Schöner leben in der Klimakatastrophe

Wie könnte unser Leben in der Klimakatastrophe aussehen? In den 1980er-Jahren zeichnete Robert Crumb drei Zukunftsszenarien als Epilog für seinen Comic A Short History of America.

Crumb unterschied:

  1. »Worst Case Scenario: Ecological Disaster«, in diesem Szenario ist die Erde ein verdorrter Planet, in dem von der menschlichen Zivilisation nur Ruinen bleiben, bitte schauen Sie hier.
  2. »The Fun Future: Techno-Fix on the March!« In dieser zukünftigen Welt leben die Menschen in Häusern, die an die futuristische Architektur der 1970er-Jahre erinnern, und reisen mit fliegenden Autos. Das ist hier zu sehen.
  3. »The Ecotopian Solution«, in der Menschen in Baumhäusern und Blockhütten im Wald leben, statt Auto nur noch Fahrrad fahren und regionale Produkte an Marktständen kaufen. Klickidiklick.

Die Kunst- und Medienwissenschaftlerin Birgit Schneider, die an der Uni Potsdam zu visuellen Darstellungen des Klimawandels forscht, bewertet diese drei Zeichnungen Crumbs in ihrem Buch Klimabilder als »prototypische Zukunftsvisionen«. Sie sind demnach nicht bloß Ausdruck eines individuellen Künstlergeistes, sondern exemplarisch für kollektive Ängste und Fantasien.

(Vor zwei Jahren wurde Schneider von Daniel Erk für ZEIT CAMPUS interviewt, ich habe das damals als Chefredakteur in Auftrag gegeben und bin deshalb völlig biased, würde aber behaupten: Das ist eine lesenswerte Einführung in ihr Denken und Forschen.)

Obwohl Crumbs Zeichnungen bereits rund 40 Jahre alt sind und man das ihrem Stil auch ansieht, wirken sie inhaltlich noch aktuell. Die Befürchtung, der Klimawandel könne zum ökologischen Desaster führen, ist aktueller denn je. Und für den »Techno-Fix« in Reinform steht heute Elon Musk: Sportwagen verbrauchen zu viel klimaschädigendes Benzin? OK, dann betreiben wir sie doch mit Strom! Die Straßen der Städte ersticken am Stau? Na, dann bohren wir doch einfach Tunnel! Die Erde könnte trotzdem zu Grunde gehen? Schade, aber wie wär’s mit Leben auf dem Mars?

Das einzige Szenario, das nicht so gut gealtert ist, ist die »Ökotopie«. Denn: Eine völlige Dekarbonisierung, die mit einer völligen Deindustrialisierung einhergeht, mit dem Ende der Städte und einem Leben im Wald (und sprichwörtlich auf den Bäumen), das klingt eher wie ein Schreckensszenario der Anti-Klimaschutz-Lobby.

Stattdessen gibt es heute ein neues Zukunftsszenario, eine Hybridform der Szenarien 2 und 3. Konkret wird dabei etwa Holz als Baustoff wiederentdeckt und in Hamburg vom Senat gefördert, aber nicht für Block- und Baumhütten, sondern für Hochhäuser (Christoph Twickel, mein Kollege im Hamburgteil der ZEIT, schreibt dazu hier). Auch die Umnutzung von Verkehrs- und Konsumräumen zu Stadtgrün wird zum Spektakel, siehe die New Yorker High Line, aber ohne, dass die Stadt dafür gleich ganz dem Wald weichen muss.

Es gibt also eine grüne Urbanisierung, bzw. eine urbane Begrünung. (Wie viel davon tatsächlich eher green washing ist, wäre separat zu klären). Nennen wir es Ecotopian Techno-Fix. Moment, vielleicht eher: technological Ecotopia. Oder Ökotechnotopie?

Jedenfalls: Die Städte weichen nicht, aber sie verändern sich – nicht unbedingt wegen des Klimawandels, wir haben ja auch noch das Ladensterben und diese Seuche, deren Namen niemand mehr hören kann, aber mit ihm und hoffentlich auf eine Weise, die sie resilienter macht.

Hanno Rauterberg bringt die aktuelle Herausforderung im Aufmacher des Wirtschaftsressorts der aktuellen ZEIT, das sich ganz der Zukunft der Städte widmet, auf diese Formulierung:

Dass sich alte Werkshallen in Kulturzentren verwandeln lassen, das weiß man inzwischen. Aber können auch Warenhäuser, die jetzt, in der Corona-Krise, pleitegehen und leer stehen, eine ungeahnte Lebendigkeit entwickeln?

Rauterberg schreibt von Paris und Barcelona, ich denke als Lokalredakteur zuerst an meine Stadt, an Hamburg: Werkshallen zu Kulturzentren, das Paradebeispiel dafür wäre hier die Fabrik in Altona (aber natürlich auch die Honigfabrik in Wilhelmsburg oder ganz aktuell das Kraftwerk Bille in Hammerbrook). Und die Warenhäuser? Die stehen gerade in der Innenstadt leer. Da, wo sie sich zum Hauptbahnhof hin öffnet und einst Karstadt Sport und Galeria Kaufhof residierten.

Was jetzt? Abreißen und durch Streuobstwiesen ersetzen wäre eine Option, die neulich jemand in einem privaten Gespräch äußerte. Und warum nicht (das Gebäude von Galeria Kaufhof ist ein historisches Baudenkmal, aber das hat in Hamburg auch in der Nachbarschaft, bei Deutschlandhaus und Cityhof, den Abriss nicht gestoppt).

Solange es dabei bleibt: Nicht Techno-Fix oder Ecotopia, nicht Technik oder Natur, sondern beides. Gebt mir Wälder! Aber lasst es Wälder mit WLAN sein.

2 Kommentare zu „Schöner leben in der Klimakatastrophe

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