Männer, Frauen und Nudeln

Einstiegsszene eines Berichts über die Schwäche der FDP aus dem Cicero-Magazin (Septemberausgabe):

»Spaghetti mit Pfifferlingen bei einem Italiener in Potsdam, richtiger Appetit sieht anders aus, das kann auch an den 30 Grad im Schatten liegen. Die Luft steht, Linda Teuteberg dreht und dreht und dreht, gedankenverloren nach dem Wort suchend, bis die Nudelkugel an ihrer Gabel und auf dem Löffel eine beachtliche Größe angenommen hat. ›Dilemma‹, sagt sie dann und schaut von der Gabel auf: ›Ein Dilemma.‹ Dann wickelt sie ein paar Nudeln wieder ab und führt die Gabel zum Mund. ›Ein bisschen was muss man ja essen.‹ Die 39-Jährige FDP-Generalsekretärin hat sich eine Woche vor der entscheidenden Präsidiumssitzung zu einem ausführlichen Gespräch bereiterklärt, aus dem man aber nicht zitieren soll. Aber auch fast ohne Worte sagt die Szene viel. Über den absehbaren Ausgang eines Machtkampfes, in dem für sie nur ein Achtungserfolg und der Erhalt der Selbstachtung blieben. Über Linda Teuteberg. Über ihren Zustand. Und über den Zustand ihrer Partei.«

Auch mir scheint, die Szene sage viel, aber ausschließlich über die zwanghafte Neigung einiger deutscher Journalist*innen (bzw. in diesem Fall: dreier Reporter des Cicero), jeden großen Text mit einer Szene zu beginnen, selbst dann, wenn sie gar nichts Szenisches beobachtet haben, geschweige denn etwas mit Aussagekraft.

Andererseits: Dass es nicht leicht ist, die richtigen Worte zu finden, wenn Männer, Frauen und Nudeln im Spiel sind, das wissen wir ja schon seit Loriot.

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