Zum Relaunch des »Tagesspiegels«

Heute erschien die erste Ausgabe des Berliner Tagesspiegel nach einer ziemlich rabiaten Neugestaltung. Die Zeitung erscheint jetzt im Tabloidformat, auf den ersten Blick sieht das sehr schick aus. Doch ob die Redaktion sich (und ihren Leser*innen) einen Gefallen getan hat mit dem Relaunch, das bezweifle ich.

Ich lese den Tagesspiegel nicht täglich, aber bestimmt einige Male pro Woche, und bin heute beim Blättern ziemlich verwirrt. Klar: Das ist man immer, wenn eine Redaktion ihre Inhalte neu sortiert, aber hier bin ich nicht sicher, ob sich in drei, vier Wochen eine Gewöhnung und eine neue Übersichtlichkeit einstellen wird.

Der Eindruck von Chaos und Zerrissenheit scheint doch eher einem strukturellen Problem geschuldet zu sein: Der Neusortierung in nur zwei Bücher, ein überregionales und ein regionales, statt wie bisher: Mantel — Lokalteil — Kultur — Sport etc./o.ä.

Es gab schon immer (und es gibt bei fast jeder Regionalzeitung) einen überregionalen und einen regionalen Politikteil. Okay. Aber ist es sinnvoll, das Feuilleton in einen überregionalen und regionalen Kulturteil zu zerrupfen? Und welche Kultur wird dann wo einsortiert?

Überregionale Kultur ist in der heutigen Ausgabe des Tagesspiegel ein Film aus Hollywood, ein Buch von Roland Barthes, aber auch eine Premiere an der Komischen Oper (die ist in Berlin, oder? Weil: steht da nich‘ bei).

Regionale Kultur: Eine Premiere am Renaissance Theater (das ist in Berlin, das steht da bei!), eine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (auch in Berlin, danke, das hätte ich sogar ohne Adressangabe gewusst) und ein Buch von Dagmar Berghoff über die Tagesschau (gedreht und verlegt in Hamburg, aber in Berlin wird’s wohl vorgelesen und verkauft).

Ob es gelingt, Kriterien zu entwickeln und zu vermitteln, die Leser*innen erlauben, in Zukunft zu erahnen, welche Premierenrezension wo erscheint? Glaube ich nicht.

Es gibt jetzt auch an auseinander liegenden Stellen der Zeitung überregionalen und regionalen Sport. Der überregionale Sportteil berichtet unter anderem über Public Viewing in Berlin, wohl weil das Thema »WM« ein überregionales ist — und in welcher anderen Stadt würde eine Berliner Redaktion einen Public-Viewing-Artikel recherchieren?

Hier zeigt sich ein pragmatisches Problem, das im neuen Tagesspiegel wohl zum Regelfall werden wird: Überregionale Themen, die an regionalen Beispielen erzählt werden, sind überregionale Themen. Außer, wenn sie regionale Themen sind.

Es gibt — das ist nun wirklich rätselhaft — überregionale und regionale Wissenschaft. Gesundheit hingegen gibt es nur überregional. Und Promi-Klatsch nur regional (obwohl es da zuerst Ridley Scott und J.Lo geht, aber im regionalen Buch war wohl noch eine Seite frei).

Also, liebe Kolleg*innen: Ich weiß ja nicht.

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