Reichsflaggen vor dem Reichstag

Am Wochenende stürmten Demonstrierende mit Reichsflaggen (und ein, zwei anderen Fahnen) auf die Treppe vor dem Reichstagsgebäude, wo sie von der Polizei gestoppt wurden. Bilder, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit den Worten kommentierte:

»Reichsflaggen, sogar Reichskriegsflaggen auf den Stufen des frei gewählten deutschen Parlaments, das Herz unserer Demokratie – das ist nicht nur verabscheuungswürdig, sondern angesichts der Geschichte dieses Ortes geradezu unerträglich.«

Wie kam es dazu? Das zeigt dieses erstaunliche Zeitdokument:

(Lesenwert sind in dem Video auch die Kommentare der Zuhausegebliebenen, die teilweise offenbar unter Verwendung des Klarnamens verfasst wurden. Upsi.)

Die Frau, die auf der Bühne spricht, wurde inzwischen als Tamara K. identifiziert und äußert sich zu der Aktion (nicht aber zur Bedeutung der vielen Reichsflaggen) in einem wohl authentischen Video in einem YouTube-Kanal aus der Coronademo-Szene:

Meine Lieblingsaussage: Das von Tamara K. verbreitete Gerücht, Donald Trump habe sich während der Demo in Berlin aufgehalten, nennt K. im Nachhinein »etwas unrichtig«. Ähem. Man könnte auch sagen, es war komplett falsch und zu keinem Zeitpunkt plausibel.

In anderem Zusammenhang ist K. dann weniger kulant mit Begriffen und ihrer Bedeutung: Sie habe den Reichstag nicht »stürmen«, sondern lediglich eine »Treppenbesteigung« veranstalten wollen, sind sich Interviewer und K. einig. Das habe sie in ihrer Rede auch so gesagt.

Was nicht ganz korrekt zu sein scheint. Denn in der oben in diesem Posting eingebundenen Videoaufnahme der Aktion ist zu hören, dass Tamara K. sagt:

»Wir holen uns heute, hier und jetzt unser Haus zurück!«

Und das wird, wie man von einem Beteiligten aus dem Off hört, so interpretiert:

»Jetzt gehen wir in den Reichstag!«

Also: Sturm auf den Reichstag? Kein Sturm auf den Reichstag? Vielleicht ist es symptomatisch, dass sich die Beteiligten offenbar selbst nicht so sehr im Klaren darüber waren, was sie da eigentlich taten und wollten und zu welchem Zweck (das politisch inkohärente – oder präziser: für mich nicht lesbare – Nebeneinander von vielen Reichsflaggen, vereinzelten USA- und Türkeiflaggen verstärkt den Eindruck noch).

Ich musste beim Anblick dieser Bilder jedenfalls mal wieder an Reemtsma denken, der vor einigen Wochen behauptete: Die Leute, die gegen (oder wegen?) Corona demonstrieren, die haben gar kein gemeinsames politisches Programm, die wollen diffusen Unzufriedenheiten Ausdruck verleihen und das war’s.

Übrigens: Wer in den Reichstag rein- oder dem Bundestag bei der Arbeit zusehen will, kann das relativ einfach machen. Man muss sich nur vorher beim Besucherservice melden. Und vermutlich sollte man die Reichsflaggen zu Hause lassen.

Dort sind sie ohnehin besser aufgehoben als auf der Straße: Eingemottet im Dachboden oder Keller, bei den anderen peinlichen Erbstücken.

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