Geschmackssache

Das Privileg der Mittelklasse Amerikas im einundzwanzigsten Jahrhundert bedeutete, dass die drängendsten Fragen des Lebens einfach Geschmackssache waren. […] Das große Entscheidungsproblem, nach welchen Regeln man leben sollte, lud zur ausgiebigen Selbstbetrachtung ein.

— Emily Witt: Future Sex. Wie wir heute lieben. Berlin: Suhrkamp Nova, 2017: 79.

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Gewalt gegen Frauen zum Spaß

Über das Video American Reflexxx, das gerade in Leipzig gezeigt wird

Video: American Reflexxx von Signe Pierce (Darstellerin) und Alli Coates (Kamera), Myrtle Beach, 2013

Ich war in Leipzig und habe dort Kunst gesehen, die mir Angst macht. Die Videoarbeit der Künstlerinnen Signe Pierce und Alli Coates heißt American Reflexxx, ist bereits 2013 entstanden und wird gerade in Virtual Normality gezeigt, einer Ausstellung, die sich mit – roughly – Weiblichkeit, Sexualität, Intimität, Öffentlichkeit und Adoleszenz im Zeitalter der Sozialen Medien befasst.

Viele der Arbeiten in der Schau, etwa die Fotos von Arvida Byström oder Leah Schrager, arbeiten sich an Instagram ab. Sie sind didaktisch und interventionistisch und leider auch ein bisschen lame.

Man erfährt dort zum Beispiel, dass Instagram sexistisch ist. Instagram ist sexistisch in seinen Regeln. Und Instagram ist zusätzlich sexistisch in der Anwendung dieser Regeln. Frauen können nicht nur leichter gegen die Community Guidelines verstoßen (etwa weil männliche Brustwarzen auf Fotos erlaubt sind, weibliche aber nicht), sie werden offenbar auch schneller dafür abgestraft (anekdotisch: männliche Körperbehaarung wurde wiederholt akzeptiert, eine wuchernde Bikini-Zone führte hingegen zur Löschung des Fotos und zur Sperrung des Accounts).

Das ist nicht cool (und ehrlich gesagt finde ich erstaunlich, dass sich Instagram trotz dieser Tatsache so großer Beliebtheit erfreut), aber auf die Gefahr hin, dass ich wie mein eigener Großvater klinge: Instagram gehört uns nicht, Instagram gehört Mark Zuckerberg. Ein Leben ohne Instagram ist möglich. Es ist vielleicht sogar sinnvoll. Meldet euch alle ab, dann ist das Problem gegessen und Zuckerberg verdient ein bisschen weniger Geld mit euch.

American Reflexxx (oben eingebettet als YouTube-Video) ist hingegen eine Arbeit, die mich berührt und schockiert hat. Auch diese Arbeit ist eine Intervention, aber nicht im Mikrokosmos eines einzelnen Sozialen Mediums und seiner verlogenen Community Guidelines, nicht in einer privatisierten Suböffentlichkeit, sondern im (analogen) öffentlichen Raum, im kleinstädtischen Alltag, quasi in »der Gesellschaft«.

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