetry Slams k├Ânnten sich mal Giulia Becker geben, die Literatur nach dem Nackte Kanone-Prinzip schreibt: Die Witze sind so doof, dass man gar nicht ├╝ber sie lachen will, aber es sind so viele! Und sie kommen von ├╝berall!! Widerstand ist also zwecklos und nach f├╝nf Minuten kugeln sich alle lachend am Boden aus Verzweifelung.

Ein sch├Âner Abend.

Das war 2019: Pop-, Literatur-, Konzertmomente

Das Jahr ist in ein paar Stunden zu Ende, f├╝r fein ausziselierte Listen der besten B├╝cher, Songs und Zeit Campus-Texte ist keine Zeit mehr, aber hier ein paar Momente, die es sich aus den vergangenen 365 Tagen festzuhalten lohnt.

POP-├ťBERRASCHUNG 2019:

Der Moment, in dem zum ersten Mal der Refrain von Der Rest meines Lebens (Kummer feat. Max Raabe) einsetzt. Es ist nicht ganz die Helene Fischer feat. Haftbefehl-Collabo, auf die ich seit Jahren warte ÔÇô aber es ist ziemlich dicht dran.

POP-ENTTÄUSCHUNG 2019:

Billie Eilish als Headlinerin auf dem MS Dockville. So ein super Song, so ein super Look, so ein super Hype. Und dann steht da diese kleine, verlorene Person auf der viel zu gro├čen B├╝hne und wei├č selbst nicht, was sie da soll.

KONZERT-├ťBERRASCHUNG 2019:

Leoniden auf dem Rathausmarkt. Der Auftritt nach der ┬╗Fridays for Future┬ź-Demo. Ich glaube, ich war da der einzige ├╝ber 20. (Gen Z > Gen Y. Sorry, aber isso.)

LITERATUR-├ťBERRASCHUNG 2019:

Das wunderbare Leseclubfestival des mairisch Verlags. Gab es je ein inhaltlich ├╝berzeugenderes und zugleich ├Âkonomisch hoffnungsloseres Konzept f├╝r ein Festival als dieses, bei dem nur Leute zur Lesung eingelassen werden, die das Buch bereits kennen (und davon auch nur ca. zwanzig)?

Ich bin besonders froh, bei Sophie Passmann gelandet zu sein, deren Alte, wei├če M├Ąnner vielleicht meine Literatur-Entt├Ąuschung 2019 geworden w├Ąre, wenn Passmann den perfiden Masterplan hinter ihrem Buch dort nicht so eloquent erkl├Ąrt h├Ątte. (Lesen braucht man das trotzdem nicht.)

LITERATUR-├ťBERRASCHUNG 2019:

Peter Handkes Wunschloses Ungl├╝ck (1972). Ich war bereit, den Mann zu verachten. Dann las ich zur Abwechslung mal nicht Texte ├╝ber seinen Serbien-Meltdown und sp├Ąte Interviews, denen er sich besser entzogen h├Ątte, sondern dieses Buch ├╝ber Leben und Tod seiner Mutter. Ich bin immer noch kein Fan, aber mein Handke-Bild hat sich dramatisch verkompliziert.

LITERATUR-├ťBERRASCHUNG 2019: (Sorry, h├Ârt gleich auf!)

Ida von Katharina Adler und Die bessere Geschichte von Anselm Neft waren die beiden Romane, die ich in diesem Jahr am h├Ąufigsten weiterempfohlen und verschenkt habe.

BESTE KONSUM-ENTSCHEIDUNG 2019:

Mehr Klassiker lesen.

BESTE LEBENS-ENTSCHEIDUNG 2018:

In Elternzeit gehen.

Alles andere f├Ąllt mir gerade nicht ein oder ist mir hier zu privat. Kommt gut in die 2020er!

Gegen Billo-Gendertheorie

Die Schriftstellerin Annie Erneaux sagt im heute ver├Âffentlichten Interview im SZ Magazin (online abo-pflichtig), Frauen handelten untereinander nicht oder zumindest nicht selbstverst├Ąndlich solidarisch. Solidarit├Ąt unter M├Ąnnern hingegen sei quasi ein Naturgesetz.

Huch? Ich verstehe schon, dass es von au├čen so wirken mag (vermutlich gerade in den H├Âhenlagen des Literaturbetriebs), aber f├╝r eine Schriftstellerin, die bisweilen als verkappte Meistersoziologin gefeiert wird, finde ich das erstaunlich ahnungslos.

Ich wei├č nicht, ob man viel von M├Ąnnlichkeit (und auch von dem, was sie bisweilen toxisch macht, siehe Incel-Morde, etc.) verstehen kann, wenn man nicht anerkennt, wie prek├Ąr sie zumindest in ihrer klassischen Auspr├Ągung ist, dass sie zugesprochen und aberkannt werden kann und sich also beweisen muss ÔÇö vor Frauen, aber nicht weniger vor anderen M├Ąnnern, die erstmal gerade keine nat├╝rlichen Verb├╝ndeten sind.

Sicher nicht der Weisheit letzter Schluss, aber ganz aufschlussreich in diesem Zusammenhang: Stephanie Coontz‘ Zusammenfassung einer Studie aus dem Jahr 2010 von Barbara Risman und Elizabeth Seale ├╝ber Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler der sechsten bis achten Klasse:

A recents study of middle school students in a southeastern American city found that the feminine stereotypes that prevailed in the 1950s and 1960s were virtually dead. Not one girl interviewed […] thought she had to play dumb or act ‚feminine‘ around boys. Girls aspired to be strong and smart, and they admired girls who were. None of them felt it would be inappropriate for a girl to do things that used to be called masculine, whether physical or academic.

But attitudes about masculinity had not moved all that far. If a boy participated in activities or expressed feelings traditionally viewed as feminine, he was teased, bullied, or ostracized. The boys harshly policed one another to make sure no one was ‚acting like a girl‘ and they were quick to label boys who did not conform to the ‚manliness‘ code as ‚gay.

(Hier geht es zum Studienergebnis von Risman und Seale, Coontz‘ Zusammenfassung habe ich aus diesem Buch entnommen.)

Das soll ├╝berhaupt kein ┬╗Mimimi, M├Ąnnern geht’s auch schlecht!┬ź sein, aber manchmal packt mich die Angst, dass wir heute wieder in so einen M├Ąnner-sind-vom-Mars-und-Frauen-k├Ânnen-nicht-einparken-Bullshit zur├╝ckschliddern.

(Was nichts ├╝ber die Qualit├Ąt der B├╝cher der Erneaux aussagt, die nach allem, was ich h├Âre, toll sind.)

├ťber Ben Lerner und die Autofiktion

┬╗Ich┬ź schreiben, mehr als ┬╗ich┬ź meinen:

Some have complained that [Ben] Lerner only writes about one thing ÔÇö himself ÔÇö but this is imprecise: In these novels, introspection is a means, not an end. He treats the self like an archive of social data from which it is possible to construct a larger story about our times.

Im selben Text im NYT Magazine ├╝ber den Schriftsteller Ben Lerner gibt es auch interessante Anmerkungen zur Frage, wor├╝ber ein privilegierter wei├čer Mann schreiben soll/kann/darf: a) Die ganze Welt b) ausschlie├člich sich selbst c) irgendetwas dazwischen?

Hier gibt’s den Text kostenlos online.