Ist es anders, fĂŒr Kinder zu schreiben als fĂŒr Erwachsene?

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Der Schriftsteller SaĆĄa StaniĆĄić hat nach drei umjubelten Romanen (zuletzt Herkunft, Deutscher Buchpreis 2019) sein erstes Vorlesebuch fĂŒr Kinder veröffentlicht: Hey, hey, hey, Taxi!

Das ist ungewöhnlich. Denn wĂ€hrend sich immer wieder Amateur-Autoren an KinderbĂŒchern versuchen, fehlt den meisten etablierten Schriftstellern dafĂŒr offenbar der Mut. Es gibt KinderbĂŒcher von Jörg Pilawa und Bastian Schweinsteiger, aber kaum von TrĂ€gerinnen und TrĂ€gern des Deutschen Buchpreises.

Wieso ist das so?, habe ich StaniĆĄić gefragt. Wusste er auch nicht. Im Interview, das heute in der ZEIT erscheint, erzĂ€hlt er aber, dass das Schreiben von KinderbĂŒchern nicht leichter sei als das von Romanen fĂŒr Erwachsene. Eher im Gegenteil.

Und er gesteht, dass er einen guten Co-Autoren oder literarischen Berater an seiner Seite hatte. Ein oder zwei der besten Ideen aus dem neuen Buch stammen nÀmlich von seinem kleinen Sohn Nikolai:

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Tocotronic vs. Christian Kracht

Ich erwarte die große akademische Studie zu den Parallelen in Leben und Werk von Tocotronic und Christian Kracht (meinetwegen auch noch: im Kontext der deutschen Kulturgeschichte nach 1989).

Weil: Beide wurden 1995 bekannt, Tocotronic mit Digital ist besser, Kracht mit Faserland. Beide wirkten neu und schroff und ungestĂŒm, mit einer Sprache dicht am MĂŒndlichen. Beide schienen Identifikationsangebote zu machen, jedenfalls wurde das dankbar so angenommen. Beide hatten Style! (OK, einen sehr unterschiedlichen. Diese Parallele ist vielleicht die schwĂ€chste.)

Ein paar Jahre ging das gut so, sehr gut sogar. Dann: Kehrtwende. Flucht ins GekĂŒnstelte, VerrĂ€tselte. »Eines ist doch sicher, eins zu eins ist jetzt vorbei.« (Tocotronic, »Weißes Album«, 2002, bei Kracht vielleicht ein schleichenderer Prozess, der sich rĂŒckblickend mit 1979, 2001, andeutete und unĂŒbersehbar wurde erst mit Imperium, 2012). Statt vermeintlicher AuthentizitĂ€t jetzt Manierismen. Oder Thomasmannierismen (Pardon!).

Verwirrte, sogar gekrĂ€nkte Fans der ersten Stunde. Große Fragen: Ist der jetzt Nazi? Sind die jetzt eine Band, die man zum Brunchen hören muss?

Doch die meisten AnhĂ€nger*innen, inzwischen zu Geld gekommen (wars das Germanistikstudium? Oder eher das Erbe?), altern mit den KĂŒnstlern, rennen weiter zu den Konzerten, kaufen die BĂŒcher, haben Meinungen und inzwischen auch einflussreiche Positionen im Feuilleton. Momente grĂ¶ĂŸten Erfolges fĂŒr beide, Tocotronic wie Kracht.

Jetzt allerdings auch der Moment grĂ¶ĂŸter Gefahr. Denn die JĂŒngeren kapieren’s nicht mehr und die Älteren kapierten’s noch nie. Ist das nicht völlig öder Kram, von Mittelschichtjungs fĂŒr Mittelschichtjungs, fĂŒr so dudes halt ohne Ahnung von der real world und von den realen struggles — und ist diese ewige Ironie wirklich eine Haltung, die man heute noch zur Welt einnehmen will oder kann?

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Buchtipp: »Uncanny Valley« von Anna Wiener

Uncanny Valley ist das mutmaßlich erste Buch ĂŒber Start-ups im Silicon Valley, bei dem sich einem beim Lesen die ZehennĂ€gel hochklappen, aber es liegt nicht an dem Autoren oder der Autorin.

Anna Wiener erzĂ€hlt hier die wahre Geschichte, wie sie ihre Ambitionen begrub, nach ihrem Studium im alten kulturellen Machtzentrum New York Fuß zu fassen (Verlage, Intellektuelle, Martinis, Sie wissen schon), und sich stattdessen dem neuen Machtzentrum San Francisco zuwandte (Venture Capital Funds, Tech Bros und, Ă€h, Algen-Smoothies?).

Dies ist die Reportage einer Außenseiterin, die in das Innere eines Goldrausches gerĂ€t. Keine Anklageschrift, sondern eine Ethnografie der Gegenwart, geschrieben mit staunender, milde ironischer Distanz — und dadurch umso erhellender.

Wer in hundert Jahren eine Ahnung davon bekommen will, wie ein scheinbar harmloses Spiel den Überwachungskapitalismus gebar, einen ungelenken Jungen in Adiletten zum circa mĂ€chtigsten Mann der Welt machte und Internettrolle bis ins Weiße Haus beförderte, der wird zu diesem Buch greifen.

SelbstverstĂ€ndlich muss man nicht erst hundert Jahre dafĂŒr warten.

(Buchtipp fĂŒr die »Freunde der ZEIT« und ihren neuen Newsletter »Was wir lesen«. Den Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren. Eine Leseprobe aus Uncanny Valley gibt es hier. Mehr zum Buch auf der Website des US-Verlags. Eine deutsche Übersetzung ist neulich erschienen.)

»The Two Cultures«: C. P. Snows Wissenschaftskritik

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Anlasslos und unverhofft ist dieses BĂŒchlein in mein Leben geknallt und hat mich seitdem nicht mehr richtig losgelassen: The Two Cultures and the Scientific Revolution.

C. P. Snow, ein britischer Physiker und Schriftsteller, hielt 1959 einen Vortrag an der University of Cambridge. Kurz zuvor hatte die Sowjetunion den ersten Satelliten ins All geschossen. Und den ersten Hund (ĂŒberlebte nicht lang). SpĂ€ter dann den ersten Menschen (ĂŒberlebte). Der Westen? In Sachen Weltraum eher abgeschlagen.

C. P. Snow erwĂ€hnt das alles nicht, aber man muss es mitdenken, wenn man nun seine These von den »zwei StĂ€mmen« liest, die er damals im Vortrag formulierte. Oder mĂŒsste es »zwei Völker« heißen? Jedenfalls: Snow beschreibt, dass Typen wie er eigentlich nicht existieren. Weil es zwei akademische Lager in der westlichen Welt gebe. Das literarische (»der Intellektuelle«) und das naturwissenschaftliche (»der Physiker«). Diese beiden Lager seien wie distinkte »Völker« — mit verschiedenen Sprachen, Weltanschauungen, Temperamenten.

Der Intellektuelle ist typischerweise Vertreter des abfaulenden BĂŒrgertums, neigt zu einem phlegmatischen Pessimismus und reaktionĂ€ren Überzeugungen. Der Physiker ist eher Bildungsaufsteiger, glaubt an Fortschritt und die VerĂ€nderbarkeit der Welt (auch im sozialistischen Sinne). Und beide haben sich exakt NICHTS zu sagen.

Intellektuelle kennen nicht mal den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Physiker haben höchstens Dickens gelesen. Und der Graben wÀchst. Weil das westliche Bildungssystem sich weiter spezialisiert, die »Völker« weiter spaltet, was allen schadet.

Mindboggling. Nicht zuletzt, weil ein heute oft gehörter Vorwurf an die Geisteswissenschaften ist, diese hingen einem illusorischen Glauben an die VerÀnderbarkeit der Welt an (oder zumindest der IdentitÀten / Geschlechter / etc.).

Die »Völker« haben sich also verÀndert. Und alle reden heute von InterdisziplinaritÀt. Aber veraltet ist die These nicht. Denn wurde der Graben kleiner? Eher nee.

Eine starke Metapher, prĂ€zise Beobachtungen, klare Sprache, große These. Falls jemand fragt: »Wie soll man gegenwartsdiagnostische Texte schreiben?« (und jajaja, ich weiß schon, dass andere Fragen gerade drĂ€ngender sind), wĂ€re eine Antwort: Vielleicht genau so.

Wie Verlage auf Corona reagieren

NÀchste Woche findet ja die Frankfurter Buchmesse nicht statt. Okay, es gibt laut Veranstalter eine »Special Edition« im Internet. Aber eine Messe ist das nicht.

Ich habe das zum Anlass genommen, einige Verlegerinnen und Verleger in Hamburg zu besuchen und sie dazu zu befragen, was Corona fĂŒr sie bedeutet – wirtschaftlich, aber mehr noch programmatisch, intellektuell und literarisch.

Muss man jetzt BĂŒcher ĂŒber Seuchen und Killer-Viren machen? Oder gerade nicht?

Antworten von Hoffmann und Campe, dem Kinder- und Jugendbuchverlag Carlsen, der linken Edition Nautilus und dem kleinen, jungen, preisgekrönten Verlag CulturBooks gibt es in meinem Artikel auf ZEIT ONLINE (mit Abo lesbar).

Un/ziemlich super

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Unziemliches Verhalten, die Memoiren der amerikanischen Intellektuellen Rebecca Solnit, sind (pardon the pun), ein ziemlich beeindruckendes Buch. Die Autorin, die in Deutschland wohl am ehesten durch ihren Essay Men Explain Things to Me bekannt wurde (der den Neologismus mensplaining inspirierte), erzÀhlt hier von ihrem Werdegang.

Der Untertitel der gerade erschienenen deutschen Übersetzung von Kathrin Razum, »Wie ich Feministin wurde«, ist vielleicht etwas irrefĂŒhrend. Mindestens genauso gut hĂ€tte da »Wie ich Schriftstellerin wurde« stehen können. Denn Feministin war Rebecca Solnit offenbar schon frĂŒh und fast zwangslĂ€ufig, nicht im Sinne einer dezidierten politischen Theorie oder Praxis, aber im Sinne eines ausgeprĂ€gten GespĂŒrs fĂŒr Gewalt, die Frauen angetan wird:

»Mit Bleistift geschriebene Wörter auf einem großen Blatt vergilbten Zeitungsdruckpapiers, dessen untere HĂ€lfte in breiten AbstĂ€nden liniert ist, wie zum Schreibenlernen ĂŒblich – es ist, da bin ich mir ziemlich sicher, mein erster Aufsatz, aus der ersten Klasse. Er lautet vollstĂ€ndig: â€șWenn ich mal groß bin, will ich nie heiraten.â€č Die Zeichnung auf der oberen HĂ€lfte des Blattes zeigt einen Mann im roten Hemd, dessen schwarze Haare wie ein Heiligenschein um seinen runden Kopf liegen, und eine gelbhaarige Frau mit rĂŒschenbesetztem lilafarbenen Rock. â€șHeirate michâ€č, sagt er in einer Sprechblase, und sie antwortet: â€șNein, nein.â€č«

Rebecca Solnit deutet diese Zeichnung aus ihrer Kindheit heute damit, dass sie das Leben ihrer Mutter beobachtet hatte – »dass sie sich in ihrer elenden, von Gewalt geprĂ€gten Ehe machtlos und gefangen fĂŒhlte, war unĂŒbersehbar« – und beschloss, es anders zu machen als diese. Weiterlesen „Un/ziemlich super“

Ajatollah Strauß

Der Vorabdruck einiger Aphorismen und Wehklagen des Schriftstellers Botho Strauß im Feuilleton der ZEIT. Ich bin irritiert, wie dĂŒnn das wortgewaltig Vorgetragene inhaltlich ist. Notiert habe ich mir: BĂŒcher gut, Internet doof, Feminismus lĂ€stig, Regierung faul, Coronaleugner leider auch doof, was hilft? George lesen.

Interessant ist aber die Stelle ĂŒber die islamische Theokratie. Bei Houellebecq konnte man ja schon den Eindruck bekommen, er fĂ€nde die Vorstellung der Unterwerfung Frankreichs unter eine islamische Theokratie gar nicht so schlimm, sondern erstens unvermeidlich und verdient als Folge des laschen Larifaris der westlichen Moderne und zweitens vielleicht sogar ein bisschen verlockend: minderjĂ€hrige Zweitfrauen in Hello-Kitty-Höschen! (Moment, verwechsle ich hier Autor und ErzĂ€hler? Na ja, so halb.)

Botho Strauß schreibt jetzt:

»In islamisch theokratischen LĂ€ndern wie dem Iran sind es wenige (Gelehrte), die den meisten, den Massen, Weisung geben. Bei uns bestimmt das PopulĂ€re das Niveau der politischen ReprĂ€sentation, nicht zuletzt, weil Parteizugehörigkeit zwangslĂ€ufig Wissen reguliert und im wesentlichen kein außerdemokratisches aus der Tiefe der Zeit zulĂ€ĂŸt.«

Parteimitgliedschaft macht dumm, das ist natĂŒrlich Stammtisch-Blabla (siehe oben), aber: Spricht aus diesen Zeilen die Sehnsucht nach einer Gelehrtenherrschaft, notfalls auch einer islamisch theokratischen?

Nicht, dass ich mich hier auf die Position »na, dann geh doch nach drĂŒben!« zurĂŒckziehen will, aber das scheint hier die Fantasie zu sein: Ajatollah Strauß.

Sommer, Sonne, Gendertheorie đŸ–

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Ein Apartment auf dem Uranus? Danke, fĂŒrs erste reichen mir ein Strandkorb an der Nordsee und dieses Buch. Denn die Kolumnen, die der queere Theoretiker Paul B. Preciado zwischen 2013 und 2018 fĂŒr die Zeitung LibĂ©ration schrieb, sind đŸ€Ż. Dank Stefan Lorenzers Übersetzung und der vor einigen Wochen im Suhrkamp Verlag erschienen Ausgabe kann man sie jetzt auf Deutsch lesen.

Ein zentraler Gedanke:

»â€șGeschlechtsumwandlungâ€č ist nicht, wie die HĂŒter des Ancien RĂ©gime der SexualitĂ€t es wollen, der Sprung in die Psychose. Aber sie ist auch nicht, wie die neue neoliberale Verwaltung der Geschlechterdifferenz behauptet, eine schlichte medizinische und rechtliche Prozedur.«

Sondern:

»Der Übergang ist der Ort der Ungewissheit, des UnselbstverstĂ€ndlichen, der Befremdung. Er ist keine SchwĂ€che, sondern eine StĂ€rke.«

Paul B. Preciado — dessen frĂŒhere Texte unter dem Vornamen BĂ©atriz erschienen — nutzt zwar das mĂ€nnliche Pronomen, sieht sich aber als Aussteiger aus dem »heteropatriarchalen System«. Testosteron nimmt er nicht, um von der Frau zum Mann zu werden, sondern um seine IdentitĂ€t experimentell zu manipulieren und »von der Theorie der Geschlechterdissidenz zu ihrer Verkörperung« ĂŒberzugehen. Quasi: #biohackyourself

Ist das bedenklich? Preciado fragt zurĂŒck:

»Muss man die Ethik der Geschlechterdifferenz als ethische Grenze der VerÀnderung des menschlichen Körpers begreifen?«

Zumal die auf alle Menschen anwendbare Geschlechterdifferenz eine Fiktion sei, die nur um den Preis der GenitalverstĂŒmmelung Intersexueller medizintechnisch aufrecht erhalten werde.

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Große Freiheit: drinnen besser als draußen

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Die Große Freiheit ist zu. Anfang der Woche war ein trauriges Foto davon im Abendblatt abgedruckt, die Leuchtreklamen ausgeknippst, die Straße leer.

Wobei — wann war ich da eigentlich das letzte Mal, in der Großen Freiheit? Wahrscheinlich vor drei Jahren und damals bin ich schnell durchgehuscht, um zur Thai Oase zu kommen, wo ich auch nur hinwollte, weil Michalis Pantelouris dort aus seinem neuen Buch vorlas.

Die Große Freiheit: In Wirklichkeit eine furchtbare Straße, voller Suff & Stumpfsinn & Junggesellenabschieden. Insofern birgt die aktuelle Stubenhockerei auch die Chance, zu begreifen, was man da draußen alles nicht vermisst.

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Eine Ausstellung, die aussieht wie das alte St. Pauli

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Nix gegen die instafreundliche Beauty-Schau von Sagmeister & Walsh im Museum fĂŒr Kunst und Gewerbe, aber das originellste (und schummerigste) Ausstellungsdesign der Stadt ist gerade im Altonaer Museum zu sehen.

Dort zeigt die Arno-Schmidt-Stiftung noch bis zum 20. Juli 2020 Laß Leuchten! Peter RĂŒhmkorf zum Neunzigsten ĂŒber den Dichter aus dem Umfeld der Neuen Linken und Gegenkultur.