Peter Schjeldahl (1942–2022)

20221114-Peter-Schjeldahl-Hot-Cold-Heavy-Light-100-Art-Writings-1988-2018

Neulich saß ich abends noch länger wach und blätterte in Hot, Cold, Heavy, Light, einer Sammlung von Texten des amerikanischen Kunstkritikers Peter Schjeldahl.

Schjeldahl arbeitete zuletzt für den New Yorker und sein Artikel The Art of Dying im Dezember 2019 war der erste, den ich bewusst von ihm las. Er schrieb ihn in der Gewissheit seines baldigen Todes. Der Text hat mich umgehauen.

Schjeldahl hat dann noch fast drei Jahre durchgehalten und bis zuletzt gearbeitet. Er starb im Oktober, im Alter von 80 Jahren. Eine der letzten Ausstellungen, die er besprochen hat, war die Wolfgang-Tillmans-Retrospektive, die immer noch im Museum of Modern Art läuft.

Schjeldahls Sprache ist weniger spröde und verrätselt als die vieler akademischer Kunstkritiker*innen (sein Anspruch ans Schreiben: »as little forbidding and boring as possible«), aber ich kann nicht behaupten, dass ich ihm immer folgen kann. Etliche der Künstler*innen, denen er sich in diesem Buch widmet, sind mir zudem völlig unbekannt (bezeichnend, dass es vor allem Frauen sind: Ree Morton, Elizabeth Murray, Jane Dickson, Laura Owens, … ).

Aber wo Bildungslücken so offensichtlich sind, besteht die Chance, noch was zu lernen.

Die Haltung dieses Kritikers ist altmodisch in dem Sinne, dass er eher nach verallgemeinerbaren Wahrheiten sucht, als nach originellen Thesen. »It’s a cute argument that I reject«, schreibt er, als ein Kollege Kunstfälschungen in Schutz nimmt. Fälscher seien keine Künstler, deklariert Schjeldahl:

»A forger needn’t equal the artist’s skill, only the look of it.«

Ist das nicht toll? OK, ein bisschen humorlos ist es auch, aber eine wunderbare Erinnerung daran, den künstlerischen Prozess nicht mit seinem Ergebnis zu verwechseln.

Immer wieder liest man in den älteren Texten in Hot, Cold, Heavy, Light zudem Prognosen über die Zukunft, die sich seitdem als völlig zutreffend erwiesen haben.

Über Berlin schreibt Schjeldahl im Dezember 1989, anderthalb Monate nach der Maueröffnung:

»Rabbits still inhabit the weedy acres of Potsdamer Platz, the bomb-obliterated and Wall-riven former crossroads of Europe that is going to be incredibly expensive real estate when the Germanys reunify, which they will.«

Und über das 21. Jahrhundert:

»[W]hat might we expect from the two-thousands besides a culture of agoraphobes with modems?«

Das war im August 1996.

Ich musste mich beim Lesen daran erinnern, dass Schjeldahl die Auswahl dieser Texte erst 2018 traf, er also seine ganzen Fehlprognosen unter den Tisch fallen lassen konnte. Das wird er wohl getan haben. Sonst wäre die kritische Potenz dieses Typen zu unheimlich.

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