BRD-Nostalgie im Lutherpark

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Ich verstehe schon, dass der Staat, in dem wir leben, »Bundesrepublik Deutschland« heißt. Trotzdem denke ich beim Kürzel »BRD« zuerst an ein anderes Land, das 1990 etwa zeitgleich mit der DDR (allerdings besser gelaunt als diese) untergegangen ist.

Dieses Empfinden mag intellektuell unredlich sein und übermäßig sentimental, aber ich bin womöglich nicht allein damit (vgl. Daniel Erk, Es war einmal ein kleines Land, Berlin: 2014; Philipp Felsch/Frank Witzel, BRD Noir, Berlin: 2016; u.a.).

Es handelt sich auch um eine eher ästhetische als politische Haltung, jedenfalls ist sie nicht zu verwechseln mit der gänzlich unironischen Wohlfahrtsstaatsnostalgie einzelner linker bis sozialdemokratischer Sozialwissenschaftler.

(Ich schreibe bewusst nicht Sozialwissenschaftler*innen, denn dies scheint eher eine Position älterer blasshäutiger Herren zu sein, die weitgehend unbeeindruckt bleiben von der Frage: »Nivellierte Mittelstandsgesellschaft, schön und gut, aber was war mit den Frauen und den ‚Gastarbeitern‘?« Die Singularisierung der Gesellschaft und der progressive Neoliberalismus — oder wie man beides nun nennen will — haben schlieĂźlich durchaus auch VorzĂĽge, wie sich nicht zuletzt an den Programmen jener zeigt, die beides rĂĽckabwickeln wollen. Kiesinger? Höcke? Da nehme ich lieber Merkel, thanks.)

Jedenfalls hat es mich amüsiert, dass an dem Pavillon im Bahrenfelder Lutherpark ein altes Graffito durch ein neues überschrieben wurde. Statt »CCP 4 Ever« (womit, glaube ich, tatsächlich »CCCP 4 Ever« gemeint war), steht dort nun »BRD 4 Ever«. Eine nach meinem Verständnis ähnlich unrealistische, aber nicht unsympathischere Forderung.

P.S.: Auf den ersten Blick wirkt »BRD♥️!« wie »BRO♥️!«, das ist natĂĽrlich auch putzig und womöglich ein verräterischer Freud’scher Verschreiber.

Zornige einsame Männer

Warum ist die AfD im Osten so erfolgreich? Weil sie von Männern gewählt wird, die zornig sind, dass ihnen die Frauen abhanden gekommen sind.

Das ist die These der Journalistin Katrin Bennhold. Und die ist … zumindest originell. Aus der New York Times:

After the wall came down, the East lost more than 10 percent of its population. Two-thirds of those who left and did not come back were young women.

It was the most extreme case of female flight in Europe, said Reiner Klingholz, director of the Berlin Institute for Population and Development, who has studied the phenomenon. Only the Arctic Circle and a few islands off the coast of Turkey suffer comparable male-female imbalances.

In large swaths of rural eastern Germany, men today still outnumber women, and the regions where the women disappeared map almost exactly onto the regions that vote for the Alternative for Germany today.

Den ganzen Text gibt es hier zum Nachlesen.

Ich bin gespannt auf die Repliken.

[via Tobias Rapp / Facebook]

68er und die Nazis

Es zählt zu den populären Annahmen über die Studentenbewegung der 68er, dass erst sie dazu geführt habe, dass in Deutschland über Schuld, Shoa und Nazis gesprochen wurde. Aber stimmt das?

Vermutlich ist die Lage (bei aller Schwierigkeit, pauschale Aussagen ĂĽber eine so diffuse und heterogene Bewegung zu machen) zumindest weniger eindeutig.

Der vielzitierte (und oft als Kritik an den Kontinuitäten zwischen NS-Staat und BRD interpretierte) 68er-Spruch „Unter den Talaren / Muff von tausend Jahren“ bezog sich zum Beispiel gar nicht auf das „tausendjährige Reich“ der Nazis. Das sagt der Historiker Rainer Nicolaysen, der zu der Protestaktion an der Uni Hamburg geforscht und damals Beteiligte dazu befragt hat.

Und Beate Klarsfeld erzählte neulich im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (€), die Anführer der Studentenbewegung hätten sich für die Nazivergangenheit deutscher Politiker gar nicht richtig interessiert. Klarsfeld musste erst — mehr oder weniger im Alleingang — den Bundeskanzler Kiesinger ohrfeigen, ehe alle Welt über dessen NS-Karriere sprach. Dutschke und Co. hätten vorher lieber den Kapitalismus bekämpfen wollen als die alten Nazis.

Ziemlich scharf schreibt nun der Philosoph und Sohn eines NS-Ăśberlebenden Jason Stanley in der Zeit:

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Der Darling zweier Diktaturen

Seit Anfang des Jahres heißt die Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald nur noch Universität Greifswald. Das gab die Uni am 18. Januar 2017 bekannt (hier die Pressemitteilung). Sie folgt damit einem Beschluss des Akademischen Senats.

Und jetzt? Gibt’s Stress. Beobachter schreiben von einem Shitstorm (etwa hier), die Universitätsleitung zeigt sich »besorgt, in welchem AusmaĂź und in welcher Form in der Diskussion um die Ă„nderung des Universitätsnamens Fakten entstellt, falsch wiedergegeben und ignoriert werden.«

Dabei kann die Umbenennung eigentlich niemanden überrascht haben. Seit Jahren ist darüber diskutiert worden. Bereits im März 2010 war zudem über eine Streichung des Namensgebers abgestimmt worden, damals kam die dafür notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit nicht zustande (hier ein Informationstext der Uni zum damaligen Beschluss).

Who the fuck is Arndt? Eben. Ein Schriftsteller, leidenschaftlicher Gegner Napoleons und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, soviel dĂĽrfte unbestritten sein. Bei allem weiteren wird’s schon heikel.

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Kulturelle Bildung als Machtfaktor: Eric Lius Essay How to Be American

Vom »Ende des weißen Amerikas« ist bereits seit einigen Jahren die Rede. So hat zum Beispiel Hua Hsu Anfang 2009 anlässlich der Vereidigung von Barack Obama im Atlantic ein Essay unter diesem Titel veröffentlicht, in dem er über das nahende Ende der kulturellen Hegemonie der europäisch-stämmigen Amerikaner spekuliert.

Eine wichtige Ergänzung zu dieser These ist jetzt in der Zeitschrift Democracy erschienen: How to Be American. Der Autor Eric Liu korrigiert in seinem Essay die Annahme, dass mit einer sich verändernden Demographie auch notwendigerweise eine Veränderung der Machtverhältnisse im Land einhergehe:

The new America, where people of color make up a numerical majority, is not a think-tank projection. It may well be the condition of the people born in this country this very year. But an America where nonwhites hold a majority of the power in civic life is much farther off.

Ein Faktor, der Immigranten (und andere Unterprivilegierte) von der gesellschaftlichen Teilhabe ausschließe, sei ihre mangelnde »kulturelle Alphabetisierung«.

Dieser Begriff beschreibt bei Liu das Unwissen über den historischen und kulturellen Kanon eines Landes ebenso wie das Unvermögen, codierte Ausdrücke (Redensarten, Referenzen, … ) zu erkennen und korrekt zu deuten.

Kulturelle Bildung, argumentiert Liu sinngemäß und frei nach Bourdieu, ist ein Machtfaktor:

If you are an immigrant to the United States […] you have a single overriding objective shared by all immigrants at the moment of arrival: figure out how stuff really gets done here.

That means understanding what’s being said in public, in the media, in colloquial conversation. It means understanding what’s not being said. Literacy in the culture confers power, or at least access to power. Illiteracy, whether willful or unwitting, creates isolation from power.

Folgt man dieser Überlegung, ist es kontraproduktiv, den Kanon der »toten, weißen Männer« zerkloppen zu wollen. Solange er eine Zugangsbarriere zur gesellschaftlichen Teilhabe darstellt, muss man ihn lehren.

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Was Merkel mit Bismarck verbindet: Mein Interview mit dem britischen Politikwissenschaftler Hans Kundnani

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Abb.: Hans Kundnanis Buch The Paradox of German Power, erschienen bei Hurst Publishers (2014)

Merkel ist wie Bismarck. OK, nicht ganz. Aber sie regiert ein Land, das sich in einer ähnlichen Lage befindet, wie seinerzeit Otto von. Denn Deutschland ist wieder ein Semi-Hegemon wie im 19. Jahrhundert: zu stark, als das ein einzelnes Nachbarland ein machtpolitisches Gegengewicht sein könnte. Aber auch zu schwach, um ganz Europa im Alleingang zu beherrschen.

Das ist zirka die These, die der britische Politikwissenschaftler Hans Kundnani in seinem Buch The Paradox of German Power vertritt (ich erwähnte es schon mal hier). Kürzlich habe ich ein Gespräch mit Kundnani führen können, in dem ich ihn zu seiner Theorie befragt habe. Und auch dazu, wo dieses Strukturanalogie – so sie denn stimmt – hinführt. Denn wir wissen alle, wie das 19. Jahrhundert endete …

Eine gekürzte Abschrift dieses Interviews hat Spiegel Online veröffentlicht.

Dort hat es unter anderem der italienische Politiker Beppe Grillo gelesen (oder zumindest einer seiner Mitarbeiter) und sich die Mühe gemacht, Auszüge des Gesprächs ungefragt ins Italienische zu übertragen und auf seinem Blog zu veröffentlichen.

Ich finde das ja toll. Ein Brite und ein Deutscher unterhalten sich, ein Italiener mischt sich ein: Das ist doch schon fast die europäische Öffentlichkeit, die wir uns immer gewünscht haben.

Mehr zum Buch hier, zum Autoren hier.

Wie die Marine für ihre, äh, Dienstleistungen wirbt:

»Deutsche, kauft deutsche Bananen«, hat Kurt Tucholsky gesagt. Musste er aber auch, denn er war Pazifist. Heute sieht die Sache ein bisschen anders aus:

Video: Ein Clip der Imagekampagne Meer. FĂĽr Dich, die im Juni von der Marine lanciert wurde

Es handelt sich offenbar um ein offizielles Video und – mehr noch – um eine ganze Kampagne, wie Thomas Wiegold schreibt und hier noch einmal von verantwortlicher Seite nachzulesen ist. Die Marine: ein moderner Dienstleister.

Dieser Clip ist nicht der erste der deutschen Streitkräfte, über dessen Ästhetik ich mich etwas wundere. Vielleicht wäre es eine subtilere PR-Strategie, weiter Komiker nach Afghanistan einzuladen?

Andererseits: Deutsche Truppen schützen deutsche Handelsrouten. Diese Aussage scheint heute problemlos sagbar zu sein. Möge es dem armen Horst Köhler Genugtuung verschaffen.

[♥ to SpOn]

Kurt Krömer in Afghanistan: Eine Rezension seines Reiseberichts »Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will« (KiWi, 2013)

Kurt Krömer: Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will

Abb.: »Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will«, Kurt Krömers Reisebericht aus Afghanistan

»Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt.« Das ist der erste Satz auf der Website des Auswärtigen Amts für Touristen, die sich für das Land interessieren. »In ganz Afghanistan besteht das Risiko, Opfer einer Entführung oder eines Gewaltverbrechens zu werden«, heißt es dort weiter. Die Sicherheit vor Attentaten sei nirgendwo gewährleistet, eine ausreichende medizinische Versorgung fast nirgendwo.

Alexander Bojcan, 38, ist trotzdem hingeflogen. Bojcan ist kein Soldat, kein Reporter, kein Entwicklungshelfer. Er ist Witzeerzähler, besser bekannt unter dem Namen Kurt Krömer. Trotzdem wollte er wissen, was los ist in diesem Krieg, der sich im deutschen Alltag so leicht ignorieren lässt. Über seine Afghanistanreise, die ihn »embedded« bei der Bundeswehr zu deutschen Soldaten führte, aber auch auf eigene Faust ins zivile Leben von Kabul, hat Krömer jetzt sein erstes Buch geschrieben, das teils Autobiographie, teils Reportage ist: »Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will«.

Kurt Krömers Reise finde ich bemerkenswert, sein Buch leider nicht so. Ausführlicher begründe ich das in meiner Rezension auf Spiegel Online.

P.S.: Ein besseres Buch mit dem gleichen Ansatz hat Sebastian Christ geschrieben, »Das Knurren der Panzer im Frühling«, ich habe dazu hier ein paar Anmerkungen geschrieben.

Gegen die Nostalgie (und im Zweifel: fĂĽr die Political Correctness)

Abb.: Vorbildlich politisch unkorrekt, aber leider ein Neandertaler: Banksys »Caveman«, fotografiert von Stefan Kloo/Lord Jim (CC).

Über den »Terror der Tugend« schrieb Harald Martenstein neulich ein ganzes ZEIT-Dossier, gestern legte die Süddeutsche nach und veröffentlichte auf Seite 3 einen Artikel über die singapureanischen Zuständen auf deutschen Spielplätzen (leider nicht online, doch der Tenor war: »Kaugummis, Alkohol, Hunde – alles verboten, schlimm!«).

Das finde ich bemerkenswert: Prominente (und zumindest im Fall von Martenstein auch beneidenswert gute) Autoren warnen auf den besten Seiten der großen deutschen Qualitätszeitungen vor der verordneten Rücksichtnahme und der Political Correctness, die in Deutschland angeblich um sich greift. Der Suhrkamp Verlag macht mit und veröffentlicht mit »In Anführungszeichen« eine anti-PC-Streitschrift der Wiener Intellektuellen Matthias Dusini und Thomas Edlinger (die ich hier für Spiegel Online besprochen habe).

Aber – ist es wirklich so schlimm?

Auf Spielplätzen treibe ich mich seit einigen Jahren nicht mehr so viel rum, deshalb kann ich den Artikel aus der Süddeutschen nicht kommentieren. Ansonsten scheint mir die Aufregung aber schwer nachvollziehbar. Klar, die »Negerpuppe«-Kampagne gegen Sarah Kuttner war lächerlich, aber Allianzen aus Boulevardjournalisten (Mopo) und abgehalfterten Fernsehpromis (Mola Adebisi) gab es schon immer (siehe auch hier).

Dieser alberne Feldzug ist also schwerlich ein Indiz dafür, dass der Tugendterror um sich greift. Oder gar dafür, dass Kultur und freie Meinungsäußerung von Moralaposteln erstickt werden. Ich habe sogar eher den Eindruck, dass wir (das heißt: wir weißen, gebildeten, okay verdienenden Männer, die in dieser Diskussion als alleinige Kläger auftreten) uns heute freier äußern und »unkorrekter« genießen können als noch in vergangenen Jahrzehnten.

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