Gegen die Campus-Uni

Interessantes timing: Kaum geht nach drei Corona-Semestern das Campusleben wieder los (mehr oder weniger), veröffentlicht der Politikwissenschaftler und Publizist Yasha Mounk ein Plädoyer gegen die Campus-Uni angelsächsischer Prägung, für die formlosen, zerrissenen, oft über ganze Städte verstreuten deutschen Unis:

Natürlich, den Studierenden wäre eine echte Campus-Uni, wie ich selbst sie erlebt und geliebt habe, nur zu wünschen. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt aber wäre sie eine Katastrophe. Denn in Großbritannien und den Vereinigen Staaten schottet die Campus-Uni die aufstrebende Elite in extremer Weise vom Rest der Gesellschaft ab.

Erstmal nicht unplausibel. Lesen Sie mehr davon, bitte hier entlang.

Präsenzlehre? Welche Präsenzlehre?

Ein Semester »überwiegend in Präsenz« war den Hamburger Studierenden versprochen worden. Konnte das gehalten werden? Weiß keiner.

Zwei Wochen nach Beginn der Vorlesungszeit haben die Hochschulleitungen keinen Überblick, wie viel Präsenzlehre in ihren Häusern stattfindet. Was vielleicht schon einen Hinweis darauf gibt, welche Priorität sie diesem Thema einräumen.

Besonders bitter: Dass Erstsemester klagen, sie sähen die neue Uni alle zwei Wochen für 90 Minuten von innen. Und die Verantwortlichen sagen: Ja, das kann schon sein. What?

Das hätte im vierten Corona-Semester — und im ersten, das wieder im Zeichen der Präsenzlehre stehen sollte — besser laufen können: Mein Kommentar auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

Droht hier ein Angriff?

bw-uni

Das ist die Helmut-Schmidt-Universität im Hamburg: Ein gepflegter Campus mit interessanter Architektur. In den Gängen hängen Arbeiten von Warhol, Richter und anderen. Ach, und die Bibliothek ist auch ziemlich super!

In dieser Idylle ist jetzt ein Streit ausgebrochen. Denn die Uni, an der Zivilist*innen lehren und fast nur Soldat*innen lernen, soll zu einem militärischen Sicherheitsbereich gemacht werden. So will es das Verteidigungsministerium unter der amtierenden Ministerin Annegret Krampkarrenbauer. Dann gibt es auf dem bisher für alle offenen Campus strenge Zugangskontrollen, die Wachleute werden bewaffnet sein und Schilder vor dem Waffeneinsatz warnen.

Etliche Wissenschaftler*innen sind damit nicht einverstanden — auch deshalb nicht, weil das Verteidigungsministerium sich bei der BegrĂĽndung der Notwendigkeit dieses Schrittes auf recht nebulöse AusfĂĽhrungen abstrakter Gefährdungslagen zurĂĽckzieht und kein Verantwortlicher ausfindig zu machen ist, der sich den ungeklärten Fragen stellt und die Entscheidung verteidigt (trust me, I’ve tried).

Die ganze Geschichte gibt es hier (fĂĽr Abonnent*innen der ZEIT).

Warum gibt es nicht mehr Frauen in MINT-Fächern?

Hier die Einschätzung der Schriftstellerin Sibylle Berg:

Der Wert von Frauen bemisst sich immer noch an ihrer geschlechtlichen Verwertbarkeit. Intellektuelle Fähigkeiten werden bei ihnen bis heute nicht goutiert. […] Studierende der IT-Fächer gelten als Nerds: ästhetisch egal, sozial unverträglich; das ist gerade das Gegenteil aller Eigenschaften, die Frauen immer noch einen gesellschaftlichen, evolutionären Vorteil versprechen. Kurz: FĂĽr Frauen ist der Schritt in einen IT-Beruf eine Fuck-you-Entscheidung – während junge Männer mit Staunen und Bewunderung bedacht werden, wenn sie Coding-Fähigkeiten besitzen.

Wenn Berg recht hat, ist wirklich »das Patriarchat« schuld, dass es nicht mehr Frauen gibt, die MINT-Fächer studieren. Aber nicht, weil es Mädchen sagt: »Ihr könnt das nicht«. Sondern, weil es ihnen sagt: »Ihr könnt das schon machen, aber dann seid ihr nicht mehr sexy.«

Ziemlich viele Initiativen, die Mädchen ermutigen wollen, MINT-Berufe zu ergreifen, wären dann argumentativ auf einem ziemlich falschen Weg.

Quelle: »Albernheit ist der Motor, der mich gut gelaunt durch mein Restleben führt«. Sibylle Berg im Gespräch mit Jens Balzer und Maja Beckers. In: Jens Balzer, Maja Beckers, Thomas Vasek und Lars Weisbrod (Hrsg.): Sibylle Berg, Dietmar Dath. Zahlen sind Waffen. Berlin: Matthes & Seitz, 2021, S. 104–116. Hier: S. 108.