Sommer, Sonne, Gendertheorie đźŹ–️

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Ein Apartment auf dem Uranus? Danke, fürs erste reichen mir ein Strandkorb an der Nordsee und dieses Buch. Denn die Kolumnen, die der queere Theoretiker Paul B. Preciado zwischen 2013 und 2018 für die Zeitung Libération schrieb, sind 🤯. Dank Stefan Lorenzers Übersetzung und der vor einigen Wochen im Suhrkamp Verlag erschienen Ausgabe kann man sie jetzt auf Deutsch lesen.

Ein zentraler Gedanke:

»›Geschlechtsumwandlung‹ ist nicht, wie die Hüter des Ancien Régime der Sexualität es wollen, der Sprung in die Psychose. Aber sie ist auch nicht, wie die neue neoliberale Verwaltung der Geschlechterdifferenz behauptet, eine schlichte medizinische und rechtliche Prozedur.«

Sondern:

»Der Übergang ist der Ort der Ungewissheit, des Unselbstverständlichen, der Befremdung. Er ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.«

Paul B. Preciado — dessen frühere Texte unter dem Vornamen Béatriz erschienen — nutzt zwar das männliche Pronomen, sieht sich aber als Aussteiger aus dem »heteropatriarchalen System«. Testosteron nimmt er nicht, um von der Frau zum Mann zu werden, sondern um seine Identität experimentell zu manipulieren und »von der Theorie der Geschlechterdissidenz zu ihrer Verkörperung« überzugehen. Quasi: #biohackyourself

Ist das bedenklich? Preciado fragt zurĂĽck:

»Muss man die Ethik der Geschlechterdifferenz als ethische Grenze der Veränderung des menschlichen Körpers begreifen?«

Zumal die auf alle Menschen anwendbare Geschlechterdifferenz eine Fiktion sei, die nur um den Preis der GenitalverstĂĽmmelung Intersexueller medizintechnisch aufrecht erhalten werde.

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Eine strenge Trennung zwischen Biologie und Technik gibt es in diesen Essays nicht (wieso auch, wir manipulieren ja unentwegt unsere Biologie technisch), und so sind hier Handys und Hormonpräperate äußere Organe, während einzelne innere Organe als öffentlicher Raum erscheinen (die Gebärmutter: denn sie wird staatlich verwaltet als wäre sie nicht Privatsache).

Manchmal, wenn es in Ein Apartment auf dem Uranus im engeren Sinne politisch wird oder um die historische Situation der Gegenwart geht, nerven mich Preciados Verallgemeinerungen und seine Lust an der radikalen These.

Denn: Befinden wir uns wirklich an der Schwelle zur planetarischen, biotechnologischen Transformation? Ist der Körper heute wirklich das, was in der industriellen Revolution die Fabrik war? Haben Migranten und Transsexuelle wirklich mehr gemein als ein metaphorisches Dazwischen-Sein (aus dem sich aber doch kaum ein gemeinsames politischen Programm ableiten lässt)?

Ich habe da meine Zweifel. Was Preciado aber über Identität, Körper und Gesellschaft schreibt, wie er Zusammenhänge sprengt und schafft und Bedeutungen verschiebt, entfaltet selbst eine transformative Wirkung. Die Kolumnen sind Einladungen, Dinge neu, also ungewisser, unselbstverständlicher und fremder zu sehen.

Paul B. Preciados Texte sprühen vor Originalität und widersetzen sich begrifflichen und identitären (rechten, linken, identitätspolitischen) Verhärtungen. Dazu Wind und Brandung: #bliss.

P.S.: Das Lesezeichen habe ich aus dem Nachladen im Schanzenviertel. Es fiel mir am selben Tag in die Hände, als ich gegenüber, bei cohen + dobernigg, den Preciado-Band kaufte. Passt gut zwischen die Seiten dieses dezidiert anti-ideologischen Buches, als queerer Kapitalismus-Kommunismus-Hybrid.

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