Un/ziemlich super

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Unziemliches Verhalten, die Memoiren der amerikanischen Intellektuellen Rebecca Solnit, sind (pardon the pun), ein ziemlich beeindruckendes Buch. Die Autorin, die in Deutschland wohl am ehesten durch ihren Essay Men Explain Things to Me bekannt wurde (der den Neologismus mensplaining inspirierte), erzählt hier von ihrem Werdegang.

Der Untertitel der gerade erschienenen deutschen Übersetzung von Kathrin Razum, »Wie ich Feministin wurde«, ist vielleicht etwas irreführend. Mindestens genauso gut hätte da »Wie ich Schriftstellerin wurde« stehen können. Denn Feministin war Rebecca Solnit offenbar schon früh und fast zwangsläufig, nicht im Sinne einer dezidierten politischen Theorie oder Praxis, aber im Sinne eines ausgeprägten Gespürs für Gewalt, die Frauen angetan wird:

»Mit Bleistift geschriebene Wörter auf einem großen Blatt vergilbten Zeitungsdruckpapiers, dessen untere Hälfte in breiten Abständen liniert ist, wie zum Schreibenlernen üblich – es ist, da bin ich mir ziemlich sicher, mein erster Aufsatz, aus der ersten Klasse. Er lautet vollständig: ›Wenn ich mal groß bin, will ich nie heiraten.‹ Die Zeichnung auf der oberen Hälfte des Blattes zeigt einen Mann im roten Hemd, dessen schwarze Haare wie ein Heiligenschein um seinen runden Kopf liegen, und eine gelbhaarige Frau mit rüschenbesetztem lilafarbenen Rock. ›Heirate mich‹, sagt er in einer Sprechblase, und sie antwortet: ›Nein, nein.‹«

Rebecca Solnit deutet diese Zeichnung aus ihrer Kindheit heute damit, dass sie das Leben ihrer Mutter beobachtet hatte – »dass sie sich in ihrer elenden, von Gewalt geprägten Ehe machtlos und gefangen fühlte, war unübersehbar« – und beschloss, es anders zu machen als diese.

Die Ehe ist aus ihrer Sicht eine von vielen Arten, auf die Frauen in der amerikanischen Gesellschaft ihrer Identität, ihrer eigenen Stimme beraubt und unsichtbar gemacht wurden (werden?):

»Die konventionellen Geschichten über Mädchen und junge Frauen endeten meist mit einer Heirat. Die Frauen verschwanden in die Ehe. Ende.«

Frau zu sein bedeutet — so schildert es Solnit hier — marginalisiert zu werden und gefährdet zu sein, ganz konkret auch von physischer Gewalt.

Ohne hier detailliert auf Gewalterfahrungen einzugehen: Das Erleben der eigenen marginalen Position begleitet Solnit seit ihrer Kindheit, schreibt sie:

»Ich bin weiß, aber ich bin als Tochter einer liberalen irischen Katholikin und eines russischen Juden in einem konservativen, manchmal antisemitischen Wohnviertel aufgewachsen, war ein in Bücher vernarrtes Mädchen in einer antiintellektuellen Stadt, ein Mädchen in einer Familie mit mehreren Jungen. Ich hatte nie die Vorstellung, viele Leute seien genauso wie ich oder Leute wie ich würden jemals irgendwo die Mehrheit der Bevölkerung stellen. In einer homogenen Umgebung hatte ich immer das Gefühl, auf eine Weise herauszustechen, die bestraft werden könnte; in einem gemischten Umfeld fühle ich mich sicherer, außerdem war es interessanter.«

Aus der eigenen Marginalitätserfahrung leitet sie also die Notwendigkeit einer pluralistischen Gesellschaft ab – weil die Identität als Frau, Jüdin, Intellektuelle (oder Schwarze, Indigene, … ) dann nicht mehr als Abweichung vom Maistream und vom Soll-Zustand wahrgenommen wird. Das zumindest wäre das Ideal.

Eine feministische Haltung hat Solnit also schon sehr früh – zumindest, wenn Feminismus bedeutet, als Frau auf sein Recht auf Individualität zu bestehen, auch gegen gesellschaftliche Konventionen.

Was Solnit erst werden muss (und dieses Werden beschreibt sie in ihrem Buch) ist Schriftstellerin. Schriftstellerin zu sein und Feministin zu sein ist eng verknüpft. Sie sucht ihre eigene Sprache, eine Sprache, die »aus dem Herzen« kommt und sich nicht hinter Ironie versteckt. Eine Sprache, mit der sie sich behaupten und Gehör verschaffen kann, gegen Widerstände in den Verlagen, den Redaktionen, der Gesellschaft. Schreiben ist hier zugleich Selbstbehauptung und subversive Arbeit gegen das Patriarchat.

Wenn es stimmt, was ich eingangs schrieb, nämlich dass Solnit hierzulande bekannt wurde durch einen Text über das Scheitern von Gesprächen (oder genauer: über den Missbrauch von Sprache durch einige Männer, die damit Frauen in ihre marginale Position zurück drängen), dann lohnt es sich vielleicht zu betonen, wie wichtig Solnit Begegnungen und (gelingende) Gespräche für ihre eigene politische Bildung und Biografie sind.

Sie betont in Unziemliches Verhalten, wie sie sehr davon profitierte, mit Menschen zusammen zu sein deren soziale Positionen, Identitäten und Vorlieben andere waren als ihre. Mit den Schwulen in San Francisco von der Techbro-Invasion etwa:

»Die Schwulen und Lesben um mich herum bestärkten mich in der Vorstellung, dass Gender etwas ist, was jede*r selbst in der Hand hat, dass Regeln übertreten werden können und der Preis, den man dafür bezahlt, es meistens wert ist, ja mehr als das. Die Männer aus der Szene machten mir deutlich, dass das, was mich an Heteromännern verstörte oder frustrierte, nicht im biologischen Geschlecht angelegt, sondern Teil einer Rolle war. […] Nur führten sie beispielhaft vor, welche radikale Schönheit darin liegt, sich der zugewiesenen Rolle zu verweigern – wenn sie nicht sein mussten, wie sie sein sollten, dann musste ich es auch nicht.«

Auch von Indigenen – deren Sichtbarkeit in den 1980er- und 1990er-Jahren im Mainstream-Amerika noch geringer gewesen sei, als die der Homosexuellen – lernte sie, Dinge anders zu sehen, etwa das Zusammenleben mit der Natur.

Ich habe dieses Buch mit Gewinn gelesen – auch deshalb, weil diese Position in der und Perspektive auf die Gesellschaft nicht meine eigene ist. Men, let her explain things to you!

Und Leser*innen egal welchen Geschlechts, wisset: Das alles ist dringlich und bedrückend und wunderbar erzählt.

P.S.: Eine kürzere Fassung dieses Textes habe ich zuvor auf Instagram veröffentlicht. Und das Buch habe ich nicht von meinem eigenen Geld gekauft, es war ein Geschenk des Verlegers Tim Jung von Hoffmann und Campe, wo die deutsche Übersetzung erschienen ist. Danke dafür!

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