Berlin? Nein, wie provinziell! (sagt Chris Dercon)

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Der Kurator und Kulturmanager Chris Dercon war nach Führungsjobs am MoMA PS1 in New York, dem Haus der Kunst in München und der Tate Modern in London von 2017 bis 2018 Intendant der Berliner Volksbühne.

Er wurde dort nicht sehr herzlich empfangen und hat sich in Berlin nicht nur Freunde gemacht. Eine beispielhafte, bittere Bilanz zog Susanne Burkhardt für den Deutschlandfunk.

Dennoch blicke er »ohne Rachegedanken zurück auf Berlin« (interessante Formulierung: »Rachegedanken«? Muss man fürchten, dass geschasste Intendanten irgendwann zurückkommen um die Stadt abzubrennen?).

Also – sagt er zumindest im Interview mit dem Monsieur Magazin. Und dann sagt er noch ein paar Sachen über Berlin.

Zum Beispiel:

Seit Jahrzehnten reise ich beruflich nach Barcelona, und manchmal fühle ich mich dort als Europäer nicht heimisch, weil die Autonomiebewegung der Katalanen die Durchlässigkeit kultureller Einflüsse verhindert. Ebenso nicht heimisch fühle ich mich manchmal in Berlin, weil dort die eigene Identität höher angesiedelt wird als die Toleranz, sich von anderen Kulturen tatsächlich im Innern berühren zu lassen. Ich kann schlecht mit Gesellschaften umgehen, die keine Durchlässigkeit vertragen.

Und:

Dieser besondere Status Berlins, der aus der Geschichte geboren ist, von dem man seit Jahrzehnten kulturell gut gelebt hat, wird immer blasser. Berlin wird zur »normalen« Stadt. Das Problem ist nur: Das wollen manche partout nicht einsehen. Viele in Berlin denken, sie wären etwas Besseres, nur weil sie Berliner sind. Aber das ist eine Utopie.

Und:

Jeder weiß: Die Berliner haben praktisch keinen Humor. Wenn Berlin also so weiter macht, wird es immer klein bleiben.

Auch wenn ich ihm in der Sache gar nicht unbedingt widersprechen würde: Ist da vielleicht doch eine klitzekleine Kränkung zurückgeblieben bei Dercon? Inzwischen arbeitet er als Präsident der Nationalmuseen und des Grand Palais des Champs Élysées in Paris, er ist also nicht tief gefallen.

Das ganze Interview gibt es im Monsieur Magazin (Ausgabe: No. 11, Autumn 2022). Es hat offenbar keine eigene Website, ist aber jetzt am Kiosk erhältlich als Supplement des Madame Magazins (Ausgabe: Oktober 2022).

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