Der Pate der HipHop-Fashion

Er heißt Dapper Dan, hat seine Memoiren geschrieben – und die sind toll

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Ich glaube, das letzte Mal, dass ich ein Buch in der Hand hielt, an dem etwas golden schimmerte, war im Konfirmanden-Unterricht. Made in Harlem, die Memoiren des Modedesigners Daniel R. Day a.k.a. Dapper Dan, sind trotz der flashy Goldlettern auf dem Umschlag aber ca. das Gegenteil des Evangelischen Gesangbuchs.

Der heute 75jährige Daniel Day wuchs in den 1950ern ohne Geld und große Zukunftsaussichten in Harlem auf. Seine ersten echten Dollars, so schildert er es, verdiente er damit, Zuhälter und andere dubiose Gestalten im Glücksspiel abzuziehen (ein Hang zur Wahrscheinlichkeitsrechnung hilft! Gezinkte Würfel auch).

Wenn Dealer ihre Ware setzten, verkaufte er sie weiter. Später versuchte er sich in großem Stil mit Scheckbetrug, landete einige Zeit im Knast, kam raus, probierte was Neues: Kreditkartenbetrug.

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Zeichen der Zeit:


Erstens:

In Bayern ist im vergangenen Jahr die höchste Geburtenzahl seit 1998 registriert worden.

– dpa-Meldung im Juli 2018, Quelle: Statistisches Landesamt in Fürth, via


Zweitens:

Die Deutschen kaufen weit weniger Bücher als vor zehn Jahren.

– dpa-Meldung im Dezember 2018, Quelle: Statistisches Bundesamt, via


Drittens:

Diese Buchhandlung am Hauptgebäude der Uni München ist jetzt eine Kindertagesstätte.

Kritik der Sozialen Medien, ca. 1912:

Dieser Tollheit kann ich in Worten schwer beikommen. Es gibt in [Deutschland] kein Haus, wo nicht täglich ein Bote hinkommt, der Briefe bringt. Was schreiben aber die [Deutschen]? Was jeder von selbst weiß: »Ich bin hier und trinke«. »Ich komme morgen«, »der Wagen fährt«, »das Essen schmeckt«. Oder sie schicken Bilder, wie sie ein Trinkgefäß vor sich halten und ein dummes Gesicht machen. […] Ich will so sagen: Alles was sie tun und alles, was bewegt wird, schreiben sie nochmal.

— aus Hans Paasche: Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins Innerste Deutschlands, erstmals in Auszügen veröffentlicht 1912/1913 (hier im Volltext online).

Who the fuck is Henry Miller?

… und die Betonung liegt hierbei selbstverständlich auf »fuck«.

Meine Nachbarn stoßen ihre Henry-Miller-Sammlung ab. Deutschsprachige Erstausgaben aus den 1960er- und 1970er-Jahren liegen draußen vor der Tür auf dem Stromkasten und warten auf den nächsten Hamburger Regen. Keiner greift zu. Es ist ziemlich bitter.

Denn jahrelang waren diese Bücher der ganz heiße Scheiß im Untergrund, ihr Verkauf in Deutschland verboten, weil: subversiver Schmuddelkram.

Die Helden in den Romanen von Henry Miller (1891—1980) leben in den Tag hinein, kein Gott, kein Staat, kein Mietvertrag, haben mal kein Geld und bringen es ein andernmal mit Huren und Champagner durch. Die Ich-Erzähler (es war durchaus in Millers Sinne, wenn Leserinnen und Leser sie mit ihm, dem Autoren, verwechselten) vögeln sich vergnügt quer durch New York und Paris. Viel Plot oder Charaktertiefe gibt’s da nicht, dafür umso mehr unstetes, anti-bürgerliches Leben und eine Sprache, die sich um Anstand und Tabus nicht schert:

O Tania, wo ist jetzt deine warme Möse, diese dicken, schweren Strumpfbänder, diese weichen, üppigen Schenkel? In meinem Pint ist ein sechs Zoll langer Knochen. Ich will jede Falte in deiner Möse aushobeln, samenträchtige Tania. […] Nach mir kannst du Hengste nehmen, Bullen, Widder, Drachen oder Bernhadinerhunde.

(Aus Wendekreis des Krebses. Fun fact: Tania ist bereits vergeben.)

Oder weniger genital-fixiert:

Sie war Kind, Jungfrau, Engel, Verführerin, Priesterin, Hure, Prophetin in einem.

(Aus Der Koloß von Maroussi. Fun fact: Miller schreibt hier von einem, wie er selbst sagt, vielleicht zehn Jahre alten Mädchen.)

Der Prominenz ihres Autoren schadete das Verbot seiner Bücher jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil. Jörg Fauser las Miller, George Orwell lobte Miller, John Burnside schwärmte für Miller und einige Kritiker bezeichneten ihn als Ziehvater der Beat Generation.

Er sei »Amerikas berühmtester lebender Schriftsteller«, urteilte gar Der Spiegel im Jahr 1964 (hier geht’s zur PDF des entsprechenden Artikels), da war Wendekreis des Krebses gerade erstmals legal in die deutschen Buchhandlungen gekommen. Der Roman wurde ausgeliefert mit einem Kärtchen, auf dem der Käufer unterzeichnen sollte, dass er selbst volljährig sei und das Buch keineswegs an Minderjährige weitergeben werde.

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Entspann Dich!

Wer weniger arbeitet, weniger grübelt und weniger am Handy hängt, ist glücklicher, schreibt der Autor Matt Haig

Ach, früher! Da hießen Selbsthilfebücher noch wie Selbsthilfebücher (How to win friends). Und Essays hießen wie Essays (Notes on »Camp«). Heute heißen Essays wie Selbsthilfebücher (Jonathan Franzen: How to be Alone) und Selbsthilfebücher wie Essays (Matt Haig: Notes on a Nervous Planet). Verwirrende Zeiten!

Das Chaos der Gegenwart und ihre Paradoxien sind das Thema von Matt Haig: Menschen waren nie so gut connected, schreibt er in Notes on a Nervous Planet, trotzdem fühlten sich viele einsam. Oder: Physisch ging es Menschen nie so gut wie uns, trotzdem fühlten sich viele schlecht.

Oder hier im O-Ton:

We should have more time than ever. I mean, think about it: Life expectancy has more than doubled for people living in the developed world during the last century. And not only that, we have more time-saving devices and technologies than ever before.

Also zum Beispiel Waschmaschinen. Geschirrspüler. Flugzeuge statt Kutschen. E-Mails statt Brieftauben. Wieso also sagen so viele, es fehle ihnen an Zeit?

Haig:

The problem, clearly, isn’t that we have a shortage of time. It’s more that we have an overload of everything else.

Nicht der Mangel sei unser Problem, sondern der Überfluss. Und hier wird Notes on a Nervous Planet zum Selbsthilfebuch. Denn Matt Haig wirbt für mentalen Minimalismus: Stell die Notifications am Handy aus! Tu weniger! »Declutter your mind!«

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Nazi-Lyrik lieben lernen

Wie der Schriftsteller Jörg-Uwe Albig deutsche Journalisten vor den Neuen Rechten warnt – und das nach hinten losgeht

Zornfried ist die Mediensatire, die Medienschaffende lieben. Jörg-Uwe Albig erzählt in seinem Roman von einem Reporter, der Kette raucht, Lederjacke trägt, Punkrock hört, langsam verspießert, aber noch davon träumt, der nächste Hunter S. Thompson zu werden (klingt wie ein Klischee? Yep, finde ich auch).

Dieser Reporter wird aufmerksam auf eine ungelenke, paramilitärische Straßentheatergruppe, die stark an die Identitären erinnert, und folgt ihrer Fährte bis auf die Burg Zornfried irgendwo im finsteren deutschen Wald, wo sich versprengte Ex-Offiziere, Mittelalter-Cosplayer und blonde Mädchen mit germanischen Vornamen um einen Dichter scharen, der archaische Agit-Prop-Lyrik rausholzt. Der Reporter ist aufgeregt. Und obwohl er bald merkt, dass er mit jedem Text und Online-Video, in dem er vor den Rechten warnt, bloß deren Fan-Base vergrößert, kann er von diesem Stoff nicht lassen.

Das alles finde ich als Medienkritik etwas klugscheißerisch und plump, aber es ist kurzweilig geschrieben und klar macht dieser Roman Journalisten Spaß, weil er ja von uns erzählt. Beim letzten Reporter-Workshop haben wir darüber gestritten, ob Homestorys aus Schnellroda unbedarft sind oder aufklärerisch, jetzt gibt’s auch noch einen Roman dazu, toll!

Leider verliert Albig (Achtung, Spoiler!) das Interesse an seinem Buch, bevor ihm ein passendes Ende dafür eingefallen ist. Nach 150 Seiten lässt er alle wichtigen Figuren sterben oder verschwinden und dreht den Plot einfach ab. Zack, bumms, Nazi tot, Roman vorbei.

Macht aber nichts, denn die fehlende Pointe wird nachgeliefert durch dessen Rezeption: Albig streut in seinem Buch immer wieder selbstgeschriebene rechtsradikale Lyrik ein. Und einige Rezensenten sind ganz aus dem Häuschen. »Der große Spaß, rechte Gedichte zu schreiben«, titelt Die Welt und ein Moderator von Deutschlandfunk Kultur schwärmt, die Gedichte seien »natürlich vom Inhalt eklig […] aber ästhetisch, rein und makellos«.

Jörg-Uwe Albig hat ein Buch geschrieben gegen die Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Denken. Und er triggerte damit eine Obsession einzelner Journalisten mit rechtem Dichten. Vielleicht hat er mehr mit seinem Protagonisten gemein, als ihm lieb sein kann. Und das wäre doch wirklich eine gelungene satirische Pointe.