Tocotronic vs. Christian Kracht

Ich erwarte die große akademische Studie zu den Parallelen in Leben und Werk von Tocotronic und Christian Kracht (meinetwegen auch noch: im Kontext der deutschen Kulturgeschichte nach 1989).

Weil: Beide wurden 1995 bekannt, Tocotronic mit Digital ist besser, Kracht mit Faserland. Beide wirkten neu und schroff und ungestüm, mit einer Sprache dicht am Mündlichen. Beide schienen Identifikationsangebote zu machen, jedenfalls wurde das dankbar so angenommen. Beide hatten Style! (OK, einen sehr unterschiedlichen. Diese Parallele ist vielleicht die schwächste.)

Ein paar Jahre ging das gut so, sehr gut sogar. Dann: Kehrtwende. Flucht ins Gekünstelte, Verrätselte. »Eines ist doch sicher, eins zu eins ist jetzt vorbei.« (Tocotronic, »Weißes Album«, 2002, bei Kracht vielleicht ein schleichenderer Prozess, der sich rückblickend mit 1979, 2001, andeutete und unübersehbar wurde erst mit Imperium, 2012). Statt vermeintlicher Authentizität jetzt Manierismen. Oder Thomasmannierismen (Pardon!).

Verwirrte, sogar gekränkte Fans der ersten Stunde. Große Fragen: Ist der jetzt Nazi? Sind die jetzt eine Band, die man zum Brunchen hören muss?

Doch die meisten Anhänger*innen, inzwischen zu Geld gekommen (wars das Germanistikstudium? Oder eher das Erbe?), altern mit den Künstlern, rennen weiter zu den Konzerten, kaufen die Bücher, haben Meinungen und inzwischen auch einflussreiche Positionen im Feuilleton. Momente größten Erfolges für beide, Tocotronic wie Kracht.

Jetzt allerdings auch der Moment größter Gefahr. Denn die Jüngeren kapieren’s nicht mehr und die Älteren kapierten’s noch nie. Ist das nicht völlig öder Kram, von Mittelschichtjungs für Mittelschichtjungs, für so dudes halt ohne Ahnung von der real world und von den realen struggles — und ist diese ewige Ironie wirklich eine Haltung, die man heute noch zur Welt einnehmen will oder kann?

Kracht jetzt Thema von universitären Ringvorlesungen sowie Inhaber von Poetikdozenturen. Tocotronic geben derweil einen Katalog heraus, in dem jedes T-Shirt, jeder Flyer und jeder Backstagepass, den je ein Bandmitglied berührte, lebensgroß faksimiliert ist. (Die Tocotronic Chroniken, 2015). Man kann dieses Buch kaum heben, so schwer ist es, und seine Auflage wird stabil gehalten durch großzügiges Verschenken an geneigte Journalist*innen — siehe oben —, der Rest später verramscht. Die Normadesmondierung scheint in vollem Gange.

Dann, oha!, noch ein Plot-Twist: Es wird autobiografisch! Oder heißt das autofiktional? Lieder über Jugenderinnerungen (Die Unendlichkeit, 2018), Bücher über das Verhältnis zur Familie (Eurotrash, 2021). Achtung!, rufen die Germanist*innen, plötzlich wieder hellwach, jetzt nicht Ich-Erzähler und Autor verwechseln! Meine Damen und Herren, es dürfte spannend bleiben.

Wer schreibt das jetzt einmal ordentlich auf? Es liegt alles da und braucht nur noch einen fleißigen Studenten (m/w/d) auf der Suche nach einem Abschlussthema.

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