Faktenwissen und Teilhabe

Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) verteidigt im Gespräch mit Moritz Baumann vom Newsletter Table.Bildung das Kerncurriculum, das Bestandteil seiner aktuell laufenden Reform der Bildungspläne ist:

Ăśberall […] werden von jungen Erwachsenen Lese-, Rechtschreib- und Mathematikkenntnisse sowie Grundkenntnisse ĂĽber unsere Welt erwartet. Da geht es um konkretes Faktenwissen, das aber bisher kaum in unseren Bildungsplänen berĂĽcksichtigt ist – mit dem hanebĂĽchenen Argument, das sei Pädagogik von gestern. Das Ergebnis ist ein Skandal: NatĂĽrlich verfĂĽgen Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern ĂĽber dieses Faktenwissen. Aber wir haben in Hamburg 40 Prozent Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, die dieses Privileg nicht haben. Es empört mich, dass privilegierte Milieus, die sich in der Bildungspolitik engagieren, das Faktenwissen in der Schule zurĂĽckdrängen wollen. Sie riskieren damit, dass SchĂĽler aus bildungsfernen Familien nach der Schule weder ein Bewerbungsgespräch bestehen noch eine Nachrichtensendung verstehen.

Rabe argumentiert nicht im Sinne einer (christdemokratischen) »Leitkultur«, sondern sozialdemokratisch, mit Chancengleichheit und Teilhabe.

Ähnlich argumentierte in den USA etwa Eric Liu, der »kulturelle Alphabetisierung« und Teilhabe zusammendenkt (in der Tradition von E.D. Hirsch, dessen Überlegungen hierzulande bisher offenbar kaum eine Rolle spielten. Why?)

Das ganze Interview gibt es hier (Aboschranke).

Kill your TV

»You sound pretentious in the West when you say you love Homer and read the ›Iliad‹ as a child, but in communist Albania there were only 15 minutes of TV each day, we didn’t have cartoons, all we had was Homer.«

Das sagte Lea Ypi, Autorin des wunderbaren Memoir Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte, bei der heutigen Buchpräsentation im Gespräch mit Peter Neumann im The New Institute.

Was die Frage aufwirft: Wer in Westeuropa schon als Kind die Ilias las, der durfte vermutlich auch nicht länger als täglich 15 Minuten fernsehen?

Die Bedeutung des Studienabschluss

Aus einem Interview mit dem Kulturwissenschaftler Wolfgang Schivelbusch:

»1969 haben Sie Ihren ersten Studienabschluss gemacht, den Magister. Was hat das für Sie bedeutet? War das eine Zäsur?« – »Ich würde sagen: Not-Hochzeit, wenn die Schwangerschaft legitimiert werden muss.«

Erschienen im Buch Die andere Seite. Leben und Forschen zwischen New York und Berlin. Hamburg, Rowohlt 2021. Hier: S. 67.

Schöner leben ohne Tageslicht

In den USA verteilt ein alternder Multimillionär größere Geldgeschenke an staatliche Hochschulen, unter der Auflage, dass sie damit Wohnheime für Studierende bauen, deren Zimmer keine Fenster haben.

What? Der New Yorker berichtet. (Offen bleibt die Frage, ob damit nicht der Hamburger Wiwi-Bunker mit seinen fensterlosen Seminarräumen zur architektonischen Avantgarde aufgewertet wird … )

Gegen die Campus-Uni

Interessantes timing: Kaum geht nach drei Corona-Semestern das Campusleben wieder los (mehr oder weniger), veröffentlicht der Politikwissenschaftler und Publizist Yasha Mounk ein Plädoyer gegen die Campus-Uni angelsächsischer Prägung, für die formlosen, zerrissenen, oft über ganze Städte verstreuten deutschen Unis:

Natürlich, den Studierenden wäre eine echte Campus-Uni, wie ich selbst sie erlebt und geliebt habe, nur zu wünschen. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt aber wäre sie eine Katastrophe. Denn in Großbritannien und den Vereinigen Staaten schottet die Campus-Uni die aufstrebende Elite in extremer Weise vom Rest der Gesellschaft ab.

Erstmal nicht unplausibel. Lesen Sie mehr davon, bitte hier entlang.

Präsenzlehre? Welche Präsenzlehre?

Ein Semester »überwiegend in Präsenz« war den Hamburger Studierenden versprochen worden. Konnte das gehalten werden? Weiß keiner.

Zwei Wochen nach Beginn der Vorlesungszeit haben die Hochschulleitungen keinen Überblick, wie viel Präsenzlehre in ihren Häusern stattfindet. Was vielleicht schon einen Hinweis darauf gibt, welche Priorität sie diesem Thema einräumen.

Besonders bitter: Dass Erstsemester klagen, sie sähen die neue Uni alle zwei Wochen für 90 Minuten von innen. Und die Verantwortlichen sagen: Ja, das kann schon sein. What?

Das hätte im vierten Corona-Semester — und im ersten, das wieder im Zeichen der Präsenzlehre stehen sollte — besser laufen können: Mein Kommentar auf ZEIT ONLINE (frei lesbar).

Droht hier ein Angriff?

bw-uni

Das ist die Helmut-Schmidt-Universität im Hamburg: Ein gepflegter Campus mit interessanter Architektur. In den Gängen hängen Arbeiten von Warhol, Richter und anderen. Ach, und die Bibliothek ist auch ziemlich super!

In dieser Idylle ist jetzt ein Streit ausgebrochen. Denn die Uni, an der Zivilist*innen lehren und fast nur Soldat*innen lernen, soll zu einem militärischen Sicherheitsbereich gemacht werden. So will es das Verteidigungsministerium unter der amtierenden Ministerin Annegret Krampkarrenbauer. Dann gibt es auf dem bisher für alle offenen Campus strenge Zugangskontrollen, die Wachleute werden bewaffnet sein und Schilder vor dem Waffeneinsatz warnen.

Etliche Wissenschaftler*innen sind damit nicht einverstanden — auch deshalb nicht, weil das Verteidigungsministerium sich bei der BegrĂĽndung der Notwendigkeit dieses Schrittes auf recht nebulöse AusfĂĽhrungen abstrakter Gefährdungslagen zurĂĽckzieht und kein Verantwortlicher ausfindig zu machen ist, der sich den ungeklärten Fragen stellt und die Entscheidung verteidigt (trust me, I’ve tried).

Die ganze Geschichte gibt es hier (fĂĽr Abonnent*innen der ZEIT).