Bodentiefe Fenster: Die Geschichte einer Metapher

Vor einigen Jahren erzählte Anke Stelling in ihrem Roman Bodentiefen Fenster (2015) vom Leben einer jungen Familie in Prenzlauer Berg – nein, eigentlich ging es nur um eine junge Mutter und ihre Kinder (der Vater war trotz des emanzipierten Selbstverständnisses der Familie im Roman seltsam abwesend, vielleicht keine untypische Erfahrung).

Diese Frau, die Ich-Erzählerin Sandra, wird zerrieben zwischen den Ansprüchen, die sie an sich selbst stellt, und jenen Ansprüchen, von denen sie meint, andere würden sie an sie stellen. Sie führt fraglos ein privilegiertes Leben, aber glücklich ist sie nicht. Stattdessen befindet sie sich in einer permanenten Mikropanik.

Eine exemplarische Szene:

Am Montagmorgen sind wir zu spät dran. Bo muss vor halb zehn in der Kita sein, zum Morgenkreis; die Erzieherinnen legen Wert darauf, den Tag gemeinsam zu beginnen. Die Erzieherinnen sind überzeugt, dass jemand, der sein Kind erst nach neun bringt, ohnehin nicht ernsthaft arbeitet, sondern nur zu faul sei, es zu Hause zu betreuen. Oder ich denke, dass sie das denken. Weil ich es selbst denke. Bo will Gummistiefel anziehen, obwohl draußen schon fünfundzwanzig Grad sind und keine Wolke zu sehen ist. Mir könnte das egal sein, aber mir graut vor den Blicken der Erzieherinnen. Ich will nicht, dass sie denken, ich sei so eine, die sich nicht gegen ihren Dreijährigen behaupten kann, eine, die alles mit ihm diskutiert und ihn am Ende selbst entscheiden lässt, was er anzieht, aus Angst, dass er sonst schreit oder tritt oder in seiner freien Entfaltung behindert wird. Ich weiß gar nicht, ob die Erzieherinnen das denken, aber ich weiß, dass ich das denke und solche Angstmütter nicht mehr ertragen kann; sie umzingeln mich und machen mich wahnsinnig.

(Die hier gefetteten Wörter sind im Originaltext kursiv hervorgehoben.)

Die für den Roman titelgebenden »bodentiefen Fenster« markieren nicht nur das Milieu, um das es hier geht (Eigentumswohnung, Baugemeinschaft, Szene-Kiez, Geld ist im Spiel, aber man lebt betont unspießig).

Sie sind auch eine Metapher fĂĽr den Bewusstseinszustand der Protagonistin. Sie lebt wie in einem Panoptikum.

Weiterlesen „Bodentiefe Fenster: Die Geschichte einer Metapher“

Das beste Jugendbuch des Jahres

julianepickel

Krummer Hund ist das beste Jugendbuch des Jahres 2021. Sage nicht ich, sondern die Jury des Luchs-Preis fĂĽr Kinder- und Jugendliteratur. Dieses Urteil scheint mir plausibel zu sein.

Am Freitag, 18. März, wird der Preis an die Autorin Juliane Pickel überreicht, die Laudatio hält Sven Regener, das könnte ein guter Abend werden. (Für alle, die nicht in den Resonanzraum kommen können oder wollen, gibt es ab 19 Uhr einen Livestream hier.)

Ich habe Juliane Pickel neulich schon treffen dĂĽrfen, wir waren verabredet in einem Keller auf St. Pauli. Mein Text ĂĽber unsere Begegnung steht jetzt hier auf ZEIT ONLINE.

Und wegen Krummer Hund: Man kann das auch sehr gut als Erwachsene/r lesen!

P.S.: Bitte nicht ĂĽber meine Topfblumen lachen.

Clemens J. Setz schreibt im Feuilleton ĂĽber seinen Penis. Das ist kein Witz.

Wir sind uns vermutlich einig, dass es Themen gibt, die gerade wichtiger und drängender sind, aber falls Sie es noch nicht gesehen haben: Der Schriftsteller Clemens J. Setz hat heute im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung eine ganze Seite über seine Vorhaut geschrieben.

Genauer: Darüber, wie er sie im Alter mit 22 verloren hat. Durch einen operativen Eingriff, der blutig, schmerzhaft und aus der heutigen Sicht des Autoren völlig unnötig war.

Es ist unangenehm, das zu lesen. Nicht, weil einem gleich die Kastrastionsangst kommt (obwohl, zugegeben, schon auch ein bisschen deshalb), sondern weil in der sachlichen und präzisen Schilderung von Setz deutlich wird, was es bedeutet, wenn ein medizinischer Apparat in Fragen der sexuellen oder genitalen Selbstbestimmung routiniert und rücksichtslos vorgeht.

(Das trifft in ungleicher Härte und Konsequenz Transpersonen und Intersexuelle, aber eben nicht ausschließlich diese, sondern oft genug auch Frauen, die gebären, oder, wie sich hier zeigt, weiße Cis-Dudes mit Vorhautverengung.)

Nachdem ich diesen Text gelesen hatte, war ich erst unentschieden, was ich davon halte. Ich glaube aber, dass es aufklärerisch ist, auf diese Weise über den Penis zu schreiben, der vielleicht nur vordergründig das weniger tabuisierte Genital ist.

Ich wüsste jedenfalls nicht, wann mir ein Autor seinen Schwanz so präsentierte: Verletzlich und verwundet, schwach, ausgeliefert und missbraucht. Hier geht es zu seinem Text.

(Dieses Posting ist zuerst auf piqd.de erschienen, der Website für handverlesene Leseempfehlungen aus dem Netz, nämlich hier.)

Was soll ich lesen? Houellebecq vs. Neft

wolken-1

wolken-2

Wenn Sie, werte Leserinnen und Leser, nur Zeit für einen neuen Roman mit Wolken auf dem Cover haben, der von der Aufarbeitung familiärer Traumata erzählt und am Ende stirbt die Hauptfigur an Krebs — wie sollen Sie sich dann entscheiden?

Für Michel Houellebecq und sein Buch Vernichten, das in allen Feuilletons auf Seite 1 besprochen wurde? Oder für Anselm Neft und Späte Kinder, einen Autoren, von dem Sie ehrlich gesagt noch nie gehört haben?

Easy. Nehmen Sie Neft. Das sage ich nicht nur, weil mich der Autor neulich nachts im Wohlerspark mit alkoholfreiem Bier gefügig machte und mir dann sein Buch in die wehrlosen Hände drückte.

Weiterlesen „Was soll ich lesen? Houellebecq vs. Neft“

Auf der Suche nach Heino Jaeger

jaeger-2-lkw-quer

Ich war neulich mit Rocko Schamoni in Harburg verabredet und das erste, das wir dort sahen, war ein LKW mit dem Aufdruck Jaeger. Ist das ein Zeichen, oder was?

Weil: Wir waren ja da, um uns auf die Spuren des verstorbenen, fast vergessenen Künstlers und Komikers Heino Jaeger zu begeben, den Rocko Schamoni sehr schätzt. Für was schätzt er Heino Jaeger? Für seinen »pointenlosen Humor«, seinen »feinen Strich«, seine »zerfrästen, alltagszerstörten Figuren«. Und nicht zuletzt für die »seltsame, organische Klumpizität« seines bildnerischen Werks.

Sie merken, da spricht ein Fachmann! Aber ohne Flachs: Wieso Schamoni einen Roman über Heino Jaeger geschrieben hat (Der Jaeger und sein Meister, neu bei Hanser Blau), als nächstes eine große Ausstellung mit auf den Weg bringt (ab 26. Februar 2022 im Kunsthaus Stade) und was das alles mit den früheren Büchern Dorfpunks und Große Freiheit zu tun hat, das steht jetzt in den Hamburg-Seiten der ZEIT.

Übrigens: Der LKW war wirklich ein Zeichen. Denn wir besuchten das Archäologische Museum Hamburg und Stadtmuseum Harburg und wurden dort mit einer Riesenladung an Jaeger-Werken beglückt, die Jens Brauer und Michael Merkel für uns aus dem Lager holten. Danke!

Jaeger-1-ZEIT
(Foto mit meinen Füßen, weil ich höre, das mache man jetzt so — und weil ich nicht weiß, wie ich sonst das riesige Doppelseitenformat der ZEIT in ein Hochkantfoto kriegen soll.)

»Mittagsstunde« und Musik

doerte-hansen-mittagsstunde-01

Nein, Dörte Hansen schreibt keine Popliteratur. Aber in keinem Roman, den ich in den letzten Jahren las, war Musik so wichtig wie in Mittagsstunde.

Jetzt bringt die Regisseurin Anna-Sophie Mahler das Buch auf die Bühne: Im Thalia Theater, mit Live-Band, Tänzern und viel Gesang (mehr Infos zur Inszenierung hier).

Grund genug, um Dörte Hansen in Husum zu besuchen, mit ihr ein bisschen Musik zu hören und darüber zu reden.

Warum Schlager gar nicht die Musik der heilen Welt ist (sondern eher der kaputten), was an Neil Young so toll ist und was Iowa mit Nordfriesland zu tun hat: Jetzt in den Hamburgseiten der ZEIT sowie hier auf ZEIT ONLINE (#aboaboabo).

doerte-hansen-mittagsstunde-02

Wie wird es uns ergehen im Deutschland der Zukunft?

Heute war die Buchpremiere des ersten Romans von Constantin Schreiber, oben links im Bild. Falls Ihnen das Gesicht bekannt vorkommt: Völlig richtig. Der Mann moderiert die 20-Uhr-Nachrichten der tagesschau.

Er ist preisgekrönter Journalist, hat Sachbuch-Bestseller geschrieben – und nun eben einen Roman. Das Buch heißt Die Kandidatin und erzählt von der ersten muslimischen Kanzlerkandidatin in einem heftig polarisierten Deutschland irgendwann Mitte des 21. Jahrhunderts.

Zu den ersten Leserinnen zählt die Bundestagsabgeordnete Sahra Wagenknecht (Die Linke), die dem Roman – der in echt vielleicht ein bisschen mehr von der Gegenwart handelt, als von der Zukunft – in vielen Punkten zustimmt. Wagenknecht hat neulich ebenfalls ein Buch geschrieben, Die Selbstgerechten, das sich ein bisschen wie das Non-Fiction-Pendant zu Schreibers Zukunftsroman liest.

Ich habe auf Einladung des Hoffmann und Campe-Verlags die Diskussion der beiden moderiert.

Trigger-Warnung: Wir reden über Quoten. Und Feminismus. Und einmal wird #allesdichtmachen erwähnt.

(OK, das mit der Trigger-Warnung war ein Witz.)

Ist es anders, fĂĽr Kinder zu schreiben als fĂĽr Erwachsene?

dav

Der Schriftsteller Saša Stanišić hat nach drei umjubelten Romanen (zuletzt Herkunft, Deutscher Buchpreis 2019) sein erstes Vorlesebuch für Kinder veröffentlicht: Hey, hey, hey, Taxi!

Das ist ungewöhnlich. Denn während sich immer wieder Amateur-Autoren an Kinderbüchern versuchen, fehlt den meisten etablierten Schriftstellern dafür offenbar der Mut. Es gibt Kinderbücher von Jörg Pilawa und Bastian Schweinsteiger, aber kaum von Trägerinnen und Trägern des Deutschen Buchpreises.

Wieso ist das so?, habe ich Stanišić gefragt. Wusste er auch nicht. Im Interview, das heute in der ZEIT erscheint, erzählt er aber, dass das Schreiben von Kinderbüchern nicht leichter sei als das von Romanen für Erwachsene. Eher im Gegenteil.

Und er gesteht, dass er einen guten Co-Autoren oder literarischen Berater an seiner Seite hatte. Ein oder zwei der besten Ideen aus dem neuen Buch stammen nämlich von seinem kleinen Sohn Nikolai:

Weiterlesen „Ist es anders, fĂĽr Kinder zu schreiben als fĂĽr Erwachsene?“

Tocotronic vs. Christian Kracht

Ich erwarte die groĂźe akademische Studie zu den Parallelen in Leben und Werk von Tocotronic und Christian Kracht (meinetwegen auch noch: im Kontext der deutschen Kulturgeschichte nach 1989).

Weil: Beide wurden 1995 bekannt, Tocotronic mit Digital ist besser, Kracht mit Faserland. Beide wirkten neu und schroff und ungestüm, mit einer Sprache dicht am Mündlichen. Beide schienen Identifikationsangebote zu machen, jedenfalls wurde das dankbar so angenommen. Beide hatten Style! (OK, einen sehr unterschiedlichen. Diese Parallele ist vielleicht die schwächste.)

Ein paar Jahre ging das gut so, sehr gut sogar. Dann: Kehrtwende. Flucht ins Gekünstelte, Verrätselte. »Eines ist doch sicher, eins zu eins ist jetzt vorbei.« (Tocotronic, »Weißes Album«, 2002, bei Kracht vielleicht ein schleichenderer Prozess, der sich rückblickend mit 1979, 2001, andeutete und unübersehbar wurde erst mit Imperium, 2012). Statt vermeintlicher Authentizität jetzt Manierismen. Oder Thomasmannierismen (Pardon!).

Verwirrte, sogar gekränkte Fans der ersten Stunde. Große Fragen: Ist der jetzt Nazi? Sind die jetzt eine Band, die man zum Brunchen hören muss?

Doch die meisten Anhänger*innen, inzwischen zu Geld gekommen (wars das Germanistikstudium? Oder eher das Erbe?), altern mit den Künstlern, rennen weiter zu den Konzerten, kaufen die Bücher, haben Meinungen und inzwischen auch einflussreiche Positionen im Feuilleton. Momente größten Erfolges für beide, Tocotronic wie Kracht.

Jetzt allerdings auch der Moment größter Gefahr. Denn die JĂĽngeren kapieren’s nicht mehr und die Ă„lteren kapierten’s noch nie. Ist das nicht völlig öder Kram, von Mittelschichtjungs fĂĽr Mittelschichtjungs, fĂĽr so dudes halt ohne Ahnung von der real world und von den realen struggles — und ist diese ewige Ironie wirklich eine Haltung, die man heute noch zur Welt einnehmen will oder kann?

Weiterlesen „Tocotronic vs. Christian Kracht“

Buchtipp: »Uncanny Valley« von Anna Wiener

Uncanny Valley ist das mutmaßlich erste Buch über Start-ups im Silicon Valley, bei dem sich einem beim Lesen die Zehennägel hochklappen, aber es liegt nicht an dem Autoren oder der Autorin.

Anna Wiener erzählt hier die wahre Geschichte, wie sie ihre Ambitionen begrub, nach ihrem Studium im alten kulturellen Machtzentrum New York Fuß zu fassen (Verlage, Intellektuelle, Martinis, Sie wissen schon), und sich stattdessen dem neuen Machtzentrum San Francisco zuwandte (Venture Capital Funds, Tech Bros und, äh, Algen-Smoothies?).

Dies ist die Reportage einer Außenseiterin, die in das Innere eines Goldrausches gerät. Keine Anklageschrift, sondern eine Ethnografie der Gegenwart, geschrieben mit staunender, milde ironischer Distanz — und dadurch umso erhellender.

Wer in hundert Jahren eine Ahnung davon bekommen will, wie ein scheinbar harmloses Spiel den Überwachungskapitalismus gebar, einen ungelenken Jungen in Adiletten zum circa mächtigsten Mann der Welt machte und Internettrolle bis ins Weiße Haus beförderte, der wird zu diesem Buch greifen.

Selbstverständlich muss man nicht erst hundert Jahre dafür warten.

(Buchtipp für die »Freunde der ZEIT« und ihren neuen Newsletter »Was wir lesen«. Den Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren. Eine Leseprobe aus Uncanny Valley gibt es hier. Mehr zum Buch auf der Website des US-Verlags. Eine deutsche Übersetzung ist neulich erschienen.)