Besser als ausgedacht (2): Paris, Mai ’68 von Anne Wiazemsky

Heute vor 50 Jahren in Paris: Barrikaden. Generalstreik. Ehekrise. Paris, Mai ‘68 heißen die Memoiren der französischen Schauspielerin Anne Wiazemsky, die jetzt in deutscher Übersetzung im Wagenbach-Verlag erschienen sind.

Die Erzählung beginnt da, wo andere aufhören würden: Anne und der ältere Regisseur Jean-Luc (Godard) sind frisch verheiratet. Sie haben sich eine Wohnung im Quartier Latin gekauft. Ihre Schauspielkarriere nimmt Fahrt auf. Es ist Frühling, noch dazu „ein prächtiger, so strahlend und warm, wie ich noch keinen erlebt hatte“. Abblende, Happy End, Abspann.

Nicht ganz. Denn dann gerät Anne eines Abends auf dem Nachhauseweg in eine Straßenschlacht zwischen Studenten und Polizisten: Die Ereignisse des Mai 1968 platzen in ihr Leben.

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Re: Consent

An Eva Illouz und ihre Kritik des consent musste ich denken, als ich Tortour las, eine beklemmende Reportage von Johannes Musial aus dem aktuellen Reportagen-Magazin, die von einem Mann erzählt, der andere auf deren Wunsch hin foltert. Etwas ausführlicher habe ich dazu hier geschrieben.

Besser als ausgedacht (1): Future Sex von Emily Witt

War jemals ein Buch mit einem so schlimmen Titel / Unterzeile / Cover so toll wie Future Sex von Emily Witt? Mir fällt keins ein.

In dieser Mischung aus Reportage und Memoir, die vielleicht nur Amerikanerinnen und Amerikanern gelingt, erzählt Emily Witt aus ihrem Leben als leicht neurotischer Ü30-New-Yorkerin, die nach einer gescheiterten Beziehung und aus Angst vor der sexuellen Unvermittelbarkeit dorthin flieht, wo bisher noch jede/r eine zweite Chance bekommen hat: an die Westcoast.

Es folgt ein Leben und Forschen und Schreiben zwischen Start-Up-Yuppies, Althippies und Polyamoristen, mit OkCupid, Fortschrittsglauben und Feminismus für Besserverdienende, mit sehr gutem Gras und sehr hohen Mieten und Minimalismus als Lifestyle, mit „consent“ als letztem moralischen Gebot (c.f. Eva Illouz), mit Burning Man, Paleo-Superfood, Orgasmischer Meditation und mit Google-Bussen, die einen kostenlos zur Arbeit fahren.

Mark Greif, einer der Gründer der Zeitschrift n+1, schreibt, Future Sex sei „mit Abstand das beste Buch über weibliche Sexualität dieses Jahrhunderts.“ Mag sein. Es ist zumindest besser als Nora Bossongs ähnlich angelegtes Buch Rotlicht. Trotzdem halte ich Greifs Einschätzung für eine Untertreibung.

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Männer, Frauen, alles ist verknotet

Dilemma der Männlichkeit:

[W]as der Sozialpsychologe Rolf Pohl »Männlichkeitsdilemma« nennt: Jungs sollen selbstsicher und unabhängig sein, das starke Geschlecht. Gleichzeitig sind sie nicht nur erst einmal rundum abhängig von einer Mutter, sondern später auch von der Gunst der Mädchen, um die ihre tiefsten Wünsche kreisen und an denen die Bestätigung ihrer Männlichkeit hängt. Entsprechend hechelten viele von uns mit wachsender Bedürftigkeit den Mädchen hinterher, taten aber so, als sei das alles nur Schnickschnack.

– Anselm Neft: Grausame Geilheit, Zeit Online, 25. März 2018 (Link)

Dilemma des Feminismus:

Der Feminismus ist mit einer zentralen Schwierigkeit konfrontiert: Die Beziehung zwischen Männern und Frauen ist sehr viel verwickelter als zum Beispiel zwischen Schwarzen und Weißen. Die Machtbeziehung ist schwerer zu fassen, weil sie sich mit einer affektiven und sexuellen Beziehung verbindet. Männer sind von denen, über die sie Macht ausüben, zugleich abhängig. Und sie haben Mütter, Frauen, Schwestern, Töchter, die meist nicht imstande sind, ihre Söhne, Männer, Brüder, Väter als Ausbeuter zu sehen. Frauen tragen aktiv zu der Herrschaft bei, der sie unterliegen.

– Eva Illouz im Gespräch mit Martin Legros, Philosophie Magazin, Mai 2018, S. 22

 

»Frauen sind die großen Verliererinnen der sexuellen Befreiung« 

… mit diesen Worten ist ein Interview mit der Soziologin Eva Illouz in der aktuellen Ausgabe des Philosophie Magazins überschrieben und diese These finde ich, äh, überraschend.

Eva Illouz spricht in dem Interview über die Schattenseiten der »sexuellen Revolution« seit den späten 1960er Jahren, wobei Illouz selbst die Formulierung der »Deregulierung der Sexualität« wählt. Diese »Deregulierung« habe eine Vielzahl (moralischer, religiöser) Vorschriften, die bis dahin das Sexualverhalten reguliert hätten, durch eine einzige ersetzt, nämlich die der Zustimmung.

Heute gelte:

Man darf alles tun, was man will, solange die Person, mit der man es tut, darin einwilligt.

Illouz‘ These weiter: Dadurch, dass jetzt jede mit jedem kann (und jede mit jeder und jeder mit jedem), solange die beiden sich nur über die Konditionen einig werden, ergibt sich wie auf einem Markt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage.

Unter Gerechtigkeitsaspekten entsteht daraus kein Problem, solange man davon ausgehen kann, dass die Vertragspartner einander auf Augenhöhe begegnen, dass sie also selbstbestimmt und außerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen über den Vertrag und seine Konditionen entscheiden können. Aber das ist natürlich eine Fiktion. Auf dem sexuellen Markt. Und auf jedem anderen Markt auch.

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