Michel Majerus, 20 Jahre später

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Im Jahr 2005, nach dem frühen Tod des Malers Michel Majerus (1967–2002), wurden seine Arbeiten in den Deichtorhallen gezeigt. Ich erinnere mich noch, wie genervt ich damals war: Da malt einer popkulturelle Referenzen in seine Bilder und die Leute feiern ihn, als wäre das etwas Neues. Buhuhu!

Die Zeitschrift The Face, deren Cover Majerus abmalte, war bereits eingestellt worden und der Disneyfilm Tron, dem er eine Werkreihe widmete, bloß eine ferne Jugenderinnerung. Trotzdem erschienen mir die Motive gegenwärtig, vertraut, banal – was mehr über meine Ignoranz aussagt, als über die Arbeiten.

Gut, dass ich mit der Ausstellung Data Streaming, die gerade im Kunstverein läuft, eine zweite Chance bekommen habe, Majerus‘ Bilder zu sehen.

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Inzwischen sind die meisten Motive ganz und gar historisch geworden, die Power Rangers und Teletubbies etwa. Keith Flint, der Coverheld der abgemalten Ausgabe von The Face, ist bereits verstorben. Und beim Anblick von Mario Kart 64 (im Riesengemälde Thälmannkart auf 4,8 mal 7 Metern) überkommt mich ein nostalgischer Schauder. Mit Abstand wirken diese Motive nicht mehr beliebig, sondern wie gut gewählte Zitate einer vergangenen Zeit.

Es kommt mir auch vor, als verstünde ich nun besser, woran Michel Majerus sich abgearbeitet hat. Als seine Gemälde entstanden, war die digitale Bilderflut schon absehbar, über die heute viele klagen. Zugleich war wohl noch weitgehend offen, wie das gelingen könnte: Sich als Maler zur digitalen Ästhetik zu verhalten.

Majerus setzt auf teils grobe Pinselstriche, Farbkleckse und die Unregelmäßigkeiten der analogen Reproduktion. Seine Motive kommen aus der cleanen, kalten, digitalen Welt, doch sein Stil ist bestimmt vom atmenden, lebenden, manchmal schludrigen Künstler und von der Materialität von Farbe, Leinwand und Druck.

Die Arbeiten sind gealtert und zwar: gut gealtert. (Oder, OK, vermutlich waren sie schon immer sehr gut, aber ich kann sie erst jetzt lesen.)

Lediglich die Skulptur it does not really matter … (1999) sieht aus, als wäre sie erst gestern entstanden. Ihr Meme-Style wirkt absolut aus der Gegenwart gegriffen, zwanzig Jahre nach dem Tod ihres Urhebers.

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